Vorheriges Kapitel 2. TEIL UNGARN NACH DEM 2. WELTKRIEG Der ungarische Volksaufstand hatte neben seinen unmittelbaren Anlässen eine Reihe von tieferliegenden Ursachen, die im II. Teil dieses Referats untersucht werden sollen. Einige Sätze zur Vorgeschichte: Ungarn war im 19. Jahrhundert Teil des Habsburger Reiches (Österreich-Ungarn). 1848 gab es schon mal einen Aufstand der Ungarn unter Führung von Lajos Kossuth, um sich von der österreichischen Fremdherrschaft zu befreien. Der Aufstand wurde mit Hilfe eines russischen Leibeigenenheeres niederge-schlagen. Nach dem 1. Weltkrieg brach das Habsburger Reich auseinander und Ungarn wurde ein selbständiger Staat. 1919 existierte für wenige Monate eine ungarische Räterepublik. Nach deren Niederschlagung errichtete der ehemalige Admiral der österreichisch-ungarischen Flotte, Miklos Horthy, eine halbfaschistische Diktatur. 1941 beteiligte sich Ungarn an der Seite Hitlerdeutschlands am Krieg gegen die Sowjetunion. Nach Geheimverhandlungen der ungarischen Regierung mit den Westmächten besetzten 1944 deutsche Truppen Ungarn, die kurz darauf von sowjetischen Truppen wieder vertrieben wurden. Hinter den sowjetischen Panzern kamen (wie in Ostdeutschland die Gruppe Ulbricht [8]) ungarische Stalinisten ins Land, die unter der Führung des etwas später eintreffenden Stalinvertrauten Matyas Rákosi standen. | "Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der 'Gerechtigkeit', sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die Freiheit zum Privilegium wird." [9] Rosa Luxemburg 1918 | 2.1. DIE SOWJETISIERUNG UNGARNS Die Hebel bei der Sowjetisierung waren: die Besatzungsarmee, ein unzerreißbares Netz von sowjetischen 'Beratern', die in alle Ressorts der Innen- und Außenpolitik eindrangen, die Abhängigkeit Ungarns von der sowjetischen Wirtschaft, die Drohungen mit Demonta-ge und die Forderung nach Reparationen. Dies alles führte dazu, daß auch nichtkommunistische Politiker häufig bereit waren, auf sowjetische Forderungen in wirtschaftlichen und politischen Fragen einzugehen. Ein weiteres Mittel waren von der KP organisierte Demonstrationen, in denen sich angeblich 'der Wille der Massen' ausdrückte. Selbstredend wurden von der Besatzungsmacht nur solche Demonstrationen zugelassen. Als die KP ersteinmal das Innenministerium erobert hatte, wurde die Sicherheitspolizei AVH das wichtigste Mittel der Sowjetisierung. Die Gutgläubigkeit vieler Sozialdemokraten und Mitgliedern der Bauernpartei taten ihr übriges. Die erste Regierung, die am 22. Dezember 1944 in den von deutschen Truppen befreiten Gebieten installiert wurde, war noch eine echte Koalition aller politischer Kräfte mit Ausnahme der mit den deutschen Faschisten zusammenarbeitenden 'Pfeilkreuzern'. Generäle der Horthy-Armee (von den Sowjets zum Ministerpräsidenten gemacht!), Kommunisten (Imre Nagy als Landwirtschaftsminister), Sozialdemokraten und Mitglieder der Bauernpartei. Und dann begann das, was Rákosi später mal als 'Salami-Taktik' bezeichnen sollte. Das erste Ziel war die Bauernpartei, denn sie war aus der ersten Wahl mit 56% der Stimmen als stärkste Partei hervorgegangen. Die KP bekam lediglich 17%, die Sozial-demokratische Partei ebenfalls 17%. (Fryer, 36) Der Form halber mußte ein Mitglied der Bauernpartei Ministerpräsident werden, aber Rákosi wurde bereits stellvertretender Ministerpräsident. (Den gleichen Posten hatte Walter Ulbricht in Ostdeutschland, obwohl er von Anfang an der wirkliche Chef war.) Im März 1946 forderte Laszlo Rajk, einer der führenden Kommunisten, unterstützt durch Demonstrationen, daß Innenministerium für die KP, was sie auch bekam. Im gleichen Monat forderte