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Peter Möller

Einführung in die Philosophie



3. Kapitel

Grundsätzliche Tatbestände der Welt

»Die Physik vermag nicht auf eigenen Füßen zu stehen,
sondern bedarf einer Metaphysik, sich darauf zu stützen;
so vornehm sie auch gegen diese tun mag.«
Arthur Schopenhauer (1788–1860)
Deutscher Philosoph


In diesem Kapitel wird vermittelt:

  • Was Ontologie und Metaphysik ist
  • Was man in der Philosophie versteht unter:
  • Sein und Schein,
  • Bewusstsein, Geist und Seele,
  • Materie, Energie und Kraft,
  • Raum und Zeit,
  • Bewegung, Kausalität, Gesetz und Mathematik.


  • Perpetuum mobile

    Haben Sie schon einmal etwas von einem Perpetuum mobile gehört? Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet in etwa: »Sich ständig selbst Bewegendes«. Viele »Erfinder« haben schon vergeblich versucht, eine solche Maschine zu bauen, die ohne Energiezufuhr von außen ständig in Bewegung ist. Die Physiker behaupten, dass eine solche Maschine unmöglich ist.

    Es gibt Philosophen, die behaupten, dass es ein Perpetuum mobile gibt. Sie benutzen dafür allerdings andere Worte. Sie nennen es Sein, Universum, Welt, Substanz etc.

    Ihre Beweisführung ist – bei jedem Philosophen etwas anders formuliert – folgende:

  • Das Sein ist alles, was es in irgendeiner Weise gibt, ob ich es kenne oder nicht. (Gegenstände, Ideen, Beziehungen, Eigenschaften, ein eventuell existierender Gott und vieles mehr. Auch mir vielleicht völlig Unvorstellbares.) Außerhalb des Seins gibt es nichts, da alles, was es gibt, per Definition Teil des Seins ist.
  • In dem Moment, wo ich Bewegung erlebe, gibt es Bewegung. Zumindest in meinen Erlebnissen. Und da meine Erlebnisse ein Teil des Seins sind, gibt es Bewegung im Sein.
  • Da alles, was die Bewegung hervorrufen kann, Teil des Seins ist, kann das Sein nur aus sich selbst heraus bewegt sein. Ein Teil des Seins kann einen anderen Teil des Seins bewegen, aber das Sein in seiner Gänze kann nur ein sich selbst bewegendes Sein sein.

  • Hiermit haben Sie ein Beispiel, womit Ontologie sich beschäftigt.


    Ontologie und Metaphysik

    Ontologie

    Die Ontologie ist die Lehre oder die Wissenschaft vom Sein, von den fundamentalsten, allgemeinsten, elementarsten und konstitutiven Tatsachen und Eigenschaften, den Prinzipien, den grundsätzlichsten Wesens-, Ordnungs- und Begriffsbestimmungen des Seins.


    Die Ontologie ist ein wichtiger Teilbereich der Philosophie. Für viele Philosophen ist Ontologie der Kernbereich oder der Anfang der Philosophie. Zuweilen werden Ontologie und Philosophie sogar als identisch angesehen. So sagte der bedeutende deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889–1976):

    Die Frage nach dem Sein ist die einzige Frage der Philosophie.


    Metaphysik

    Metaphysik ist die Lehre von dem sinnlich nicht Erfahrbaren, von den hinter unseren Wahrnehmungen verborgenen (oder vermuteten) Tatbeständen. Es ist der Bereich der Spekulation.


    Metaphysik ist eine zentrale Disziplin der Philosophie. Sie fragt nach den allgemeinsten Prinzipien des Seins.

    »Metaphysik ist das Hinausfragen über das Seiende,
    um es als solches und im Ganzen für das Begreifen
    zurückzuerhalten.«
    Martin Heidegger


    Metaphysik war anfänglich lediglich der Name für die Schriften des Aristoteles, die in der ersten Gesamtausgabe nach seinen Schriften über die Physik eingeordnet wurde. Diese metaphysischen Schriften beschäftigten sich mit den allgemeinen Prinzipien. Dieser Teil der Philosophie wurde von Aristoteles »Erste Philosophie« genannt. Zu Beginn der Neuzeit bürgerte sich dafür der Begriff »Ontologie« ein. Metaphysik und Ontologie überschneiden sich und werden häufig auch als identisch angesehen.

    »Der Logiker operiert, der Metaphysiker betrachtet.«
    Joseph Joubert (1754–1824)
    Französischer Schriftsteller


    In der Gegenwartsphilosophie gibt es ontologische und metaphysische Systeme, die weiter hinten im Kapitel über die wichtigsten philosophischen Strömungen näher beschrieben werden. Mehrheitlich wird die Möglichkeit von Ontologie und Metaphysik heute aber verneint.

    Zwei exemplarische Äußerungen zur Metaphysik von zwei bedeutenden Philosophen:

    »Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie mit Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.«
    Immanuel Kant

    »So gering die Hoffnung, Antworten zu finden, auch sein mag: es bleibt Sache der Philosophie, weiter an diesen Fragen zu arbeiten, uns ihre Bedeutung bewusst zu machen, alle möglichen Zugänge zu erproben und jenes spekulative Interesse an der Welt wachzuhalten, das wahrscheinlich abgetötet würde, wenn wir uns ausschließlich auf abgesicherte Erkenntnisse beschränkten.«
    Bertrand Russell


    Sein und Schein

    Unter Sein bzw. Wirklichkeit versteht man in der Gegenwartsphilosophie wie im Alltagsverständnis das, was tatsächlich existiert, im Gegensatz zum Fantasierten und zur Fiktion.

    Manches, was wir für Wirklichkeit halten, ist nur Schein. Schein ist in der Philosophie der Gegensatz zum Sein bzw. zur Wirklichkeit. Etwas Unwirkliches, nur Vorgestelltes, von dem aber oft angenommen wird, es sei real.

    Das (einzelne) Pferd hat Sein. Der Pegasus (das geflügelte Pferd) ist nur eine Gestalt der griechischen Mythologie und einiger Computerspiele, das keine von diesen Mythen bzw. von diesen Computerspielen unabhängiges Sein hat.


    Diese Unterscheidung ist aber angreifbar.

    Physikalisch gebildete Menschen werden sagen, unabhängig von uns Menschen gibt es nur Energie. Selbst Materie und Kraft sei letztendlich Energie bzw. würden durch Energie erzeugt. Was wir als Welt erleben, auch das Pferd, sei bereits nicht die Wirklichkeit, sondern sei schon Schein. (Diese Auffassung vertritt – wenn auch etwas anders formuliert – u. a. die Evolutionäre Erkenntnistheorie, die weiter hinten ausführlicher vorgestellt wird.)

