Vorheriges Kapitel Inhaltsverzeichnis Nächstes Kapitel Peter Möller Einführung in die Philosophie 4. Kapitel Erkenntnistheorie »Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.« Gotthold Ephraim Lessing (17291781) Deutscher Dichter und Philosoph | In diesem Kapitel wird vermittelt, welche unterschiedlichen Vorstellungen es in der Philo-sophie darüber gibt: Was Erkenntnisse und Wahrheiten sind und wie man zu ihnen gelangt. Wie man mit dem, was man für wahr hält, umgeht. In diesem Zusammenhang erfahren Sie hier etwas über Empirismus und Rationalismus, Induktion und Deduktion, Verifikation und Falsifikation, Denken, Verstand, Vernunft und Intelligenz. Welche Bedeutung Gefühl, Glaube und Intuition im Erkenntnisprozess haben. Was Dogmatismus und Skeptizismus bedeuten. Sie erfahren hier etwas über die Evolutionäre Erkenntnistheorie und die Buddhistische Theorie der zwei Wahrheiten. | Viele Philosophen meinen, dass am Anfang der Philosophie die Erkenntnistheorie stehen sollte. Bevor wir uns um eine Erkenntnis des Seins bemühen, sollten wir uns zuerst einmal darüber im Klaren werden, was Erkenntnis, was Erkenntnisse überhaupt sind. Wie sie zustande kommen, was das Wesen, das Grundsätzliche der Erkenntnis ist, welche Quellen, wel-che Gültigkeit, welche Sicherheit, welche Grenzen und welche Ziele Erkenntnisse haben. Und wie wir mit dem, was wir für Erkenntnisse halten, umgehen. | Epistemologie Früher nannte man die Erkenntnistheorie Epistemologie (von gr. »episteme« = Wissen). Besonders in den englischsprachigen Ländern aber nicht nur dort ist dies auch heute noch die Bezeichnung für Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Auch in deutsch-sprachiger Literatur wird man noch des Öfteren diesen Begriff finden, besonders die adjektivische Form »epistemisch«, was so viel bedeutet wie »die Erkenntnis oder die Erkenntnistheorie betreffend« oder »aus Sicht der Erkenntnistheorie«. »Die Früchte vom Baume der Erkenntnis sind es immer wert, dass man um ihretwillen das Paradies verliert« Ernst Haeckel | (Für die nicht Bibelfesten: Der biblischen Überlieferung nach wurden Adam und Eva von Gott aus dem Paradies verwiesen, weil sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten.) Empirismus Der englische Philosoph John Locke (16321704) sagte: | Es ist nichts im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen war. | Empirismus (von gr. »emperie« = Erfahrung, Wissen) ist die philosophische Auffassung, die nur oder in allererster Linie in der Wahrnehmung ein legitimes und verlässliches menschliches Erkenntnisverfahren sieht. Der Empirismus wurde über die Jahrhunderte hinweg besonders stark in England vertreten, was bis in die Gegenwart nachwirkt. Im Allgemeinen versteht man unter Wahrnehmung mit den Sinnesorganen aufgenomme-ne Informationen der Außenwelt oder des eigenen Körpers. Was wir sehen, hören, rie-chen, schmecken und ertasten, hat empiristische Realität. Die Grundaussage des Empirismus: | Wahr ist, was uns unsere Sinne vermitteln. | Die Wahrnehmungen, die ein Subjekt hat, kann es nicht bezweifeln. Ob es aber durch diese Wahrnehmungen sicheres Wissen über die von ihm unabhängig existierende objektive Welt erlangen kann, ist in der Philosophie umstritten. Kritiker weisen zum Beispiel auf Fata Morganas, Halluzinationen und Träume hin. In solchen Situationen glauben wir, etwas wahrzunehmen, was tatsächlich aber nicht exis-tiert. Außerdem gibt es Methoden, Sinnestäuschungen gezielt herbeizuführen. Wenn Sie zum Beispiel ihren Blick auf den schwarzen Punkt in der Mitte des grünen Kreis mit gelbem Rand fixieren und nach ca. 30 Sekunden auf die weiße Zimmerdecke blicken, dann sehen Sie dort einen roten Kreis mit blauem Rand. 
Aber auch das moderne naturwissenschaftliche Weltbild widerspricht dem Empirismus. Naturwissenschaftlich betrachtet gibt es die Welt, die für uns Menschen empirische Rea-lität hat, unabhängig von uns nicht. So absurd es Ihnen auch erscheinen mag: Wenn Sie nicht in Ihrer Wohnung sind und auch kein anderes mit einem Großhirn ausge-stattetes Lebewesen, wie Ihr Partner oder Ihre Katze , dann gibt es Ihren Computerbildschirm, auf den Sie gerade blicken, nicht. Auch nicht Ihren Fernseher, Ihr Sofa, das rote Kissen darauf, die Schrän-ke, die Betten etc. Unabhängig von erkennenden bewussten Wesen gibt es nach dem gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erkennt-nisstand energetische Vorgänge, die für sich allein weit von dem entfernt sind, was Sie als Bett, Schrank, Tisch, Bücherbord usw. wahrnehmen. Schon Ihr Hund erlebt die Gegenstände in Ihrer Wohnung anders als Sie, weil er ein weniger weit entwickeltes Gehirn hat. | Mädchen und junge Frauen mit Magersucht nehmen ihren Körper anders wahr, als er ist bzw. als andere Menschen ihn wahrnehmen. | Abbildtheorie Die Abbildtheorie ist eine Form des Empirismus, die durch keinerlei Skepsis beeinträch-tigt ist. Lenin sagte, wir würden die objektiven Tatsachen in unserem Bewusstsein widerspiegeln. Diese Widerspiegelungstheorie kann leicht zum Naiven Realismus führen. Russell und sein zeitweiliger Schüler und Weggefährte, der bedeutende österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein (18891951) haben zeitweilig eine unkritische Abbildtheorie vertreten. Anfänglich glaubten sie, wir könnten die tatsächliche Welt empi-risch wahrnehmen, sie gedanklich in ihre elementarsten Teile zerlegen und zu jeder dieser atomaren Einzelheit könne dann ein wahrer atomarer Satz gebildet werden. Später ließen sie diese Vorstellung aber fallen. (Während die Menschen in den Ländern mit sowjetischem System dazu vergattert waren, die leninsche Widerspiegelungstheorie zu vertreten.) Was sehen Sie auf diesem Bild? Sehen Sie eine junge Frau? Oder sehen Sie eine alte Frau? Einige Betrachter dieses Bildes sehen zuerst eine junge Frau, andere sehen zuerst eine alte Frau. Nach einer Weile »kippt« das Bild plötzlich um und zeigt uns scheinbar etwas anderes. Da sich die Reize aus der Außenwelt auf unsere Augen wohl nicht geändert haben, scheint lediglich in unserem Bewusstsein eine Änderung vor sich gegangen zu sein. Etwas, das wir als außerhalb und unabhängig von uns erleben, ist scheinbar nur so, wie es ist, weil wir es so interpretieren. Wir scheinen hier die Wirklichkeit zu schaffen. Wenn Sie zum ersten Mal das folgende Bild sehen, werden Sie wahrscheinlich nichts damit anfangen können. Wenn Sie aber das Bild im Abschnitt Lösungen (Lösung 1) gesehen haben, und dann noch einmal auf dieses Bild sehen, dann erkennen Sie das Bild aus dem Abschnitt Lösungen in obigem Bild wieder. Auch hier scheinen wir Wirklichkeit zu schaffen. Was im Beispiel mit obigem Bild sehr schnell geschah, das passiert bei Sprache und Schrift über viele Jahre hinweg, in der Regel in der Kindheit. Sie empfinden es wahr-scheinlich als Selbstverständlichkeit, dass Ihnen das Wort »TOR« etwas sagt. Wenn Sie »TOR« sehen oder hören, dann nicht, weil auch unabhän-gig von Ihnen dieses »TOR« besteht, sondern weil Sie die deutsche Sprache verstehen und lesen gelernt haben. | Deutlich machen können Sie sich dies anhand eines ganz simplen Vergleichs: Ein Russe, Araber oder Chinese, der nur seine Sprache und seine Schrift kennt, der erlebt beim Anblick von »TOR« ungefähr das, was Sie beim Anblick von »Þ¥µ« erleben. | Die Angehörigen der eben genannten Völker wissen aber in der Regel, dass es Schrift gibt. Die werden sich sagen: »Das ist etwas in einer Sprache und Schrift, die mir nicht bekannt ist.« Aber der Amazonasindianer, der nicht einmal weiß, dass es so etwas wie Schrift gibt, der erlebt beim Anblick von »TOR« schon wieder was ganz anderes. Wenn Sie also »TOR« sehen oder hören, dann spiegeln Sie nicht einen unabhängig von Ihnen existierenden Tatbestand in Ihrem Bewusstsein wider. Unabhängig von Ihnen mag es durchaus objektive Tatbestände geben (zum Beispiel Schallwellen oder Zeichen auf Papier), die über Zwischenstufen in Ihnen einen Erkenntnisprozess auslösen. Das Ergeb-nis dieses Prozesses sind aber nicht mehr die unabhängig von Ihnen existierenden Tatbestände. Paradoxon des Empirismus Kritiker des Empirismus behaupten, dieser beinhalte ein Paradoxon: Die Auffassung, »sicheres Wissen ist nur auf dem Wege der empiri-schen Erfahrung möglich«, könne selbst nicht der empirischen Erfah-rung entstammen. | Induktion Eng mit dem Empirismus hängt das wissenschaftlich-philosophische Verfahren der Induktion (von lat. »inducere« = (hin)einführen) zusammen. Diese geht vom Einzelnen zum Allgemeinen. Popper war einer der schärfsten Kritiker des Induktionsprinzips. Auf induktivem Weg könnten wir niemals sicheres Wissen erhalten. Früher galt in Europa die Regel: »Alle Schwäne sind weiß.« Nun kam Popper, der als Jude und Sozialdemokrat vor den Nazis aus Österreich flüchten musste, nach Neuseeland. Dort und in Australien gibt es schwarze Schwäne, die Trauerschwäne, die es heutzutage auch in Europa in Zoos und Parks zuweilen gibt. | Das veranlasste Popper zu der Aussage: | Die Beobachtung noch so vieler weißer Schwäne kann nicht ausschließen, dass es auch schwarze Schwäne gibt. | Häufig hängen Wahrheiten, die auf induktiven Weg gewonnen werden, von Bedingungen ab, die nicht immer und überall gelten. Deshalb sollten Sie immer damit rechnen, dass etwas plötzlich anders sein könnte als bisher, weil sich Bedingungen geändert haben bzw. verschwunden sind. Rationalismus Wie weiter vorn erwähnt, sagte Locke: »Es ist nichts im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen war.« Leibniz ergänzte: »Mit Ausnahme des Verstandes selbst.« Rationalismus (von lat. »ratio« = Verstand, Vernunft) ist die philosophische Auffassung, die nur oder in allererster Linie in der Benutzung des Verstandes bzw. der Vernunft ein verlässliches menschliches Erkenntnisverfahren sieht. Der Rationalismus wurde über die Jahrhunderte hinweg besonders stark in Frankreich und Deutschland vertreten, was bis in die Gegenwart nachwirkt. Die Grundaussage des Rationalismus: | Wahr ist, was uns unser Verstand vermittelt. | Die Benutzung des Verstandes bzw. der Vernunft nennt man Denken. »Denken ist die Arbeit des Intellekts, Träumen sein Vergnügen.« Victor Hugo | Denken Umgangssprachlich ist Denken ein sehr umfangreicher und damit unbestimmter Begriff, der alle intellektuellen, geistigen Tätigkeiten umfasst und mit Verstand und Vernunft synonym verwendet wird. Philosophisch betrachtet ist Denken im Bewusstsein vorgenomme-nes Trennen, Verbinden, Unterscheiden, Vergleichen und Beurteilen von Bewusstseinsinhalten und damit verbunden das ständige Her-vorbringen neuer Bewusstseinsinhalte. | Das Ganze ist mehr als ein Teil des Ganzen. Zwei ist mehr als eins. Wenn A = B ist und B = C, dann ist auch A = C. (Weitere Beispiele im Kapitel Logik.) | »Lernen, ohne zu denken, ist eitel. Denken, ohne zu lernen, ist gefährlich.