1936 - 39: Zeit der "Großen Säuberungen". In drei großen Schauprozessen werden ca. 90% der alten Garde der Bolschewiki abgeurteilt und hingerichtet. Viele Millionen weniger bekannter Kommunisten werden umgebracht oder nach Sibirien deportiert. Bis 1953, dem Todesjahr Stalins, werden ca. 18 Millionen Menschen Opfer des stalinschen Terrors. Ca. ein Drittel wird sofort umgebracht, ein weiteres Drittel geht an den harten Arbeits- und Lebensbedingungen im GULAG zugrunde. (Opferzahlen nach Solschenizyn, Der Archipel Gulag. Aktuellere Zahlen mögen von diesen abweichen. In einer ZDF-Reihe über Stalin und die Sowjetunion aus dem Jahre 2003 wurden 40 Millionen Opfer des stalinschen Terrors genannt. Was nicht heißt, daß alle diese Opfer umkamen.)
1939: Hitler-Stalin-Pakt über die Aufteilung Osteuropas in deutsche und sowjetische Interessensgebiete.
1939 - 41: In den ersten beiden Jahren des 2. Weltkrieges erobert Stalin in Ost- und Südosteuropa Staaten und Gebiete, die er nach dem Ende des 2. Weltkrieges nicht wieder herausgibt.
1941: Überfall der Sowjetunion durch das faschistische Deutschland. Nach anfänglichen schweren Niederlagen und riesigen Gebietsverlusten kann Stalin das Blatt zu seinen Gunsten wenden. Die an Dummheit und Brutalität nicht zu übertreffende Kriegführung Hitlers, seine unrealistischen Kriegsziele, militärische Unterstützung durch die West-mächte, nicht zuletzt aber die Weite der russischen Lande und das riesige Potential an Menschen und Material ermöglicht Stalin den Sieg. Die Sowjetunion verliert im 2. Weltkrieg ca. 27 Millionen Menschen. Dabei ist die Höhe der Opfer in einem beträcht-lichen Maße das Ergebnis der an Verrat grenzenden Unfähigkeit und Menschenverach-tung Stalins.
Nach Ende des 2. Weltkrieges hatte die Sowjetunion ihre Einflußsphäre weit nach Europa hinein ausgedehnt. In den von sowjetischen Truppen besetzten Ländern wurde zwangsweise das sowjetische System eingeführt. Es entstand der 'Kalte Krieg' zwischen dem westlichem Block unter Führung der USA und dem östlichem Block unter Führung der Sowjetunion. 1949 explodierte die erste sowjetische Atombombe. Die Sowjetunion wurde neben den USA zweite Weltmacht.
6.2. DIE OKTOBERREVOLUTION
Die Oktoberrevolution unterschied sich von Beginn an von früheren Revolutionen. In Paris 1871 oder in Rußland im Februar 1917 hatten sich die Massen spontan erhoben. Die Lebensverhältnisse hatten sich drastisch verschlechtert und nun genügte ein Tropfen um das Faß zum Überlaufen zu bringen. Aus der Flut der Ereignisse gingen in Paris die Organe der Kommune hervor und in Rußland die Sowjets. In diesen Organen und an ihren Spitzen standen Angehörige verschiedener politischer Gruppen und politischer Ideologien.
Der Oktoberaufstand war keine spontane Erhebung der Massen. Er war von einer Zentrale von Berufsrevolutionären geplant und durchgeführt. Er war faktisch die putschistische Machtergreifung einer Partei. Nur gestützt auf eine straffe Organisation konnte er überhaupt gelingen und nur gestützt auf diese Organisation konnte die sich bildende Regierung überleben. Der Vorteil der Bolschewiki war, daß sie im Herbst 1917 als einzige über eine solche Organisation verfügten. Die Macht lag auf der Straße und die Bolschewiki haben konsequent zugegriffen. Und die Macht hatte von Beginn an nicht das Volk, nicht die Arbeiterklasse, sondern die bolschewistische Partei. [1]
Die Bolschewiki konnten sich allerdings auf eine weitverbreitete Stimmung unter den Massen stützen. Sie sind mit dem Willen großer Teil des Volkes an die Macht gekommen. Anders ist es nicht erklärlich, daß sie den Bürgerkrieg gewannen.
Die alte zaristische Regierung und die bürgerlichen, menschewistischen und sozialrevolu-tionären Politiker hatten in den Monaten vor dem Aufstand, auf grund ihrer Unfähigkeit die drängenden Probleme zu lösen, ständig an Anhängern verloren. Die Bolschewiki gewan-nen die Mehrheit in den wichtigsten Sowjets des Landes. Die Wahl zur Duma zeigte aber, daß die Bolschewiki eine Wahl nach bürgerlich-parlamentarischen Bedingungen selbst in den Monaten um die Oktoberrevolution herum nicht gewinnen konnten.