    So betrachtet ist auch Münzgeld Scheingeld.


    (Während meines Philosophiestudium beschäftigten wir uns in einem Seminar mit der Frage, ob vielleicht alles nur Schein ist, oder es nur so scheint, dass alles nur Schein ist. Mein Professor wandte ein, das Wort »Schein« dürfe nicht aufeinander bezogen benutzt werden. »Es scheint, dass es scheint ...« ginge nicht. Aber vor meinem Beispielsatz: »Es scheint, dass die Sonne scheint.« musste er dann doch kapitulieren.)

    Es gibt Körper und es gibt die Sonne. Beides zusammen kann Schatten entstehen lassen. Die Körper und die Sonne gibt es unabhängig von den Schatten, aber die Schatten nicht unabhängig von den Körpern und der Sonne. Auf dem Computerbildschirm werden elektronisch Figuren, Gebäude, Landschaften usw. erzeugt, die keine von diesen elektronischen Prozessen unabhängige Wirklichkeit haben.


    Nun gibt es in der Philosophie zwei verschiedenen Interpretationen solcher Vorgänge: Einige sagen:

    Nur Körper und Sonne haben Sein.
    Die Schatten sind nur Schein.

    Andere sagen:

    In dem Moment, wo die Schatten erzeugt sind, sind sie.
    Es geht nicht darum, dass das eine sei und
    das andere nicht sei. Es geht hier lediglich um die Frage,
    was ursprünglich und was bedingt sei.


    Ihre Zimmerdecke ist etwas Reales. Sie ist vom Fußboden etwa zweieinhalb bis drei Meter entfernt. Wenn Sie auf eine Leiter steigen, dann können Sie gegen die Decke klopfen. Aber wie hoch ist eigentlich das »blaue Himmelszelt«, das wir tagsüber bei unbewölktem Himmel über uns sehen können? Wie hoch müsste die Leiter sein, damit wir gegen das Blaue da oben klopfen können?


    Nun werden viele Menschen vor dem Hintergrund ihrer naturwissenschaftlichen Bildung sagen: »Das Blaue da oben, das gibt es doch gar nicht.«

    Wie? Das Blaue da oben gibt es gar nicht? Man sieht es doch ständig! (Häufig wird es einem ja sogar vom Himmel versprochen ;-) Wie kann es da gleichzeitig nicht existieren?

    Häufig ist es schwer zu entscheiden, ob etwas Sein oder Schein ist.

    (Im Kapitel Dialektik wird dieses Problem noch viel radikaler untersucht. Dort werden Sie die – aus Sicht des gesunden Menschenverstandes verrückte – Behauptung kennenlernen, dass etwas existieren und gleichzeitig doch nicht existieren kann.)

    Anstatt zu fragen, ob etwas Sein oder Schein ist, sollte man fragen, was für eine Art von Sein etwas hat. In dem Moment, wo Sie einen blauen Himmel sehen, gibt es diesen blauen Himmel. Er hat empirische Realität. (Was Empirie ist, wird weiter hinten noch näher erklärt.) In dem Moment, wo ein Computerspiel einen knallgrünen Himmel auf dem Bildschirm kreiert, gibt es diesen knallgrünen Himmel. Als Computersimulation. Käpt'n Blaubär gibt es. Als Stoffpuppe im Fernsehen, nicht als eine bewusste Person, die um ihre Existenz weiß. Farben gibt es. Als Teil unserer menschlichen Welt, nicht als Teil der von uns unabhängigen Realität.

    Würde es dunkel in der Welt,
    wenn alle Augen verschwänden? (Lösung 1)



    Was Sein und was Schein ist und worin sich diese beiden Dinge unterscheiden, ist eine zentrale Frage in der Philosophie. Die Diskussionen darüber durchziehen die gesamte Philosophiegeschichte, von der Antike bis in die Gegenwart.


    In der Regel wird unter Sein das vom Menschen unabhängig Existierende verstanden, als Schein das, was der Mensch im Verlaufe des Erkenntnisprozesses (oder auch des Phantasierens) hinzutut, wie er die Welt »sieht« (aktiv) bzw. wie ihm das von ihm unabhängig Existierende »erscheint« (passiv).


    Bewusstsein, Geist und Seele

    Bewusstsein

    Das Bewusstsein ist ein elementarer Tatbestand menschlicher Existenz und nicht zuletzt deshalb ist Bewusstsein ein zentraler Begriff der Philosophie.

    Was Bewusstsein ist, können Sie sich am besten an Hand unangenehmer Situationen klarmachen.

    Wenn Sie Schmerzen haben, dann erleben Sie diese bewusst. Unbewusste Schmerzen gibt es nicht. Es können in Ihrem Körper schädliche, Ihren Körper zerstörende oder schädigende physiologische Prozesse ablaufen. Aber das sind keine Schmerzen. Schmerz bedeutet immer, dass ein Subjekt sie bewusst erlebt, unter ihnen leidet. Ebenso ist es mit positiven Empfindungen. Freude ist immer etwas bewusst Erlebtes. Es gibt keine unbewusste Freude.



    Bewusstsein ist eine Sammelbezeichnung für viele unserer Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken, Vorstellungen, Gewolltem, Bedürfnisse etc.


    Teile von den hier aufgezählten geistigen Zuständen können sich auch unterhalb der Bewusstseinsschwelle, im Unterbewusstsein befinden. Das Unterbewusstsein wird weiter hinten im Kapitel Philosophische Psychologie näher erklärt.

    Sehr weitgehend ist Bewusstsein alles, was für ein Individuum da ist. Wie weiter vorne schon erwähnt, sind für einige Philosophen auch materielle Dinge Bewusstsein.

    »Jeder steckt in seinem Bewusstsein wie in seiner Haut
    und lebt unmittelbar nur in demselben.«
    Arthur Schopenhauer



    Selbstbewusstsein

    Das Selbstbewusstsein ist eine höhere Form von Bewusstsein. Ein Lebewesen kann Bewusstsein haben, ohne sich dessen bewusst zu sein. In der Philosophie bedeutet Selbstbewusstsein, dass ein Subjekt, ein Ich sich darüber bewusst ist, ein bewusstes Subjekt, ein Ich zu sein.


