Vorheriges Kapitel   –   Inhaltsverzeichnis   –   Nächstes Kapitel



Peter Möller

Einführung in die Philosophie



2. Kapitel

Die Grundfrage der Philosophie

»Die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie
ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein [...]
Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde,
spalteten sich die Philosophen in zwei große Lager.
Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber
der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine
Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen [...], bildeten das
Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das
Ursprüngliche ansehen, gehören zu den verschiedenen
Schulen des Materialismus.«
Friedrich Engels (1818–1883)
Deutscher Philosoph


In diesem Kapitel wird vermittelt:

  • Was die Grundfrage der Philosophie ist
  • Was das Leib-Seele-Problem ist
  • Was man in der Philosophie versteht unter:
  • Materialismus und Realismus,
  • Idealismus und Spiritualismus,
  • Agnostizismus,
  • Dualismus und Monismus.

  • Der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) behauptete, es könne nur zwei konsequente philosophische Systeme geben: Materialismus oder Idealismus.

    Wenn Sie sich auf das konzentrieren, was Sie unmittelbar erleben, dann erleben Sie sich als Körper (oder als Materie) und als Bewusstsein. Unabhängig davon, welche Worte Sie dafür auch immer benutzen mögen.

    Sie haben einen Körper.
    Sie sind zugleich aber auch dieser Körper.
    Sie haben ein Bewusstsein.
    Sie sind zugleich aber auch dieses Bewusstsein.


    Im Kapitel Dialektik werden Sie sehen, dass dies nicht der einzige Widerspruch, das einzige Paradoxon Ihrer Existenz ist.

    In welchem Verhältnis Bewusstsein und Materie zueinander stehen, ist eine der ältesten Fragen der Philosophie, auch bekannt als Leib-Seele-Problem.


    Analogieschluss

    In der Philosophie ist auch die Welt analog zum Menschen oft als Körper (die materiellen Dinge) und als Seele (Gott, Weltseele, Weltbewusstsein) angesehen worden. (Der Analogieschluss wird weiter hinten noch näher erklärt.) Die Frage, in welchem Verhältnis diese beiden Bereiche zueinander stehen, ist in der Philosophiegeschichte immer wieder neu beantwortet worden. Die verschiedenen Antworten lassen sich allerdings in bestimmte Gruppen einteilen.


    Materialismus

    Die Auffassung, die Materie bzw. die körperlichen Dinge seien das Primäre der Welt bzw. des Seins, wird in der Philosophie Materialismus genannt. Zu den Vertretern des Materialismus gehören u. a. die antiken griechischen Philosophen Leukipp (5. Jahrhundert v. Chr.) und Demokrit (um 460 bis 371 v. Chr.) mit ihrer Atomtheorie.

    Das Sein besteht aus verschiedenen winzig kleinen Körperchen, den Atomen (gr. »atom« = unteilbar), die weder entstehen noch vergehen. Alles Entstehen und Vergehen ist ein Sichzusammenschließen und ein Sichtrennen von verschiedenen Atomen.


    In der Neuzeit wurde der Materialismus neu belebt von den französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts. (Vertreter waren u. a. der Arzt und Naturforscher Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) und der in Paris lebende deutsche Baron Dietrich von Holbach (1723–1789). Ihre Auffassung:

    Hinter der Materie ein selbstständiges geistiges Prinzip zu suchen,
    produziert nur Hirngespinste.

    Der naturwissenschaftliche Materialismus des 19. Jahrhunderts war eng verbunden mit der Naturwissenschaft, genauer gesagt mit dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisstand des 19. Jahrhunderts. Er wurde nicht von Philosophen, sondern von Naturwissenschaftlern begründet und vertreten. Bedeutende Vertreter waren der deutsch-schweizerische Mediziner, Zoologe und Politiker Karl Vogt (1817–1895), der niederländische Physiologe Jakob Moleschott (1822–1893) und der deutsche Arzt, Naturwissenschaftler und Philosoph Ludwig Büchner (1824–1899).

