Vorheriges Kapitel 7. PSYCHOLOGISCHE ASPEKTE Zum Schluß möchte ich auch noch kurz auf die psychologischen Aspekte der Angele-genheit eingehen. Welche Faktoren bestimmen das menschliche Verhalten? Auf diese Frage will ich eingehen, bevor ich Reichs Sexualökonomie und Bahros Einschätzung der Arbeiterklasse erläutere.
7.1. DIE FAKTOREN MENSCHLICHEN VERHALTENS Zu den Lebzeiten von Marx und Lenin war die Psychologie noch eine sehr unterentwik-kelte Wissenschaft, insbesondere kannten sie nicht das umwälzende Werk Sigmund Freuds. Das Bewußtsein der Menschen ist mehr als das mechanische Abbild ihres gesellschaft-lichen Seins. (Womit ich nicht behaupten will, daß Marx oder Lenin eine solche Ansicht vertreten hätten.) Wäre dies so, die proletarische Weltrevolution hätte längs stattgefun-den. Es muß erklärt werden, warum sich das Handeln vieler Menschen oft direkt im Gegensatz zu ihren objektiven Interessen befindet. Warum lassen sich Menschen beherrschen, ausbeuten und manipulieren? Warum sind Menschen zu solchen Grausam-keiten wie Folterungen und Massenmorden fähig? Es geht dabei nicht darum, den Stalinismus aus der Psyche der Menschen heraus zu erklären. Wilhelm Reich hat in seiner Schrift 'Massenpsychologie des Faschismus' nicht versucht, den Faschismus aus der Psyche der Menschen zu erklären. Er hat gefragt, welche Dinge sind in der menschlichen Psyche vorhanden, die die Entstehung des Faschismus, der letztendlich ökonomisch bedingt sei, überhaupt möglich machte. Analog geht es mir darum zu fragen, was sind die psychischen Ursachen dafür, daß sich der Stalinismus, der letztendlich ökonomisch bedingt ist, entwickeln konnte. Die Grausamkeiten des stalinistischen Terrors sind aus den grausamen Traditionen des zaristischen Rußlands allein nicht erklärbar. Auch die zivilisierten und kulturell fortgeschrittenen Westeuropäer haben sich in zwei Weltkriegen gegenseitig zu Millionen abgeschlachtet. Wo liegen die psychischen Ursachen dafür, daß Menschen zu soetwas fähig sind. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur interessant für die Erklärung des Stalinismus, sondern auch dafür, ob der Kommunismus überhaupt möglich und nicht nur eine schöne Illusion ist. Das menschliche Verhalten wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflußt, die sich gegenseitig überlagern, aufheben, ergänzen und ausgleichen können. Der Mensch kommt mit einer bestimmten Triebstruktur zur Welt, wobei der Sexualtrieb und der Aggressionstrieb die wichtigsten sind. Der Hinweis auf die Triebstruktur geschieht nicht, um mit ihr unterschiedliches Verhalten zu erklären, sondern um klarzumachen, daß der Mensch bei seiner Geburt nicht eine totale 'tabula rasa' ist, in die alles hineingepreßt werden kann. Vom ersten Tag des Lebens kommen nun die Einflüsse aus der Außenwelt auf das Kind zu. Ob das Kind überwiegend Liebe und Geborgenheit oder Ablehnung und Gleichgültig-keit erfährt, entscheidet schon darüber, ob es sich der Außenwelt zuwendet oder sich abkapselt. Ob Liebe oder Schläge überwiegt, ob blinder Gehorsam verlangt wird oder ob die Eltern sich bemühen Ge- und Verbote zu erklären, entscheidet mit darüber, ob das Kind später einmal ein kritischer aktiver Mensch wird oder ein passiver Befehlsempfänger. Auch die Kleinkinder haben schon sexuelle Bedürfnisse. Ob diese Bedürfnisse befriedigt werden oder aber unterdrückt werden, entscheidet mit darüber, wie selbstsicher bzw. unsicher ein Mensch später sein wird, in welchem Maße er Schuld- und Minderwertig-keitsgefühle