    Weltbewusstsein

    In der Philosophie gibt es auch die Vorstellung von der Existenz eines Weltbewusstseins, die in unterschiedlichen konkreten Varianten auftritt. In der Regel werden die individuellen Bewusstseins der einzelnen Personen als Teile des Weltbewusstseins angesehen und die materielle Welt als etwas nur im Weltbewusstsein Vorhandenes. Weitgehend ist eine solche Vorstellung identisch mit Pantheismus, der im Kapitel über Gott und Religion noch näher vorgestellt wird.


    Geist

    Ein häufig verwendeter Begriff für Bewusstsein ist Geist. Dieser Begriff ist allerdings vieldeutig und nicht immer mit Bewusstsein gleichzusetzen. Er kann vieles bedeuten:

  • Bei der Gegenüberstellung von »Körper und Geist« ist Geist Bewusstsein.
  • Den Geist als inneres Prinzip des Menschen anzusehen, der die äußere bzw. materielle Welt (zu der in dem hier gebrauchten Sinne auch der eigene Körper gehört) emotional und rational wahrnimmt und handelnd verändert, bedeutet, den Geist als aktives Bewusstsein anzusehen.
  • Bei der Gegenüberstellung von »Geist und Seele« bedeutet Geist Intellekt, Vernunft und Verstand, Seele dagegen Gefühl. Die Begriffe Geist und Seele werden aber auch synonym verwendet.
  • In diesem Sinne bedeutet Geist auch die Person als intellektuelles Wesen. (»Er verkehrte mit den berühmtesten Geistern seiner Zeit.«)
  • Geist kann bedeuten Sinn, Bedeutung, Inhalt. (»Im Geiste des Humanismus«, »Der Geist von Weihnachten«)
  • Geist kann bedeuten Gespenst. (»Mir erschien gestern Nacht der Geist meiner verstorbenen Großmutter.« Leider wollte sie mir die nächsten Lotto-Zahlen nicht verraten ;-)
  • Geist kann Gott bedeuten. (Heiliger Geist, der Geist Gottes.)
  • Unterschieden wird Geistliches und Weltliches. Weltliches bezieht auf die materielle Welt, Geistliches sich auf eine (angenommene) ideelle Welt. In dem Sinne heißt ein Pfarrer auch »Geistlicher«.

  • »Auch der Geist hat seine Hygiene,
    er bedarf, wie der Körper, einer Gymnastik.«
    Honoré de Balzac (1799–1850)
    Französischer Schriftsteller


    Weltgeist

    Schon seit der Antike gibt es in der Philosophie die Vorstellung von der Existenz eines Weltgeistes, einer Weltvernunft, die mit der Welt identisch sei oder die Welt durchwalte. Man spricht hier auch von Panlogismus. Der entschiedenste Vertreter einer solchen Vorstellung war der bedeutende deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831). Weltgeist mit Gott zu übersetzt, wäre etwas verkürzt, weil der Weltgeist erheblich komplexer ist als das, was man gemeinhin unter Gott versteht. (Hegel wird weiter hinten noch näher vorgestellt.)


    Seele

    Der Begriff Seele wird nicht einheitlich benutzt. Häufig wird er synonym mit Bewusstsein gebraucht, hin und wieder aber auch bedeutungsgleich mit Gefühl. In einigen Religionen und religiös beeinflussten Philosophien ist die Seele der bewusste personale Kern, das geistige Ich eines Menschen, der oft als unsterblich (zum Beispiel im Christentum, Islam, Platonismus), zum Teil aber auch als vergänglich (zum Beispiel bei Spinoza und in östlichen Religionen: Buddhismus, Brahmanismus, Hinduismus) angesehen wird.


    Unsterblichkeit der Seele

    Der Streit um die Unsterblichkeit der Seele ist ein wichtiger Aspekt der philosophischen und religionskritischen Diskussionen.

    »Die Seele kommt alt zur Welt, aber sie wird jung.
    Das ist die Komödie des Lebens.
    Und der Leib kommt jung zur Welt und wird alt.
    Das ist die Tragödie des Lebens.«
    Oscar Wilde (1854–1900)
    Irischer Schriftsteller



    Seelenwanderung

    Der Glaube an die Seelenwanderung bzw. die Wiedergeburt ist ein wichtiger Aspekt einiger östlicher Religionen und esoterischer Lehren, aber auch einiger philosophischer Lehren, zum Beispiel des Platonismus.

    »Der sittliche Mensch liebt seine Seele,
    der gewöhnliche sein Eigentum.«
    Konfuzius



    Weltseele

    In der Philosophie und einigen Religionen gibt es den Begriff der Weltseele. Eine in der Regel als unpersönlich oder überpersönlich gedachte geistige Kraft, ein Weltbewusstsein. Entweder alles umfassend, so dass alles, was ist, nur in der Weltseele ist; oder als Teil der Welt, der aber ihr innerer Kern, ihr Sinn, ihr Wert, ihre Bewegungsursache etc. ist. Die Seelen der Einzelwesen werden in der Regel als Teile der Weltseele angesehen, oder als etwas, das aus der Weltseele hervorgegangen ist und einst in sie zurückkehren wird. (Dazu erfahren Sie Näheres weiter hinten bei der Erklärung des Pantheismus.)

    Die Frage nach der Herkunft der Seele und ihrer Beziehung zum Körper ist eines der ältesten und meistdiskutierten Themen in der Philosophie, das Leib-Seele-Problem. Andere nennen es die Grundfrage der Philosophie.

    »Auf den Geist muss man schauen.
    Denn was nützt ein schöner Körper,
    wenn in ihm nicht eine schöne Seele wohnt.«
    Euripides (ca. 480–406 v. Chr.)
    Griechischer Dichter


    Naturwissenschaft und Bewusstsein

    Für den Naturwissenschaftler ist der Mensch ein materielles Wesen. Die Physik, die Chemie, die Biologie und die Medizin können viel Interessantes und für das praktische tägliche Leben Wichtige am Menschen erkennen und viele dieser Erkenntnisse können von großer Bedeutung für die Philosophie sein. Aber die Naturwissenschaft kann nicht das Bewusstsein untersuchen.

    »Ich habe so viele Leichen seziert und nie eine Seele gefunden.«
    Rudolf Virchow (1821–1902)
    Deutscher Mediziner


    Wenn ein Arzt sagt, er habe den ganzen menschlichen Körper seziert (aufgeschnitten) und nirgends eine Seele gefunden, dann müsste er gleich dazu sagen, dass er auch das Bewusstsein nirgends gefunden hat.

    Nun ist ein sezierter Körper tot. Aber wie ist es bei einem lebenden Körper?

    Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden so extrem verkleinert, dass Sie in einem Mini-U-Boot durch ein menschliches Gehirn reisen könnten. So passiert es in dem Sciencefiction-Film Die phantastische Reise. Was würden Sie dort sehen? Sie sähen ein sehr komplexes System vernetzter Nervenzellen, Nervenfasern, auf denen mit großer Geschwindigkeit Elektronen an Ihnen vorüberrauschen, chemische Überträgerstoffe zwischen den Neuronen, den Nervenzellen. Sie würden einen Biocomputer, ein »neuronales Netz« von innen sehen. Aber Sie sähen dort nirgendwo einen Geist, ein Bewusstsein. Nirgendwo würden Sie sehen, dass dieses Gehirn einem Menschen gehört, der sich seiner Existenz bewusst ist.


    Eine ähnliche Überlegung stellte vor gut 300 Jahren der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) an, der das – den damaligen Verhältnissen angemessene – Mühlengleichnis vortrug:

    Man muss übrigens notwendig zugestehen, dass die Perzeption und das, was von ihr abhängt, aus mechanischen Gründen, das heißt aus Figuren und Bewegungen, nicht erklärbar ist. Denkt man sich etwa eine Maschine, die so beschaffen wäre, dass sie denken, empfinden und perzipieren könnte, so kann man sie sich derart proportional vergrößert vorstellen, dass man in sie wie in eine Mühle eintreten könnte. Dies vorausgesetzt, wird man bei der Besichtigung ihres Inneren nichts weiter als einzelne Teile finden, die einander stoßen, niemals aber etwas, woraus eine Perzeption zu erklären wäre.


    Aus naturwissenschaftlicher Sicht haben alle Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen eine physiologische Grundlage. Aber das bewusste Erleben der Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen ist nicht identisch mit diesen physiologischen Grundlagen.



    Energie, Kraft und Materie


    Energie

    Energie (von gr. »energeia« = Tätigkeit) ist nach der modernen physikalischen Definition das Vermögen, Arbeit zu leisten.

    »Es ist wichtig, einzusehen, dass wir in der heutigen Physik nicht wissen,
    was Energie ist. Wir haben kein Bild davon,
    dass Energie in kleinen Klumpen definierter Größe vorkommt.«
    Richard Feynman (1918–1988)
    US-amerikanischer Physiker und Nobelpreisträger


    Da nach dem Energieerhaltungssatz jede Form von Energie in jede andere Energieform – also auch in Bewegungsenergie – umgewandelt werden kann, kann man sagen, dass Energie in letzter Instanz Bewegung ist.


    Energismus

    Die philosophisch-physikalische Theorie des Energismus – Hauptvertreter war der deutsch-baltische Chemiker, Philosoph und Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853–1932) – sieht die Energie als einzige Substanz, aus der alles andere entsteht. Alles Wirkliche, alle physischen und psychischen Prozesse beruhten auf Energie. Ihr komme ein höherer Grad an Wirklichkeit zu als der Materie. Alles Geschehen sei eine Transformation verschiedener Energieformen.


    Kraft

    Kraft ist physikalisch die Fähigkeit, etwas zu bewirken bzw. zu verändern, zum Beispiel den Bewegungszustand oder die Form eines Körpers.

    »Wer andere besiegt, hat Kraft.
    Wer sich selber besiegt, ist stark.«
    Laozi


    Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff Kraft weitergehend gebraucht, auch im Sinne dessen, was heute Energie genannt wird. (Das wirkt bis in die Gegenwart nach, wie Sie an dem Begriff »Kraftwerk« sehen können, das genau genommen ein »Energiewerk« ist.) In der Philosophie, besonders in den Schriften früherer Jahrhunderte, bedeutet Kraft in etwa das, was heute die Physik unter Kraft und Energie versteht.

    »Diese Welt: Ein Ungeheuer an Kraft, ...«
    Friedrich Nietzsche (1844–1900)
    Deutscher Philosoph


    So bezeichnete Leibniz die Elemente der Wirklichkeit als Kraftpunkte. Im Anschluss daran sagte Kant, das Wesen der Materie sei Kraft. Dies wird vielfach als Vorwegnahme der Materiedefinition Einsteins angesehen. Seit der Antike gingen die Naturwissenschaftler und viele Philosophen davon aus, dass es Materie, Körper, Stoff (oder welche Worte Sie auch immer benutzen mögen) gebe, als etwas Absolutes, das nicht in etwas anderes aufgelöst werden könnte, zum Beispiel die Atome Demokrits und für religiöse Menschen die Materie, sobald sie einmal von Gott geschaffen war. Im Unterschied dazu gab es Philosophen, für die war Materie nur eine spezifische Form von Geist (Berkeley) oder das Reich der Schatten (Platon).

    Der Gedanke, Materie als Kraft anzusehen,
    war neu und zukunftsweisend.


    Leibniz sprach außerdem von der Erhaltung der lebendigen Kräfte im Universum, was in der Literatur vielfach als eine Vorwegnahme des Energieerhaltungssatzes angesehen wird (1. Hauptsatz der Thermodynamik.)

    Wenn Sie das nächste Mal eine Rechnung von Ihrem angeblichen »Energieerzeuger« erhalten, für Ihren angeblichen »Energieverbrauch« widersprechen Sie! Energie kann man weder erzeugen noch verbrauchen.



    Materie

    Wie das Bewusstsein, so ist auch die Materie ein elementarer Tatbestand unserer menschlichen Welt und nicht zuletzt deshalb ist Materie ein zentraler Begriff der Philosophie.

    »Die Materie ist ein und dasselbe Ganze,
    das auf völlig gleiche Weise Einheit in der Vielheit
    und Vielheit in der Einheit ist«
    Friedrich Wilhelm Josef Schelling (1775–1854)
    Deutscher Philosoph


    Das Wort Materie kommt von dem lateinischen Wort »materia«, dieses von »mater« = Mutter. Materie bedeutet vom Wortursprung her »Mutterstoff«.

    Materie ist

    1. ein umgangssprachlicher,
    2. ein naturwissenschaftlich-physikalischer und
    3. ein philosophischer Begriff.

    Über lange Zeit hinweg – bis zum Ende des 19. Jahrhunderts – verstand man unter Materie in diesen drei Bereichen weitgehend das Gleiche: Stoff, Körper, etwas im Raum Ausgedehntes, das man sehen und anfassen kann.

    Im praktischen Leben ist der Materiebegriff unverzichtbar. Wir haben es ständig mit materiellen Dingen zu tun. Selbst unser Körper ist ein materielles Ding.