    Das Bewusstsein hat zum Gehirn das gleiche Verhältnis,
    wie der Urin zur Niere.

    Aus philosophischen Überlegungen heraus zum Materialisten wurde der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach (1804–1872). Da der menschliche Körper aus den Stoffen aufgebaut wird, die wir als Nahrung zu uns nehmen, sagte Feuerbach:

    Der Mensch ist, was er isst!

    Besonders bedeutsam für den Verlauf der Geschichte und der Philosophie sind die Materialisten Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels. Sie prägten den berühmten Satz:

    Das Sein schafft das Bewusstsein.

    Die meisten Naturwissenschaftler gehen davon aus, dass das materielle Gehirn primär ist und den Geist bzw. das Bewusstsein des Menschen hervorbringt. Nur eine kleine Minderheit unter ihnen glaubt, dass das Gehirn nur im menschlichen Geist existiert. Es gibt aber auch unter den Naturwissenschaftlern viele religiöse Menschen, die glauben, dass ein Gott die Welt und damit auch die Gehirne geschaffen hat.


    Realismus

    Eine häufig verwendete Bezeichnung für Materialismus ist in der Gegenwartsphilosophie Realismus.

    Der englische Philosoph George Edward Moore (1873–1958) war ein Vertreter des Neurealismus. Er stellte eine »Liste der Trivialitäten« zusammen, in denen er aufschrieb, was der »Gesunde Menschenverstand« (Common Sense) nach seiner Überzeugung mit unmittelbarer Sicherheit wisse: zum Beispiel, dass ich einen Körper habe, dass dieser zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit geboren wurde, dass es das Bücherbord neben mir gibt, andere Menschen, meine Träume, Bestrebungen, Gefühle etc.

    Moore hielt es für eine ungeheuerliche Zumutung, sich vorzustellen, die um uns herum wahrgenommenen materiellen Dinge seien eine Schöpfung des Geistes.


    In seinen Vorlesungen hielt er seinen rechten Arm hoch und sagte: »Hier ist mein rechter Arm.« Dann hielt er seinen linken Arm hoch und sagte: »Hier ist mein linker Arm.«

    Eine solche Einstellung nennt man in der Philosophie auch Naiven Realismus. Naiv nennt man eine solche Einstellung, weil sie nicht nur aus philosophischer, sondern auch gerade aus Sicht der modernen Naturwissenschaft unhaltbar ist, wie weiter hinten noch näher aufgezeigt wird.

    Der Materialismus beinhaltet in der Regel den Atheismus. Das heißt, die Existenz eines Gottes wird ausdrücklich verneint.


    Underschieden wird zwischen starkem und schwacher Atheismus. Der starke Atheist verneint ganz ausdrücklich die Existenz eines Gottes. Der schwache Atheist glaubt nicht an Gott, lässt es letztlich aber offen, ob es einen Gott gibt. – Siehe hierzu weiter hinten Agnostizismus.)

    Unter den Gegenwartsphilosophen gibt es nicht besonders viele Materialisten, was u. a. etwas mit dem gewandelten Materiebegriff der Physik zu tun hat. Weiter hinten werde ich im Zusammenhang mit der Darstellung des Materiebegriffs noch einmal auf den Materialismus zurückkommen.


    Idealismus

    Die Auffassung, das Bewusstsein, der Geist oder die Idee sei das Primäre der Welt bzw. des Seins, wird in der Philosophie Idealismus genannt.

    Dabei sind zwei Varianten zu unterscheiden: objektiver und subjektiver Idealismus.