« Konfuzius | Die Logik ist in der Philosophie das Teilgebiet, das sich mit den Grundlagen, Gesetzen und Strukturen des Denkens beschäftigt. Der Logik und dem Denken ist das nächste Kapitel gewidmet. »Viele Menschen würden eher sterben als zu denken. Und in der Tat: Sie tun es.« Bertrand Russell | Vernunft Vernunft bedeutet die Fähigkeit, richtig zu denken. Der Begriff Verstand ist in der Umgangssprache häufig deckungsgleich, in der Philosophie aber zum Teil verschieden. Gelegentlich wird von »geistigen Fähigkeiten« gesprochen, wenn Vernunft gemeint ist. Vernunft heißt zwischen verschiedenen Gedanken, Möglichkeiten etc. abzuwägen und den richtigen zu wählen. »Vernunft hat einen ganz klaren Sinn. Vernunft ist die Wahl der richtigen Mittel zu einem bestimmten Zweck. Die Wahl des Zwecks hat damit nichts zu tun.« Bertrand Russell | Verstand »Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder, der gefragt wird, ist überzeugt, genug davon zu haben.« Frei nach René Descartes | Verstand bedeutet umgangssprachlich die Fähigkeit zu denken. Wörter wie Verstand, Vernunft und Denken werden synonym verwendet. Für den Alltagsgebrauch reicht das. In der Philosophie wird zwischen Wahrnehmung (Empirismus, Perzeption), Verstand (Rationalismus, Apperzeption) und Vernunft als verschiedene sich (notwendig) ergänzen-de menschliche Erkenntnisformen unterschieden. »Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand.« Arthur Schopenhauer | Intelligenz Mit Verstand, Vernunft und Denken gleichgesetzt wird häufig die Intelligenz. (Von lat »intellectus« = Wahrnehmen, Empfinden, Verständnis, Einsicht, Idee u. Ä.) Umgangs-sprachlich wird dieser Begriff mit Klugheit gleichgestellt.
Lieber heimlich klug als unheimlich dumm. | So bedeutet Intellekt ganz allgemein die geistige Erkenntnisfähigkeit, also Vernunft und Verstand. Gefühl und Wahrnehmung wird in der Regel nicht als Teil des Intellekts ange-sehen. »Der Intellekt hat ein scharfes Auge für Methoden und Werkzeuge, aber er ist blind gegen Ziele und Werte.« Albert Einstein | Es gibt verschiedene Arten von Intelligenz und einzelne Individuen können an den verschiedenen Arten von Intelligenz ganz unterschiedlichen Anteil haben. Das heißt konkret, dass Dummheit und Klugheit in einem Menschen dicht beieinander liegen können. So kommt es vor, dass religiöse, politische und/oder philosophische Dogmatiker bzw. Fanatiker in bestimmten Bereichen Hervorragendes leisten, eine große intellektuelle Kraft demonstrieren, wenn es aber um ihren Glauben geht, plötzlich blind werden wie Maulwürfe. | Der Anführer der Irren, die im September 2001 ins World Trade Center geflogen sind, hatte ein Einser-Diplom in Städteplanung. | Sowohl gutes Gedächtnis als auch Kreativität kann in einem Menschen vorhanden sein, es kommt aber auch vor, dass Menschen nur eine dieser beiden Gaben besitzen. Man spricht auch von »Sozialer Intelligenz«, in der nicht nur Verstandeskraft, sondern auch Ethik eine Rolle spielt, und von »Emotionaler Intelligenz«, wo zur Verstandeskraft das Gefühl hinzutritt. | »Der Klügere gibt nach?« Deshalb regiert die Dummheit die Welt. Man kann so lange der Klügere sein, bis man der Dumme ist. | Deduktion Eng mit dem Rationalismus hängt das wissenschaftlich-philosophische Verfahren der Deduktion (von lat. »deducere« = herabführen) zusammen. Diese geht vom Allgemeinen zum Besondern. Von der Regel und dem Fall wird das Resultat abgeleitet. Alle Kinder in Deutschland müssen in die Schule gehen. (Regel) Leon ist ein Kind und lebt in Deutschland. (Fall) Leon muss in die Schule gehen. (Resultat) | Nach Aristoteles verfügen wir mit unserer Vernunft über das Vermögen zur unmittelbaren und irrtumsfreien Erfassung allgemeiner Wahrheiten, aus denen wir deduktiv konkrete wahre Sätze ableiten können. (Dazu Näheres im nächsten Kapitel über Logik.) In der Regel werden wir aber nach Aristoteles den umgekehrten Weg gehen und aus vielen einzelnen Sätzen induktiv eine Regel ableiten. Synthetische Positionen Viele Philosophen haben versucht, aus Empirismus und Rationalismus eine Synthese zu ziehen bzw. beides zu seinem Recht kommen zu lassen. Den für die weitere Philoso-phie-Geschichte bedeutendsten Versuch hat Kant unternommen. Empirismus und Rationalismus hätten beide eine eingeschränkte Gültigkeit. »Erfahrung« ist nach Kant etwas Zusammengesetztes: 1. Von außen kommende Eindrücke, 2. Was unser Verstand hinzutut. Die von außen kommenden Reize würden von uns in einer bestimmten Weise verarbeitet und erst in diesem Prozess entstehe die Welt, so wie sie für uns da sei. Das ist bis hierhin exakt die heutige naturwissenschaftliche Auffassung über den Erkenntnisvorgang! (Im weiteren Verlauf stellt Kant dann allerdings Behauptun-gen auf, die die moderne Naturwissenschaft zurückweist, wie im vorherigen Kapitel be-reits näher ausgeführt.) Eine kritische Analyse müsse beide Faktoren auseinanderhalten. Eine zentrale Aussage Kants in diesem Zusammenhang: Begriffe ohne (sinnliche) Anschauungen sind leer, Anschauungen ohne (rationale) Begriffe sind blind. | Für Kant sind Sinneswahrnehmungen Auslöser für Erkenntnis, aber das war es dann auch. Er sagt: Wir erkennen an den Dingen nur das, was wir selbst in sie hineingelegt haben. | Eine synthetische Position ist auch der Logische Empirismus, wo neben der Empirie die Logik als zweite Erkenntnisquelle angesehen wird. Diese philosophische Strömung wird weiter hinten noch näher erläutert. Intuition Intuition (von lat. »intueri« = betrachten, erwägen) bedeutet unmittelbares Erfassen eines Sachverhalts ohne vorheriges Nachdenken, ohne vorherige Diskussion. Die Intuition wird in der Philosophie häufig dem Denken vorgezogen. So sagte zum Beispiel Platon, den innersten Kern seiner Philosophie könne man nicht lehren. Er entstehe plötzlich intuitiv wie ein von einem springenden Funken entzündetes Licht, das sich nun von selbst erhält. »Das Träumen und Philosophieren hat seine Schattenseiten; wer das zweite Gesicht hat, dem fehlt mitunter das erste.« August Julius Langbehn (18511907) Deutscher Schriftsteller | Intuition und Denken können sich ergänzen. Im Laufe der Ansamm-lung philosophischer Kenntnisse und des selbstständigen Denkens kann es dazu kommen, dass plötzlich intuitiv eine Erkenntnis in einem entsteht, ein Geistesblitz, der nicht auf das reduzierbar ist, was man bisher gehört, gelesen und gedacht hat, der aber nur auf Basis von vielem, was man bisher gehört, gelesen und gedacht hat, möglich ist! | Dieser Vorgang ist eng verwandt mit dem dialektischen Gesetz des »Umschlagens quantitativer in qualitative Veränderungen«, das im Kapitel Dialektik noch näher erläutert wird. An seinem quantitativen Wissen kann man andere teilhaben lassen. Lehrer, Professoren, Sachbuchautoren usw. machen im Prinzip nichts anderes. Sie vermitteln anderen Menschen häppchenweise Wissen, das sie besitzen. Das qualitative Niveau, das ein Mensch hat, kann er anderen Menschen, die sich auf einem niedrigeren Niveau befinden, nicht unmittelbar vermitteln. Das qualitative Niveau kann sich nur im einzelnen Individuum auf Basis von quantitativem Wissen entwickeln. Intuitionismus Intuitionismus ist die philosophische Lehre, nach der bestimmte Sachverhalte unmittelbar erkannt werden. Es gibt den ethischen und den mathematischen Intuitionismus. Gefühl Gefühl ist ein unklarer Begriff, der für verschiedene körperliche und seelische Erschei-nungen benutzt wird: Sinnesempfindungen, Gemütsbewegungen und -verfassungen, Selbstgefühl und Weiteres. Was alles Gefühl genannt wird Gruppe von Bewusstseinsinhalten Die Gefühle sind wie die Wahrnehmungen, die Gedanken, die Vorstellungen, der Wille und die Bedürfnisse eine wichtige Gruppe von Bewusstseinsinhalten. Lust und Unlust Gefühle sind die verschiedenen als negativ oder positiv empfundenen subjektiven Zustän-de, die Sie grob unter die Oberbegriffe »Lust und Unlust« ordnen können. Positive Gefühlen sind zum Beispiel: Freude Triebbefriedigung bzw. das Ausleben von Trieben, wozu auch der Aufbau von Triebspannungen gehören kann (zum Beispiel beim Sexualtrieb) das Gefühl, Erfolg zu haben von anderen anerkannt zu werden das Erringen neuer Erkenntnisse | Negative Gefühle sind zum Beispiel: | Schmerz Trauer Angst Peinlichkeit Schuldgefühle Triebunterdrückung Langeweile | »Alles, was das Leben lebenswert macht, hat etwas mit Gefühlen zu tun. Der Verstand soll aber in keinem Lebensbereich völlig fehlen.« Karl Popper | Gefühl als Wissen Gefühl als Ahnung. (Das Gefühl haben, dass etwas Bestimmtes passiert.) »Überall geht ein früheres Ahnen dem späteren Wissen voraus .« Alexander von Humboldt | Gefühl als vage, unklare Erkenntnis. »Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiß.« Fjodor Michailowitsch Dostojewski (18211881) Russischer Schriftsteller | Gefühl als unmittelbares klares Wissen. Ein Gefühl, das so stark, so intensiv ist, dass man überzeugt ist, durch dieses Gefühl objektives Wissen zu haben. (Ähnlichkeit zur Intuition.) »Das Gefühl findet, der Scharfsinn weiß die Gründe.« Jean Paul | Gefühl als Kompetenz (Ein Gefühl, ein Geschick haben, für eine bestimmte Sache oder Tätigkeit.) Gefühl als Tastsinn. (Mit den Fingern oder anderen Körperstellen etwas fühlen.) Gefühle als Grundlage von Ethik Viele Menschen glauben, auf Grund von Gefühlen mit Sicherheit oder abgemildert mit Wahrscheinlichkeit ein Urteil darüber abgeben zu können, ob bestimmte Dinge oder Handlungen richtig, andere falsch sind. Gefühle sind so Grundlagen für Ethik, Moral und Sittlichkeit. (Wird weiter hinten als Gefühlsethik näher ausgeführt.) Gefühl als Gegensatz zum Denken oder zumindest als eine andere Art von Bewusst-seinsinhalten. Die nicht kognitiv (erkenntnismäßig) und nicht volitional (durch den Willen bestimmt) sind, besonders ethische und ästhetische Gefühle. Gefühl in der Philosophie Das Gefühl spielte in der Philosophie meist eine untergeordnete Rolle, da die meisten Philosophen dem Denken den Vorzug vor dem Gefühl gaben. Aber eine Minderheit unter den Philosophen zieht das gefühlsmäßige Erfassen dem denkerischen Erfassen vor. (Eine wichtige Rolle spielt dort häufig die Intuition.) Besonders gilt das für an die Philoso-phie angrenzende menschliche Aktivitäten, wie Kunst und Religion. In der philosophischen Tradition unterschied man zwischen Denken, Fühlen und Wollen. Während denkerische und willentliche Akte immer einen Bezug auf etwas außerhalb des Bewusstseins hatten, galten Gefühle als rein subjektive Zustände. Inwieweit Gefühle uns objektive Tatsachen erkennen lassen, ist umstritten. Im prakti-schen Leben spielt das Gefühl bei unseren Entscheidungen aber häufig eine große Rolle. Wer alles immer nur mit dem Verstand entscheiden will, der wird schnell Probleme bekommen. »Der Mann hatte so viel Verstand, dass er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war.