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Peter Möller

Einführung in die Philosophie



1. Kapitel

Was ist Philosophie?


»Wer niemals eine philosophische Anwandlung gehabt hat,
der geht durchs Leben und ist wie in ein Gefängnis
eingeschlossen: von den Vorurteilen des gesunden
Menschenverstandes, von den gewöhnlichen Meinungen
seines Zeitalters oder seiner Nation und von den Ansichten,
die ohne die Mitarbeit oder die Zustimmung der
überlegenden Vernunft in ihm gewachsen sind.«
Bertrand Russell (1872–1970)
Britischer Philosoph



In diesem Kapitel wird vermittelt:

  • Was Philosophie ist
  • Welche Teilbereiche sie hat
  • Warum man sich mit Philosophie beschäftigen sollte
  • Was das Wichtigste an der Philosophie ist
  • Was Philosophie von anderen Wissensbereichen unterscheidet


  • Philosophie und Einzelwissenschaften

    Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, eine Definition für Philosophie zu finden, der alle Philosophen zustimmen. Die Philosophie gibt es so wenig wie die Religion. Die Menschen, die gemeinhin »Philosophen« genannt werden, haben in den vergangenen ca. 2.500 Jahren die unterschiedlichsten und widersprechendsten Behauptungen aufgestellt, auch über ihre eigene Tätigkeit.

    Was Münchhausen nur im Märchen schaffte, sich nämlich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, das muss im übertra-genen Sinne die Philosophie bewerkstelligen. Sie muss sich selber definieren. Was Philosophie ist, ist bereits eine Frage der Philoso-phie.


    »Philosophie ist die Wissenschaft, über die man
    nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben.«
    Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007)
    Deutscher Physiker und Philosoph


    Am ehesten wird folgende Definition die meiste Zustimmung finden:

    Philosophie ist der Versuch des Menschen mit der Methode des Denkens seine Existenz, die von ihm wahrgenommene äußere Welt und sein eigenes Inneres zu erklären.


    Wie in den weiteren Kapiteln dieser Einführung noch deutlich wird, stimmen nicht alle Philosophen mit dieser Definition überein. Aber als Einstieg wird diese Erklärung erst einmal reichen.

    »Das Geschäft der Philosophie ist das Aussondern
    und systematische Zusammenstellen dessen,
    was sich von selbst versteht und wodurch
    alles andere muss verstanden werden.«
    Friedrich Heinrich Jacobi (1743–1819)
    Deutscher Philosoph


    Für die abendländische Philosophie gilt Folgendes: Im antiken Griechenland, der Geburtsstätte unserer abendländischen Kultur, war ein Philosoph einfach ein Mensch, der sich um die Erkenntnis der Welt bemühte, in etwa vergleichbar mit dem, was wir heute einen Wissenschaftler nennen. Das Wort Philosophie kommt von den griechischen Wörtern »philia«, was ungefähr bedeutet »Freund« oder »Liebe« und »sophia«, was ungefähr bedeutet »Weisheit« oder »Einsicht«. Ein Philosoph war ein »Weisheitsfreund«. Er beschäftigte sich mit allem, mit den Sternen wie mit den Pflanzen, mit der Frage was gut und böse ist, was der Sinn des Lebens sei etc. pp.

    »Philosophieren heißt die Allwissenheit
    gemeinschaftlich suchen.«
    Friedrich Schlegel


    Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich dann erst die Einzelwissenschaften. Es gab Menschen, die beschäftigten sich speziell mit Mathematik oder mit Medizin, mit dem Recht oder der Kunst der richtigen Rede (Rhetorik) etc. Daneben blieb die Philosophie bestehen als das Bestreben, nicht nur einzelne Teile des Seins, sondern das Sein in seiner Gänze zu erklären.

    Unter Philosophie versteht man in der Umgangssprache des Öfteren die grundsätzliche Einstellung zu etwas. Zum Beispiel:
    »Jeder Trainer hat da seine eigene Philosophie.«
    »Die Philosophie unseres Unternehmens ist ...«
    In dieser Einführung geht es um Philosophie in einem
    grundsätzlicheren und umfangreicheren Sinne.


    Wenn die Philosophie einzelne Teile des Seins untersucht, was sie auch macht, zum Beispiel die Natur (Naturphilosophie) oder den Staat (Staatsphilosophie), dann macht sie dies, um Grundsätzliches über diesen Teilbereich auszusagen oder um die Beziehung des Teils zum Ganzen zu erläutern. Mit den Details des jeweiligen Teils des Seins beschäftigt sich dann die jeweilige Wissenschaft von diesem Teil, zum Beispiel die Naturwissenschaft oder die politische Wissenschaft.