    Albert Einstein stellte die berühmter Formel E = mc² auf (Energie gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit hoch zwei). Energie und Materie ist das Gleiche, jedenfalls unterhalb der Ebene des Atoms. Da nach dem Energieerhaltungssatz jede Form von Energie in jede andere Energieform – also auch in Bewegungsenergie – umgewandelt werden kann, bedeutet dies, dass Materie letztendlich Bewegung ist. Materie und Bewegung hängen nicht nur untrennbar zusammen, sondern sie sind letztendlich identisch. Diese physikalisch-philosophische Hypothese führt dazu, dass viele Philosophen den Materialismus für veraltet halten.

    Wenn sich die Materie in Bewegung auflösen könne,
    könne sie nicht Grundsubstanz der Welt sein.


    Ein weiterer sehr bedeutender Physiker des 20. Jahrhunderts war Max Planck (1858–1947). Er sagte zum Thema Materie:

    »Als Physiker, der sein ganzes Leben der nüchternen Wissenschaft, der Erforschung der Materie widmete, bin ich sicher von dem Verdacht frei, für einen Schwarmgeist gehalten zu werden. Und so sage ich nach meinen Erforschungen des Atoms dieses: Es gibt keine Materie an sich! Alle Materie entsteht und besteht nur durch eine Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt und sie zum winzigsten Sonnensystem des Alls zusammenhält. Da es im ganzen Weltall aber weder eine intelligente Kraft noch eine ewige Kraft gibt [...] so müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund aller Materie. Nicht die sichtbare, aber vergängliche Materie ist das Reale, Wahre, Wirkliche [...] sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist ist das Wahre! Da es aber Geist an sich ebenfalls nicht geben kann, sondern jeder Geist einem Wesen zugehört, müssen wir zwingend Geistwesen annehmen. Da aber auch Geistwesen nicht aus sich selber sein können, sondern geschaffen werden müssen, so scheue ich mich nicht, diesen geheimnisvollen Schöpfer ebenso zu benennen, wie ihn alle Kulturvölker der Erde früherer Jahrtausende genannt haben: Gott!«



    Lenin

    Mit den neuen naturwissenschaftlichen Theorien konfrontiert, hat der russische Materialist Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924), der nicht nur ein Politiker, sondern auch ein philosophischer Schriftsteller war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht, den Materialismus dadurch zu retten, dass er den Materiebegriff neu definierte. Lenin sagte:

    Materie ist eine philosophische Kategorie
    zur Bezeichnung der objektiven Realität.

    Materie sei alles, was unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existiert, also auch elektromagnetische Felder, Strahlungen, aber auch Gesetzmäßigkeiten oder soziale Prozesse und alles, was in Zukunft noch entdeckt werden sollte. So wollte Lenin erreichen, dass der Materiebegriff nie veralten kann.

    Kritiker wenden ein, damit habe er aber den Materiebegriff so weit gefasst, dass er jeden Erklärungswert verliert. Lenins Materiebegriff sei faktisch die Bankrotterklärung des Materialismus. Wenn alles Materie ist, was nicht menschliches Bewusstsein ist, dann wäre ein Gott oder eine wie auch immer geartete geistige Ursache der Welt per Definition eben Materie.

    Den Verteidigern des Materialismus geht es dagegen um Folgendes: Sind das Primäre an der Welt, am Sein die objektiven Dinge, Tatbestände, Eigenschaften, Zusammenhänge etc.? Oder ist das Primäre der subjektive oder ein objektiver Geist? Die Beantwortung dieser Frage halten sie für fundamental für viele weitere philosophische Standpunkte. Die Frage, wie man die objektive Realität nenne, sei demgegenüber sekundär, faktisch bedeutungslos.


    Raum und Zeit


    Raum

    Der Raum ist ein elementarer Tatbestand unserer menschlichen Welt und nicht zuletzt deshalb ist Raum ein zentraler philosophischer Begriff, der von verschiedenen Philosophen unterschiedlich definiert wird.

    Für den Alltagsverstand, der noch durch keine philosophischen und naturwissenschaftlichen Gedanken sensibilisiert ist, ist der Raum eine Art Gefäß, in dem alles existiert, innerhalb dessen alles stattfindet. Würde nichts existieren und sich nichts ereignen, gäbe es dieses Gefäß trotzdem. Es wäre dann leer. So betrachtet ist das Sein – und alle seine Bestandteile – im Raum, der keinen Anfang und kein Ende hat.

    In der Philosophie ist eine andere Auffassung vorherrschend (die allerdings in verschiedenen Varianten auftritt):

    Der Raum ist im Sein. Raum ist Ausgedehntheit materieller Dinge und ihr Nebeneinander. Raum ist, wo Energie und Gravitation ist. Wo alles dies nicht ist, ist der Raum nicht nur nicht feststellbar, er ist nicht existent. Für sich allein, »An-sich« ist der Raum nicht(s).


    Bis zur Entwicklung der Relativitätstheorie durch Einstein galt in der Naturwissenschaft die newtonsche Physik als unumstößliche Wahrheit und damit der dreidimensionale euklidische Raum als absolute Größe, unendlich in alle Richtungen. Für die heutige Physik ist der Raum grenzenlos, aber endlich, eine dynamische Größe in einer gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit, im Wechselspiel mit sich bewegenden Körpern und der Wirkungsweise von Kräften.

    »›Wie das?‹, fragt erschrocken sogleich unser
    ›gesunder Menschenverstand‹, der hier wieder einmal
    nicht gleich mitkommt (und das, wie stets,
    in aller Unschuld für ein Gegenargument hält).«
    Hoimar von Ditfurth (1921–1989)
    Deutscher Neurologe und Sachbuchautor

    Als ich zum ersten Mal die Hypothese vernahm, dass das Weltall grenzenlos, aber endlich sei, habe ich mich – wie die meisten anderen Menschen auch – gefragt, was denn nun außerhalb des Weltalls ist. Ein Ende des Raumes konnte ich mir nicht vorstellen. Vor dem Hintergrund der Relativitätstheorie habe ich dieses Problem nicht mehr. Schon ca. 250 Jahre vor der Relativitätstheorie sagte der bedeutende französische Philosoph Blaise Pascal (1623–1662):

    Das Weltall ist eine Kugel, deren Mittelpunkt überall,
    deren Oberfläche nirgends ist.


    Zeit

    Die Zeit ist ein elementarer Tatbestand unserer menschlichen Welt und nicht zuletzt deshalb ist Zeit ein zentraler Begriff in der Philosophie, der von verschiedenen Philosophen unterschiedlich definiert wird.

