Vorheriges Kapitel Inhaltsverzeichnis Nächstes Kapitel
| »Wer niemals eine philosophische Anwandlung gehabt hat, der geht durchs Leben und ist wie in ein Gefängnis eingeschlossen: von den Vorurteilen des gesunden Menschenverstandes, von den gewöhnlichen Meinungen seines Zeitalters oder seiner Nation und von den Ansichten, die ohne die Mitarbeit oder die Zustimmung der überlegenden Vernunft in ihm gewachsen sind.« Bertrand Russell (18721970) Britischer Philosoph |
|
|
Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, eine Definition für Philosophie zu finden, der alle Philosophen zustimmen. Die Philosophie gibt es so wenig wie die Religion. Die Menschen, die gemeinhin »Philosophen« genannt werden, haben in den vergangenen ca. 2.500 Jahren die unterschiedlichsten und widersprechendsten Behauptungen aufgestellt, auch über ihre eigene Tätigkeit.
Was Münchhausen nur im Märchen schaffte, sich nämlich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, das muss im übertragenen Sinne die Philosophie bewerkstelligen. Sie muss sich selber definieren. Was Philosophie ist, ist bereits eine Frage der Philosophie. |
| »Philosophie ist die Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben.« Carl Friedrich von Weizsäcker (19122007) Deutscher Physiker und Philosoph |
Am ehesten wird folgende Definition die meiste Zustimmung finden:
Philosophie ist der Versuch des Menschen mit der Methode des Denkens seine Existenz, die von ihm wahrgenommene äußere Welt und sein eigenes Inneres zu erklären. |
Wie in den weiteren Kapiteln dieser Einführung noch deutlich wird, stimmen nicht alle Philosophen mit dieser Definition überein. Aber als Einstieg wird diese Erklärung erst einmal reichen.
| »Das Geschäft der Philosophie ist das Aussondern und systematische Zusammenstellen dessen, was sich von selbst versteht und wodurch alles andere muss verstanden werden.« Friedrich Heinrich Jacobi (17431819) Deutscher Philosoph |
Für die abendländische Philosophie gilt Folgendes: Im antiken Griechenland, der Geburtsstätte unserer abendländischen Kultur, war ein Philosoph einfach ein Mensch, der sich um die Erkenntnis der Welt bemühte, in etwa vergleichbar mit dem, was wir heute einen Wissenschaftler nennen. Das Wort Philosophie kommt von den griechischen Wörtern »philia«, was ungefähr bedeutet »Freund« oder »Liebe« und »sophia«, was ungefähr bedeutet »Weisheit« oder »Einsicht«. Ein Philosoph war ein »Weisheitsfreund«. Er beschäftigte sich mit allem, mit den Sternen wie mit den Pflanzen, mit der Frage was gut und böse ist, was der Sinn des Lebens sei etc. pp.
| »Philosophieren heißt die Allwissenheit gemeinschaftlich suchen.« Friedrich Schlegel |
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich dann erst die Einzelwissenschaften. Es gab Menschen, die beschäftigten sich speziell mit Mathematik oder mit Medizin, mit dem Recht oder der Kunst der richtigen Rede (Rhetorik) etc. Daneben blieb die Philosophie bestehen als das Bestreben, nicht nur einzelne Teile des Seins, sondern das Sein in seiner Gänze zu erklären.
Unter Philosophie versteht man in der Umgangssprache des Öfteren die grundsätzliche Einstellung zu etwas. Zum Beispiel: |
Wenn die Philosophie einzelne Teile des Seins untersucht, was sie auch macht, zum Beispiel die Natur (Naturphilosophie) oder den Staat (Staatsphilosophie), dann macht sie dies, um Grundsätzliches über diesen Teilbereich auszusagen oder um die Beziehung des Teils zum Ganzen zu erläutern. Mit den Details des jeweiligen Teils des Seins beschäftigt sich dann die jeweilige Wissenschaft von diesem Teil, zum Beispiel die Naturwissenschaft oder die politische Wissenschaft.
| »Die wahre Medizin des Geistes ist die Philosophie.« Cicero (10643 v. Chr.) Römischer Philosoph und Rhetoriker |
Welche Teilbereiche der Philosophie es gibt, wird von den verschiedenen Philosophen, Philosophieprofessoren und philosophischen Schriftstellern unterschiedlich gesehen. In der Regel werden folgende Gebiete genannt:
In einigen philosophischen Richtungen wird davon ausgegangen, dass Ontologie und Metaphysik unmöglich seien. Einige Philosophen sehen die Ethik und Ästhetik nicht als Teile der Philosophie an, sondern als etwas gesondertes, das aber durchaus einen Wert haben kann.
Zusätzlich werden oft als Teilgebiete der Philosophie genannt:
Gelegentlich werden noch in der Regel in älterer Literatur als Teilgebiete genannt: Kosmologie, philosophische Psychologie und philosophische Theologie bzw. philosophische Religionslehre.
Diese Teilgebiete und ihre Bezeichnungen werden in den kommenden Kapiteln dieser Einführung näher erläutert.
Unter der Vielzahl von Gründen, warum man sich mit Philosophie beschäftigen sollte, möchte ich hier vier hervorheben, die zeigen, dass Philosophie jeden angeht, dass jeder philosophiert, ob er es weiß oder nicht.