    »Die wahre Medizin des Geistes ist die Philosophie.«
    Cicero (106–43 v. Chr.)
    Römischer Philosoph und Rhetoriker



    Teilbereiche der Philosophie

    Welche Teilbereiche der Philosophie es gibt, wird von den verschiedenen Philosophen, Philosophieprofessoren und philosophischen Schriftstellern unterschiedlich gesehen. In der Regel werden folgende Gebiete genannt:

  • Die Ontologie (von den griechischen Worten »on« = sein und »logos« = Lehre, Gesetz, Vernunft u. Ä.) beschäftigt sich mit der Gesamtheit des Seins, mit den grundsätzlichsten Existenz- und Entwicklungsbedingungen.

  • Die Metaphysik (von gr. »meta« = nach, hinter und »physika« = Naturwissenschaft) beschäftigt sich ebenfalls mit der Gesamtheit des Seins, aber besonders mit dem sinnlich nicht mehr Wahrnehmbaren. Es ist der Bereich der Spekulationen. (Metaphysik und Ontologie überschneiden sich, wie auch die anderen Teilgebiete. Für einige Philosophen sind Ontologie und Metaphysik dasselbe.)

  • Die Erkenntnistheorie ist die Lehre vom Erkennen, von den Möglichkeiten, Quellen und Grenzen menschlichen Erkenntnisvermögens. (Daraus abgeleitet und zum Teil mit ihr identisch ist die Wissenschaftstheorie.)

  • Die Logik ist die Lehre vom richtigen Denken.

  • Die Ethik (von gr. »ethos« = Sitte, Gewohnheit) ist die Lehre vom richtigen Wollen und Handeln und von der Frage, was gut und böse ist.

  • Die Ästhetik (von gr. »aisthesis« = sinnliche Wahrnehmung) ist die Lehre vom Schönen.

  • In einigen philosophischen Richtungen wird davon ausgegangen, dass Ontologie und Metaphysik unmöglich seien. Einige Philosophen sehen die Ethik und Ästhetik nicht als Teile der Philosophie an, sondern als etwas gesondertes, das aber durchaus einen Wert haben kann.

    Zusätzlich werden oft als Teilgebiete der Philosophie genannt:

  • Anthropologie (von gr. »anthropos« = Mensch) ist die Wissenschaft vom Menschen.

  • Die Sprachphilosophie.

  • Die Dialektik wird oft als ein Teilgebiet der Philosophie betrachtet, das die Logik und die Ontologie und mitunter auch die Metaphysik umfasst. Einige Philosophen lehnen die Dialektik aber schroff ab.

  • Gelegentlich werden noch – in der Regel in älterer Literatur – als Teilgebiete genannt: Kosmologie, philosophische Psychologie und philosophische Theologie bzw. philosophi-sche Religionslehre.

    Diese Teilgebiete und ihre Bezeichnungen werden in den kommenden Kapiteln dieser Einführung näher erläutert.


    Warum Sie sich mit Philosophie beschäftigen sollten

    Unter der Vielzahl von Gründen, warum man sich mit Philosophie beschäftigen sollte, möchte ich hier vier hervorheben, die zeigen, dass Philosophie jeden angeht, dass jeder philosophiert, ob er es weiß oder nicht.

    Jeder Mensch hat ein Neugierbedürfnis.

    Auch wenn das bei vielen Erwachsenen nach und nach schwindet oder sich auf sehr banale Dinge bezieht. (»Wo verliert Hertha denn heute?« Der Autor lebt in Berlin ;-) Viele wollen wissen, was das hier ist. Wo bin ich hier gelandet? What's the name of the game?

    »Das Wichtige ist, dass man nicht aufhört zu fragen.
    Neugierde hat ihren eigenen Existenzgrund. Man kann nicht anders,
    als staunend über die Ewigkeit, das Leben und die wunderbare Struktur
    der Realität nachzudenken. [...] Verliere niemals diese heilige Neugierde.«
    Albert Einstein (1879–1955)
    Bedeutender Physiker


    Viele Menschen sind mit einer traditionellen Religion verbunden und glauben die dort gegebenen Antworten. Andere schließen sich neuen Religionen oder irgendwelchen esoterischen Lehren an. Aber es gibt auch Menschen, die versuchen mit Hilfe des Denkens Lösungen zu finden.

    Jeder Mensch hat eine Erkenntnistheorie.

    Ob er es weiß oder nicht.

    Menschen, die als Erwachsene zum ersten mal eine Fremdsprache lernen, bemerken häufig erst dann, dass ihre Sprache nicht nur aus Wörtern, sondern auch aus Grammatik besteht. Das merken sie dann, wenn sie ihre Grammatik, die sie seit Jahrzehnten ständig un-bewusst benutzt haben, instinktiv in die fremde Sprache übertragen wollen.