    »Die Zeit ist der beste Lehrer –
    leider tötet sie alle ihre Schüler.«
    Hector Berlioz (1803–1869)
    Französischer Komponist


    Es gilt hier vieles, was ich eben im Bezug auf den Raum bereits erwähnt habe. Für den Alltagsverstand, der noch durch keine philosophischen und naturwissenschaftlichen Gedanken sensibilisiert ist, ist Zeit eine Art Gefäß, innerhalb dessen alles stattfindet. Würde sich nichts ereignen, gäbe es dieses Gefäß trotzdem. So betrachtet ist das Sein – und alle seine Bestandteile – in der Zeit, die keinen Anfang und kein Ende hat.

    »Die Zeit vergeht. –
    Sie weiß es nicht besser.«
    Erich Kästner (1899–1974)
    Deutscher Schriftsteller


    In der Philosophie ist eine andere Auffassung vorherrschend (die allerdings in verschiedenen Varianten auftritt):

    Die Zeit ist im Sein. Sie ist abhängig von bewegtem Sein. Zeit ist das Aufeinanderfolgen von Zuständen (subjektiven oder objektiven). Wo es keine Bewegung, keine Aufeinanderfolge gibt, gibt es auch keine Zeit.


    (Anmerken möchte ich hier, dass meine diesbezügliche Auffassung nicht unumstritten ist. Vertreter der Relativitätstheorie sagen, Zeit sei eine Dimension – so wie die drei räumlichen –, die auch unabhängig von Bewegung existiert. Bewegung bedeutet in der Philosophie mehr als in der Physik. Näheres weiter hinten.)


    Ewigkeit

    Ewigkeit ist nicht endlos lange Zeit. Ewigkeit und Zeit sind zwei verschiedene Dinge. Es gibt etwas. Das ist eine objektive Wahrheit. Die Auffassung, dass es immer irgendetwas gibt, ist Ewigkeit. Und in dem Moment, wo sich etwas bewegt, gibt es zusätzlich zur Ewigkeit auch noch Zeit.

    »Was also ist ›Zeit‹? Wenn mich niemand danach fragt,
    weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären,
    weiß ich es nicht.«
    Augustinus von Hippo (354–430)
    Christlicher Kirchenlehrer



    Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

    Sie sind immer im Jetzt, immer in der Gegenwart!

    Nie in der Vergangenheit oder Zukunft.

    »Das Sein ist ungeworden, und unzerstörbar, [...]
    es war nicht und wird nicht sein,
    denn im Jetzt ist es als Ganzes, Zusammenhängendes.«
    Platon



    Erinnerungen und Erwartungen

    Aber, werden Sie einwenden, ich habe das Erleben, es gebe ein »vor dem Jetzt«, es habe eine Vergangenheit gegeben. Diese Erlebnisse heißen »Erinnerungen«.

    »Die Erinnerung ist das einzige Paradies,
    aus dem man nicht vertrieben werden kann.«
    Jean Paul (1763–1825)
    Deutscher Schriftsteller


    Und die Vorstellung, es werde ein »nach dem Jetzt«, eine Zukunft geben, heißt »Erwartungen«. Auch für die Reihenfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird das Wort »Zeit« benutzt. Aber:

    Vergangenheit und Zukunft haben keine subjektive Realität! Subjektive Realität haben nur die Erinnerungen und Erwartungen als Erlebnisse im Jetzt.

    Vergangenheit und Zukunft sind Vorstellungen unseres Verstandes, ohne die wir im praktischen Leben nicht auskommen. Aber »An-sich« sind sie nicht(s)!

    Es gibt nur Gegenwart! Mit immer neuen Inhalten!

    Einige Fachleute in moderner Physik wenden hier ein, eine solche Vorstellung sei nicht vereinbar mit der Auffassung Einsteins, dass es im Universum keine Gleichzeitigkeit gebe. Ich sehe da keinen absoluten Widerspruch. Einstein hat auch gesagt:

    Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist für uns Wissenschaftler eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige.

    (Sie werden weiter hinten in dem Kapitel über die Dialektik noch sehen, dass Zukunft und Vergangenheit existieren und gleichzeitig nicht existieren. Es kommt nur darauf an, wie man es »sieht«.)

    Als ich zum ersten Mal die Urknall-Hypothese vernahm, da habe ich mich – wie die meisten anderen Menschen auch – gefragt, was denn vor dem Urknall war. Einen Beginn der Zeit konnte ich mir nicht vorstellen. Heute habe ich dieses Problem nicht mehr. Wo sich nichts bewegt, wo keine Aufeinanderfolge ist, da ist die Zeit nicht nur nicht feststellbar – es bewegen sich ja auch keine Uhren –, es gibt dann überhaupt keine Zeit, weil Zeit nur Aufeinanderfolge von Erlebnissen (subjektiv) bzw. Ereignissen (objektiv) ist.

    Der naturwissenschaftliche Zeitbegriff der Relativitätstheorie und der philosophische Zeitbegriff sind nicht identisch, schon allein deshalb nicht, weil verschiedene Philosophen verschiedene Zeitbegriffe haben. Ich führe obiges Einstein-Zitat an, weil viele Menschen, die von sich glauben, in Übereinstimmung mit den modernen Naturwissenschaften zu sein, oft mit ihren Auffassungen im Widerspruch zu diesen stehen. Ein wichtiger Unterschied ist: Nach Einstein können wir über die Gegenwart nichts wissen. Nach Auffassung vieler Philosophen können wir nur etwas über die Gegenwart wissen, weil nur sie gewiss ist. Das kommt u. a. zum Ausdruck, wenn der große deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) schreibt:

    Nur, was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.


    Kant

    Eine in der Gegenwartsphilosophie weitverbreitete Auffassung über Raum und Zeit geht auf Kant zurück. Nach ihm ist der »Raum die Form, nach der uns alle Erscheinungen der äußeren Sinne gegeben werden«, den Dingen, der Welt komme er nicht zu. Die Zeit sei »reine Form unseres inneren Sinnes«, den Dingen, der Welt komme sie nicht zu. Nach Kant trägt das menschliche Denken Raum und Zeit in die Welt hinein. So weit geht die moderne Naturwissenschaft nicht.


    Menschliches Vorstellungsvermögen und Welt

    Sie haben eine bestimmte räumliche und zeitliche Ausdehnung. Ihr Vorstellungsvermögen ist an diese spezifische Ausdehnung gebunden. Nun zeigt uns die moderne Naturwissenschaft, dass es in der Welt räumliche und zeitliche Dimensionen gibt, die unser Vorstellungsvermögen sprengen.