entwickeln wird. Dies alles führt dazu, daß die Menschen, lange bevor sie in den ökonomischen Prozeß eintreten, in den ersten Jahren ihres Lebens, eine bestimmte psychische Struktur herausbilden. Sie verfügt über eine starke Stabilität. Sie kann in späteren Jahren vielleicht noch modifiziert werden, aber in ihren Grundlagen wird man sie das ganze Leben lang behalten. Von konservativer Seite behauptet man natürlich, daß die Verschiedenartigkeit zum größten Teil angeboren, genetisch bedingt sei, um damit die Privilegienstruktur der Gesellschaft zu rechtfertigen. Das, was später als unterschiedliche Intelligenz erscheint, ist vielfach sozialisationsbedingt. Die Kinder werden dann zur Schule geschickt und je nach der sozialen Stellung ihrer Eltern werden sie die Volksschule oder die Oberschule besuchen. Die Art der Schule ist in der Regel entscheidend dafür, welchen beruflichen Werdegang das Kind später einschlagen wird. Der Jugendliche wird aus der Schule in den Arbeitsprozeß eintreten, der arbeitsteilig organisiert ist. Die Arbeitsteilung ist die letztendliche Ursache dafür, daß die Gesellschaft in verschiedene Klassen, Schichten und Interessengruppen gespalten ist. Die Menschen nehmen einen bestimmten Platz im Produktionsprozeß ein und werden hieraus unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen entwickeln. Je nach dem Grad ihrer Bildung und der Qualitätshöhe ihres Arbeitsplatzes werden die Menschen die Fähigkeit entwickeln, die Gesellschaft und sich selbst zu durchschauen. Das alles verbirgt sich dahinter, wenn gesagt wird, der Mensch sei sowohl durch seine Natur wie gesellschaftlich determiniert und innerhalb dieser Determination ein psychisch selbständi-ges erkennendes und interessiertes Wesen. [1] 7.2. REICHS SEXUALÖKONOMIE Für Wilhelm Reich ist die Unterdrückung der frühkindlichen Sexualität ein sehr wichtiger Faktor bei der Entstehung der Verhaltensweisen. [2] Das Bewußtsein sei nur ein kleiner Teil des Seelischen und werde von unbewußten Seelenvorgängen dirigiert. [3] Die Sexualenergie sei der zentrale Motor des Seelenle-bens, sobald die sexuellen Bedürfnisse in Widerspruch geraten zu den gesellschaftlichen Bedingungen. Im Seelischen treffen natürliche Voraussetzungen und gesellschaftliche Bedingungen aufeinander. Die moralischen Instanzen im Menschen seien ein Produkt der Erziehung und wendeten sich besonders gegen die Sexualität. Es entsteht ein innerer Widerspruch von Trieb und Moral. Die verdrängte Sexualität werde zur Ursache für Komplexe, Neurosen usw. Reich fragt nun, warum wird die Sexualität von der Gesellschaft unterdrückt? [4] Die augenblicklichen patriarchalischen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse machen die Sexualunterdrückung notwendig. Die Sexualunterdrückung stehe nicht am Anfang des Kulturprozesses, sondern am Beginn der Klassenspaltung. Durch die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit (und die daraus entstehenden psychischen Störungen) werden die Menschen ängstlich, scheu, autori-tätshörig, gehorsam, erziehbar. Sie schafft einen Menschen, der sich widerspruchslos beherrschen und ausbeuten läßt. [5] Die Unterdrückung grob materieller Bedürfnisse führt zur Rebellion. Die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse führt zu deren Verdrängung und verhindert die Rebellion gegen beide Arten der Unterdrückung. [6] Die Sexualunterdrückung schaffe darüber hinaus eine sekundäre Kraft, die die patriar-chalische Gesellschaft stützt. Die unterdrückte Sexualität sucht