« Georg Christoph Lichtenberg | Es gibt Philosophen, die Vernunft, Verstand, Denken etc. für völlig untauglich halten, irgendeine Erkenntnis zu vermitteln, die diese geistigen Aktivitäten schroff ablehnen oder zumindest stark abwerten. Zwei besonders exponierte Vertreter dieser Auffassung waren der schweizerisch-französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (17121778) und der deutsche Philosoph Ludwig Klages (18721956). »Wenn die Natur uns dazu bestimmt hat, gesund zu sein, so wage ich fast zu behaupten, dass der Zustand der Reflexion ein Stand gegen die Natur, dass ein Mensch, der denkt, ein entartetes Wesen ist.« Jean-Jacques Rousseau | Diesen Leuten wird von anderen Philosophen Inkonsequenz vorgeworfen. Mit folgender Begründung: In dem Moment, wo jemand argumentiere, setze er voraus bzw. ziehe zumindest in Erwägung, dass der menschliche Verstand in der Lage sei, zwischen verschiedenen Argumenten zu wählen, das Richtigere, Plausiblere oder Wahrscheinli-chere auszuwählen. Wer dem menschlichen Verstand von vornherein diese Fähigkeit abspreche, der brauche nicht mehr zu argumentieren bzw. seine Verhaltensweise sei paradox. | Wären diese Leute konsequent, würden sie den Mund halten. | Glaube Das Wort »glauben« hat verschiedene Bedeutungen. Unterschiedliche Verwendungen dieses Wortes sind oft Ursache von Missverständnissen. Umgangssprachlich bedeutet »glauben« gewöhnlich »für wahrscheinlich halten«. »Ich glaube, es regnet heute noch.« Die Bewölkung nimmt Formen an, die in der Vergan-genheit meist zu Regen geführt haben oder die Wettervoraussage war entsprechend. Beim »Glauben« kann aber auch das Gefühl hinzutreten. »Ich glaube dir.« »Ich glaube an dich.« Man vertraut einem Menschen. »Glaube ist Gewissheit ohne Beweise.« Henri-Frédéric Amiel (18211881) Schweizer Schriftsteller | Dieses Vertrauen geht über das durch den Verstand Begründbare hinaus. »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.« Bibel, Johannes 20, 29 | Und diese Form von »Glauben« leitet über zur religiösen Bedeutung dieses Begriffes. Wenn ein Mensch sagt: »Ich glaube an Gott«, dann meint er in der Regel nicht, dass er die Existenz Gottes für wahrscheinlich hält. Wer diesen Satz benutzt, ist meistens überzeugt, dass Gott existiert. Glauben ist hier gleich sicheres Wissen. Koran: »Es soll kein Zwang sein im Glauben.« Sure 2, 256 »[Muslim ...] lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.« Sure 18, 29 »Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.« Sure 109, 6 | Unser Glaube lenkt unsere Wahrnehmungen, unsere Vorstellungen, unsere Gefühle, unser Denken und die Interpretation unserer Erlebnisse. Das führt dazu, dass Menschen, die den gleichen Umwelteinflüssen ausgesetzt sind, in verschiedenen Welten leben. Das kann so weit gehen, dass der Glaube eine Änderung des körperlichen Zustandes eines Menschen herbeiführt. Ob der Glaube über den körperlichen Zustand des Glaubenden hinaus weitere objektive Tatbestände der Welt verändern kann, ist umstritten und geht in den Bereich der Religion und der Esoterik. Religiöse Menschen sprechen oft pathetisch davon, dass der Glaube Berge versetzen könne. Im übertragenen Sinne stimmt das, da der Glaube den Menschen große Kräfte verleihen kann. | Dogmatiker sind oft bereit, für ihren Glauben zu sterben. Leider auch andere dafür sterben zu lassen! Schlimmstes Beispiel in der Gegenwart sind die Selbstmordattentäter. Über die Richtigkeit der Glaubenssätze sagt das allerdings überhaupt nichts, da die Menschen für ganz unterschiedliche Glaubenssätze bereit sind, zu sterben und sterben zu lassen. »Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn, Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn.« Friedrich von Schiller (17591805) Deutscher Dichter und Philosoph | Die Bewertung des Glaubens in der Philosophie Seit Platon, aber besonders für die Aufklärung, galt Glaube in der Philosophie als eine unvollkommene und bedenkliche Vorform des Wissens und etwas, das die Menschen ab einem bestimmten Entwicklungspunkt hinter sich lassen müssten. Marx ging davon aus, dass der Glaube in der Zukunft, im Kommunismus absterben würde. Für die Rationalisten ist die Vernunft das letztlich alles Begründende. »Der Glaube schwindet, und es entsteht die Philosophie.« Francesco de Sanctis (18171883) Italienischer Literaturwissenschaftler | Andere Philosophen bewerteten den Glauben positiver. (Wenn auch nicht immer im reli-giösen Sinne.) Aristoteles sprach davon, dass an die ersten Prinzipien geglaubt werden müsse, und Popper sagte, am Anfang aller Erkenntnis stehe der irrationale Glaube an die Vernunft. Bei dem bedeutenden dänischen Philosophen Sören Kierkegaard (18131855) und bei den Existentialisten, wie Heidegger und dem deutschen Philosophen Karl Jas-pers (18831969), spielte der Glaube eine große Rolle. »Aller Glaube ist unwillkürliche Hingebung des Geistes an eine Vorstellung von Wahrheit.« Friedrich Heinrich Jacobi | Die christlichen Geistlichen, Theologen und Philosophen und viele Vertreter anderer Religionen haben sich seit der Antike bemüht, den Glauben als einen selbstständigen Bewusstseinsbereich neben und über dem Wissen zu etablieren. In der mittelalterlichen Philosophie der Scholastik wurde über das Verhältnis von Glauben und Wissen bzw. von Glauben und Vernunft diskutiert. Zwei gegensätzliche Positionen waren: Glaubenskritik Gegen den Glauben wird von vielen Philosophen eingewendet, dass gerade in den ver-schiedenen Religionen an Verschiedenes geglaubt wird. Zum Beispiel was die konkrete Beschaffenheit Gottes anbetrifft und welches Verhalten er von den Menschen erwartet. Es gibt keine verlässlichen Kriterien, nach denen der eine Glauben als richtig, der andere als falsch bezeichnet werden könnte. | Auf die Glaubenskritik komme ich im Kapitel über die Religion noch einmal zurück. Meinen, Glauben und Wissen Kant und im Anschluss an ihn viele weitere Philosophen unterscheiden zwischen meinen, glauben und wissen. »Meinen« bzw. »Meinung« ist eine Weise des »Für-wahr-Haltens« wie »glauben« und »wissen« und steht wertmäßig unter diesen beiden. Die Grenzen zwischen diesen drei Begriffen sind allerdings besonders in der Umgangssprache fließend. Meinung ist unbegründete Auffassung ohne restloses Überzeugtsein. Sie gibt lediglich eine gewisse Plausibilität wieder. (Das hindert allerdings nicht, dass viele Menschen ihre Meinung mit Wissen verwechseln und häufig aus ihrer Meinung gleich ein Dogma machen.) »Wer seine Meinung nie zurückzieht, liebt sich selbst mehr als die Wahrheit.« Joseph Joubert | Meinung: »Mein Nachbar klaut mir die Zeitung aus dem Briefkasten!« Ich trau ihm das zu. | Glauben ist eine Weise des »Für-wahr-Haltens« wie »meinen« und »wissen« und steht wertmäßig zwischen diesen beiden. Glauben bedeutet nicht nur Plausibilität, sondern subjektive Überzeugung. Diese Überzeugung ist aber anderen nicht unbedingt vermittel-bar. Andere Menschen glauben etwas anderes. Glauben: »Ich glaube fest daran, dass mein Nachbar meine Zeitungen geklaut hat.« Er hat schon früher gestohlen und gerade habe ich ihn auf dem Balkon, die Zeitung lesen sehen, die ich abonniert habe. | Wissen ist eine Weise des »Für-wahr-Haltens« wie »meinen« und »glauben« und steht wertmäßig über diesen beiden. Für »Wissen« können Sie auch die Begriffe »Erkenntnis« oder »Wahrheit« benutzen. Wissen ist begründbare Erkenntnis. Wissen: »Ich habe gesehen, dass mein Nachbar mir die Zeitung geklaut hat.« Ich habe es mit meiner Handy-Kamera gefilmt. | Und die Begründung des Wissens muss intersubjektiv sein, sie muss von Menschen gleichen Bildungsgrades nachvollziehbar sein. Was überzeugende Gründe sind, darüber wird in der Philosophie allerdings gestritten. Wissenschaft Wissenschaft ist die systematische, methodische, ordnende, erklä-rende und begründende Untersuchung von allem, was Menschen geistig zugänglich ist, in welcher Form auch immer. Ziel ist, Erschei-nungen im materiell-natürlichen, geistigen und kulturellen Bereich zu beschreiben und Gesetze, Zusammenhänge etc. aufzudecken. Und Wissenschaft bedeutet auch die Summe dessen, was auf diesen Wegen von den Menschen an Wissen hervorgebracht wurde. | Wahrheit und Wahrheitstheorien »Sag die Wahrheit!« Das haben Sie seit Ihrer Kindheit bestimmt schon häufig gehört. Im Alltagsleben scheint es noch leicht zu sein, die Wahrheit festzustellen. Wer die Vase zerbrochen hat, über diesen Tatbestand gibt es scheinbar eine eindeutige Wahrheit, auch wenn die nicht immer feststellbar ist. In der Philosophie ist das etwas komplizierter. Wahrheit ist ein zentraler Begriff der Philosophie. Das Streben der Philosophen gilt in der Regel der Wahrheit. Was das allerdings ist, »Wahrheit«, ob und wie sie erlangt werden kann, an was sie zu messen sei, darauf werden in der Philosophie ganz unterschiedliche Antworten gegeben. Umgangssprachlich bedeutet Wahrheit die Übereinstimmung von einem Gedanken oder einer Aussage mit dem, was tatsächlich vorhanden oder passiert ist. | Auch in der Philosophie wurde oft genau das unter Wahrheit verstanden. So lautet der klassische Wahrheitsbegriff der abendländischen Philosophie, den der bedeutende mittel-alterliche Philosoph Thomas von Aquin (12241274) geprägt hat: | Veritas est adaequatio intellectus et rei. | Auf Deutsch: »Wahrheit ist Übereinstimmung von Geist und Sache.« Wahrheit bedeutet, dass uns in unserem Bewusstsein ein objektiver Tatbestand gegenwärtig ist, und zwar so, dass jede Täuschung ausgeschlossen ist. Sie lesen im Moment gerade diesen Satz. Dessen können Sie sich ohne jede Täuschung gewiss sein. Hiermit haben Sie ein Beispiel für eine unbezweifelbare Wahrheit. | Korrespondenztheorie In neuerer Zeit wird für diese Auffassung auch der Begriff Korrespondenztheorie verwen-det. Eine Aussage ist wahr, wenn sie mit dem Sachverhalt, den sie beschreiben will, korrespondiert. In diesem Sinne sind sowohl die philosophischen Materialisten wie auch die Objektiven Idealisten Vertreter der Korrespondenztheorie. Auch die Skeptiker vertre-ten diese Auffassung, sagen aber, dass wir uns nie sicher sein könnten, ob wir eine Wahrheit im Sinne der Korrespondenztheorie gefunden haben. Keine Anhänger der Kor-respondenztheorie sind die Vertreter der diversen Spielarten des Subjektiven Idealismus, da es nach ihren Auffassungen keine vom erkennenden Subjekt unabhängig existieren-den Tatbestände, Dinge, Eigenschaften etc. gibt, mit denen das subjektive Bewusstsein korrespondieren könnte. »Man sollte dem Anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen.« Max Frisch (19111991) Schweizer Schriftsteller | Prädikativer und attributiver Wahrheitsbegriff Unterschieden wird auch zwischen einem prädikativen und einem attributiven Wahrheits-begriff. In der Regel wird der prädikative Wahrheitsbegriff verwendet. Ein Satz oder ein Gedanke ist wahr, wenn die Aussage (im Sinne der eben erklärten Korrespondenztheorie) richtig ist. Beim attributiven Wahrheitsbegriff ist eine Sache, ein Lebewesen, eine Erscheinung etc. an sich wahr. »Ein wahres Kunstwerk.« »Ein echter Mensch.« »Ein richtiges Bedürfnis.« Dem liegt die Auffassung zu Grunde, dass alles eine Idealform habe, dem es entsprechen müsse, um wahr zu sein. Diese Auffassung findet man unter anderem bei Platon und Hegel. Aber auch völlig unphilosophische Menschen haben (meist unbewusst) diese Einstellung. »Es gibt noch etwas anderes als Moden; es gibt Werte, es gibt Wahrheiten.« Simone de Beauvoir (19081986) Französische Schriftstellerin | Evidenzialismus Der Evidenzialismus ist die philosophische Position, nach der es unvernünftig und falsch ist, an etwas zu glauben, das nicht entweder gut bewiesen oder offensichtlich richtig, das heißt evident ist. Kritiker wenden ein, hier werde das menschliche Erkenntnisvermögen unkritisch als tauglich angesehen, etwas über das Sein auszusagen. Bertrand Russell, der nicht an Gott glaubte, wurde einmal gefragt, was er sagen würde, wenn er nach seinem Tode einem Gott begegnen würde, der ihn fragen würde, warum er nicht an ihn geglaubt habe. Darauf antwortete Russell: | Zu wenig Evidenz, Gott. Einfach zu wenig Evidenz. | Kritische Grundhaltung zur objektiven Wahrheit Die Mehrheit der Gegenwartsphilosophen sind im Verlaufe ihrer Überlegungen zu dem Schluss gekommen, dass objektive Wahrheit im Sinne der Korrespondenztheorie für den Menschen nicht erreichbar sei oder die Menge der objektiven Wahrheiten, die ein Mensch haben könne, im Vergleich zu dem nicht Erkennbaren und den Vermutungen sehr gering sei. Deshalb gibt es heute in der Philosophie viele verschiedene Wahrheitstheorien, die keinen Bezug zu einer eventuell existierenden objektiven Wahrheit mehr haben. »Glaube denen, die die Wahrheit suchen. Und zweifle an denen, die sie gefunden haben.« André Gide (18691951) Französischer Schriftsteller und Nobelpreisträger | Konsenstheorie Weitverbreitet ist die Konsenstheorie der Wahrheit (von lat. »consensus« = Übereinstim-mung). Wahr sei, worüber in einem freien, offenen Diskurs ein Konsens gefunden werden könne. Die Konsenstheorie gibt es in unterschiedlichen konkreten Ausformungen. Eine der einflussreichsten ist die von dem bedeutenden deutschen Philosophen Jürgen Haber-mas. (Geb. 1929). »Die Idee der Wahrheit lässt sich nur mit Bezugnahme auf die diskursive Einlösung von Geltungsansprüchen entfalten.« Jürgen Habermas | Kritiker dieser Theorie wenden ein, dass sich auch Milliarden kluge und freie Menschen zusammen irren können, dass das menschliche Erkenntnisvermögen eventuell gar nicht in der Lage ist, das Sein bzw. seine grundsätzlichsten Wesenszüge zu begreifen. Die Anzahl der zustimmenden Subjekte kann kein Gradmesser für die Richtigkeit einer Aussage sein. Scheiße riecht gut. Millionen Hunde können sich nicht irren. | Kohärenztheorie Vielfach vertreten wird auch die Kohärenztheorie der Wahrheit (von lat. »cohaerentia« = Zusammenhang). Diese sagt aus, ein Satz sei wahr, wenn er sich widerspruchsfrei in ein System bereits vorhandener wahrer Sätze einordnen lasse. Die Kohärenztheorie vergleicht nur noch Sätze untereinander. Kritiker dieser Theorie wenden ein, dass hier die Wahrheit der Logik stillschweigend vorausgesetzt werde. Außerdem könne es nach dieser Theorie mehrere voneinander unabhängige, sich widersprechende Systeme von Wahrheiten geben. So ist zum Beispiel festgestellt worden, dass neben der euklidi-schen Geometrie weitere in sich widerspruchsfreie nichteuklidische Geometrien möglich sind. | Pragmatischer Wahrheitsbegriff Ein weiterer heutzutage weitverbreiteter Wahrheitsbegriff ist der des Pragmatismus. Wahr sei, was sich im praktischen Leben, bei der Bewältigung praktischer Probleme bewähre. Für einige sehr strenge Pragmatiker gibt es einen anderen »objektiven« Maßstab für Wahrheit gar nicht. So fragte der amerikanische pragmatische Philosoph William James nach dem »cash-value« (engl. Barwert) einer Vorstellung. Überspitzt ausgedrückt: Um wie viel Dollar oder Euro wächst mein Vermögen, wenn ich an eine bestimmte Philosophie glaube? | Der Sänger Heino, der wegen der Texte seiner Lieder oft an-gegriffen wurde, sagte sinngemäß: »Wenn du Zweifel daran hast, ob du das Richtige machst, schau auf dein Konto, was da los ist. Und auf meinem Konto war immer einiges los.« | Kritiker dieser Wahrheitstheorie wenden ein, dass auch Verbrecher, Diebe, Mörder, wenn sie denn mit ihrem Vorgehen Erfolg haben, richtig liegen, Wahrheit vertreten. »Eine Vorstellung ist wahr, solange es für unser Leben nützlich ist, sie zu glauben!« William James | Utilitaristischer Wahrheitsbegriff Weitgehend identisch mit dem pragmatischen Wahrheitsbegriff ist der utilitaristische Wahrheitsbegriff. Für den Utilitarismus (von lat. »utilis« = brauchbar, nützlich) ist Wahr-heit gleich Nützlichkeit. Der englische Philosoph Jeremy Bentham (17481832), der Begründer des sozialen Utilitarismus, sagte, das Ziel menschlichen Strebens sei Glück und das individuelle Glücksstreben sei am ehesten erfolgreich in Übereinstimmung mit dem Glücksstreben der Mitmenschen. Wahr ist: Das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl. | Kritiker dieser Wahrheitstheorie wenden ein, dass es vom Boden des Utilitarismus aus gerechtfertig sei, einzelne Personen bei medizinischen Experimenten leiden und sterben zu lassen, wenn die Ergebnisse dieser Forschungen dann Tausenden von Menschen Schmerzen und frühen Tod ersparen würden. »Und so gewohnt, für andere zu leben, schien Mühe nur ihm Fröhlichkeit zu geben.« Johann Wolfgang von Goethe | Wahrheit ganz unphilosophisch Es gibt auch Menschen, die machen Wahrheit davon abhängig, wer etwas Bestimmtes tut oder vertritt. Während der Nazi-Zeit gab es in Deutschland eine Kampagne für regelmäßiges Zähneputzen. | Ist regelmäßiges Zähneputzen faschistisch? | Während der Stalin-Zeit gab es in der Sowjetunion eine Kampagne gegen das Alkoholtrinken von Jugendlichen. | Ist es stalinistisch, Jugendlichen vom Alkohol abzuraten? | An diesen beiden sehr offensichtlichen Beispielen können Sie sehen, dass die Richtigkeit bestimmter Auffassungen oder Maßnahmen nicht davon abhängig gemacht werden kann, wer diese Auffassungen vertritt. Es gibt auch Menschen, die machen die Wahrheit davon abhängig, wo man etwas liest. Viele religiöse Menschen glauben, dass in ihrem heiligen Buch, zum Beispiel der Bibel oder dem Koran, die Wahrheit steht. Nun gibt es aber viele Bücher, die von vielen Menschen für heilig gehalten werden, in denen aber Verschiedenes steht. | In der BILD-Zeitung stehen nur Lügen. | In den seriösen Tageszeitungen stehen dagegen die Wahrheiten. So betrachtet sind Sie von der Aufgabe befreit, selbst zu denken, selbst nach der Wahrheit zu suchen. Sie brauchen nur zwei Zeitungen zu lesen, eine, wo die Lügen drinstehen, und eine, wo die Wahrheiten drinstehen. Was aber nun, wenn in beiden Zeitungen das Gleiche steht? Ganz so simpel scheint es also nicht zu sein. Es gibt auch Menschen, die machen die Wahrheit davon abhängig, wer ihnen etwas sagt. | »Der Pfarrer sagt die Wahrheit.« »Der Mullah sagt die Wahrheit.« »Meine Mutter sagt mir, was wahr ist.« »Meine Frau sagt mir, was wahr ist.« »Kleine Kinder und Besoffene sagen die Wahrheit.« | »In vinum veritas«, wussten schon die alten Römer. Im Wein liegt Wahrheit. (Und mit beidem stößt man an.) | Skeptizismus und Dogmatismus Ein weiterer wichtiger Aspekt der Erkenntnistheorie ist, wie Menschen mit Erkennt-nissen, wie sie mit dem, was sie für wahr halten, umgehen. Hier sind besonders zwei Grundrichtungen zu unterscheiden, die sowohl in reiner Form als auch in Mischformen auftreten: Dogmatismus und Skeptizismus. Dogmatismus Dogmatismus war in der Philosophie über lange Zeit hinweg einfach nur der Gegensatz zu Skeptizismus, das heißt, zur Auffassung, dass es eben keine unbezweifelbaren Auffassungen bzw. Aussagen gibt. Ein Dogma (von gr. »doxa« = Meinung) ist ein Glaubenssatz religiöser, philosophischer, politischer oder sonstiger Art, der ausdrücklich oder aber auch unbewusst als unbezwei-felbare Wahrheit und Richtschnur gilt. »Das Dogma ist nichts anderes als ein ausdrückliches Verbot, zu denken.« Ludwig Feuerbach | Für Kant war Dogmatismus eine Philosophie, in der das menschliche Erkenntnisvermö-gen nicht kritisch überprüft wurde, in der man ohne Zuhilfenahme der Erfahrung bzw. Empirie aus reinen Begriffen sicheres Wissen glaubte herleiten zu können. Rationalismus und Metaphysik sind für Kant dogmatisch. Dogmatisches Denken und Verhalten Dogmatismus heißt, bestimmte Auffassungen ohne jeden Zweifel für wahr zu halten. Die Vorstellung, diese Auffassungen könnten eventuell falsch sein, wird als absurd zurückge-wiesen. Die Falschheit dieser Auffassung gilt als unvorstellbar. Die Behauptung, die Auffassungen seien falsch, wird als lächerlich, absurd, infam, schädlich, konterrevolutio-när, gotteslästerlich etc. angesehen. Ein Dogmatiker ist ein Mensch, der mit absoluter Sicherheit davon ausgeht, bezüglich eines bestimmten Sachverhalts die Wahrheit zu kennen. Der Dogmatiker ist der Über-zeugung: »Ich habe recht. Das ist außerhalb jeden Zweifels. Und der Andersdenkende hat unrecht. Und wenn der Andersdenkende sich bemüht und guten Willen hat, dann kann er vielleicht die Wahrheit, die ich bereits besitze, begreifen.« »Ich mag unrecht haben und du magst recht haben; und wenn wir uns bemühen, dann können wir zusammen vielleicht der Wahrheit etwas näher kommen.« Karl Popper | Mit dem Dogmatismus ist oft die Vorstellung verbunden, dass die Dogmen nicht beweis-bar sind und auch nicht bewiesen werden müssten. Der Dogmatismus entzieht sich jeglicher Kritik und hält was auch immer andere sagen, was auch immer an Entwicklungen ablaufen mögen unbeirrbar an den vermeintlich richtigen Auffassungen fest. Häufig aber keineswegs immer sind sich Vertreter von dogmatisierten Auffassungen nicht darüber bewusst, Dogmatiker zu sein. Oft bestreiten sie dies mit aller Entschie-denheit. »Ein Beobachter kann nicht sehen, was er nicht sehen kann. Er kann auch nicht sehen, dass er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann.« Niklas Luhmann (19271998) Bedeutender deutscher Soziologe | Dogmatismus ist in erster Linie ein psychologischer Begriff. Er bezeichnet eine gewisse psychische Verfassung. | Wer die Wahrheit, die der Dogmatiker zu haben glaubt bzw. seine politische, religiöse, kulturelle etc. Gruppe , nicht teilt, ist entweder dumm oder böse. Den Dummen hat man die Wahrheit einfach noch nicht gesagt oder sie sind nicht in der Lage, sie zu verstehen. | Sie sind durch individuelle Beschränktheit oder ihre Lebensumstände daran gehindert. Die Bösen wollen die Wahrheit nicht verstehen, weil sie von niede-ren Motiven geleitet werden. | Für politische Dogmatiker sind sie in der Regel Interessenvertreter feindlicher Klassen oder Völker, Rassen etc. oder sie sind nur an ihrem persönlichen Wohlergehen, Karriere etc. interessiert. Oder sie sind einfach nur verbockt, verbiestert. Früher in der DDR, im »Realen Sozialismus« hörte man auch: | Sie haben dem ideologischen Druck des Klassenfeindes nicht standgehalten. | Es gibt für den Dogmatiker Menschen, die unter einer spezifischen Form von Dummheit »leiden«. Diejenigen, die psychisch nicht ganz in Ordnung sind. Das fängt mit harmlosen Dingen an: | »Er vertritt eine andere Meinung aus Oppositionshobby.« »Er gefällt sich in seiner Märtyrerrolle.« »Er betreibt Selbstbefriedigung.« | In schwereren Fällen ist der Mensch geisteskrank und kommt in die Psychiatrie. Das ist in der früheren Sowjetunion tatsächlich passiert. »Fanatiker, Leute, die imstande sind, ihre Beschränktheit feierlich ernst zu nehmen, vertrage ich nicht.« Siegmund Freud (18561939) Österreichischer Psychoanalytiker | Für religiöse Dogmatiker sind Andersdenkende oder Andersgläubige oft Instrumente des Teufels oder der Teufel selbst. Es gibt für religiöse Dogmatiker Menschen, die durch ihr Karma daran gehindert sind, die Wahrheit bzw. den richtigen Weg zu erkennen. Oder eine besonders widerwärtige Auffassung es gibt Menschen, die einfach nicht teilhaben an der göttlichen Gnade. Was auch immer sie tun, sie sind von vornherein für die ewige Verdammnis prädestiniert. So sahen es u. a. der bedeutende Kirchenlehrer und christli-che Dogmatiker der Spätantike Augustinus von Hippo und der französisch-schweizeri-sche Reformator Johannes Calvin (15091564). Kritiker der eigenen Auffassungen werden von Dogmatikern häufig einfach ignoriert. »Die werden es schon noch merken. Die weitere Entwicklung wird uns recht geben.« »Zur Abwehr der Zweifel wird die bewusste Einstellung fanatisch, denn Fanatismus ist nichts anderes als überkompensierter Zweifel.« Carl Gustav Jung (18751961) Schweizer Psychologe | Wenn Dogmatiker mit Andersdenkenden diskutieren, dann um denen die richtigen Auffassungen zu vermitteln, nicht um selbst dabei zu lernen. Denn alles Wichtige hat man ja bereits richtig erkannt. Die Lernfähigkeit und Lernbereitschaft ist bei Dogmatikern extrem herabgesetzt. Lediglich auf Basis der Wahrheiten, die man bereits zu besitzen glaubt, lernt man noch dazu. Bestenfalls quälend langsam trennt man sich von lieb gewordenen, aber nicht mehr haltbaren Auffassungen, aber nicht ohne vorher noch die Kritiker dieser Auffassungen im Rahmen seiner Möglichkeiten (zumindest verbal) fertigge-macht zu haben. Dass Tausende von anderen Gruppen und Grüppchen ebenfalls glauben, die alleinige Wahrheit zu besitzen, ist dem Dogmatiker entweder gar nicht bekannt, oder er weiß es zwar, glaubt aber, dass die eigene Gruppe eben die Wahrheit hat und die anderen Gruppen nicht. | Eine vielfach anzutreffende Vorgehensweise von Dogmatikern ist, von ihnen oder ihren Vorgängern gemachte Aussagen neu zu interpretieren, wenn sie allzu sehr der Logik, der Plausibilität, den Tatsachen bzw. den Entwicklungen (zum Beispiel der Gesellschaft, der Wissenschaften usw.) entgegenstehen. Das kann dazu führen, dass sie sich in noch größere Widersprüche verstricken, die Behauptungen noch absurder werden, nur noch im Rahmen der Verteidigung der Aussagen nachvollziehbar sind bzw. einen Sinn ergeben. Das kann aber auch dazu führen, dass am Ende nur noch Wörter oder Sätze »gerettet« werden, aber nicht die Inhalte, die ursprünglich mal mit diesen Wörtern und Sätzen verbunden waren. Man gibt seine Auffassungen faktisch auf, ohne sich dessen bewusst zu sein, ohne sich das eingestehen zu wollen. Lenin versuchte den Materialismus dadurch zu retten, indem er alles (mit Ausnahme des menschlichen Bewusstseins) Materie nannte. Den Glauben an Gott versuchen einige dadurch zu retten, dass sie das Sein als Ganzes mit Gott gleichsetzen. Das heißt, die einen nennen das Ganze Materie, die anderen nennen das Ganze Gott. Auf diese Weise rettet man zwar die Wörter Materie oder Gott, aber nicht die damit ursprünglich verbundenen Auffassungen. | Da die in einigen Religionen behauptete Allmächtigkeit, Allwissen-heit und gleichzeitige Allgüte Gottes mit dem Zustand und der Funktionsweise der Welt offensichtlich nicht vereinbar ist, versuchen einige Menschen diese Behauptungen dadurch zu retten, dass sie die Begriffe Allmächtigkeit, Allwissenheit und Allgüte neu bestim-men. Dadurch, dass diese Wörter eine neue Bedeutung bekommen, retten sie aber eben nur diese Wörter, nicht die ursprünglichen Glaubensinhalte. | Fanatismus »Geistlose kann man nicht begeistern, aber fanatisieren kann man sie.« Marie von Ebner-Eschenbach (18301916) Österreichische Erzählerin | Eine besonders gefährliche Form des Dogmatismus ist der Fanatismus (von lat. »fanati-cus« = begeistert, rasend). Zum Dogmatismus tritt hier ein unduldsamer, kompromiss-loser blinder Eifer hinzu. »Bedenkt, dass Fanatiker gefährlicher sind als Schurken. Einen Besessenen kann man niemals zur Vernunft bringen, einen Schurken wohl.« Voltaire | Dummheit In der Philosophie wird der Mensch meist als ein vernunftbegabtes Wesen angesehen zum Teil ja sogar die Welt als Produkt einer Weltvernunft , aber der Mensch ist ja nicht immer vernünftig. Der Mensch ist in einem beträchtlichen Maße ein dummes Wesen. »Dummheit ist ansteckend, Verstand wächst sich kaum zur Epidemie aus.« Kazimierz Bartoszewicz (18521930) Polnischer Satiriker | Große Teile der Bevölkerung scheinen weder fähig noch bereit zu sein, ein umfangreiches Wissen zu erwerben, rational zu denken und vernünftig abzuwägen. Dadurch, dass Sie diese Einführung lesen, gehören Sie schon zu einer Minderheit. Zur Minderheit derer, die es für notwendig oder wünschenswert halten, sich Grundkenntnisse in der Philosophie zu verschaffen. »Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn! Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.« Friedrich von Schiller | Dummheit ist eine Krankheit, die nicht dem wehtut, der von ihr betroffen ist. Sie tut seinen Mitmenschen weh. | Das Erstaunliche ist aber, dass auch hochintelligente und hochgebildete Menschen bis-weilen Auffassungen vertreten und Verhaltensweisen draufhaben, die erheblich weniger gebildete und intellektuell leistungsfähige Menschen oft als große Dummheiten erkennen können. Es gibt eine Dummheit, die ihre Ursachen nicht in mangelnder Bildung oder mangelnden intellektuellen Fähigkeiten hat, sondern in unbewussten psychischen Erkenntnisschranken. Ohne diese Form von Dummheit wären große Teile der Weltgeschichte, der Philoso-phie- und Wissenschaftsgeschichte überhaupt nicht erklärbar. | Vor einigen Jahren verfolgte ich im Fernsehen ein Streitgespräch zwischen einer evangelischen Theologie-Professorin und einem anthroposophischen Mathematik-Professor über das Thema »Aufer-stehung oder Wiedergeburt«. Das lief darauf hinaus, dass diese beiden gebildeten und intelligenten Menschen sich gegenseitig ihren Glauben vortrugen. Aber keiner zog in Erwägung, dass er/sie sich täuschen kann und möglicherweise der Andere recht hat. Oder beide unrecht haben. | »Nichts ist gefährlicher als die Dummheit der Gescheiten.« Erwin Chargaff (19052002) Österreichisch-amerikanischer Schriftsteller | »Du bist nicht ganz dicht!« Den Satz hat wahrscheinlich jeder schon einmal gehört. Tatsächlich sind die Menschen ein Problem, die dicht sind. Die zu sind. In die nichts Neues mehr reingeht. Die nur noch ihren Glauben vortragen können, die unfähig sind, den eigenen Standpunkt noch kritisch zu hinterfragen. | Absolutismus Eine häufige Bezeichnung für Dogmatismus ist Absolutismus (von lat. »absolutus« = losgelöst; unbedingt). Als philosophisch-erkenntnistheoretischer Begriff bezeichnet er die Auffassung, eine bestimmte Aussage sei unbezweifelbar wahr. Die Vorstellung, die Aussage könnte eventuell falsch sein, wird mit Sicherheit ausgeschlossen. Absolutismus kann aber auch eine von Dogmatismus leicht abweichende Bedeutung haben und als Gegensatz zum Relativismus verstanden werden. Ein gewisses Maß an Dogmatismus ist unvermeidlich. Das unmittel-bare Erleben ist aus der Perspektive des Erlebenden nicht bezwei-felbar. Aber häufig werden Auffassungen, die nicht außerhalb des Zweifels sind, verabsolutiert. Und dort wird es problematisch. | Skeptizismus Skeptizismus (von gr. »skepsis« = Zweifel, Zurückhaltung, Untersuchung) bedeutet, dass man die Erkenntnis von letzten Wahrheiten prinzipiell für unmöglich hält. Dem Skepti-zismus steht entgegen der Dogmatismus. »Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie.« Denis Diderot (17131784) Französischer Schriftsteller und Aufklärer | Skeptizismus entsteht aus Zweifel, das heißt aus der Unsicherheit eines Subjekts darüber, ob eine bestimmte Auffassung, Behauptung, Lebenseinstellung etc. oder auch ein bestimmtes Vorhaben richtig oder falsch ist. So allgemein betrachtet kann schon ein Tier Zweifel haben. (Zum Beispiel Flucht oder Angriff?) Konsequenter, vorbehaltloser Zweifel kann zum Skeptizismus führen. »Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe und Fanatiker immer so selbstsicher sind und die klugen Leute so voller Zweifel.« Bertrand Russell | Es gibt in der Philosophie aber auch den »Methodischen Zweifel«. Es wird alles ausge-schaltet, was eventuell falsch sein könnte, um eine Philosophie auf eine absolut sichere, durch keinerlei Einwände mehr zu erschütternde Grundlage zu stellen. Dabei weiß man aber von vornherein, dass bestimmte Aussagen bleiben, die man für unbezweifelbar hält. So war es zum Beispiel bei Augustinus und Descartes. Zu Deutsch: An allem ist zu zweifeln. Diesen Satz gab Marx, der mehrheitlich als Abso-lutist angesehen wird, als Motto seines Lebens an. Skeptizismus ist sowohl eine philosophische Strömung als auch eine Grundhaltung, die in verschiedenen Strömungen auftaucht. »Zweifel ist keine angenehme Voraussetzung, aber Gewissheit ist eine absurde.« Voltaire (16941778) Französischer Philosoph | Es gibt ein Paradoxon des Skeptizismus bzw. Antidogmatismus: Wenn man ihn verabso-lutiert, hat man ihn damit gleichzeitig aufgehoben. Dieses Paradoxon kann vermieden werden, wenn man auch gegenüber dem Skeptizismus skeptisch bleibt. »Immer wenn jemand versucht, Zweifel zu unterdrücken, ist es eine Tyrannei.« Simone Weil (19191943) Französische Philosophin | So wie ein gewisses Maß an Dogmatismus unvermeidlich ist, so ist im Umkehrschluss ein Skeptizismus, der keine Aussage unbezweifelt lässt, ebenfalls unmöglich. Können Sie im Moment, wo Sie Schmerzen haben, bezweifeln, dass Sie Schmerzen haben? | »Einzugestehen, dass man etwas nicht weiß, ist Wissen.