    Objektiver Idealismus

    Die Auffassung, eine vom Menschen unabhängige objektive geistige Kraft, Gott, Idee o. Ä. ist Ursache der materiellen Welt, wird Objektiver Idealismus genannt. Für diese Position stehen zum Beispiel die verschiedenen Religionen. So heißt es weit vorne in der Bibel:

    Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

    Und der bedeutende antike griechische Philosoph Platon (427–347 v. Chr.) sagte:

    Die materiellen Dinge gleichen bloßen Schatten, denen keine wahre Wirklichkeit zukommt. Sie sind nur Abbilder der Ideen. Diese sind Formen, Strukturen, Gattungen, Allgemeinheiten des Seins. Nur ihnen kommt wahre Identität zu.


    Subjektiver Idealismus

    Die Auffassung, der menschliche, subjektive Geist schafft die Welt, wird Subjektiver Idealismus genannt. Konsequentester Vertreter dieser Auffassung unter den klassischen Philosophen war Fichte. Er meinte:

    In einem vorbewussten Stadium setzt das Ich sein eigenes Sein. Als Nächstes setzt es sich ein Nicht-Ich, die Welt, als Schranke, als Widerstand entgegen, um etwas zu haben, an dem es tätig sein kann.

    Der Radikale Konstruktivismus – eine philosophische Modeströmung in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – ist dieser Richtung zurechenbar. Einer ihrer Hauptvertreter, der österreichisch-amerikanische Philosoph Heinz von Förster (1911–2002), sagte:

    Was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, ist unsere Erfindung.

    Auch der irische Philosoph und Bischof George Berkeley (1685–1753) wird des Öfteren dem subjektiven Idealismus zugerechnet oder gar als sein Begründer bezeichnet. Er prägte den unter philosophisch interessierten Menschen sehr berühmten Satz:

    Esse est percipi.

    Zu Deutsch in etwa »Sein ist Wahrnehmung«. Die Existenz materieller Dinge erschöpft sich darin, Wahrnehmungen bzw. Bewusstseinsinhalte zu sein. Da Berkeley ein Christ war, und dazu noch ein Bischof, ging er aber davon aus, dass Gott als oberster Geist den menschlichen Geistern diese Bewusstseinsinhalte eingibt, was Berkeley zu einem Objektiven Idealisten macht.

    In den verschiedenen Religionen wird in der Regel davon ausgegangen, dass die Materie von Gott geschaffen wurde. Dann aber eine tatsächliche Existenz hat. Hiervon verschieden ist die Auffassung, dass Materie nur Bewusstseinsinhalt ist und keine darüber hinausgehende Existenzweise hat.


    In der philosophischen Literatur gibt es weitere »Idealismen« (transzendentalen, kritischen, empirischen u. w.), die aber immer auf subjektiven oder objektiven Idealismus hinauslaufen. Oder auf Mischungen der beiden Grundformen. Da es keine einheitliche philosophische Fachsprache gibt, wird der Begriff Idealismus zuweilen auch für skeptizistische und dualistische Auffassungen verwendet. Diese werden weiter hinten näher erläutert.


    Spiritualismus

    Eine oft verwendete Bezeichnung für Idealismus bzw. für bestimmte Spielarten des Objektiven Idealismus ist Spiritualismus (von lat. »Spiritus« = Geist). Die so bezeichneten Auffassungen gehen in der Regel schon ins Religiöse, besonders wenn in diesem Zusammenhang von Spiritualität gesprochen wird.

    Nicht verwechseln darf man Spiritualismus mit Spiritismus. Letzteres ist ein Begriff aus dem Okkultismus bzw. der Esoterik. Spiritismus bedeutet die Vorstellung, Menschen könnten mit den Geistern Verstorbener Kontakt aufnehmen. Mit Philosophie hat das nichts zu tun.


    Idealismus und Materialismus

    Idealismus und Materialismus als philosophische Begriffe
    bedeuten etwas anderes als in der Umgangssprache!