eine Massendemonstration die Säuberung der Bauernpartei von reaktionären Elementen (die es dort zweifellos gab). Im Juli 1946 löste Rajk als Innenminister über tausend Organisationen auf. Im Januar 1947 gab es die erste 'Verschwörung'. Im weiteren Verlauf wurden 'Verschwörungen' zur Mode. Sie wurden immer im letzten Augenblick von der KP aufgedeckt und 'die Massen' forderten dann die exemplarische Bestrafung der Schuldigen. Ob es echte Verschwö-rungen gegen die Kommunisten gegeben hat, ist zweifelhaft. Sie hätten auf grund der sowjetischen Besatzungsmacht sowieso keine Chancen gehabt. Sicherlich waren die meisten 'Verschwörungen' Erfindungen, um Vorwände für Säuberungen zu haben. Im Laufe des Jahres 1947 wurde die Bauernpartei durch die vielen Säuberungen und Verhaftungen praktisch ausgeschaltet. Sie wurde zu einer Attrappe, zu einer Blockpartei, wie wir sie noch heute in Osteuropa beobachten können. So wurde z. B. der Vorsitzende der Bauernpartei, Béla Kovacs, nach Sibirien deportiert. Der Ministerpräsident und Mitglied der Bauernpartei Ferenc Nagy blieb nach einem Auslandsaufenthalt in der Schweiz, da in seiner Abwesenheit gerade mal wieder eine 'Verschwörung' aufgedeckt worden war, in die er verwickelt gewesen sein sollte. Der nächste Kampf galt der Sozialdemokratischen Partei. Im November 1946 wurde eine 'Verschwörung' aufgedeckt, deren Haupt der jahrzehntelange Führer der Sozialdemokrati-schen Partei Ungarns, Karoly Peyer, gewesen sein sollte. Er konnte ins Ausland ent-kommen. Nach der inzwischen bekannten Methode wurde nun die Sozialdemokratische Partei scheibchenweise zerstört. Zuerst wurde sie unterwandert, dann wurde gesäubert und verhaftet, was übrig blieb, wurde mit der KP zur Einheitspartei vereinigt, und in dieser Einheitspartei wurde dann sofort der Kampf gegen den 'Sozialdemokratismus' aufgenommen. Zuerst wurden die Sozialdemokraten ins Gefängnis geworfen, die gegen den Zusammenschluß mit der KP waren (z. B. Anna Kethly und Antal Ban) und etwas später dann die Sozialdemokraten, die für den Zusammenschluß waren (z. B. Arpat Szakasits und György Marosan). Es war (wie in Ostdeutschland) ein kaltes Verbot der Sozialdemokratischen Partei und eine Fortexistenz der Kommunistischen Partei unter anderem Namen. Man sprach auch innerhalb der Partei mit Selbstverständlichkeit von einer Kommunistischen Partei und nicht etwa von einer Einheitspartei aus Sozialdemokraten und Kommunisten. (Gosztony, 49) Ende 1948 waren alle Führer der Oppositions- und Koalitionsparteien entweder verhaftet oder ins Ausland geflohen. Nun wurden noch die Kirchen ausgeschaltet. Viele Vertreter der verschiedenen Konfessionen wurden verhaftet (z. B. Kardinal Mindszenty) und die kirchlichen Schulen wurden verstaatlicht. Nun war das sowjetische System auf politisch-ideologischer Ebene vollständig kopiert: Führende Rolle der Partei, 'Wahl' nach Einheitslisten, keine persönlichen und politischen Rechte und Freiheiten mehr etc. Rákosi hat später in einer Rede an der Parteiakademie (1952) den Prozeß der Sowjetisierung sehr offen beschrieben. Diese Rede ist als 'Salami-Rede' in die Geschichte eingegangen. [10] Sie ist eine bemerkenswerte Abhandlung über die Frage, wie man zu einer Zeit, in der das Volk noch nicht 'reif' ist, eine Revolution von oben machen kann. Dafür benötigt man nicht Rückhalt bei den Massen, sondern die Kontrolle des Staatsapparats, die unbegrenzte Fähigkeit zu lügen und zu intrigieren und genügend sowjetische Panzer im Hintergrund. Rákosi gab in dieser Rede zu, daß die KP im Jahre 1945 selbst innerhalb der Arbeiterklasse nicht über die Mehrheit verfügte und sagte im Zusammenhang mit der 