Auch wenn das bei vielen Erwachsenen nach und nach schwindet oder sich auf sehr banale Dinge bezieht. (»Wo verliert Hertha denn heute?« Der Autor lebt in Berlin ;-) Viele wollen wissen, was das hier ist. Wo bin ich hier gelandet? What's the name of the game?
| »Das Wichtige ist, dass man nicht aufhört zu fragen. Neugierde hat ihren eigenen Existenzgrund. Man kann nicht anders, als staunend über die Ewigkeit, das Leben und die wunderbare Struktur der Realität nachzudenken. [...] Verliere niemals diese heilige Neugierde.« Albert Einstein (18791955) Bedeutender Physiker |
Viele Menschen sind mit einer traditionellen Religion verbunden und glauben die dort gegebenen Antworten. Andere schließen sich neuen Religionen oder irgendwelchen esoterischen Lehren an. Aber es gibt auch Menschen, die versuchen mit Hilfe des Denkens Lösungen zu finden.
Ob er es weiß oder nicht.
Menschen, die als Erwachsene zum ersten mal eine Fremdsprache lernen, bemerken häufig erst dann, dass ihre Sprache nicht nur aus Wörtern, sondern auch aus Grammatik besteht. Das merken sie dann, wenn sie ihre Grammatik, die sie seit Jahrzehnten ständig unbewusst benutzt haben, instinktiv in die fremde Sprache übertragen wollen. |
Und so wie jeder Sprechende eine Grammatik hat, ob er es weiß oder nicht, so hat jeder Erkennende eine Erkenntnistheorie, ob er es weiß oder nicht. Jeder, der glaubt, eine Wahrheit zu kennen, hat bewusst oder unbewusst eine Vorstellung davon, an was eine Wahrheit zu messen ist, was die Wahrheit wahr macht. Die Beschäftigung mit Philosophie kann dazu führen, dass Menschen sich ihrer Erkenntnistheorie bewusst werden. Dann werden sie erfahren können, dass es neben der eigenen auch andere Erkenntnistheorien gibt. Das kann dazu führen, dass das Wissen, das man zu haben glaubt, in einem neuen Licht erscheint.
Ob er es weiß oder nicht. Einige wenige Menschen sind auch der Auffassung, dass es so etwas wie gut und böse gar nicht gibt. Das heißt, jeder Mensch hat eine Ethik. Die Beschäftigung mit Philosophie kann dazu führen, dass Menschen sich ihrer Ethik bewusst werden. Dann werden sie erfahren können, dass andere Menschen eine andere Ethik haben. Die eigenen ethischen Auffassungen können dann in einem anderen Licht erscheinen.
Er versucht, Bedürfnisse zu befriedigen. Die Beschäftigung mit Philosophie kann dazu führen, dass Menschen sich ihrer Ziele und Bedürfnisse bewusst werden und bewusster mit ihnen umgehen. Sie können erkennen, dass andere Menschen nach anderem streben. Das kann dazu führen, dass sie sich der Relativität, der Austauschbarkeit der Ziele bewusst werden, was sie dann eventuell dazu in die Lage versetzt, ganz bewusst Ziele aufzugeben und in Zukunft andere Ziele anzustreben.
Es geht nicht nur darum, dass man sich quantitativ Wissensstoff aneignet und in seinem Kopf speichert. Das wirklich Wichtige an der Philosophie ist, dass sie zu einer qualitativen Weiterentwicklung des Intellekts eines Menschen führen kann. Viele philosophische Aussagen sind ohne eine qualitative Steigerung des Einsichtsvermögens überhaupt nicht verstehbar. Sie sind nur als eine faktisch nicht nachvollziehbare Information aufspeicherbar. Die quantitative Menge des Wissens ist allerdings nicht unwichtig, da sie häufig Voraussetzung für die qualitative Steigerung ist. (Der Umschlag quantitativer in qualitative Veränderungen wird in dem Kapitel Dialektik näher vorgestellt. Auch im Kapitel Erkenntnistheorie im Zusammenhang mit der Intuition wird darauf näher eingegangen.)
| »Der Geist ist nicht wie ein Gefäß, das gefüllt werden soll, sondern wie Holz, das entzündet werden will.« Plutarch (ca. 46120) Griechischer Schriftsteller |
Es kommt vor, dass Philosophie mit anderen Wissensbereichen und Aktivitäten bis zur Unkenntlichkeit vermischt wird. Viele Künstler haben den Anspruch, mit ihren Produkten etwas über das Sein auszusagen. Aber ihre Annäherung an das Sein und ihre Produkte unterscheiden sich von der Philosophie und können deshalb nicht mit Philosophie gleichgesetzt werden. Das bedeutet nicht, dass Kunst deshalb schlecht sei.
und Schokoladeneis ist Schokoladeneis. |
Und so ist Philosophie eben Philosophie, und Kunst ist Kunst, und Religion ist Religion etc. Es gibt Berührungspunkte. Ein Philosoph kann gleichzeitig auch ein Literat sein. Linguistik (Sprachwissenschaft), Psychologie (Wissenschaft von der Psyche, den bewussten und unbewussten geistigen Vorgängen), Gehirnforschung und Naturwissenschaft sind interessante geistige Tätigkeiten der Menschen. Philosophen sollten einen allgemeinen Überblick haben, was sich dort tut. Aber diese Bereiche geistiger Tätigkeit sind keine Philosophie, können die Philosophie nicht ersetzen, da die Philosophie grundsätzliche Fragen stellt, die in diesen Teilbereichen intellektueller Aktivitäten nicht gestellt werden.
|
Philosophie ist. beschäftigen sollte. |