    Und so wie jeder Sprechende eine Grammatik hat, ob er es weiß oder nicht, so hat jeder Erkennende eine Erkenntnistheorie, ob er es weiß oder nicht. Jeder, der glaubt, eine Wahrheit zu kennen, hat bewusst oder unbewusst eine Vorstellung davon, an was eine Wahrheit zu messen ist, was die Wahrheit wahr macht. Die Beschäftigung mit Philoso-phie kann dazu führen, dass Menschen sich ihrer Erkenntnistheorie bewusst werden. Dann werden sie erfahren können, dass es neben der eigenen auch andere Erkenntnis-theorien gibt. Das kann dazu führen, dass das Wissen, das man zu haben glaubt, in einem neuen Licht erscheint.

    Jeder Mensch hat eine Vorstellung von Gut und Böse.

    Ob er es weiß oder nicht. Einige wenige Menschen sind auch der Auffassung, dass es so etwas wie gut und böse gar nicht gibt. Das heißt, jeder Mensch hat eine Ethik. Die Beschäftigung mit Philosophie kann dazu führen, dass Menschen sich ihrer Ethik bewusst werden. Dann werden sie erfahren können, dass andere Menschen eine andere Ethik haben. Die eigenen ethischen Auffassungen können dann in einem anderen Licht erscheinen.

    Jeder Mensch strebt nach etwas, setzt sich Ziele.

    Er versucht, Bedürfnisse zu befriedigen. Die Beschäftigung mit Philosophie kann dazu führen, dass Menschen sich ihrer Ziele und Bedürfnisse bewusst werden und bewusster mit ihnen umgehen. Sie können erkennen, dass andere Menschen nach anderem streben. Das kann dazu führen, dass sie sich der Relativität, der Austauschbarkeit der Ziele bewusst werden, was sie dann eventuell dazu in die Lage versetzt, ganz bewusst Ziele aufzugeben und in Zukunft andere Ziele anzustreben.


    Grundsätzliches zur Philosophie

    Es geht nicht nur darum, dass man sich quantitativ Wissensstoff aneignet und in seinem Kopf speichert. Das wirklich Wichtige an der Philosophie ist, dass sie zu einer quali-tativen Weiterentwicklung des Intellekts eines Menschen führen kann. Viele philosophi-sche Aussagen sind ohne eine qualitative Steigerung des Einsichtsvermögens überhaupt nicht verstehbar. Sie sind nur als eine faktisch nicht nachvollziehbare Information aufspei-cherbar. Die quantitative Menge des Wissens ist allerdings nicht unwichtig, da sie häufig Voraussetzung für die qualitative Steigerung ist. (Der Umschlag quantitativer in qualitati-ve Veränderungen wird in dem Kapitel Dialektik näher vorgestellt. Auch im Kapitel Erkenntnistheorie im Zusammenhang mit der Intuition wird darauf näher eingegangen.)

    »Der Geist ist nicht wie ein Gefäß, das gefüllt werden soll,
    sondern wie Holz, das entzündet werden will.«
    Plutarch (ca. 46–120)
    Griechischer Schriftsteller



    Abgrenzung zu anderen Wissensbereichen
    und Aktivitäten

    Es kommt vor, dass Philosophie mit anderen Wissensbereichen und Aktivitäten bis zur Unkenntlichkeit vermischt wird. Viele Künstler haben den Anspruch, mit ihren Produkten etwas über das Sein auszusagen. Aber ihre Annäherung an das Sein und ihre Produkte unterscheiden sich von der Philosophie und können deshalb nicht mit Philosophie gleichgesetzt werden. Das bedeutet nicht, dass Kunst deshalb schlecht sei.

    Vanilleeis ist ja auch nicht schlecht, nur weil es kein Schokoladeneis ist. Aber Vanilleeis ist nun mal Vanilleeis
    und Schokoladeneis ist Schokoladeneis.

    Und so ist Philosophie eben Philosophie, und Kunst ist Kunst, und Religion ist Religion etc. Es gibt Berührungspunkte. Ein Philosoph kann gleichzeitig auch ein Literat sein. Linguistik (Sprachwissenschaft), Psychologie (Wissenschaft von der Psyche, den be-wussten und unbewussten geistigen Vorgängen), Gehirnforschung und Naturwissenschaft sind interessante geistige Tätigkeiten der Menschen. Philosophen sollten einen allge-meinen Überblick haben, was sich dort tut. Aber diese Bereiche geistiger Tätigkeit sind keine Philosophie, können die Philosophie nicht ersetzen, da die Philosophie grund-sätzliche Fragen stellt, die in diesen Teilbereichen intellektueller Aktivitäten nicht gestellt werden.


    Fragen und Aufgaben

  • Aufgabe 1: Versuchen Sie in ein paar Sätzen zu erklären, was
        Philosophie ist.

  • Aufgabe 2: Welche Teilbereiche hat die Philosophie?

  • Aufgabe 3: Nennen Sie einige Gründe, warum man sich mit Philosophie
        beschäftigen sollte.


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