'Diktatur des Proletariats' (womit Stalinisten die Diktatur des stalinistischen Parteiappa-rats meinen): "Wir stellten sie nicht öffentlich in der Partei zur Diskussion, weil selbst die theoretische Erörterung der Diktatur des Proletariats als unser Ziel unter unseren Koalitionspartnern eine Panik ausgelöst und unsere Bemühungen, nicht nur das Kleinbürgertum, sondern auch die Mehrheit der Arbeitermassen für uns zu gewinnen, bedeutend erschwert hätte." (Fryer, 36) Über die Situation nach den ersten Wahlen sagte Rákosi: "Unsere Partei nutzte das Wahlergebnis, um ihre Position weiter zu stärken. Deshalb forderte sie den Posten des stellvertretenden Ministerpräsidenten und des Innenministers, den sie nach einigem Zögern auch erhielt." (Fryer, 36) Wer das Innenministerium hat, kontrolliert den Staatsapparat, besonders wichtig, kontrolliert den Sicherheitsdienst. Rákosi: "Eine Position gab es, deren Kontrolle unsere Partei von der ersten Minute an beanspruchte und wo sie nicht bereit war, irgendeine Verteilung der Posten nach der Stärke der Koalitionsparteien zu erwägen - und das war der staatliche Sicherheitsdienst ... Dieses Organ behielten wir vom ersten Tage ihres Bestehens an in unserer Hand." (Fryer, 37) Über das Vorgehen gegen die Bauernpartei sagte Rákosi: "Damals nannte man das 'Salami-Taktik', durch die wir von der in der Kleinlandwirte Partei verborgenen Reaktion Tag für Tag eine Scheibe abschnitten ... wir brachten die Kraft des Feindes zum Verschwinden." (Fryer, 37) Der Zusammenschluß der KP und der Sozialdemokratischen Partei war nach Rákosis Worten der "Sieg der Kommunisten und die völlige Niederlage der Sozialdemokratischen Partei." (Fryer, 37) Nachdem alle Opposition und potentielle Opposition gegen die KP ausgeschaltet war, wandte sich Rákosi, getreu seinem Meister Stalin, gegen die Kommunistische Partei selbst. Viele Parteimitglieder wurden als 'Titoisten' [11] verfolgt, verhaftet, gefoltert und ermordet. Rákosis potentieller Hauptkonkurrent in der KP war der jahrelange Innenminister Laszlo Rajk. Er wurde von dem Sicherheitsdienst, den er selbst aufgebaut hatte, verhaftet und gefoltert. Dann sagte man zu ihm ungefähr folgendes: "Die Partei weiß, daß du unschuldig bist. Aber sie braucht dein Geständnis für den Kampf gegen Tito. Wenn du ein Geständnis ablegst, wirst du, obwohl offiziell tot, in der Sowjetunion unter anderem Namen weiterleben." (Kopacsi, 37ff) Daraufhin 'gestand' Rajk, jahrzehntelang ein Spitzel der Horthy-Polizei und ein Agent diverser westlicher Geheimdienste zu sein. Danach wurde er, nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich, hingerichtet. Das Ergebnis der Sowjetisierung war auf politischem Gebiet das Verschwinden jeglicher Demokratie und Freiheit, selbst für die ungarischen Kommunisten, und die Unterwerfung des ungarischen Volkes unter die Diktatur Rákosis, dem Statthalter Stalins. | "Akkordarbeit ist ein revolutionäres System, welches die Faulheit vermindert und dazu führt, daß der Arbeiter sich anstrengt. Unter dem kapitalistischen System hat sich Faulheit ausgebreitet. Aber nun hat jeder die Chance, härter zu arbeiten und mehr zu verdienen." [12] Scanteia, rumänische KP-Zeitung 1949 "Fließbandarbeit ist auch der Gesundheit zuträglich. Fließband heißt Rhythmus, und Rhythmus ist dem gesamten Organismus eigen." [13] DDR-Zeitschrift "Die Wirtschaft" 1975 | 2.2. DIE WIRTSCHAFTLICHE LAGE UNGARNS Der wirtschaftliche Neubeginn zeitigte am Anfang Erfolge. Man kam aus dem Tiefstand von 1945 heraus und 1949 betrug das Nationaleinkommen 10% mehr als 1938. (Mikes, 54) Aber in dem Maße, wie die Sowjetisierung der Wirtschaft voranschritt, verschlech-terten