6.3. DER BÜRGERKRIEG
Um gegen die Interventen und die weißen Armeen siegen zu können, mußte die Sowjetregierung eine eigene Armee aufbauen. Schon wenige Tage nach dem Oktoberaufstand wurde ein Angriff der Kerenski-Truppen mit Hilfe ehemaliger zaristischer Offiziere zurückgeschlagen. Dutschke meint, die rote Armee sei aus dem Staats-vertrauen Lenins entstanden. [2] Dies sehe ich nicht so. Ohne eine zentralisierte Armee, nur gestützt auf Partisanen und Milizen hätte Sowjetrußland nicht überleben können. Dutschke ist hier zu sehr vom chinesischen und vietnamesischen Beispiel beeinflußt. Die Situation in Rußland war eine andere. [3]
Der Bürgerkrieg wurde auf beiden Seiten mit großer Brutalität geführt. Roter und weißen Terror ergänzten sich. Es ging für beide Seiten um Sein oder nie wieder Sein. Die Bolschewiki hatten das Beispiel der 30.000 ermordeten Kommunarden des Paris 1871 vor Augen. Sie wußten, daß die herrschenden Klassen vor keinem Verbrechen zurückschrecken, wenn es darum geht, ihre Privilegien zu verteidigen. Aber auch die Bolschewiki waren nicht zimperlich in ihren Methoden. Über die 'Der Zweck heiligt die Mittel Politik' Lenins habe ich mich bereits im 5. Kapitel ausgelassen.
In der Zeit des Bürgerkrieges entstanden die Institutionen, die die Zeit überdauern sollten und später zu den entscheidenden Stützen der stalinistischen Despotie werden sollten. [4] Neben der roten Armee wurde die Geheimpolizei 'Tscheka' gegründet. Nach Elleinstein bekam sie mit der Zeit eine Machtfülle, die schließlich sogar die bolschewistischen Führer beunruhigte. [5]
Das Prinzip des demokratischen Zentralismus hatte den Leitungen große Macht in die Hände gegeben. Nicht nur die Partei, auch die staatlichen Institutionen einschließlich Armee und Geheimpolizei wurden nach diesem Prinzip aufgebaut.
6.4. DIE ERHOFFTE WELTREVOLUTION BLEIBT AUS
Die Bolschewiki verstanden zu Beginn die Oktoberrevolution als ersten Schritt, als Signal für die Weltrevolution. In den Tagen des Aufstandes und auch noch lange Jahre danach, wäre keiner der bolschewistischen Führer auf die Idee gekommen, daß Rußland für Jahrzehnte allein bleiben würde mit seiner Revolution oder gar, daß der Sozialismus in einem, dazu auch noch sehr rückständigen, Land aufgebaut werden könnte. "Selbstverständlich kann den endgültigen Sieg nur das Proletariat der fortgeschrittenen Länder der Welt erringen, und wir Russen beginnen das Werk, das vom englischen, französischen und deutschen Proletariat gefestigt werden wird." [6] Und einige Zeit später sagte Lenin: "Solange es in anderen Ländern keine Revolution gibt, werden wir Jahrzehnte brauchen, um uns herauszuwinden." [7]
6.5. RUSSLAND AM ENDE DES BÜRGERKRIEGES
Rußland war, wie im 4. Kapitel erläutert, ein rückständiges Land mit wenig Industrie, wenig Bourgeoisie und Proletariat, wenig Intelligenz und einer großen Masse von rückständigen Bauern.
Am Ende des Bürgerkrieges war auch das wenige zu großen Teilen verschwunden. Die Industrie war nahezu völlig zerstört [8], der Produktionsschwund in der Landwirtschaft führte 1920/21 zu einer Hungersnot mit sieben Millionen Toten. [9] Im Lande irrten schätzungsweise zehn Millionen Bettler und verwahrloste Kinder umher. [10] Das Bürgertum und der Adel waren durch die Sozialisierung ihres Besitzes fast vollständig verschwunden, im Bürgerkrieg umgekommen oder ins Ausland geflohen. [11] Die Intelligenz, Lehrer, Ingenieure, Ärzte u. ä. war zu 90% umgekommen oder ins Ausland ausgewichen. [12]
Sowjetrußland war um 1922 ein Reich von Bauern. Die Masse dieser Bauern bestand aus Analphabeten, die abergläubisch der orthodoxen Kirche ergeben waren. Es fehlte an jeder demokratischen Tradition. Die Bauern kannten nur die Despotie des Zaren. Demokra-tische Rechte, repräsentative Körperschaften, Wahl der Regierung, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit u. ä. hatte es nie gegeben.
Auch das Proletariat war verschwunden. [13] Lenin sprach davon, daß durch den Krieg und durch die Zerrüttungen das Proletariat "deklassiert, das heißt aus seinen Klassengeleisen geworfen ist und aufgehört hat, als Proletariat zu existieren." [14] Ein großer Teil des klassenbewußten Proletariats war im Bürgerkrieg gefallen und die Überlebenden in den Staatsapparat abgezogen worden. Was übrig blieb, waren nach Lenin deklassierte Elemente.
Als sich Anfang der 20er Jahre die Arbeiter, also diese deklassierten Elemente, die übrig geblieben waren, von der bolschewistischen Partei abwandten [15], standen die Bolschewiki vor einem unerwarteten Problem. Bisher war man stillschweigend davon ausgegangen, daß das Proletariat den Sozialismus will. Aber kann man den Sozialismus auch gegen den Willen der Arbeiter aufbauen? Hätten zu dieser Zeit freie Wahlen stattgefunden, es wären menschewistische und anarchistische Leute gewählt worden, was gleichbedeutend mit dem Ende der Revolution gewesen wäre. Die Bolschewiki ließen dies nicht zu.