    Umgangssprachlich ist ein Idealist jemand, der ein Ideal hat, der bestimmte politische, religiöse, philosophische u. w. Überzeugungen hat und nicht im praktischen, täglichen Leben seine einzige Erfüllung findet. Ein solcher Mensch kann sowohl ein Idealist wie ein Materialist im philosophischen Sinne sein. Und ein Materialist ist umgangssprachlich jemand, dem es nur um das Materielle geht, nur um den materiellen Lebensstandard, der nur an Essen, Sex, Kleidung, Autos etc. interessiert ist und darüber hinaus keine Interessen, keine Ideale hat. Auch ein solcher Mensch kann im philosophischen Sinne sowohl ein Idealist wie ein Materialist sein.


    Agnostizismus

    Die Auffassung, nicht wissen zu können, ob Materie oder Geist das Primäre am Sein ist, wird Agnostizismus genannt. (Von gr. »agnostikos« = nichterkennbar). Hierzu werden in der Literatur der englische Philosoph David Hume (1711–1776) und der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) gezählt. Der Begriff Agnostizismus wird des Öfteren darauf eingeschränkt, nicht wissen zu können, ob Gott existiert oder nicht.

    »Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner
    erkennen, über die Götter und alle die Dinge, von denen
    ich spreche. Sollte einer auch einst die vollkommenste
    Wahrheit verkünden, wüsste er selbst es doch nicht.
    Es ist alles durchwebt von Vermutung.«
    Xenophanes (565–470 v. Chr.)
    Griechischer Philosoph


    Während der schwache Atheist nicht glaubt, dass es einen Gott gibt – dessen Existenz aber offen lässt, glaubt der Agnostiker weder an die Existenz noch an die Nichtexistenz Gottes. Der weiche Agnostiker bekundet in dieser Frage sein Nichtwissen. Der harte Agnostiker bekundet in dieser Frage sein Nichtwissenkönnen. Umfassender als der Agnostizismus und diesen beinhaltend ist der Skeptizismus. Dieser wird im Kapitel Erkenntnistheorie näher erläutert.

    »Was die Götter angeht, so ist es mir unmöglich, zu wissen,
    ob sie existieren oder nicht, noch, was ihre Gestalt sei.
    Die Kräfte, die mich hindern, es zu wissen, sind zahlreich,
    und auch ist die Frage verworren und das menschliche Leben kurz.«
    Protagoras (490–411 v. Chr.)
    Griechischer Philosoph



    Dualismus

    Die Auffassung, Geist und Materie seien seit Ewigkeit existierend, keines von beiden habe das andere hervorgebracht, wird Dualismus genannt. (Von lat. »dualis« = zwei enthaltend.)

    Der Begriff Dualismus hat weitere Bedeutungen. Er ist eine Bezeichnung für alle philosophischen und religiösen Auffassungen, die zwei Grundprinzipien oder Ursachen der Welt annehmen. Das kann Materie und Geist sein. Das kann auch wie in der antiken persischen Religion des Zarathustrismus und im römischen Gnostizismus ein guter und ein böser Gott sein. Auch die im übernächsten Abschnitt vorgestellten Mittelwege werden in der Literatur oft als Dualismus bezeichnet.

    Eine in China vorhandene Form des Dualismus ist die Lehre von »Yin und Yang« und von »Li und Qi«. Eine in Indien vorhandene Form des Dualismus ist die Lehre von »Prakriti und Purusha«. Diese Theorien werden weiter hinten noch näher vorgestellt.

    Gegensätze zum Dualismus in der umfassenderen Bedeutung sind Monismus und Pluralismus.

    »Wer Materie sagt, sagt Geist, ob er es will oder nicht.
    Denn sie wäre überhaupt nicht vorstellbar ohne Geist.
    Und wer Geist sagt, sagt Materie, denn ohne Materie
    könnte er es nicht sagen, nicht einmal denken.«
    Arthur Schnitzler (1862–1931)
    Österreichischer Schriftsteller



    Popper und Eccles

    Eine moderne Form des Dualismus vertreten der bedeutende österreichisch-britische Philosoph Karl Popper (1902–1994) und der australische Physiologe John C. Eccles (1903–1997) in dem gemeinsam geschriebenen Buch Das Ich und sein Gehirn. Sie wenden sich in diesem Buch gegen den reinen Materialismus und halten eine Fortexistenz des Bewusstseins nach dem Tod des Gehirns für möglich.