« Konfuzius | Skeptiker führen an, das beste Argument für den Skeptizismus sei die Tatsache, dass sich die Philosophen nach zweieinhalb Jahrtau-senden Philosophierens nicht einmal in den Grundpositionen haben annähern können, sondern grundverschiedene sich gegenseitig aus-schließende »Wahrheiten« »erkannt« haben (wollen). | Antiker Skeptizismus Die Vielfalt der philosophischen Systeme in der Antike führte zur Entstehung des antiken Skeptizismus. Als Vorläufer dieser Richtung kann man die Sophisten ansehen. Timon von Phleios (ca. 320230 v. Chr.) sagte, Sinne und Verstand seien Betrüger. Deshalb seien alle Erkenntnisse relativ. Wenn wir uns im praktischen Leben für etwas entscheiden müssen, so sollten wir es nach folgenden drei Richtpunkten tun: Wo natürlicher Zwang ist, folgen wir diesem, aber mit dem Wissen, dass dies falsch sein kann. Wir richten uns nach den Sitten und Gebräuchen der jeweiligen Gesellschaft, ebenfalls mit dem Wissen, dass dies falsch sein kann. Wo auch die fehlen, folgen wir nur unserer Willkür. Aber auch dies kann falsch sein. | Die Erkenntnis von der Unerkennbarkeit alles Bestehenden und die daraus folgende Enthaltung von Urteilen sei die Voraussetzung für das praktische Ideal einer heiteren und unerschütterlichen Seelenruhe. Wenn wir uns für nichts begeistern, dann könne uns auch nichts enttäuschen. Die jüngere (antike) Skepsis stellte die Lehre von den »Tropen« auf: Ein Tropus ist ein Gesichtspunkt, der die Unerkennbarkeit der Wahrheit beweisen soll. Tropen sind zum Beispiel die Verschiedenheit der Menschen oder die Verschiedenheit der Erziehung, Sitte, Religion bzw. der philosophischen Überzeugung. Die Unerkennbarkeit der Wahrheit beweisen zu wollen, ist ein Paradoxon. Man beweist, dass man nichts beweisen kann. | Der neuzeitliche Skeptizismus Als Begründer des neuzeitlichen Skeptizismus gilt der französische Philosoph Michel de Montaigne (15331592). Repräsentanten waren besonders die französischen und engli-schen Aufklärer (die weiter hinten noch genannt werden). »Derjenige, der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten.« Johann Wolfgang von Goethe | Als eine Form des Skeptizismus in der Gegenwartsphilosophie kann man den Kritischen Rationalismus ansehen, mit seiner Theorie des Fallibilismus (von lat. »fallere« = täu-schen, zu Fall bringen ), nach der es keine unfehlbare Erkenntnisinstanz gibt. »Wir sind alle nur vorläufig. Wir müssen unsere Auffassungen immer wieder revidieren.« Hans Albert (geb. 1921) Deutscher Philosoph | Skeptizismus nicht gleich Unwissenheit Stellen sich folgenden Traum vor: Sie stehen vor einen Hof, der zehn mal zehn Meter groß ist. Auf der anderen Seite des Hofes, Ihnen gegenüber zehn Meter entfernt, steht mit großen Buchstaben das Wort WAHRHEIT. Sie betreten den Hof, machen einen großen Schritt, einen Meter weit, auf die gegenüberliegende Wand zu. Aber während Sie diesen Schritt gegangen sind, ist der Hof plötzlich zwölf mal zwölf Meter groß geworden. Anstatt der Aufschrift WAHRHEIT näher gekommen zu sein, hat sie sich von Ihnen entfernt. Sie ist jetzt elf Meter weit weg. Sie machen einen weiteren großen Schritt nach vorn, einen weiteren Meter. Aber während Sie diesen zweiten Schritt gegangen sind, ist der Hof wieder gewach-sen. Er ist jetzt 14 mal 14 Meter groß. Nach dem nächsten Schritt ist der Hof 18 mal 18 Meter groß. Sie sind drei Meter gegangen und das Ziel WAHRHEIT ist fünf Meter weiter von Ihnen entfernt als am Beginn Ihres Weges. Mit jedem weiterem Schritt, den Sie machen, vergrößert sich der Hof exponentiell (2, 4, 8, 16, 32 etc.). Gerade weil Sie auf das Ziel zugehen, entfernt es sich immer weiter von Ihnen. | »Sein und Wissen ist ein uferloses Meer: Je weiter wir vordringen, umso unermesslicher dehnt sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schließt hundert Bekenntnisse des Nichtwissens in sich.« Isaac Newton (16431727) Englischer Physiker und Philosoph | Alle bewussten Wesen haben einen geistigen Horizont. Kinder, Katzen, Erwachsene etc. Kleine Kinder denken oft, dass Erwachsene alles wissen. Denn alle Fragen, die sie haben, kann Mama oder Papa, zur Not Opa, beantworten. Die Fragen, die Papa, Mama, Opa usw. nicht beantworten können, befinden sich außerhalb des geistigen Horizonts des Kleinkindes. (Es gibt auch die Kinder, die nach jeder Antwort wieder "Warum?" fragen, bis die Erwachsenen entnervt aufgeben.) Stellen Sie sich einen Kreis vor, innerhalb dessen sich alles befin-det, was Sie wissen, einschließlich aller Fragen, die Sie haben. Das ist Ihr geistiger Horizont. Jedes Mal, wenn eine Frage beantwortet wird, entstehen mehrere neue Fragen. Ihr geistiger Horizont dehnt sich aus. Ihr Wissen wächst, aber gleichzeitig wächst auch Ihr Nichtwissen, und zwar exponentiell zum Wissen. | »Wir leben alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht alle denselben Horizont.« Konrad Adenauer (18761967) Deutscher Bundeskanzler | Und das, was Sie wissen, ändert mit dem weiteren Wachsen Ihres Wissens seinen Charakter. Viel für sicher gehaltenes Wissen wird zur Wahrscheinlichkeit, manches zur Möglichkeit, manches zum Zweifelhaften. »Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß. Mit dem Wissen wächst der Zweifel.« Johann Wolfgang von Goethe | Wer sich mit Philosophie beschäftigt und kein Dogmatiker wird, der begibt sich auf eine Reise zu einem Ziel, das er nie erreichen wird. Wir sind nicht nur zur Freiheit verurteilt, wie Sartre sagte. | Wir sind zum Wissen und zur Unwissenheit verurteilt. | (Ein weiterer Widerspruch, ein weiteres Paradoxon unserer Existenz.) »Was ist zum Schluss der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All.« Blaise Pascal | Relativismus und Historismus Es gibt philosophische Positionen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit bzw. eine gewisse Nähe zum Skeptizismus haben, aber keineswegs immer mit diesem deckungsgleich sind. Relativismus Relativismus (von lat. »relatio« = Beziehung, »relativus« = bezogen auf, bedingt, verhält-nismäßig) bezeichnet meistens die Auffassung, dass alles Existierende, Menschen, Dinge, Eigenschaften, Taten, Geschehnisse etc. erst durch ihre Beziehung zu anderem bestimmt werden, erst dadurch ihren Wert, ihre konkrete Bedeutung erhalten. Deshalb könne es keine absolute situationsunabhängige Wahrheit geben. Der Relativismus wird auch im Kapitel Dialektik noch einmal angesprochen werden. Der Gegensatz zum Relati-vismus ist der Absolutismus. Ein Haar in der Suppe ist relativ viel. Ein Haar auf dem Kopf ist relativ wenig. | Der Begriff Relativismus wird aber auch des Öfteren im Sinne von Skeptizismus verwen-det. Dann ist der Gegensatz zu ihm der Dogmatismus. Historismus Historismus (von lat. »historia« = Geschichte) bedeutet, alle Erscheinungen unter dem Gesichtspunkt ihrer historischen, geschichtlichen Entwicklung zu betrachten und zu erklären. Auch alle Erkenntnis sei historisch bedingt und im Fluss. »Die Relativität jeder Art von menschlicher Auffassung ist das letzte Wort der historischen Weltanschauung, alles im Prozess fließend, nichts bleibend.« Wilhelm Dilthey (18331911) Deutscher Philosoph | Viele Erkenntnisse der Physik bis ins späte 19. Jahrhundert gelten heute als falsch bzw. als überholt. Und viele Erkenntnisse der heutigen Physik wären den Physikern früherer Jahrhunderte als offensichtlich absurd und falsch erschienen. Zum Beispiel die Relativität von Raum, Zeit und Bewegung. | Sprachkritik Ein ganz zentraler Punkt der Philosophie des 20. Jahrhunderts ist der »linguistic turn«, die Wende zur Sprachphilosophie. Diese wichtige philosophische Strömung wird weiter hinten im Zusammenhang mit der Analytischen Philosophie noch genauer vorgestellt. Ein bedeutender Vertreter der Sprachphilosophie ist Wittgenstein. Er sagt: | Wir können nur so viel erkennen, wie unsere Sprache zulässt. | Gedanken machen wir uns mit Wörtern und Sätzen. Ausdrücken und mitteilen tun wir sie mit Wörtern und Sätzen. Was mit Wörtern nicht ausdrückbar ist, kann nicht erkannt werden, so die Sprachphilosophie. Am Schluss seines berühmten Buches Tractatus logico-philosophicus schreibt Wittgen-stein: »Wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, [sind] unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt [...] Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.« Andere Philosophen wenden ein, dass es auch »nicht-verbale Erkenntnisse« geben kann, Erkenntnisse, die nicht in Wörter gefasst werden können. Tiere »denken« auf ihrer geisti-gen Ebene wahrscheinlich in Bildern. Wir haben und differenzieren in unserem Bewusstsein Eindrücke bzw. Erinnerungen gustatorischer (durch den Geschmacksinn), auditiver (durch den Hörsinn), visueller (durch den Gesichtssinn), olfaktorischer (durch den Riechsinn) und taktiler (durch den Tastsinn) Art. Wenn wir nun diese verschiedenen nonverbalen Eindrücke bzw. Erinnerungen nach einander im Bewusstsein Revue passieren lassen, vergleichen, bewerten, in Relation zu einander setzen etc., dann ist das eine Art nonverbaler Erkenntnis. Es ist also nicht so, dass ohne Sprache überhaupt keine Erkenntnis möglich ist. (Einige Sprachphilosophen behaupten sogar, ohne Sprache sei gar keine Existenz möglich.) Man könnte aber die Position vertreten, die sprachliche Erkenntnis ist umfangreicher und qualitativ höher. Verifikation und Falsifikation Wenn man eine bestimmte Wahrheit oder Theorie zu haben meint, gibt es zwei verschie-dene Verfahren, diese zu überprüfen. Verifikation (Von lat. »verus« = wahr und »facere« = machen) Verifikation heißt etwas zu beweisen. Verifikation ist ein wichtiger Begriff in der Erkenntnistheorie des Neopositivismus, einer bedeutenden philosophischen Strömung, die weiter hinten noch näher besprochen wird. Eine Aussage sei nur dann sinnvoll, wenn sie anhand der Erfahrung als richtig oder falsch erwiesen werden könne. Sinnlos sei ein Satz, wenn er Wörter enthalte, deren Bedeutung nicht geklärt werden könnten, z. B. »Weltseele«, »Gott« oder, »babig«, ein Kunstwort, mit dem der führende Neo-Positivist Rudolf Carnap (18911970) aufzeigen wollte, wie man mit völlig sinnleeren Wörtern formulieren könne. Eine Verifikation müsse intersub-jektiv sein. Metaphysische Sätze, da nicht verifizierbar, seien weder wahr noch falsch, sondern sinnlos. Der Satz: »Gott existiert!« sei ebenso sinnlos wie der Satz: »Gott existiert nicht!«. Die Verifikationsmethode wird besonders von Dogmatikern benutzt, was aber nicht bedeutet, dass jeder, der diese Methode benutzt, ein Dogmatiker ist. Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten 150 Jahre ist eine andere gewesen, als Marx und Engels vorausgesagt haben. Das hat viele Marxisten nicht daran gehindert, den Verlauf der Geschichte und die Texte von Marx und Engels so zu interpretieren, dass sie zusammenpassten. | Falsifikation (Von lat. »falsus« = falsch und »facere« = machen) Widerlegung. Zentraler Begriff der Erkenntnistheorie des Kritischen Rationalismus, einer bedeutenden philosophischen Strömung, die weiter hinten im Zusammenhang mit der Darstellung ihres wichtigsten Vertreters, Karl Popper, noch näher erläutert wird. Im Gegensatz zu den Neo-Positivisten fordert Popper dazu auf, Theorien nicht zu verifizieren, sondern zu falsifizieren. Wenn wir eine Theorie beweisen wollen, dann würden wir das erkennen, was diese Theorie stütze, was ihr widerspreche, würden wir ausblen-den. Dies führe im Extremfall zum Dogmatismus. Deshalb sollten wir versuchen, unsere Theorien zu widerlegen. Fehlersuche wird zum Prinzip erhoben. Wenn wir eine Theorie widerlegt hätten, verwerfen oder veränderten wir sie. Damit würden wir zwar nie endgültige Wahrheiten erreichen denn wir würden auch neue bzw. modifizierte Theorien zu widerlegen suchen aber wir würden uns der Wahrheit annähern. »Die Basis jeder gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.« Kurt Tucholsky (18901935) Deutscher Philosoph | Die Falsifikationsmethode wird besonders von Skeptizisten benutzt, was nicht bedeutet, dass jeder, der diese Methode benutzt, ein Skeptizist ist. Popper, der die Falsifikationsmethode popularisiert hat, war anfäng-lich Marxist. Aber im Gegensatz zu anderen Marxisten hat er in der geschichtlichen Entwicklung die Ereignisse wahrgenommen, die dem Marxismus widersprachen. | Es gibt ein Paradoxon der Falsifikation: Sie kommt ohne Verifikation nicht aus. Die Falsifikation muss verifiziert werden. | Evolutionäre Erkenntnistheorie Eine im 20. Jahrhundert besonders einflussreiche Erkenntnistheorie war die Evolutionäre Erkenntnistheorie. Diese beruht auf der von dem englischen Biologen Charles Darwin (18091882) begründe-ten Evolutionstheorie. Unser Körper und damit auch unsere Sinnesorgane, unser Nerven-system und unser Gehirn hätten sich aus einfachsten Anfängen zu immer komplexeren Apparaten entwickelt und zwar immer in Bezug auf die Umwelt. Die Vernunft sei im Verlauf der Evolution aus Problemsituationen hervorgegangen, die die (höheren) Tiere zu bewältigen hatten. Unser Gehirn und unsere Sinnesorgane hätten sich entwickelt, um uns das Überleben zu ermöglichen, nicht um objektive Wahrheiten zu erkennen. Für ein das Überleben ermöglichendes Handeln sei aber keine hundertprozentige Übereinstim-mung zwischen der objektiven Welt und unserem Bild von dieser Welt nötig. Eine gewis-se Nähe zu bestimmten Aspekten dieser objektiven Welt die für unser Handeln, für unser Überleben von Interesse sind reiche. Die Grundaussage der Evolutionären Erkenntnistheorie: Die Welt, in der wir uns erleben, ist nur ein Bild, das wir uns von der objektiven Welt machen. Die objektive Welt und unser subjektives bzw. inter-subjektives Bild von dieser objektiven Welt seien zwei verschiedene Dinge. Wären diese beiden Welten aber völlig konträr, könnten wir in der objektiven Welt nicht überleben. | Kategorien wie Zeit, Raum und Kausalität seien angeboren. Nicht das einzelne Individu-um habe sie durch Erfahrung erworben, aber unsere tierischen und menschlichen Vorfah-ren haben sie durch Erfahrung über viele Generationen hinweg erworben. Diese Erfahrun-gen hätten sich niedergeschlagen in der Arbeitsweise unseres Gehirns. Bedeutende Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie Konrad Lorenz (19031989). Österreichischer Verhaltensforscher und Schriftsteller, dessen Arbeiten von philosophischer Bedeutung sind und bahnbrechend für die Evolutionäre Erkenntnistheorie waren. Er war Mitbegründer der Ethologie, der Wissenschaft vom instinktiven Verhalten der Tiere. Lorenz sah in der Natur ein »Intelligenzanaloges Verhalten«. Er ging weder von der totalen Unerforschbarkeit der realen Welt aus, noch davon, dass unsere Erkenntnisse absolute Wahrheiten seien. »Unsere Arbeitshypothese lautet also: Alles ist Arbeitshypothese.« Konrad Lorenz | Hoimar von Ditfurth (19211989) Deutscher Professor für Psychiatrie und Neurologie. Er ist besonders als Wissenschaftsjournalist, TV-Moderator und Sachbuchautor über naturwissenschaftliche Themen bedeutend. | »Die Frage danach, wie getreulich das im Gehirn rekonstruierte Bild der Welt eigentlich der objektiven, außerhalb von uns existierenden realen Welt entspricht, ist das zentrale Thema aller Erkenntnisforschung.« Hoimar von Ditfurth | Rupert Riedl (19252005). Österreichischer Zoologe, Evolutionsforscher, Erkenntnis- und Wissen-schaftstheoretiker. Ein entschiedener Kritiker des Kausalitätsdenkens. Egon Brunswik (19031955). Österreichischer Biologe. Beschäftigte sich mit dem Gehirn und der Erkenntnistheorie. Karl Popper Ein weiterer bedeutender Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie ist Karl Popper, auf den in einem gesonderten Abschnitt näher eingegangen wird. Ratiomorpher Apparat Das im Verlaufe der Evolution entstandene menschliche Gehirn nennt Egon Brunswik »ratiomorphen Apparat« (von lat. »ratio« = Verstand und gr. »morphe« = Gestalt, Form), was so viel heißt wie »nur der Form nach rational«. Nach Rupert Riedl bildet dieses Gehirn unter anderem folgende Hypothesen: Wir vermuten: Bei gleichen Gegenständen gleiche Eigenschaften Vergleichshypothese (oder auch Analogieschluss). Ordnungsmuster in der Welt Dependenzhypothese. Wiederkehr von Strukturen Normenhypothese. Konstanz in der Kombination gewisser Merkmale Interdependenzhypothese. Dass jedes Ding an seinem Ort ist Hierarchie-/Orthypothese. Eine zeitliche Konstanz hat Tradierungs-/Zeithypothese. Analog zu menschlichen Zwecken objektiv-allgemeine Zwecke Zweckhypothese. Dass alles eine Ursache hat Kausalitätshypothese. Dass bei bekannter Ursache eine bekannte Folge eintritt Exekutivhypothese. | Was wir im Alltagsleben Wissen, Erkenntnis, Wahrheit nennen, bestehe aus den eben aufgezählten Hypothesen. Auch für einen Großteil der wissenschaftlichen Erkenntnisse treffe dies zu. Als Grundlage des praktischen Lebens und als Grundlage großer Teile der Wissenschaften aber nicht aller Bereiche! benötigten wir diese Hypothesen. Aber inwieweit diese Hypothesen etwas über die von uns unabhängige Welt aussagen, wie weit die Übereinstimmung dieser Hypothesen mit der objektiven Realität geht, das ist eine offene Frage. | Eine Grundaussage der Evolutionären Erkenntnistheorie: Vom menschlichen Vorstellungs- und Denkvermögen dürfe man nicht auf das Sein schließen. | Viele Ergebnisse der modernen Physik stehen konträr zum gesunden Menschenverstand. | Überwucherung des Mittels über den Zweck Im Verlaufe der Evolution des Erkenntnisapparates kommt es dazu, dass Fähigkeiten entstehen, die zum Überleben nicht notwendig sind. Der deutsche Philosoph Hans Vaihinger (18521933) entdeckte das »allgemeine Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck«. Das menschliche Gehirn ursprünglich nur ein Organ, das uns das Überleben ermöglichen sollte entwickelte sich so weit, dass es zu höherer Mathematik fähig wurde, etwas, das wir zum Überleben nicht benö-tigen. Der deutsche Philosoph und Psychologe Wilhelm Wundt (18321920) nannte diesen Prozess »Heterogonie« (von gr. »hetero« = verschieden und »gignomai« = entstehen). Im Verlaufe der Evolution entstünden andere Wirkungen als die ursprünglich »beabsichtig-ten«. Vergleich Tier Mensch Interessante Hypothesen über die menschliche Erkenntnisfähigkeit können vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie aufgestellt werden, wenn man sich das Erkenntnis-vermögen von Tieren ansieht. William James schrieb in diesem Zusammenhang: | Ich selbst lehne entschieden den Glauben ab, dass unsere menschli-che Erfahrung die höchste Form der Erfahrung, die es im Weltall gibt, sein soll. Eher glaube ich, dass wir zum Ganzen der Welt in fast der-selben Beziehung stehen wie unsere Lieblingshunde und -katzen zum Ganzen des menschlichen Lebens. Sie bevölkern unsere Wohnzim-mer und Bibliotheken. Sie nehmen teil an Szenen, von deren Bedeu-tung sie keine Ahnung haben. Sie treten in bloß vorübergehende, tangentenhafte Berührung mit dem gewundenen Lauf der Geschich-te ... Ähnlich kommen wir mit dem umfassenderen Leben der Dinge nur tangential in Berührung ... | Hoimar von Ditfurth sprach von »subhumanen Weltbildern«. Je nach Entwicklungshöhe von Gehirn, Nervensystem und Sinnesorganen hätten die Tiere einen unterschiedlich großen Einblick in die Welt. Wir Menschen als das in dieser Hinsicht höchstentwickelte Lebewesen auf diesem Planeten hätten zwar einen unvergleichlich größeren Einblick in die Welt als die Tiere, aber auch unser Einblick sei beschränkt. Woher fragt er, sollten wir im Anbetracht einer über Milliarden Jahre ablaufenden Evolu-tion des Lebens, einer seit zig Millionen Jahren ablaufenden Evolution von Gehirnen, die Sicherheit hernehmen, ausgerechnet zu unseren Lebzeiten und verkörpert durch uns habe das Erkenntnisvermögen seinen höchstmöglichen Stand erreicht? Woher sollten wir die Gewissheit nehmen, wir hätten uns alle qualitativen Seinsschichten erschlossen, so dass es in Zukunft nur noch quantitativen Wissenszuwachs geben kann? Er schreibt: Wir sind, um es einmal so zu formulieren, eigentlich nur die Neandertaler von morgen. | Man könnte noch weitergehen und sagen: Wir sind eventuell nur die Affen von morgen. Nicht in dem Sinne, dass unsere Nachfahren einst so sein werden wie heute die Affen, sondern in dem Sinne, dass unsere Nachfahren einst so weit über uns stehen werden, wie wir heute über den Affen stehen. Wenn die bisherige Evolution des Lebens nicht nur zur Entstehung immer neuer Arten, sondern auch zur Entstehung immer höherer Arten geführt hat, warum sollte dies in der Zukunft nicht auch so sein? Wieso sollte der Mensch und das menschliche Erkenntnisvermögen das Höchste sein, was die Evolution hervorbringen kann? Wie plausibel ist es vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie, den Menschen als »Krone der Evolution« anzusehen? | Im Christentum ist der Mensch die »Krone der Schöpfung«. Aber aus biologischer Sicht, aus Sicht der Evolutionstheorie sind wir nicht die »Krone der Evolution«. Da es in der Vergangenheit eine Evolution des Lebens und damit auch eine Entwicklung zu immer höheren Arten gegeben hat, ist es durchaus plausibel, anzunehmen, dass es auch in Zukunft eine Evolution des Lebens und eine Entwicklung zu immer höheren Formen geben wird. Ob es tatsächlich so kommt, das werden wir allerdings nie erfahren, da ein Menschenleben dafür zu kurz ist. Der bedeutende englische Physiker Stephen Hawking (geb. 1942) geht davon aus, dass, wenn wir uns keine totalitäre Weltordnung schaffen, irgendwann irgendwer irgendwo gen-technisch optimierte Menschen schaffen wird und dass am Ende dieses Jahrtausends, vorausgesetzt die Menschheit gelang dorthin, die Unterschiede zu heute fundamental sein werden. In den Kapiteln über Dialektik und Gott werde ich auf diesen Gedanken aus anderen Blickwinkeln noch zurückkommen. »Wir sind nur eine fortgeschrittene Art von Affen auf einem kleinen Planeten eines durchschnittlichen Sterns. Aber wir können das Universum verstehen. Das macht uns zu etwas ganz Besonderem.