So war für Lenin die Diktatur des Proletariats, zwar nicht de jure aber de facto, Diktatur der Partei. Lenin und die Partei waren überzeugt, die Interessen der Arbeiter besser begriffen zu haben als die Arbeiter selbst. Von Selbstbefreiung der Arbeiter war sowieso nur pro forma die Rede gewesen. Die leninsche Parteitheorie und die konkrete Situation Rußlands ergänzten sich und führten schon zu den Lebzeiten Lenins zur Diktatur der bolschewistischen Partei. Lenin sprach davon, wenn der Zar in der Lage war, das Land mit seinen 130.000 Gutsbesitzern zu regieren, warum sollten dann 240.000 Mitglieder der bolschewistischen Partei nicht in der Lage sein, Rußland zu regieren, es im Interesse der Armen gegen die Reichen zu regieren. [16]
6.6. DIE NEUE ÖKONOMISCHE POLITIK
Auf der Basis kultureller und ökonomischer Rückständigkeit und umgeben von einer überlegenen feindlichen Umwelt war, soweit waren die Bolschewiki der Anfangszeit jedenfalls noch Marxisten, der Aufbau des Sozialismus nicht möglich. Um die materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus zu erreichen, wurde die 'Neue Ökonomische Politik' (NÖP) eingeführt. Die NÖP hatte nach Lenins Worten die Aufgabe, im großen Maße "die Wiedereinführung der kapitalistischen Produktionsweise zu fördern." [17] Kleinere Privatbetriebe wurden wieder zugelassen, der Warenverkehr wurde wieder frei, ausländisches Kapital wurde unter bestimmten Bedingungen wieder zugelassen. In der Übergangszeit, bis die materiellen Voraussetzungen des Sozialismus geschaffen waren, sollte unter Leitung des sozialistischen Staates ein Mischsystem zwischen Staatsbetrieben und Privatbetrieben bestehen. Der Staat sollte aber die wichtigsten Wirtschaftsbereiche kontrollieren. [18]
Durch die NÖP kam es bald zu einem ökonomischen Aufschwung. Die NÖP brachte aber auch Gefahren mit sich. So mancher neue und alte Kapitalist erhoffte über sie ein friedliches Zurück zum Kapitalismus. (Wie man bei einer kapitalistischen ökonomischen Basis einen sozialistischen Überbau erhalten will, daß ist das Geheimnis des Voluntaristen Lenin.)
6.7. POLITISCHE VERÄNDERUNGEN
Um die Errungenschaften der Oktoberrevolution zu sichern, kam es zu Veränderungen auf politischem Gebiet und innerhalb der bolschewistischen Partei. Die menschewisti-sche und die sozialrevolutionäre Partei, die bisher eine Art Halblegalität besaßen, wurden endgültig unterdrückt. Die Unzufriedenheit unter den Arbeitern und Bauern, wie wenig sich für sie im täglichen Leben geändert hat, hätte sich in einer Stärkung dieser Parteien ausgedrückt und auch die neu entstehende Schicht der NÖP-Leute hätte versucht, durch diese Parteien ihre Interessen zu vertreten.
Das Verbot aller anderen Parteien zog das Fraktionsverbot innerhalb der bolschewisti-schen Partei automatisch nach sich. Verschiedene Flügel in der bolschewistischen Partei wären faktisch verschiedene Parteien gewesen.
In der Partei organisierten sich jetzt Menschen, die sich unter anderen Umständen anderswo organisiert hätten. Um zu verhindern, daß die Partei von innen her von ihrer kommunistischen Ideologie abgebracht werden könnte, wurde neben dem Fraktionsverbot noch eingeführt, daß bestimmte Positionen in der Partei nur von Mitgliedern besetzt werden konnten, die schon vor 1917 in der Partei waren und dies waren 1924 nur noch 1% der Mitglieder. [19]
Es wurde auch schon zu den Lebzeiten Lenins üblich, Funktionäre der Partei, des Staates und der Wirtschaft von oben einzusetzen. Es entstand genau die hierarchische Struktur, die Marx für unvereinbar mit der Kommune bezeichnet hatte. [20]
Ebenfalls noch zu den Lebzeiten Lenins kam es zu den ersten großen Säuberungen, die allerdings noch nicht in Form von Erschießungen und Deportationen vorsichgingen. 1921 wurden ein Drittel der Mitglieder, 200.000 Leute, aus der Partei ausgeschlossen.