    Religionen

    Einen Dualismus bezogen auf den Menschen – nicht auf das Weltganze! – vertreten alle die Religionen, die beim Menschen zwischen Körper und Geist unterscheiden und eine Fortexistenz der Seele nach dem Tod des Körpers annehmen.


    Monismus

    Die Auffassung, Geist und Materie seien nur zwei Seiten, zwei Momente oder zwei Attribute desselben, wird Monismus genannt. (Von gr. »monos« = allein, einzig.) Die Unterscheidung von Geist und Materie ist nach dieser Auffassung entweder nicht möglich, nicht zwingend oder im unmittelbaren Erleben gar nicht vorhanden. Diese Unterscheidung würden wir nur deshalb vornehmen, weil wir es von klein auf an so gewohnt seien, weil es uns so beigebracht wurde. Für eine solche Ansicht stehen u. a. der bedeutende holländische Philosoph Baruch de Spinoza (1632–1677) (idealistischer Monismus), der deutsche Naturphilosoph Ernst Haeckel (1834–1919) (materialistischer Monismus) und der englische Philosoph Bertrand Russell (neutraler Monismus). Russell sagte:

    Im unmittelbaren Erleben fällt Bewusstseinsinhalt und materieller Gegenstand zusammen. Es ist unmöglich und unnötig, zwischen beiden zu trennen.

    Der Begriff Monismus hat weitere Bedeutungen. Er ist eine Bezeichnung für alle philosophischen und religiösen Auffassungen, die nur ein Grundprinzip oder nur eine Ursache der Welt annehmen. Das kann außer Materie und Geist auch ein Gesetz sein. Oder ein Absolutes, von dem Geist und Materie nur zwei verschiedene Attribute sind.

    Gegensätze zum Monismus in der umfassenderen Bedeutung sind Dualismus und Pluralismus.


    Mittelwege

    Einige Philosophen sind Mittelwege zwischen Idealismus und Dualismus gegangen, die in letzter Instanz Idealismus sind, aber des Öfteren als Dualismus bezeichnet werden. Zu ihnen gehören:

    Der bedeutende antike griechische Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) mit seiner Lehre von Form (= Geist) und Stoff (= Materie), wo der Geist aber letztendlich das Primäre, das Entscheidende ist.

    Der bedeutende französische Philosoph René Descartes (1596–1650) mit seiner Lehre von »res cogitans« (der »erkennenden Sache« = Geist) und »res extensa« (der »ausgedehnten Sache« = Materie). Gott hat aber diese beiden Sachen geschaffen.

    Beide Philosophen sind letztendlich Objektive Idealisten.


    Scheinprobleme

    Eine der bedeutendsten philosophischen Strömung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Analytische Philosophie. Sie wird weiter hinten noch näher vorgestellt werden. Viele ihrer Vertreter halten die Gegenüberstellung von Idealismus, Materialismus, Dualismus und Agnostizismus etc. für Scheinprobleme, die sich aus einer Ungenauigkeit unserer Sprache ergeben würden.

    »Dass die Philosophie eine Frau ist, merkt man daran,
    dass sie gewöhnlich an den Haaren herbeigezogen ist.«
    Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799)
    Deutscher Physiker und Aphoristiker



    Synthetische Positionen

    Die moderne wissenschaftliche Vorstellung vom menschlichen Bewusstsein bzw. von seinen Inhalten und von der Welt kann als eine Mischung aus materialistischen und subjektiv-idealistischen Auffassungen angesehen werden. Nach dieser Vorstellung gibt es eine vom subjektiven Geist unabhängig existierende objektive Welt. Teile dieser objektiven Welt, zum Beispiel bestimmte Materieformen und Strahlungsarten – aber keineswegs alle! – haben eine Wirkung auf das Subjekt und dieses bildet sich dann einerseits auf Grund dieser Wirkungen bzw. seinen sinnlichen Wahrnehmungen und andererseits auf Grund angeborener und erworbener Arbeitsweisen seines Gehirns seine Welt.