sich die Verhältnisse. Sowjetisierung in der Wirtschaft bedeutete Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Verstaatlichung der Industrie und der Banken und verstärkter Aufbau der Schwerindustrie, bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Konsumgüterindustrie. Die Freude der Bauern über die Landverteilung, die 1944/45 eingesetzt hatte, dauerte nicht lange an. Mit dem Jahre 1948 begann die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Da viele Bauern die Kollektivierung ablehnten, ging die landwirtschaftliche Produktivität immer stärker zurück und die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung verschlechterte sich. Selbst der stellvertretende Ministerpräsident Revai gab zu, daß die Bauern so ausgepreßt würden, daß sie kaum genug zum Leben hätten. (Mikes, 56 und Gosztony, 34ff) Die Arbeiter, denen offiziell die Fabriken und die Macht im Staat gehörten, wurden in einer Weise ausgeplündert und zur Arbeit angetrieben, die ihre Parallelen nur in frühkapitalistischer Menschenschinderei findet. Alles was der Steigerung der Produktion diente, war gut, was ihr schadete, schlecht. Wie schon einige Jahrzehnte früher in der Sowjetunion konnte man nun beobachten, wie die von den Kommunisten im Kapitalismus verurteilten Arbeitsmethoden wie Akkord oder Taylorismus, plötzlich zu revolutionären Errungenschaften zur Steigerung der Produktion wurden. Durch die Einführung der Norm und ihre ständige Heraufsetzung (d. h. die Arbeiter mußten in immer kürzeren Intervallen eine immer größere Menge produzieren) verringerte sich der Lohn der Arbeiter. Durch diese Maßnahmen stieg zwar die Quantität der Produktion, die Qualität rutschte jedoch herab. Ein weiteres Mittel den Arbeitern ihren elenden Lohn noch weiter zu kürzen, waren die 'freiwilligen' Friedensanleihen, die ca. 12% des Lohnes ausmachten. Wer sie nicht zeichnen wollte, war ein 'reaktionäres Element' und das trauten sich nur wenige zu riskieren. Last not least gab es noch die 'freiwilligen' Sonderschichten zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen, wie z. B. zu Stalins Geburtstag oder zum zehnten Jahrestag der Entlassung Rákosis aus dem Gefängnis. Die Arbeiter besaßen keine selbständigen Organisationen um sich gegen diese Methoden zu wehren. Die Gewerkschaften waren zu Instrumenten des Staates und der Parteibürokratie geworden und darüber hinaus verhinderte die Einschüchterung durch die AVH jeden Protest. Der Lebensstandart der ungarischen Arbeiter war 1956 niedriger als 1938. (Gosztony, 53 + 68) Wenn diese Ausplünderung der Arbeiter und Bauern wenigstens zu einer raschen Entwicklung der Produktivkräfte geführt hätte, wäre sie - wenn sie auch mit Sozialismus nicht das Geringste zu tun hatte - im Rahmen einer marxistischen Denkweise gerechtfertigt gewesen. Auch Marx hatte die frühkapitalistische Menschenschinderei als notwendige Durchgangsphase zu einer kommunistischen Gesellschaft angesehen. [14] Aber auf dem Gebiet der Industrie herrschte völliges Chaos. Einsame Beschlüsse Rákosis und seiner engsten Clique waren unantastbar. Zwei Beispiele: Die Ölfelder von Lengyeltot wurden, entgegen den Ratschlägen von Fachleuten, mit einer Geschwindigkeit ausgebeutet, die zu Überschwemmungen führte. Hierdurch sank die Ölförderung gewaltig. In Dunapentele (Sztalinvaros/Stalinstadt) wurde ein Zentrum der Schwerindustrie hochge-zogen, obwohl es in dieser Gegend weder Kohle noch Erz gab. Diese Rohstoffe mußten deshalb von weit her herbeigeschafft werden, was zur Folge hatte, daß mit hohen Verlusten gearbeitet wurde. (Mikes, 60ff. Dort sind noch weitere Beispiele der Mißwirtschaft aufgeführt.) Aber