Diese noch zu Lenins Zeiten eingeführten Mechanismen, die die Kommunistische Partei schützen sollten, wurden später von Stalin dazu benutzt, die Kommunistische Partei zu zerstören. Was hier entstanden war, war ein von der Bevölkerung, der Arbeiterklasse und auch von der Masse der Parteimitglieder unkontrollierbarer Herrschaftsapparat. Wenn dieser Apparat mit aufrechten Kommunisten besetzt blieb, konnte das vielleicht gutgehen, um die Durststrecke zu überwinden, bis die materiellen Verhältnisse oder die internationale Revolution eine Lockerung wieder zuließen. Aber was mußte bleiben, wenn man die alte Garde der Bolschewiki, die bekannten und weniger bekannten Kommunisten der ersten Zeit, zu Hundertausenden ermordete? Was bleiben mußte, war das Gerippe einer Despotie. Nach der Liquidierung der alten Garde wurde der Apparat besetzt mit den stupidesten, politisch und moralisch ungebildesten Bürokraten. [21]
6.8. DER KAMPF UM EINE BESSERE ARBEITSMORAL
Von Beginn an hatten die Bolschewiki Probleme mit der Arbeitsmoral. Sie mußten mit Hilfe der Gewerkschaften Disziplinargerichte schaffen, die gegen Bummelantentum und Produktionsdiebstähle vorgingen. Die Stachanowbewegung allein war nicht in der Lage, die Arbeitsmoral der Massen zu heben. Die Methoden die Menschen zu besserer Arbeit zu zwingen, nahmen mit der Zeit drastisch zu. Lohnabzug, Verbot den Arbeitsplatz oder Wohnort zu wechseln, bis zu Arbeitslager bei mehrfach verspäteten Erscheinen bei der Arbeit. Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre war die Bewegungsfreiheit der Arbeiter und Bauern mehr eingeschränkt als zu den Zeiten des Zarismus.
Hier ist ein Gedanke von Bahro sehr interessant. [22] Er fragt, warum war für Marx ein anderer als der kapitalistische Weg zur Industriegesellschaft nicht möglich?
Der Kapitalist jage nicht nach Mehrprodukt, sondern nach Mehrwert. Während die früheren Ausbeuter sich von dem erbeuteten Mehrprodukt ein schönes Leben gemacht hätten, sei der Kapitalist, kraft der dem Kapitalismus innewohnenden ökonomischen Gesetzen, gezwungen, seinen Mehrwert sofort wieder zu investieren, die Produktions-mittel so gut wie möglich zu nutzen, seine Arbeiter so lange wie möglich arbeiten zu lassen, um im Konkurrenzkampf zu bestehen. Der Arbeiter, den die ursprüngliche Akkumulation ohne Produktionsmittel dastehen läßt, sei gezwungen, beim Kapitalisten zu arbeiten, und zwar so, "daß er soviel Mehrwert schafft, wie der jeweils durchgesetzte Normalarbeitstag bei gegebener Produktivität ermöglicht." [23]
Der Kapitalismus schaffe also einerseits eine ungeheuerliche Dynamik der Produktivkraft-entwicklung und, da der Mensch von Natur aus nicht fleißig sei, sondern nur soviel tue, wie er zur Erhaltung seines gewohnten Lebens bräuchte, schüfe auf der anderen Seiten erst der Kapitalismus, durch seinen Zwang zur grenzenlosen Mehrarbeit, den Produzen-tentyp, der eine Industriegesellschaft und damit einen Kommunismus des Reichtums überhaupt erst möglich mache.
Wenn ein Land die kapitalistische Phase nicht durchlaufen hat, müßten die Menschen durch außerökonomischen Zwang dazu gebracht werden, fleißige, disziplinierte Arbeiter zu werden. Hierzu sei eine Despotie unumgänglich notwendig.
Bahro betont an anderer Stelle, daß der Prozeß der Industriealisierung nicht unter allen Umständen antagonistischen Charakter haben müsse. "Aber wenn ihr Tempo eine Frage des Überlebens in der überlegenen imperialistischen Umwelt ist ... gibt es wohl kaum auch nur die Chance, dem zu entgehen. [24] Nach Bahro war die stalinistische Despotie unumgänglich nötig zur Erziehung des neuen Produzententyps. (Das Sowjetsystem hat in den siebzig Jahren seiner Existenz diesen Produzententyp nicht hervorgebracht!)
6.9. DIE ZWANGSKOLLEKTIVIERUNG DER LANDWIRTSCHAFT
Um die Industriealisierung voranzutreiben, benötigten die Bolschewiki das landwirtschaftli-che Mehrprodukt. Zuerst versuchten sie durch Erhöhung der Preise für Industriegüter das landwirtschaftliche Mehrprodukt abzuschöpfen. Als die Kulaken aus Protest dazu übergingen, das Getreide für die Versorgung der Städte zurückzuhalten, trieb die Partei die Kollektivierung der Landwirtschaft voran.