    Zählen Sie von 1 bis 1000 und sprechen Sie jede Zahl aus.
    Machen Sie es, bevor Sie weiterlesen! Sie lernen daraus.



    Wenn Sie zügig zählen, schaffen Sie das in einer viertel Stunde. Wenn Sie auf diese Weise bis eine Million zählen wollten (ohne die Tausender, Zehntausender etc. auszusprechen), dann bräuchten Sie dafür 1000 Viertelstunden. Das ist ungefähr ein Monat, wenn Sie jeden Tag ca. 8 Stunden und 20 Minuten zählen. Wollten Sie auf diese Weise bis eine Milliarde zählen, bräuchten Sie dafür 1000 Monate. Das sind 83 Jahre.


    Durch dieses Beispiel bekommen Sie wohl eine gewisse Vorstellung davon, was es bedeutet, wenn wir an eine Zahl einfach mal eben drei Nullen ranhängen – Viertelstunde, ein Monat, ein Menschenleben.


    Zeit

    Können Sie sich einen Zeitraum von hundert Jahren vorstellen? Je länger ein Mensch lebt, desto eher kann er dies. Aber eine Million oder eine Milliarde Jahre können wir uns so wenig vorstellen, wie eine millionstel oder milliardstel Sekunde.

    Es gibt in der Welt Prozesse, die über Milliarden Jahre ablaufen, zum Beispiel die Existenzdauer einer Sonne. Es gibt in der Welt Prozesse, die über milliardstel Sekunden verlaufen, zum Beispiel die Existenzdauer einiger subatomarer Teilchen, die in physikalischen Versuchsanstalten erzeugt werden.



    Raum

    Die Entfernung zum nächsten Supermarkt ist im Bereich Ihres Vorstellungsvermögens. Wenn Sie einmal mit dem Auto viele Stunden unterwegs waren, dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, was 300 Kilometer bedeuten. Eine Lichtsekunde ist das Tausendfache davon. Das Licht bewegt sich in einer Sekunde ca. 300.000 Kilometer weit. Eine für den Menschen unvorstellbare Strecke. Die nächste Sonne – nach unserer Heimatsonne – ist aber nicht 4,2 Lichtsekunden, auch nicht 4,2 Lichttage, sondern 4,2 Lichtjahre entfernt. Um dort hinzufahren, bräuchten Sie Hunderttausende von Jahren. Auch mit einem Ferrari ;-)

    Unser Universum hat eine Ausdehnung von ca. 13 Milliarden Lichtjahren. Unsere Milchstraße hat eine Ausdehnung von ca. 100.000 Lichtjahren. Die Sonne ist ca. 8 Lichtminuten von uns entfernt, der Mond ca. eine Lichtsekunde. Die Erde hat einen Durchmesser von ca. einer fünfzigstel Lichtsekunde.
    Ein Metallatom hat in etwa eine »Breite« von einem viertel milliardstel Meter. Vier Metallatome sind ca. ein Nanometer breit. 400.000 Metallatome nebeneinander haben etwa die Breite eines menschlichen Kopfhaares.


    Können Sie sich vorstellen, dass sich in einem Blutstropfen viele Millionen Blutkörperchen befinden? Können Sie sich vorstellen, dass die Inhalte aller Bücher der Weltliteratur bald auf einem Chip in der Größe einer Briefmarke gespeichert werden können?

    Nicht nur die Philosophie, sondern gerade auch die heutigen Erkenntnisse der Naturwissenschaften und die Möglichkeiten moderner Technik führen zu der Erkenntnis:

    Wir dürfen nicht von unserem menschlichen Vorstellungsvermögen auf das unabhängig von uns existierende Sein schließen.



    Bewegung, Kausalität, Gesetz und Mathematik


    Bewegung

    Bewegung bedeutet in der Philosophie nicht einfach nur Ortsveränderung von Körpern, sondern jede Art von Veränderung. Die unterschiedliche Bedeutung des Begriffs Bewegung in Physik und Philosophie ist oft Ursache von Missverständnissen.

    Bewegung ist konstitutiv für Materie, Raum und Zeit.

    Nach dem heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild ist Materie in letzter Instanz Energie und Energie in letzter Instanz Bewegung. Damit ist Bewegung nicht nur die Daseinsform der materiellen Dinge, sondern sie ist für die Dinge konstitutiv.

    Ohne Dinge und Energie gibt es keinen Raum. Deshalb ist auch für den Raum Bewegung konstitutiv.

    Ohne Bewegung gibt es keine Zeit. Zeit ist Aufeinanderfolge von Ereignissen (objektiv) bzw. von Erlebnissen (subjektiv). Unabhängig davon hat sie keine Existenz. Deshalb ist auch für die Zeit Bewegung konstitutiv.

    »Wir messen also nicht nur die Bewegung durch
    die Zeit, sondern auch die Zeit durch die Bewegung,
    weil sie einander begrenzen und bestimmen.«
    Aristoteles



    Kausalität

    Kausalität (von lat. »causa« = Ursache) bedeutet, dass ein Ereignis oder ein Tatbestand von einem anderen Ereignis oder Tatbestand bedingt bzw. verursacht ist. Den Zusammenhang von Ursache und Wirkung nennt man Kausalnexus (von lat. »nexus« = Verbindung).

    Die Welt ist von Ursache-Wirkungs-Ketten durchzogen. Es ist aber in der Philosophie umstritten, ob diese Kausalität auch unabhängig von uns Menschen im Sein vorhanden ist oder ob wir Menschen diese Kausalität schaffen. Hier stoßen wir wieder auf die Grundfrage der Philosophie. Materialistische und idealistische Positionen treten hier aber nicht nur in reiner, sondern auch in vermischter Form auf.


    Kant

    Besonders bedeutsam für die philosophische Debatte ist auch hier wieder die Position Kants. Er postulierte einerseits die Existenz der »Dinge an sich« – das materialistische Element seiner Philosophie –, andererseits behauptete er, in dieser Welt der Dinge an sich gebe es keine Kausalität, sondern diese werde (wie vieles weitere) vom Menschen in die Welt hineingetragen – das ist das idealistische Element seiner Philosophie. Auch hier folgt ihm die moderne Naturwissenschaft nicht.

    Im praktischen Leben ist die Anerkennung der Kausalität unabdingbar. Wir handeln, um etwas zu erreichen. Könnte unser Handeln keine Wirkung haben, gäbe es überhaupt keinen Grund, irgendetwas zu tun. Aber:

    Kausalität ist nicht feststellbar. Sie hat keine subjektive Realität. Subjektive Realität hat nur das Miteinander und das Nacheinander. Das »Durcheinanderbedingt« ist in letzter Instanz eine Vermutung unseres Verstandes.