wehe, wenn einer auf diese Mißstände hinwies. Dann war er ein reaktionäres Element. Die Schuld an all diesen Mißständen hatten nämlich ausschließlich die westlichen Imperialisten und ihre Agenten in Ungarn. (So wie heute die westlichen Imperialisten an der Gewerkschaftsbewegung 'Solidarnost' in Polen Schuld sind.) Der Exporthandel blühte auf dem Papier, wurde aber in Wirklichkeit mit hohen Verlusten betrieben. Jedes Unternehmen mußte sein Exportziel erfüllen. So kam es, daß viele aus Angst vor Strafe ihre Waren zu Schleuderpreisen, weit unter den Entstehungskosten, verkauften. Sie trieben Sabotage um nicht der Sabotage angeklagt zu werden. (Mikes, 61) | "... weil nichts die Entwicklung und Festigung der proletarischen Klassensolidarität so sehr hemmt wie die nationale Ungerechtig-keit und weil die 'gekränkten' nationalen Minderheiten für nichts ein so feines Gefühl haben wie für die Gleichheit und für die Verletzung dieser Gleichheit ... ist in diesem Falle ein Zuviel an Entgegenkommen und Nachgiebigkeit gegenüber den nationalen Minderheiten besser als ein Zuwenig." [15] Lenin 1922 | 2.3. DAS VERHÄLTNIS DER UNGARN ZU DEN RUSSEN Nach dem 1. Weltkrieg war Sowjetrußland gegen Reparationszahlungen. Unter solchen Zahlungen habe nur die Arbeiterklasse der besiegten Länder zu leiden. Für Stalin galten solche Einsichten nicht. Von Ungarn forderte er 200 Millionen Dollar Reparationen. Für ca. 124 Millionen Dollar wurden Maschinen demontiert. Die Kosten für Besatzung und Reparationen betrugen im Jahre 1946 30% des ungarischen Nationaleinkommens. Die Sowjets beschlagnahmten einen großen Teil der Lebensmittelproduktion. Die Tagesrationen der Ungarn lagen damals bei 850 Kalorien! (Niedriger als in Deutschland.) Als es im Jahre 1948 beinahe zu Hungerrevolten gekommen war, wurden die Belastungen herabgesetzt. (Alle Zahlen aus Anderson, 41ff) Die Sowjetunion zwang alle ihre Satellitenstaaten dazu, unter Weltmarktpreisen an sie zu verkaufen und über Weltmarktpreisen bei ihr einzukaufen. So bezog Ungarn z. B. sowjetische Autos für die Armee, obwohl deutsche Mercedeswagen halb so teuer und wesentlich besser waren. (Gosztony, 53. Beispiel auch aus anderen Satellitenstaaten bei Anderson, 46f.) Ein weiterer Trick der Sowjets war es, eine unerreichbar hohe Qualität der Produkte zu verlangen und wenn diese nicht erfüllt wurde, konnten die Sowjets die Waren zu einem Bruchteil ihres Wertes kaufen. Oder es wurde ein unerreichbarer Ablieferungstermin vereinbart und wenn die Ungarn diesen nicht einhielten, mußten sie hohe Vertragsstrafen zahlen. Schiedsrichter in einem Streit waren natürlich nur die Sowjets. Die Sowjetunion beschlagnahmte das in Ungarn reichlich vorhandene deutsche Kapital. Die entsprechenden Betriebe wurden in Aktiengesellschaften umgewandelt, die zum Teil den Sowjets und zum Teil den Ungarn gehörten. Auf diese Weise strichen die Sowjets einen Teil des Profits ein wie ein ganz gewöhnlicher Kapitalist. (Mikes, 59f) Die ungarischen Uranvorkommen wurden von der Sowjetunion ausgebeutet und die Ungarn wurden über diese Vorkommen und den Handel damit in vollkommener Unwissenheit gehalten. (Gosztony. 