Die Kollektivierung der Landwirtschaft war ursprünglich geplant als ein sehr langwieriger Prozeß, in dem die Bauern durch Überzeugungsarbeit für den freiwilligen Zusammen-schluß gewonnen werden sollten. Doch nun überwiegten die repressiven Methoden bei weitem die Überzeugungsarbeit. Nicht nur die Kulaken, sondern auch die mittleren Bauern widersetzten sich der Kollektivierung. "Der mit Agrarfragen beauftragte Parteiverantwortliche Bauman mußte gestehen, daß der Seredniak (mittlere Bauer) sich auf die Seite der Kulaken und gegen uns gestellt hatte." [25] Der nun einsetzende Terror gegen die Bauernschaft sollte bald auf die Partei selbst umschlagen. [26]
Mit dem Einsetzen der Zwangskollektivierung war die Zeit der NÖP beendet. Bahro kommt zu der Auffassung, daß ohne die Kollektivierung Rußland heute ein Bauernland wäre, höchstwahrscheinlich auf kapitalistischem Weg. [27] Inzwischen weiß man, daß auch ein ausreichendes Angebot an Landmaschinen die Bauern nicht automatisch zur Hinnahme der Kollektivierung bewegt. [28]
6.10. DIE ROLLE DER PERSÖNLICHKEIT IN DER GESCHICHTE
Welchen Einfluß haben einzelne Personen auf den Ablauf der Geschichte genommen? Wäre es ohne Lenin zur bolschewistischen Partei oder zur Oktoberrevolution gekommen? Bei der Lektüre von Isaak Deutscher erkennt man, daß nur durch Lenin, nur durch seine Überzeugungskraft, die Trennung von den Menschewiki vollzogen wurde, [29] und dies war die Voraussetzung für die Schaffung der Partei, die später zur entscheidenden Kraft der Umgestaltung werden sollte. Nur durch Lenins Überzeugungskraft konnte im Herbst 1917 die Mehrheit der bolschewistischen Partei für den Aufstand gewonnen werden. [30] Den Aufstand propagieren, Menschenmassen dafür begeistern und letztlich den Aufstand organisieren, das konnte Trotzki auch, aber Lenin schuf die Partei, die den Aufstand erst zu einem Erfolg werden ließ.
Die gesellschaftliche Entwicklung wird in groben Zügen von den ökonomischen Zwänge bestimmt. Die konkrete Ausgestaltung kann aber von hervorragenden Persönlichkeiten stark variiert werden. Eine hervorragende Persönlichkeit kann Geschichte machen, wenn ihr Streben und ihre Handlungen in Übereinstimmung mit den ökonomischen Erfordernissen steht. Ohne diese Persönlichkeit würden sich die ökonomischen Zwänge wahrscheinlich zu einer anderen Zeit, auf eine andere Art durchsetzen.
So würde ich sagen, daß Rußland auf grund seiner halbasiatischen Struktur den nichtkapitalistischen Entwicklungsweg einschlagen mußte. Auch die im 3. Kapitel angesprochene Übergangsgesellschaft, in der die Macht faktisch von den Bürokraten und Technokraten ausgeht, mußte Rußland durchlaufen. Die konkrete Form aber, die Oktoberrevolution, die daraus resultierende internationale Isolierung, die Parteiherrschaft usw,. daß alles ist von der Person Lenin und seiner Theorie stark, vielleicht sogar entscheidend beeinflußt.
Stalins Bedeutung für die Entwicklung in den 20er und 30er Jahren würde ich nicht so hoch einschätzen. Für einige Auswüchse können wohl die negativen Charaktereigen-schaften Stalins verantwortlich gemacht werden, aber die allgemeine Entwicklung, die seinen Namen trägt, wäre auch ohne ihn so abgelaufen. Wenn sich in den entschei-denden Jahren 1923/24 Trotzki gegen Stalin durchgesetzt hätte, und die Möglichkeit war vorhanden [31], dann hätte sich auch nichts prinzipiell anderes entwickelt. Trotzki hatte sowieso durch seine Vorschläge zur Militarisierung der Arbeit und zur Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in den frühen 20er Jahren das spätere System schon vorweggenommen. [32] Trotzki wollte bloß nicht die unvermeidlichen negativen Begleiterscheinungen der 'ursprünglichen sozialistischen Akkumulation'. Dies war auch letztlich der Grund dafür, daß sich Trotzki, der nach Lenins Worten der fähigste Mann des Zentralkomitees war [33], nicht gegen den mittelmäßigen Stalin durchsetzen konnte.
Die Bolschewiki hatten objektiv eine andere Aufgabe zu erfüllen, als die, zu der sie sich berufen glaubten. Ihre Aufgabe war nicht der Sozialismus, sondern die schnelle Industriealisierung Rußlands auf einem nichtkapitalistischen Weg. Bis zu einem bestimmten Punkt, bis zur Zerschlagung der alten Ordnung, also bis zum Ende des Bürgerkriegs, stimmten die Intentionen der Bolschewiki mit ihrer objektiven Aufgabe überein.
Als diese Intentionen mit den objektiven Aufgaben in Konflikt gerieten, war genau der Moment, als Lenin sich aus Gesundheitsgründen aus dem politischen Leben zurückziehen mußte. Ein länger lebender Lenin hätte, wenn er sich der neuen Situation angepaßt hätte, vielleicht die übelsten Exzesse der Stalinzeit vermeiden können, was ja auch schon eine Menge gewesen wäre. Vielleicht hätte er aber auch nur die ganze Entwicklung aufgehalten. Mao hat meiner Ansicht nach in China durch seine Volkskommunen und Kulturrevolution den Prozeß der Industriealisierung aufgehalten, der nun nach seinem Tode und der Entmachtung der 'Viererbande' verstärkt einsetzen wird. In ihrem grundsätzlichen Verlauf hätte auch Lenin die Entwicklung nicht ändern können.