    Auf die Kausalität werde ich im Kapitel über die Frage nach der Möglichkeit menschlicher Willensfreiheit noch einmal zurückkommen.

    Sie lesen dieser Einführung mit dem Ziel, etwas über Philosophie zu erfahren. Würde das Lesen dieser Einführung diese Wirkung nicht haben, gäbe es keinen Grund, sie zu lesen.



    Gesetze

    Die Bewegungen zeigen Regelmäßigkeiten. Ohne solche Regelmäßigkeiten, oder – um ein anderes Wort dafür zu verwenden – ohne solche Gesetze könnte sich nichts bilden, könnte nichts entstehen, könnten wir nicht handelnd ins Geschehen eingreifen.

    »Wir können die Natur nur dadurch beherrschen,
    dass wir uns ihren Gesetzen unterwerfen.«
    Francis Bacon (1561–1626)
    Englischer Philosoph


    Ob die von uns beobachteten Gesetze auch unabhängig von uns im Sein vorhanden sind oder wir Menschen diese »erfinden«, ist in der Philosophie umstritten. Hier stoßen wir wieder auf die Grundfrage der Philosophie. Materialistische und idealistische Positionen treten auch hier nicht nur in reiner, sondern auch in vermischter Form auf.


    Kant

    Besonders bedeutsam für die philosophische Debatte ist auch hier wieder die Position Kants. Er postulierte einerseits die Existenz der »Dinge an sich« – das materialistische Element seiner Philosophie –, andererseits behauptete er, in der Welt der Dinge an sich gebe es keine Gesetze, sondern diese würden (wie vieles weitere) vom Menschen in die Welt hineingetragen – das ist wieder das idealistische Element seiner Philosophie.

    »Der Mensch ist der Gesetzgeber der Natur!
    Unsere Erkenntnis richtet sich nicht nach den Gegenständen,
    sondern die Gegenstände richten sich nach unserer Erkenntnis!«
    Immanuel Kant

    Beachten sollten Sie einen wichtigen Unterschied zwischen den Naturgesetzen (auch deskriptive = beschreibende Gesetze genannt) und den Gesetzen, die eine Gruppe von Menschen für ihr Zusammenleben aufstellt (auch normative Gesetze genannt). Gegen die von Menschen aufgestellten Gesetze können Sie verstoßen, aber nicht gegen die Naturgesetze. Könnten Sie gegen ein bestimmtes Naturgesetz verstoßen, gäbe es dieses Naturgesetz gar nicht bzw. nicht immer und überall.

    »Jedes Naturgesetz, das sich dem Beobachter offenbart,
    lässt auf ein höheres, noch unerkanntes schließen.«
    Alexander von Humboldt (1769–1859)
    Deutscher Naturforscher



    Mathematik

    Zu den Gesetzmäßigkeiten der Welt gehört, dass viele Dinge, Erscheinungen etc. nach mathematischen Regeln aufgebaut und miteinander verbunden sind. Und sich nach mathematischen Regeln bewegen bzw. funktionieren.

    Auch hier gibt es wieder den Streit, inwieweit die mathematischen Gegenstände bzw. Sachverhalte, mit denen sich die Mathematik beschäftigt, von den Menschen selbst geschaffen werden oder ob sie von den Menschen im Sein vorgefunden werden. Auch hier stoßen wir wieder auf die Grundfrage der Philosophie und es gibt auch hier materialistische, idealistische und Mischpositionen.

    Für den Platonismus sind mathematische Terme und Begriffe unabhängig vom menschlichen Denken existierende platonische Ideen, abstrakte Objekte, die der Mensch erkennen könne.

    »Ubi materia, ibi geometria.«
    (Wo Materie ist, da ist Mathematik.)
    Johannes Kepler (1571–1630)
    Deutscher Naturphilosoph und Astronom


    Eine direkte Gegenposition dazu bezieht der Konventionalismus, nachdem Aussagen der Mathematik und der Logik nur aufgrund der konventionellen Festlegung der Bedeutungen ihrer Grundbegriffe wahr seien, nicht weil ihre Aussagen auf irgendwelche unabhängig vom Menschen existierende Tatbestände wie platonische Ideen etc. hinwiesen. Mathematische Axiome und aus ihnen abgeleitete Theoreme seien Wahrheiten aufgrund semantischer Regeln.

    »Was wir mathematisch festlegen, ist nur zum
    kleinen Teil ein objektives Faktum, zum
    größeren Teil eine Übersicht über Möglichkeiten.«
    Werner Heisenberg (1901–1976)
    Deutscher Physiker und Nobelpreisträger


    Einstein antwortete auf die Frage, ob 2 x 2 = 4 seien:
    »Ich bin mir nicht sicher.«

    Diese Aussage Einsteins wird häufig als eine nicht ganz ernst gemeinte, augenzwinkernde Äußerung des Schöpfers der Relativitätstheorie angesehen. Was Einstein aber tatsächlich damit ausdrücken wollte, ist, dass es keine letzte Sicherheit darüber geben kann, ob die mathematischen Zusammenhänge, von deren Richtigkeit wir im täglichen Leben ausgehen (müssen), in dem von uns Menschen unabhängig existierenden Sein auch so Geltung haben wie in unserer menschlichen Welt.

    »Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit
    beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind,
    beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit.«
    Albert Einstein


    Wenn behauptet wird, Raum, Zeit, Gesetze, Kausalität und Mathematik würden von den Menschen ins Sein »hineingetragen«, dann winken viele Menschen ab und sprechen von realitätsfernen Fantastereien. Aber Sie sollten wissen, dass es zum Teil die bedeutendsten Vertreter der Philosophie und der Naturwissenschaften waren, die solche Auffassungen vertreten haben. Dadurch werden diese Auffassungen nicht automatisch wahr! Aber macht es entsprechende Aussagen nicht wenigstens überlegenswert?



    3. Kapitel – Lösungen

    Lösung 1
    Helligkeit hat nach dem gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisstand etwas zu tun mit bewussten Lebewesen, die vermittels ihrer Augen und ihres Gehirns ein gewisses Spektrum elektromagnetischer Wellen als Helligkeit erleben. So betrachtet gibt es unabhängig von sehenden Wesen keine Helligkeit. Aber auch keine Dunkelheit! Da diese nur als Gegenteil der Helligkeit existiert und einen Sinn macht. Im Kapitel Dialektik wird dies noch näher erklärt.
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