47f + 53) Doch es war nicht nur die wirtschaftliche Ausbeutung Ungarns durch die Sowjetunion, die das Verhältnis zwischen den Ungarn und den Sowjets, speziell den Russen, vergiftete. Es begann in den ersten Wochen der sowjetischen Besetzung mit den wahllosen Schießereien, Plünderungen und Vergewaltigungen von Teilen der sowjetischen Truppen. Vielleicht hätten die Ungarn diese Ereignisse als bedauerliche Exzesse des Krieges, wenn schon nicht gebilligt, so doch verstanden, und mit der Zeit verziehen. Aber es durfte nicht darüber gesprochen werden. Für die Sowjets und die ungarische KP gab es keine bedauerlichen Exzesse. Es gab nur Gerüchte, die von reaktionären Elementen verbreitet wurden. Und gerade dieses, daß die Menschen gegen den eigenen Augenschein Tatsachen verleugnen mußten, hat das Klima von Anfang an verdorben. In vielen Berichten bestätigten Ungarn, die später in den Westen flohen, daß der Keim des Hasses damals gelegt wurde. (Mikes, 35) Ein anderer Punkt, der das Verhältnis zwischen Ungarn und Russen verdarb, war die erzwungene Lobpreisung alles russischen bzw. sowjetischen, die blinde Nachahmung all dessen, was in der Sowjetunion gemacht wurde in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Alle Künstler waren gezwungen, genau nach den von dem 'Koriphen der Künste', dem Genossen Stalin, festgelegten Grundsätzen des sozialistischen Realismus zu malen, zu schreiben und zu komponieren. Wenn sich Genosse Stalin, der 'Genius der Menschheit', zu 'Marxismus in den Sprachwissenschaften' äußerte, dann mußten nicht nur die ungarischen Philologen eine Kongreß zu diesem unsterblichen Beitrag zum Marxismus-Leninismus abhalten, nein, auch die Historiker, Wirtschaftswissenschaftler, Mathematiker und Geologen mußten zusammenkommen. Wehe dem ungarischen Biologen, der etwas an Herrn Lysenko auszusetzen hatte [16] oder dem Polizisten, der nicht in genügendem Maße die Ergebnisse der ruhmreichen sowjetischen Kriminologie studierte. Durchaus bedeutende aber doch zweitrangige russische Wissenschaftler des 19. Jahr-hunderts wurden den hervorragenden Vertretern der klassischen deutschen Philosophie, des französischen Sozialismus und der englischen Ökonomie gleichgestellt, nur damit auch die Russen etwas vorweisen konnten und wehe dem Lehrer oder Professor, der sie nicht genügend berücksichtigte. Die ungarische Armee mußte ihre Uniformen am russischen Vorbild orientieren, was viele Offiziere und Soldaten in ihrem Nationalgefühl verletzte. Genau der großrussische Chauvinismus, vor dem Lenin Zeit seines Lebens gewarnt hatte, feierte fröhliche Urstände. | "Ist nämlich die Sexualität durch den Prozeß der Sexualverdrängung aus dem naturgemäß gegebenen Bahnen der Befriedigung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung verschiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die natürliche Aggression zum brutalen Sadismus." [17] Wilhelm Reich 1933 | 2.4. DER TERROR DER AVH Kurz nach Ende des Krieges kamen bereits die ersten Spezialisten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD um den ungarischen Sicherheitsdienst zu reorganisieren. Die AVH wurde gegründet, nachdem Rajk das Innenministerium übernommen hatte. Zuerst wurde diese Geheimpolizei gegen die Bauernpartei eingesetzt, dann gegen Sozialdemokraten, aber ab 1949, mit dem Beginn der 'titoistischen Säuberungen', verstärkt gegen Kommunisten. In der Zeit zwischen 1951 und 53 gab es fast keinen Kommunisten mehr, der nicht wenigstens für kurze Zeit im Gefängnis war. Viele alte Kommunisten berichteten in der Zeit der Diskussionen im Petöfi-Kreis, daß sie in den faschistischen Horthy-Gefängnissen nicht so schlimm behandelt worden seien, wie in den AVH-Kerkern. (Gosztony, 42ff) Einige der Foltermethoden, von denen Opfer und Augenzeugen berichteten: Hemmungs-lose Prügeleien und ausgeschlagene Zähne waren die leichtesten Übungen. Dort wurden Zigarettenkippen in Gesichtern ausgedrückt, Geschlechtsteile angenagelt und gepeitscht. Dort gab es Instrumente zur Zerquetschung von Gliedmaßen und Krematorien und Säurebäder zur Beseitigung allzuentstellter Leichen. (Mikes, 124ff und Fryer, 41ff) Vladimir Farkas, Sohn des