6.11. DER AUFSTIEG STALINS
Nach Lenins Tod fehlte die Autorität, die bisher immer die widerstreitenden Parteiflügel geeint hatte. Stalin, der seit 1922 Generalsekretär der Partei war - ursprünglich eine administrative, keine politische Funktion, hatte durch geschicktes Einsetzen seiner Leute in wichtige Funktionen, eine Macht gewonnen, die selbst Lenin in seinem Testament als beunruhigend bezeichnet hatte. [34] Aus allen innerparteilichen Kämpfen ging er als der wirkliche Sieger hervor. Mit jeder ausgeschalteten Person oder Gruppe stieg seine Macht. Nach Bahro waren die innerparteilichen Kämpfe nur die Geburtswehen der Despotie. [35]
Trotzki, Sinowjew, Bucharin und viele andere Bolschewiken hatten in sich einen anderen Staat vorweggenommen, als den, der das Resultat ihres Wirkens war. Sie hatten nicht erfaßt, an was sie beteiligt waren. Sie hatten für die proletarische Revolution gelebt und erkannten nicht, daß auf grund der Rückständigkeit und der internationalen Lage der Aufbau des Sozialismus gar nicht möglich war.
Stalin setzte sich durch, nicht etwa weil er der geschickteste oder intelligenteste war, sondern weil er zu dem neuen Staat paßte, der im entstehen war. Stalin besaß alle Eigenschaften eines Despoten. Er war ein skrupelloser Intrigant, der bereit war über Leichen zu gehen um seine Vorstellungen durchzusetzen. Trotzki berichtet, daß es Stalin verstand, mit den einfachen Menschen, mit den Bauern und den gerade in die untersten Funktionen des Apparates aufgestiegenen Bürokraten zu reden. "Er spricht ihre Sprache und weiß sie zu führen ... die Dialektik der Geschichte hat sich seiner schon bemächtigt." [36]
6.12. DAS DILEMMA DER BOLSCHEWIKI
Die Bolschewiki hatten geglaubt, daß ihre Revolution das Signal für die Weltrevolution sein würde. Daß sie allein bleiben würden mit ihrem rückständigen Land, daß war nicht einkalkuliert worden.
Die leninsche Parteitheorie sollte nicht zur Herrschaft der Partei über die Arbeiter führen. Daß es aber darauf hinauslief, lag am Fehlen eines großen Proletariats und daran, daß die unterdrückten Massen nicht von heute auf morgen zu aktiven, schöpferischen Persönlichkeiten werden.
Daß die Arbeiter sich nach der Revolution vom Sozialismus abwenden würden, soetwas hatte man nie in Betracht gezogen. Als es dann geschah, mußten sich die Bolschewiki, wenn sie nicht die ganze Revolution gefährden wollten, über den, scheinbar nur kurzfristigen, Willen der Arbeiter hinwegsetzen.
Als aus Gründen der Rückständigkeit die NÖP eingeführt wurde und dadurch eine neue Schicht von Kapitalisten entstand, die ein schönes Leben führen konnten, während die Arbeiter häufig noch hungerten, da war dies nicht die ursprüngliche Intention gewesen.
Die Bolschewiki hatten geglaubt, durch die Sozialisierung der Produktionsmittel eine nie dagewesene Dynamik der Produktivkraftentwicklung auszulösen, daß die Masse nun für sich selbst, für ihren Staat, viel besser arbeiten würden als für die Kapitalisten und Gutsbesitzer. Daß man schließlich mit Arbeitslager die Masse zu besserer Arbeit zwingen mußte, weil der Kapitalismus eben noch nicht genügend vorgearbeitet hatte bei der Entstehung des neuen Produzententyps, das haben die Bolschewiki nicht erwartet.
Mit ihrem zentralisierten Partei-, Staats- und Wirtschaftsaufbau gaben sie den Funktionä-ren große Macht in die Hände. Die Bürokraten beherrschten den Wirtschaftsprozeß und schon bald eigneten sie sich einen Teil des Mehrprodukts für persönliche Privilegien an. Dies war nicht der ursprüngliche Wille der Bolschewiki, aber das Resultat ihres Wirkens, das Ergebnis der materiellen Zustände.
Kurz: Die Bolschewiki mußten auf grund der Verhältnisse laufend Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht tun wollten und die ihren ganzen Vorstellungen widersprachen.
Das was Engels im 'Deutschen Bauernkrieg' über die Situation von Thomas Münzer im Jahre 1525 schreibt, paßt auf die Situation der Bolschewiki in den 20er und 30er Jahren wie angegossen.
"Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert. Was er tun kann, hängt nicht von seinem Willen ab, sondern von der Höhe, auf die der Gegensatz der verschiedenen Klassen getrieben ist, und von dem Entwicklungsgrad der materiellen Existenz-bedingungen, der Produktions- und Verkehrsverhältnisse ... Er findet sich so notwendigerweise in einem unlösbaren Dilemma: Was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei; und was er tun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muß im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchführen und seine eigene Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung abfertigen, daß die Interessen jener fremden Klasse ihre eigenen Interessen sind. Wer in diese schiefe Stellung gerät, ist unrettbar verloren." [37]
Quod erat demonstrandum. Die Mehrheit der alten Garde landete vor den Erschießungs-kommandos der GPU. Ein kleinerer Teil, diejenigen, die charakterlich dazu in der Lage waren, wurden die Spitzen der neuen herrschenden und ausbeutenden Klasse der Bürokraten.