nach Ersatzbefriedigung. So wird die natürliche Aggressivität gesteigert zu brutalen Sadismus und dieser zur Ursache von Folter, Krieg, KZs u. ä.. Der Militarismus baut auf, auf den exibitionistischen Charakter der Uniform oder auf den erotisch aufreizenden, da rhythmischen Parademär-schen. [7] Reich führt die Entwicklung in der Sowjetunion speziell darauf zurück, daß die sexuelle Revolution gebremst und unterdrückt wurde. [8] Die Rückschritte in den 20er und 30er Jahren sind begründet in den "autoritätssüchtigen Strukturen der Massenmenschen". [9] Reich verschiebt wohl leicht die Akzente, wenn er die ganze Entwicklung nur noch durch die Brille der Sexualökonomie sieht oder wenn er behauptet: "Die Fragestellungen der Soziologie haben sich grundsätzlich von der Wirtschaft auf die Struktur der Massenmen-schen verschoben." [10] Aber ein wichtiger Gesichtspunkt ist die Sexualunterdrückung zweifellos. Sie erklärt auch die bis zum heutigen Tag quasi kirchliche Sexualpolitik im realen Sozialismus. 7.3. BAHROS EINSCHÄTZUNG DER ARBEITERKLASSE Bahro schätzt die Theorie von Reich zwar hoch ein [11], mißt aber der Stellung der Menschen im Produktionsprozeß eine größere Bedeutung bei. Bahro stellt fest, daß das Proletariat bis heute nirgends die ihm vom Marx zugespro-chenen Eigenschaften gezeigt hat. [12] Das russische Beispiel habe gezeigt, daß die alte Gesellschaft nur einer Minderheit der Unterdrückten die psychische Energie für einen aktiven Aufschwung gelassen habe. [13] Sie haben die Kraft zur kollektiven Machteroberung unter bewährten Führern und die Opferbereitschaft im Bürgerkrieg aufgebracht. Aber beim Aufbau einer neuen Gesellschaft eine Leitungsfunktion zu übernehmen, daß verlangt einen Grad an Selbstbewußtsein und Artikulationsvermögen, wie es unter den Ausgebeuteten ein individueller Glücksfall ist. [14] Beim Staatsaufbau werden die energischen und bewußten Elemente der unterdrückten Klassen nach oben in den Apparat abgezogen und unter den Verbleibenden wird massenhaft Regierungsunfähigkeit und Unmündigkeit reproduziert. [15] Der Marxismus wurde von Intellektuellen geschaffen und er war in seiner Gesamtheit auch immer nur Intellektuellen begreifbar. [16] Die revolutionären Programme der Arbeiterparteien waren die Programme von revolutionä-ren Eliten. [17] Die Führer dieser Parteien waren fast ausschließlich Intellektuelle. [18] Nicht die Arbeiterklasse gab sie sich als Führung, sondern sie gaben sich der Arbeiter-klasse als Führung. [19] Das Proletariat kann aus sich heraus nur gewerkschaftliches Bewußtsein entwickeln. [20] "Es ist eines, die Arbeiter zum vollen Bewußtsein ihres ökonomischen Klassen-gegensatzes zu den Bourgeois zu führen, ein ganz anderes, ihnen ihre 'universellen' Interessen bewußt machen zu wollen." [21] "Aus dem Kapital geht nur die Rolle des Proletariats als Antagonist der Bourgeoisie ... zwingend hervor ... Daß das Proletariat darüber hinaus das aktuelle Kollektivsubjekt der allgemeinen Emanzipation sein sollte, blieb ein philosophische Hypothese, in der sich die utopische Komponente des Marxismus konzentrierte." [22] 8. SCHLUSSBEMERKUNGEN Bei den Ursachen für die Entstehung des Stalinismus müssen primäre und sekundäre unterschieden werden. Die entscheidenden, primären Ursachen dafür, daß sich nicht ein Gesellschaftssystem herausbilden konnte, wie es Marx und Engels sich vorgestellt hatten, war einmal der Zwang zu einer Übergangsgesellschaft, in der die Macht aus ökonomischen und psychologischen Gründen faktisch