Verteidigungsministers und Rákosivertrauten Mihaly Farkas, war einer der Hauptinquisitoren. Er hatte die Angewohnheit, seinen Opfern während der Verhöre in den Mund zu urinieren. Es ist bekannt, daß auch der heutige Parteichef Jonos Kadar dieser Totour unterzogen wurde. An ihm kann man noch heute die Spuren der AVH sehen: Narben im Gesicht und ausgerissene Fingernägel. Diese schrecklichen Dinge muß man sich vor Augen halten, wenn man verstehen will, warum in den Tagen des Aufstandes AVH-Leute, wenn sie in den Straßen Budapests von der Bevölkerung erkannt wurden, häufig mit dem Kopf nach unten an den nächsten Laternenpfahl gehängt und totgeschlagen wurden. Diese Unmenschen, die sich selbst 'die Sperspitze der Arbeiterklasse' nannten, waren darüber hinaus reichlich privilegiert. Der Durchschnittslohn eines Arbeiters lag 1956 bei 800 - 1.000 Forint. AVH-Leute bekamen als Manschaftsgrad 3.000 - 4.000, Offiziere 9.000 - 16.000 Forint. Die AVH-Offiziere bewohnten die feinsten Villen Budapests. Sie waren die Kettenhunde Rákosis, der mit ihrer Hilfe seine Diktatur aufrecht erhielt und sie dafür entsprechend belohnte. (Zahlen nach Fryer, 43 und Mikes, 122)
Anmerkungen
Anm. 8: Über die Sowjetisierung Ostdeutschlands, die im Prinzip genauso bewerkstelligt wurde wie die Ungarns, gibt es einen Bericht aus erster Hand von Wolfgang Leonhard, 'Die Revolution entläßt ihre Kinder'. Ullstein Verlag Frankfurt/M 1955. Leonhard lebte viele Jahre in der Sowjetunion als Kind einer deutschen Kommunistin, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchtet war und dort als 'Trotzkistin' viele Jahre im GULAG und in der Verbannung verbrachte. Leonhard gehörte zur Gruppe Ulbricht, die im April 1945 nach Berlin geschickt wurde. Er setzte sich später nach Jugoslawien ab. Zurück zum Text Anm. 9: Rosa Luxemburg, 'Zur russischen Revolution', Gesammelte Werke Band 4, Seite 359, Dietz Verlag Berlin 1974 Zurück zum Text Anm. 10: Siehe Mathyas Rákosi 'The road of our People's Demokracy', Auszüge in Fryer, 32ff und Anderson, 39ff Zurück zum Text Anm. 11: 1948 war es zum Bruch zwischen der Sowjetunion und dem von Tito geführten kommunistischen Jugoslawien gekommen. Die jugoslawischen Kommunisten, die große Teile ihres Landes selbst von den deutschen Faschisten befreit hatten, waren nicht bereit, sich der Sowjetunion unterzuordnen und haargenau das sowjetische System zu übernehmen. Erst nach Stalins Tod kam es zu einer Aussöhnung, die Jugoslawien allerdings nicht ins sowjetische Lager zurückführte. Zurück zum Text Anm. 12: Zitiert nach Anderson, 53 Zurück zum Text Anm. 13: Zitiert nach Kursbuch 43, Seite 159, Rotbuch Verlag Berlin 1976 Zurück zum Text Anm. 14: Hierzu siehe besonders: Marx, 'Theorien über den Mehrwert': "... das also die höhere Entwicklung der Individualität nur durch einen historischen Prozeß erkauft wird, worin die Individuen geopfert werden." (MEW 26.2/111); Engels, 'Anti-Dühring': "Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus" (MEW 20/166ff). Auch im Kommunistischen Manifest heben Marx und Engels die positive historische Rolle der Bourgeoisie hervor. (MEW 4/462ff) Zurück zum Text Anm. 15: LW 36/594 Zurück zum Text Anm. 16: Der von Stalin gestützte sowjetische Biologe Lysenko hatte behauptet, anerzogene Verhaltensweisen gingen in die Erbmasse ein. Dies bedeute, daß sozialistisch erzogene Menschen in Zukunft auch sozialistische Menschen zeugen würden. Inzwischen ist Lysenko auch in der Sowjetunion als Scharlatan entlarvt. Zurück zum Text Anm. 17: Wilhelm Reich, 'Massenpsychologie des Faschismus', Seite 50, Fischer Taschenbuch Verlag 1974 Zurück zum Text
Copyright © by Peter Möller, Berlin. |