Nach den großen Säuberungen Ende der 30er Jahre hatte die Kommunistische Partei aufgehört zu existieren. Was übrig blieb, nannte sich zwar weiterhin Kommunistische Partei, sie hatte rein abstrakt weiterhin die alten Ziele, aber mit den kommunistischen Idealen hatten sie im täglichen Leben ungefähr soviel zu tun, wie die Inquisition des Mittelalters mit der Bergpredigt von Jesus Christus.
6.13. IM VERGLEICH - DIE ERKLÄRUNGEN VON TROTZKI, DUTSCHKE, ELLEINSTEIN UND BAHRO
6.13.1. TROTZKI
Trotzki sieht den Grund für den Sieg der Fraktion Stalin in der Rückständigkeit Rußlands, in der internationalen Lage und den daraus entspringenden wirtschaftlichen Gegebenhei-ten Sowjetrußlands. [38]
Jede Revolution ziehe nach sich eine Reaktion oder gar Konterrevolution, die viele Errungenschaften des Volkes rückgängig mache und sich gegen die Pioniere der Revolution wende. [39]
Viele hervorragende Vertreter der Arbeiterklasse seien im Bürgerkrieg umgekommen oder um einige Grade über die Masse erhoben und von ihnen losgelöst. [40]
Die Enttäuschung der Massen darüber, wie wenig sich im täglichen Leben geändert habe, führte zur Resignation. Auf einer Flut von Kleinmut schwang sich eine neue kommandierende Schicht empor. [41]
Ein weiterer Grund wäre die Niederlage der Weltarbeiterklasse und diese wäre letztendlich bedingt durch "die verheerende Rolle der von der Masse losgelösten und tief konservativen Kremelführung." [42]
Die durch die Verhältnisse entstandene Bürokratie versuche nun, sich von der Massenkontrolle zu befreien. [43] (Als ob es jemals Massenkontrolle gegeben habe!) Sie entwickele ihre eigenen Ideen, Gefühle und Interessen. Ein längeres Leben Lenins hätte diese Tendenz vielleicht aufgehalten, ganz verhindern hätte auch Lenin sie nicht. [44]
Im demokratischen Zentralismus an sich sieht Trotzki nicht das Problem. [45] Doch er kritisiert, daß die unter dem Zwang der Ereignisse eingeführten Mechanismen wie Fraktionsverbot, Verbot anderer Parteien, zu allgemeinen Normen gemacht wurden. [46]
(Im demokratischen Zentralismus sehe ich auch kein Problem, da sowohl die Demokratie wie eine zentrale Führung nötig ist. Das Problem war, daß es nie einen demokratischen Zentralismus gab, sondern nur einen Zentralismus, und zwar von Beginn an, von der Entstehung der bolschewistischen Partei im Jahre 1902 an.)
Die Partei wurde von unbewußten Massen überschwemmt, die ohne Erfahrung und Selbständigkeit, aber gewohnt waren, sich der Obrigkeit zu unterwerfen. [47]
Die Übergangsordnung stecke noch voller sozialer Gegensätze. Grundlage der Bürokratie sei die Armut der Gesellschaft an Konsumgütern. [48] So sieht auch Ernest Mandel als führender Trotzkist die Ursache für die wachsende Entfremdung zwischen Partei und Arbeiterklasse im oktroyierten Konsumverzicht. [49]
6.13.2 DUTSCHKE
Dutschke sucht in den Fehlern von Personen und Organisationen den Grund dafür, daß sich der Stalinismus entwickeln konnte, und daß das Proletariat bis heute immer noch nicht die von Marx erwartete Revolution gemacht hat.
Lenin habe die wirkliche sozial-ökonomische Struktur Rußlands nicht erkannt und daraus mußte sich zwangsläufig eine falsche Taktik ergeben. Die Fixierung auf die bürgerliche Revolution habe Lenin den Blick für die Bauernmassen verstellt und ein Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft verhindert. [50]
Das Verhältnis von Partei und Klasse sei ein borniert-ideologisches gewesen. [51] Lenin hätte sich mehr auf die Massenaktivitäten stützen sollen als auf einen bürokratischen Apparat. Der Kampf gegen den Bürokratismus wäre nur dann erfolgreich gewesen, "wenn die enthüllende und mitwirkende Sprengkraft der Massentätigkeit" benutzt worden wäre. [52] Lenin hätte nicht davon ausgehen sollen, daß das sozialistische Bewußtsein von außen in die Massen hineingetragen werden muß, er hätte sich auf das Bewußtsein stützen sollen, das aus der materiellen Lage der Arbeiterklasse heraus entsteht. [53]
"Die russische Revolution hätte so zu einer Revolution des asiatischen Stadt- und Landproletariats im Kampf gegen den asiatischen Staatskapitalismus werden müssen. Das alles wäre aber nur möglich gewesen, wenn die asiatische Entwicklung des Kapitalismus in Rußland nicht als Qual, sondern als reale gesellschaftliche Formations-bestimmung Rußlands anerkannt und revolutionär benutzt worden wäre." [54]
Wenn die Bolschewiki und Lenin also nur besser erkannt und besser gehandelt hätten, "hätte die Sowjetunion wahrscheinlich einen anderen Weg genommen, und Europa, vielleicht die ganze Welt, sähe heute anders aus." [55] Für mein Gefühl ein sehr idealistischer Standpunkt. Dutschke ist zu sehr vom chinesischen Modell beeinflußt und dies ist, wie ich oben schon feststellte, inzwischen ebenfalls gescheitert.
