Vorheriges Kapitel


3. TEIL   DER AUFSTAND


"Nur bei einer Ordnung der Dinge, wo es keine Klassen und keinen Klassengegensatz gibt, werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolutionen zu sein. Bis dahin wird am Vorabend jeder allgemeinen Neugestaltung der Gesellschaft das letzte Wort der sozialen Wissenschaft stets lauten: 'Kampf oder Tod; blutiger Krieg oder das Nichts. So ist die Frage unerbittlich gestellt.'" [18]   Karl Marx 1847




3.1. DIE ENTWICKLUNG ZUM AUFSTAND

Nach Stalins Tod liberalisierte sich das System etwas. Der irrationale Terror, selbst gegen Personen, die hinter dem System standen, hörte auf.
Im Juni 1953 reiste eine ungarische Regierungsdelegation nach Moskau. [19] Dort wurde Rákosi gezwungen, sein Amt als Ministerpräsident an Imre Nagy abzutreten. Er blieb aber Parteivorsitzender. Anstelle der Diktatur eines einzelnen sollte wieder die kollektive Führung treten.
Nagy verkündete ein Reformprogramm (Kopacsi, 69f + Mikes, 66f), das von den Ungarn mit großen Hoffnungen verbunden wurde. Nach und nach wurden nun auch in Ungarn Kommunisten rehabilitiert, die während der Stalinzeit als Titoisten u. ä. eingesperrt worden waren, aber das Glück hatten, dies zu überleben. Unter ihnen war auch Jonos Kadar.
Aber Nagy hatte nicht die notwendige Macht um seine Vorstellungen durchzusetzen, die übrigens weit hinter dem standen, was er während des Aufstandes gezwungen war zu tun. Die alten Stalinisten blieben in Amt und Würden und intrigierten gegen Nagy wo sie konnten. Sie warteten nur auf die Gelegenheit ihn loszuwerden.
Diese Gelegenheit bot sich im Frühjahr 1955. Die internationale Lage verschärfte sich (Pariser Verträge, Einbeziehung Westdeutschlands in die NATO) und die sowjetischen Führer wollten sich in dieser Situation nicht mit Reformen des Systems belasten. Sie duldeten, daß Nagy rechter Abweichungen beschuldigt und aus der KP ausgeschlossen wurde. [20] Die Absetzung Nagys zerstörte bei vielen Ungarn die Hoffnung auf eine friedliche Liberalisierung.
Der XX. Parteitag mit der Zerstörung des Stalin-Mythos führte auch in Ungarn zu einer verstärkten Kritik an den alten Stalinisten. Deutlichster Ausdruck war die Entstehung des Petöfi-Kreises. In diesem Diskussionszirkel, bestehend vorwiegend aus kommunisti-schen Studenten und Schriftstellern, traten immer häufiger alte Kommunisten auf und berichteten, wie sie von der AVH verfolgt und unterdrückt worden waren. Immer lauter wurde der Ruf nach Absetzung der alten Stalinisten und nach der Wiedereinsetzung Nagys als Ministerpräsidenten.
Im Juni 1956 wollte Rákosi der wachsenden Kritik mit der alten Methode der Massenverhaftungen entgegentreten. Einige Parteiführer fanden dies jedoch nicht mehr zeitgemäß und unterrichteten das sowjetische Politbüro. Mikojan, damals einer der mächtigsten Männer der Sowjetunion, kam nach Budapest und 'riet' den ungarischen Parteiführern, Rákosi abzusetzen. (Kopacsi, 94ff + Gosztony, 58ff) Sein Nachfolger als Parteivorsitzender wurde aber der Rákosivertraute Ernö Gerö, ebenfalls ein unbelehrbarer Stalinist. Er verzichtete zwar auf die Massenverhaftungen, setzte aber ansonsten die Politik Rákosis fort. Er war unfähig zu erkennen, was sich in Ungarn zusammenbraute.
Ab Juni 1956 kam es in Polen zu Streiks und Demonstrationen. Sie wurden von der polnischen Armee und Polizei unterdrückt. Obwohl offiziell erklärt wurde, die Unruhen seien das Werk westlicher Geheimagenten, waren sich die polnischen Führer durchaus über die wirklichen Ursachen im klaren. Die Unruhen entzündeten sich im Zusammen-hang mit Lohnsenkungen, die durch Normenerhöhungen verursacht waren (wie 1953 in der DDR).
Die polnische Führung versuchte der Lage im wesentlichen durch Zugeständnisse an die Arbeiter Herr zu werden. Die Streikenden wurden (für sowjetische Verhältnisse) mit Milde behandelt. Auch die Führungsspitze der Partei wurde verändert. Der 'Titoist' Gomulka, 1951 exkommuniziert und ins Gefängnis geworfen, wurde gegen den Widerstand der extra angereisten sowjetischen Führer Vorsitzender der polnischen KP und der Sowjetbürger Rakossowski wurde als Verteidigungsminister abgesetzt. Nach kurzem Zögern akzeptierten die Sowjets diese Veränderungen. Auch sie erkannten, daß durch das besonnene Handeln der polnischen Parteiführung der Protestbewegung die Spitze abgebrochen wurde und viele Polen ihre Hoffnung auf einen friedlichen Wandel setzten.
Die polnischen Ereignisse wirkten natürlich als ein ganz entscheidender Katalysator für die Ereignisse in Ungarn.
Im März 1956 war zum ersten Mal offen eingestanden worden, daß Rajk auf grund gefälschter Aussagen verurteilt worden war. Anfang Oktober wurden er und seine Mitangeklagten rehabilitiert und in einer feierlichen Prozession beigesetzt. [21] 200.000 Menschen zogen an seinem Sarg vorüber und alle wußten, daß die Mörder noch auf der Ehrentribüne saßen. Dabei war Rajk als Innenminister während der Sowjetisierung Ungarns keinesfalls beliebt gewesen. Aber nun wurde er zum Knüppel um das Regime durchzuprügeln. Diese Massendemonstration war das Morgengrauen der Revolution.