« Stephen Hawking | Auch die Entwicklung künstlicher Intelligenz, Computer, die wie unser Gehirn neuronale Netze sind, ihre Weiterentwicklung zu eigenständigen Subjekten und/oder ihre unmittel-bare Verbindung mit dem Menschen ist von kaum überschätzbarer philosophischer Bedeutung. Es könnten eventuell Erkenntnismöglichkeiten entstehen, die eine völlig neue, für uns Menschen nicht begreifbare Qualität haben. Es könnten Entwicklungen ablaufen, die über die menschliche Gattung hinausweisen auf höhere biotische Arten, wie aber auch auf eine nachbiotische Evolution. Die buddhistische Lehre von den zwei Wahrheiten Der Buddhismus ist eine in Indien entstandene teils religiöse, teils philosophische Weltanschauung. So wie es in Europa viele christliche Philosophen gab, so gab es in Asien viele buddhistische Philosophen. Unter den buddhistischen Erkenntnistheorien gibt es eine, die ich für besonders erwäh-nenswert halte: die Lehre von den zwei Wahrheiten. In dieser Lehre wird zwischen einer niederen und einer höheren Wahrheit unterschieden. Eine Behauptung kann aus Sicht des gemeinen Verstandes als wahr erscheinen, aus einem höheren Blickwinkel aber als falsch (A = gemeine Wahrheit, B = höhere Wahrheit). Das Gegensatzpaar AB kann aus einem höheren Blickwinkel aber auch wieder falsch sein, eine falsche Alternative (AB = gemeine Wahrheit, C = höhere Wahrheit). ABC kann nun wiederum auch nur eine gemeine Wahrheit sein usw. usf. So ergibt sich die Möglichkeit eines stufenweisen Aufstiegs zu immer höherer, umfassenderer Wahrheit. Dazu folgendes Beispiel: A »Jeden Morgen geht die Sonne auf und abends geht sie unter.« (Aussage A. Gemeine Wahrheit. Empirische Wahrheit. Grundlage praktischen Handelns. An der Richtigkeit dieser Aussage zu zweifeln, ist für viele Menschen einfach nur »dummes Zeug«. Diese Leute würden allerdings Probleme bekommen, sollte es sie mal nach Nordskandinavien verschlagen. (Sehen Sie hierzu noch einmal die Lösung 3.) B »Die Sonne geht weder auf noch unter. Wir leben auf einer Kugel, die sich um ihre eigene Achse dreht. Deshalb erscheint es uns so, als ob die Sonne auf- und untergehe. In Wirklichkeit bewegt sich die Erde.« (Aussage B. Höhere Wahrheit. Rationale, naturwissenschaftliche Wahrheit.) C »Es gibt keine absolute Bewegung. Wir haben kein absolutes Bezugssystem, an dem wir eine solche messen könnten. Seit Aristoteles ging man davon aus, mit dem Äther (gr. = »Himmelsluft«) ein solches Bezugssystem zu haben. Einstein verwarf dessen Exis-tenz. Die heutige Physik geht davon aus, dass alle Bewegung relativ ist. Ob sich etwas bewegt oder nicht, ist immer eine Frage der Betrachtung bzw. der Interpre-tation.« (Aussage C. AB erweist sich als falsche Alternative. Abstraktes Denken, Leibniz, Relativitätstheorie.) D »Es gibt überhaupt keine Bewegung. Unsere Sinne spiegeln uns nur eine solche vor. Bewegung ist subjektiver Schein. In Wirklichkeit gibt es nur unveränderliches, statisches Sein.« (Platon und sein »Vorgänger«, der griechische Philosoph Parmenides ca. 540475 v. Chr.) (Aussage D. Die Alternative AB oder C ist eine falsche. Beginn des philosophischen Denkens.) E »In dem Moment, wo ich Bewegung erlebe, gibt es Bewegung. Mindestens in meinen Erlebnissen. Und da meine Erlebnisse ein Teil des Seins sind, gibt es Bewegung im Sein.« (Aussage E. Die Alternative AB-C oder D erweist sich wieder als falsche.) »Die Frage ist nicht, ob es Bewegung gibt, sondern, ob es unbewegliche Teile des Seins gibt. Gibt es einen unbeweglichen Kern des Seins? Zum Beispiel die Sphäre der platonischen Ideen? Was versteht man überhaupt unter Sein? Was versteht man unter Schein? Was versteht man unter Bewegung?« (Fortschreitendes philosophisches Erkennen.) Wenn Sie das nächste Mal in einem Zug sitzen, dann achten Sie einmal auf Folgendes: Wenn der Zug nach dem Halt an einem Bahnhof langsam anfährt, dann können Sie beim Hinaussehen den Eindruck bekommen, dass sich der Bahnsteig bewegt, nicht der Zug. (Mir geht es jedenfalls so.) Die geringe Beschleunigung spüren Sie nicht. Es ist im praktischen Leben aber sinnvoll, davon auszugehen, dass sich der Zug bewegt und nicht der Bahnsteig. Auf der Erde ist die Erde der Bezugspunkt für Bewegung. Die Bewegung der Erde um ihre eigene Achse, die Bewegung der Erde um die Sonne, die Bewegung unseres Sonnensystems um das Zentrum unserer Milchstraße usw. usf. spüren wir nicht. Sehr beängstigend wirkt es dagegen auf die meisten Menschen, wenn sich bei einem Erdbeben der scheinbar so sichere Bezugspunkt für Bewegung selbst plötzlich bewegt und manchmal so stark, dass die Häuser einstürzen. | Subjektivistische Auffassungen Die meisten der bisher vorgestellten Positionen zu Erkenntnis und Wahrheit haben bei all ihrer Verschiedenheit etwas gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass es eine von dem nach Erkenntnis strebenden Subjekt unabhängig existierende Wahrheit gibt, oder aber sie halten dies zumindest für möglich. Lediglich der Weg zu diesen Wahrheiten und die Frage, wie sicher das Wissen ist, unterscheidet sie. Einen völlig konträren Standpunkt dazu nehmen die philosophischen Positionen ein, die eine vom Subjekt unabhängig existierende objektive Welt gänzlich verneinen. Dazu gehören in der Regel die Vertreter des weiter vorn vorgestellten Subjektiven Idealismus. Erkenntnis sei nicht nur in einem beträchtlichen Maße von den Erkenntnisfähigkeiten und Erkenntniswerkzeugen des erkennenden Subjekts abhängig, wie zum Beispiel bei Kant und in den modernen Naturwissenschaften, sondern Erkenntnis sei ein ausschließlich subjektiver Vorgang. Das Streben des Subjekts nach objektiver Wahrheit sei von vornher-ein aussichtslos und unnütz, weil es eine vom Subjekt unabhängige Welt nicht gebe, alles subjektiv sei. Somit sei auch jede Wahrheit subjektiv. »Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.« Heinz von Förster | Auch die Vertreter gewisser Spielarten des Pragmatismus und des Utilitarismus keineswegs alle Vertreter dieser Richtungen sehen das so. Wahrheit sei, was sich im praktischen Leben bewähre, Wahrheit sei, was nützlich sei. Einen anderen »objektiven« Maßstab für Wahrheit gebe es überhaupt nicht. Wertfreie Erkenntnisse? Ein bedeutender Streitpunkt innerhalb der Philosophie des 20. Jahrhunderts war, ob es wertfreie Erkenntnis geben kann oder ob Erkenntnisse immer interessengebunden sind. Max Webers Wertfreiheitspostulat Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es in Philosophie und Gesellschaftswissenschaft üblich, nicht nur eine Beschreibung und Erklärung von sozialen Ereignissen vorzuneh-men, sondern auch etwas über deren Wünschbarkeit auszusagen. Seins- und Sollens-fragen wurden nur selten getrennt. Der bedeutende deutsche Soziologe und Philosoph Max Weber (18641920) sagte zu Wissenschaft und Werten: - Wissenschaftliche Beschreibung und Erklärung ist wertend in dem Sinne, dass aus unendlich vielen möglichen Fragen bestimmte ausgesucht werden. (Wertender Charakter des Entdeckungszusammenhangs.)
- Die Beschreibung und Erklärung der ausgesuchten Forschungsgegenstände soll dann aber objektiv sein, darf von subjektiven Werthaltungen nicht beeinflusst, verzerrt, verfälscht werden. Sie muss von anderen Menschen mit gleicher Bildung nachvollziehbar sein. (Wertfreiheit des Begründungszusammenhangs.)
- Die Ergebnisse der Forschungen werden zur Erreichung von Zielen verwertet, aber die Ergebnisse der Forschungen sagen nichts darüber aus, wie sie verwertet werden sollten. (Wertender Charakter des Verwertungszusammenhangs.)
- Wertungen können selbst Gegenstände wissenschaftlicher Forschungen sein.
| | Aus Seins-Aussagen folgen keine Sollens-Aussagen. | Der Positivismusstreit Der Streit um die Wertfreiheit wurde in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Form des Positivismusstreits neu aufgelegt. Dies war eine Kontroverse zwischen den Vertretern der Frankfurter Schule und den Vertretern des Kritischen Rationalismus. (Die Frankfurter Schule wird weiter hinten noch näher besprochen.) Nach den kritischen Rationalisten Popper und Albert dürfen bei der Wahrnehmung und bei der kritischen Prüfung Wertvorstellungen des Wissenschaftlers keine Rolle spielen, durchaus aber bei der Beurteilung von Fakten und bei Zielvorstellungen. Wissenschaftler dürfen Wertvorstellungen und Interessen haben. Aber diese dürfen nicht zu Erkenntnis-schranken werden bzw. sie dürfen nicht erkenntnisleitend sein in dem Sinne, dass die Wünschbarkeit einer Sache mit ihrer Realisierbarkeit gleichgesetzt wird. Wenn bei der Beschreibung der Lebenslage aller Menschen dieses Planeten jede Menge Not und Elend konstatiert wird, subjektiv em-pfundener Leidensdruck nicht etwa, dass die Menschen nicht so sind, wie man es gerne hätte , dann ergibt sich aus einer solchen Beschreibung niemals die Forderung nach einer gerechteren, sozialeren oder sozialistischen Weltordnung. Eine solche Forderung ergibt sich aus den Wertvorstellungen eines Menschen. Werte sind aber logisch nicht begründbar. Wenn es meinen Wertvorstellungen entspricht, die kapitalistische Gesellschaft durch eine sozialistische zu ersetzen, dann ergibt sich daraus nicht die Erkenntnis, dass eine sozialistische Gesellschaft realisierbar ist. | Die Vertreter der Frankfurter Schule, der bedeutende deutsche Philosoph Theodor W. Adorno (19031969) und Jürgen Habermas, vertraten die Auffassung, dass Wertfreiheit nicht möglich sei, dass die Wertvorstellungen eines Wissenschaftlers immer ihre Spuren in seinen Erkenntnissen hinterlassen. Auch andere Vertreter der Frankfurter Schule oder dieser Richtung nahestehende Philosophen, unter anderem der bedeutende deutsch-amerikanische Philosoph und Psychologe Erich Fromm (19001980), bestritten die Möglichkeit wertfreier Erkenntnis. Bei Fromm ist Erkenntnis abhängig vom Charakter. Lösungen Lösung 1  Zurück zum Text Lösung 2 Auf der Erde zieht die Schwerkraft den Stein zu Boden. In der Raumstation gibt es keine Schwerkraft, die den Stein nach unten ziehen kann. »Oben« und »unten« sind in der Raumstation relative Begriffe. Zurück zum Text Lösung 3 Nördlich bzw. südlich der Polarkreise geht die Sonne im Winter für eine gewisse Zeit nicht auf und im Sommer für eine gewisse Zeit nicht unter. Näheres dazu können Sie erfahren im Internet unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Polarkreis Zurück zum Text Copyright © by Peter Möller, Berlin. |