6.13.3. ELLEINSTEIN
Elleinstein führt einerseits die historischen Faktoren an, Unterentwicklung sowie Mangel an demokratischen und kulturellen Traditionen, und entwickelt dann in seiner Schrift 'Geschichte des Stalinismus' wie sich aus diesen Gründen schrittweise der Stalinismus entwickelt hat.
Neuerdings mißt er auch der leninschen Theorie große Bedeutung bei. [56] Die Bolschewiki seien Anhänger einer absoluten Vorstellung von Diktatur gewesen, einer Diktatur ohne Grenzen und Gesetze, die ausschließlich im Dienste revolutionärer Macht stehen sollte. Diese Theorie machte sie schließlich blind gegenüber den Nebenfolgen unumschränkter Machtausübung. Stalinismus sei essentiell Staatsmacht ohne Gegen-macht im Sozialismus.
Alle drei Autoren, wie auch Wilhelm Reich, auf den ich im nächsten Kapitel zu sprechen komme, befinden sich in den von Bahro als "Ideal und Wirklichkeit" bezeichneten Kategorien. [57] Wenn die bolschewistischen Parteimenschen nur besser erkannt und besser gehandelt hätten, dann wäre alles anders geworden. Trotzki berücksichtigt noch am meisten die wirtschaftlichen Verhältnisse, ist aber zum letztendlichen Grund auch nicht vorgestoßen.
6.13.4. BAHRO
Bahro ist viel konsequenter Materialist. Seine Analyse ist viel tiefgehender. Gegenüber der Arbeit von Bahro erscheint mir die Arbeit von Dutschke unheimlich flach.
Die Niederlage der Weltarbeiterklasse ist nach Bahro nicht in den Fehlern von Personen und Organisationen begründet, sondern darin, daß sich um die Jahrhundertwende das revolutionäre Sturmzentrum aus den hochindustriealisierten Ländern weg, in die dritte Welt verlagert habe. [58]
Die Oktoberrevolution sei die erste antiimperialistische Revolution gewesen, in der ein unterentwickeltes Volk sich die Voraussetzungen geschaffen habe, unabhängig einen nichtkapitalistischen Weg zur Industriegesellschaft zu gehen. [59]
Die Oktoberrevolution hätte ebenso wenig zum Sozialismus führen können, wie die französische Revolution zu einem Zustand allgemeiner Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. [60] Sie habe nur zu der Gesellschaftsstruktur führen können, wie sie heute existiert. [61] Die Bolschewiki hätten eine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt, als die, zu der sie sich berufen glaubten. [62] Ihre Aufgabe sei die schnelle Industrialisierung Rußlands auf einem nichtkapitalistischen Weg gewesen. [63]
Da das Kapital noch nicht genügend vorgearbeitet habe, mußte Rußland die "ursprüng-liche sozialistische Akkumulation" durchlaufen. Die Zwangsmaßnahmen zur Stärkung der Arbeitsmoral seien ebenso notwendig gewesen [64], wie die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. [65]
"Zum materiellen Aufbau bedarf es vor allem anfangs einer starken und - um die Niederringung des überlieferten Stumpfsinns überhaupt zu ermöglichen - oft in vieler Beziehung despotischen Staatsmacht." [66]
Die Rückständigkeit hätte von den Bolschewiken institutionellen Tribut fordern müssen, und so sei es dazu gekommen, daß die zaristische Bürokratie durch eine nur "ganz leicht mit Sowjetöl gesalbte Bürokratie" (Lenin) ersetzt wurde. [67]
Überall, wo gestützt auf Arbeiter und Bauern eine neue Gesellschaft aufgebaut wird, habe sich gezeigt, daß man ohne einen Staatsapparat nicht auskäme. [68]
Die Rückständigkeit sei aber nur für die Auswüchse der Bürokratie verantwortlich zu machen. [69] Erst auf einer hohen industriellen Stufe wäre der Zwang zum Staatsapparat erst voll hervorgetreten. [70]
Die Ursachen der Bürokratie und des Staatsapparates lägen letztlich in dem Zwang zur Arbeitsteilung in der Übergangsgesellschaft zwischen entwickelter Klassengesellschaft und Kommunismus. [71]
Wenn die Klassen, die mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln verbunden sind, verschwunden sein, trete das ältere Element der Klassenspaltung, die Arbeitsteilung, wieder als autonomer Faktor in Erscheinung [72], und erst die endgültige Überwindung der Arbeitsteilung würde den Kommunismus ermöglichen. Dafür wären aber noch viele Maßnahmen erforderlich.