von den Funktionären, von der Bürokratie ausgeübt wird. In Rußland kam nun noch dazu die Rückständigkeit des Landes, seine halbasiatische Struktur und die internationale Isolierung. Was dann zusätzlich kam, die Parteitheorie Lenins, das Versagen Trotzkis im Kampf gegen Stalin, das Fraktionsverbot usw. waren die sekundären Ursachen, anhand derer man den konkreten Verlauf der Geschichte aufzeigen kann. Wenn sich auf der Ebene etwas anderes ereignet hätte, dann würde das System heute etwas variiert dastehen. Aber an der grundsätzlichen Beschaffenheit wäre nicht geändert worden. Das realsozialistische Gesellschaftssystem, das in den 20er und 30er Jahren unter sehr realen Zwängen in der Sowjetunion entstanden ist, ist in diesen Ländern inzwischen zu einem Anachronismus geworden. Für Westeuropa hat es überhaupt keinen Modellcha-rakter. Wir haben in Westeuropa andere kulturelle und demokratische Traditionen, einen wesentlich höheren Entwicklungsstand der Produktivkräfte und die internationale Lage ist heute eine andere. Ein westeuropäischer Weg zum Sozialismus muß sich vom sowjetischen grundlegend unterscheiden. Wir brauchen keine Despotie und von daher auch keine Diktatur eines Parteiapparates. Der überzentralisierte Wirtschaftsapparat ist bei unserem Stand der Produktivkräfte völlig unadäquat. Auf ökonomischen Gebiet brauchen wir einerseits die Verstaatlichung der Großbetriebe, aber eine relative Eigenständigkeit dieser Betriebe und eine Wirtschaftspolitik des Staates, die sich auf Investitionskontrolle und Infrastrukturplanung beschränkt. In den staatlichen und privaten Betrieben muß es eine effektive Mitbestimmung der Arbeitneh-mervertreter geben und die Freiheit der Gewerkschaften und das Streikrecht müssen gewahrt bleiben. Die Arbeitsteilung sollte langfristig überwunden werden. Auf politischen Gebiet brauchen wir verschiedene politische Gruppen, die sich miteinan-der in Konkurrenz befinden, und die effektive Möglichkeit die Regierung abzuwählen. Die Politiker und Manager, von denen auch bei uns noch lange die tatsächliche Macht ausgehen wird, müssen effektiv kontrollierbar sein. Dafür ist es notwendig, daß die bürgerlichen Rechte und Freiheiten gewährleistet sind. Wir brauchen auch keine alleingültige Staatsideologie, sondern einen offenen Meinungsstreit über alle anstehenden Fragen der Politik, der Wissenschaft, der Philosophie und der Kultur. Die Erziehung der Kinder und die Sexualpolitik muß den neuesten Erkenntnissen der Psychologie angemessen sein. Das Bildungssystem muß so organisiert sein, daß soziale Nachteile weitgehend ausgeglichen werden. Die Arbeit muß langfristig so organisiert werden, daß nicht die einen ihr Leben lang am Fließband stehen und die anderen in den Chefetagen sitzen. Kurz: Es muß dafür gesorgt werden, daß die große Mehrheit der Bevölkerung auf grund ihrer Erziehung, ihrer Bildung und ihrer Stellung im Produktionsprozeß die Fähigkeit und das Bedürfnis entwickelt, den gesellschaftlichen Gesamtprozeß zu erkennen und mit zu gestalten.
Anmerkungen [1] Friebel, S. 14ff [2] Reich 1., Kapitel I.4., S. 44ff [3] ebenda, S. 45 [4] ebenda, S. 48 [5] ebenda, S. 49 [6] ebenda, S. 50 [7] ebenda, S. 50f [8] ebenda, S. 198 [9] ebenda, S. 199 [10] ebenda, S. 209 [11] Bahro, S. 346ff [12] ebenda, S. 224 [13] ebenda, S. 121 [14] ebenda [15] ebenda [16] ebenda, S. 232 [17] ebenda, S. 226 [18] ebenda, S. 228f [19] ebenda, S. 229 [20] ebenda [21] ebenda, S. 226 [22] ebenda, S. 233
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