    Die Welt, in der Sie leben, ist eine von Ihrem Geist geschaffene
    Welt, die es ohne Ihre subjektive Schöpfung nicht gibt.


    Die Bewusstseinsinhalte sind keine Spiegelungen oder Abbildungen objektiver Vorgänge. Wäre es so, gäbe es – um nur ein mögliches Beispiel anzuführen – keine Farben, sondern nur elektromagnetische Wellen verschiedener Frequenzen.

    Aber – und das ist im Anbetracht der vielen gegenwärtig sehr populären subjektiv-idealistischen Strömungen in der philosophischen Welt zu beachten:

    Nach Auffassung der Naturwissenschaft schafft sich der subjektive Geist seine subjektive Welt nicht nach freiem Belieben, sondern auf Grundlage von realen, unabhängig von ihm existierenden objektiven Tatbeständen.


    Wenn man nun auch noch glaubt, diese Welt sei von einem Gott geschaffen worden – und das glauben auch viele Naturwissenschaftler –, dann kommt sogar auch die objektiv-idealistische Komponente hinzu.

    Und wenn man nun auch noch der Auffassung ist, dass dies eben Gesagte wohl stimmen wird, man es aber mit letzter Sicherheit nicht wissen könne, dann kommt sogar auch noch der Agnostizismus hinzu.

    Wer kein Dogmatiker ist, kann alle Aussagen irgendwie berücksichtigen. Die berühmten Vertreter dieser verschiedenen Positionen waren allesamt intelligente und gebildete Menschen. Sie hatten alle überlegenswerte Argumente für ihre Auffassungen.


    Zusammenfassung

  • Materialismus/Realismus: Die Materie ist ursprünglich und bringt den Geist hervor.

  • Idealismus/Spiritualismus: Der Geist ist ursprünglich und bringt die Materie hervor.

  • Agnostizismus: Der Mensch kann nicht erkennen, ob Geist oder Materie das Ursprüngliche ist.

  • Dualismus: Materie und Geist sind gleichermaßen ursprünglich.

  • Monismus: Materie und Geist sind zwei Seiten der gleichen Sache.

  • Scheinproblem: Der Unterschied zwischen Geist und Materie entsteht nur durch die Ungenauigkeit unserer Sprache.

  • Synthese: Alle Positionen haben innerhalb eines Gesamtbildes ihre Bedeutung, sind Teilwahrheiten, bzw. können Teilwahrheiten sein.

  • In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts dominieren unter den Fachphilosophen ganz eindeutig agnostizistische und subjektiv-idealistische Strömungen mit unterschiedlicher konkreter Ausprägung und unter verschiedenen Namen, deren Vertreter solche Bezeichnungen aber häufig ablehnen. Oder die Probleme werden als Scheinprobleme angesehen. Weiter hinten werden diese Strömungen kurz vorgestellt werden.

    Der objektive Idealismus wird heute fast nur in den verschiedenen Religionen vertreten und der Materialismus von vielen – aber keineswegs allen – Naturwissenschaftlern. Unter den Fachphilosophen werden diese beiden Grundrichtungen nur von einer kleinen Minderheit verfochten.


    Aufgaben

  • Formulieren Sie, welche unterschiedliche Bedeutungen die Begriffe Materialismus und Idealismus in der Philosophie und in der Umgangssprache haben.

  • Erläutern Sie, inwieweit sich die verschiedenen Positionen zur Grundfrage der Philosophie im gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltbild und in der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erklärung des menschlichen Erkenntnisprozesses wiederfinden.


  • Nächstes Kapitel



    Copyright © by Peter Möller, Berlin.