"In einer ruhmreichen Erhebung hat unser Volk das Rákosi-Regime abgeschüttelt. Es hat Freiheit für das Volk und Unabhängigkeit für das Land erreicht. Wir können ruhig sagen, daß die treibenden Kräfte dieser Erhebung aus unseren Reihen kommen. Kommunistische Schriftsteller, Journalisten, Studenten, die Jugend des Petöfi-Kreises, Tausende und Tausende von Arbeitern und Bauern, Veteranen der Arbeiterbewegung ... Wir sind stolz darauf, daß ihr in dem bewaffneten Aufstand euren Platz tapfer behauptet habt! Ihr wart durchdrungen von wahrem Patriotismus und von Treue zum Sozialismus." [22] Jonos Kadar am 1. November 1956




3.2. DER VERLAUF DES AUFSTANDES

Zum 23. Oktober riefen die ungarischen Schriftsteller zu einer Demonstration auf, die zum Denkmal des polnischen Generals Bem führen sollte, der 1848 auf der Seite Ungarns in dem Befreiungskampf gegen Österreich gestanden hatte um hiermit die Solidarität mit Polen zu bekunden. Die Versammlungen der Studenten und vieler Offiziersschulen schlossen sich dem Demonstrationsaufruf an.
Die Studenten hatten schon in den Tagen zuvor eine neue Studentenorganisation gegründet (MEFESZ). Am 22. Oktober gab die Studentenschaft ein 14 Punkte Papier heraus, das überall in Budapest verteilt wurde. In ihm wurde u. a. gefordert:

  • Abzug aller sowjetischen Truppen aus Ungarn
  • Wiedereinsetzung Imre Nagys als Ministerpräsidenten
  • Allgemeine und geheime Wahlen im ganzen Land
  • Überprüfung der ungarisch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen
  • Streikrecht für die Arbeiter
  • Meinungs- und Redefreiheit (Gosztony, 127f)
Die Demonstration wurde am Vormittag des 23. Oktober verboten, jedoch am nachmittag, als sich schon zigtausende Ungarn auf den Straßen befanden, wieder zugelassen. Am Bem-Denkmal fand eine kurze Kundgebung statt. Danach zog ein Großteil der Demonstranten zum Parlamentsgebäude. Dort fanden sich um die 250.000 Menschen ein und forderten die Wiedereinsetzung Nagys als Ministerpräsidenten.
Nagy wurde von befreundeten Schriftstellern herbeigeholt und hielt eine kurze beschwich-tigende Ansprache. Er sagte, die Partei werde die Hindernisse beseitigen, die einem demokratischen Sozialismus im Wege stehen und es sei das Beste, nun friedlich nach hause zu gehen. (Gosztony, 146f)
Nagy fühlte sich überhaupt nicht wohl in der Rolle, die ihm plötzlich zugefallen war. Sein Verhalten an diesem Abend und in den Tagen darauf zeigten deutlich, daß er alles andere war als ein 'Konterrevolutionär'. Er stellte sich nicht an die Spitze der Bewegung. Er war weit davon entfernt einen revolutionären Sturz des sowjetischen Systems zu befürworten. Nagy war ein Mann des Apparats. Auch wenn er ihm kritisch gegenüber-stand, so blieb er ihm doch verpflichtet. In diesem Sinne glich er jenen Katholiken, die auch noch auf dem Scheiterhaufen beteuern, gegenüber ihren Henkern die besseren Katholiken zu sein. Nagy war ein humaner Bürokrat, der ehrlich an das System glaubte und versuchte, für die Menschen das Beste herauszuholen und der, als das Volk rebellierte, sich tapfer weigerte, auf es schießen zu lassen. Auch als er während des Aufstandes die Neutralität Ungarns proklamierte und das Mehrparteiensystem einführte, tat er dies nicht aus eigener Überzeugung, sondern weil der Lauf der Ereignisse ihn dazu drängte.
Während die Mehrheit der Demonstranten zum Parlamentsgebäude gezogen war, zogen andere zum Stalindenkmal, um eine Forderung der Demonstration, nämlich die Beseitigung dieses Denkmals, selbst in die Hand zu nehmen. Die riesige Stalinstatue wurde mit Stahlseilen und Traktoren von ihrem Sockel gerissen und anschließend durch die Straßen Budapests geschleift. (Gosztony, 148ff)
Andere Demonstranten zogen zum Rundfunkgebäude um die Sendung des Forderungs-katalogs der Studenten durchzusetzen. Zur gleichen Zeit strahlte der Rundfunk eine Rede Gerös aus, die so dumm und verlogen war, daß der Zorn der Demonstranten weiter anstieg. In dieser Rede behauptete Gerö, Reaktionäre und Konterrevolutionäre demon-strierten in den Straßen Budapests um die Volksdemokratie zu stürzen. (Gosztony, 154ff)
Als eine Delegation der Demonstranten, die ins Rundfunkgebäude eingelassen worden war, auch nach eineinhalb Stunden noch nicht zurückgekehrt war, rückten die Demonstranten auf die Absperrungen vor. Daraufhin begann die AVH vom Dach des Rundfunkgebäudes auf die unbewaffnete Menge zu schießen. Es gab hunderte Tote und Verletzte. Nach diesem Blutbad bewaffneten sich viele Demonstranten und gingen zum Angriff auf die AVH und öffentliche Gebäude über. Der Aufstand hatte begonnen.
Noch in der Nacht vom 23. auf dem 24. Oktober wurden in verschiedenen Stadtteilen Budapests Barrikaden errichtet. Am Morgen des 24. Oktober griffen die ersten sowjetischen Truppen in die Kämpfe ein. (1. Sowjetische Intervention) Im Rundfunk wurde erklärt, faschistische Kräfte griffen die öffentlichen Gebäude an und die sowjetischen Truppen würden helfen, die Ordnung wieder herzustellen. Gleichzeitig wurde erklärt, daß Nagy wieder Ministerpräsident sei. Hierdurch entstand bei vielen Ungarn der Eindruck, Nagy habe die sowjetischen Truppen zu Hilfe gerufen.
Schon am 24. Oktober entstanden die ersten Arbeiterräte. In den darauf folgenden Tagen gab es fast keine Fabrik, kein Bergwerk, kein Dorf und keine Stadt ohne Arbeiter- und Revolutionsräte. Diese Räte ähnelten sehr denen, die in Rußland 1905 und 1917 entstanden waren. Sie übernahmen fast überall die Staatsgewalt. Die Rätebewegung war eines der auffallensten Merkmale der ungarischen Revolution. (UN-Bericht, § 485ff)
Am 25. Oktober kamen die sowjetischen Führer Mikojan und Suslow nach Budapest. Sie waren äußerst aufgebracht und machten Gerö für die Lage verantwortlich. Sie beschuldig-ten ihn, die Lage völlig falsch eingeschätzt und übereilt sowjetische Truppen angefordert zu haben. Gerö wurde nicht abgewählt, er wurde nicht einmal abgesetzt. Er wurde hinausgeworfen, wie ein Diener, der das Haus angezündet hat. Die beiden sowjetischen Führer bestellten darauf Kadar zu sich und erklärten ihm, er sei nun Parteivorsitzender. (Kopacsi, 148)
Der 25. Oktober wurde der bis zu diesem Zeitpunkt blutigste Tag des Aufstandes. (Blutiger Donnerstag) Vor dem Parlamentsgebäude demonstrierte eine riesige Menschenmenge gegen Gerö und die AVH. Die schoß in die Menge. Selbst Sanitäter, die Verwundete bergen wollten, wurden erschossen. Die Zahl der Getöteten vor dem Parlamentsgebäude schwankt zwischen 300 und 800. Ein Mitglied der britischen Gesandschaft zählte zwölf Lastwagen voller Leichen. (Gosztony, 226ff)
Zu einem weiteren Massaker kam es an diesem Tag in der Provinzstadt Nagyarover. Dort schoß die AVH ebenfalls auf eine unbewaffnete Menschenmenge und tötete ca. 100 Menschen. In dieser Stadt wurden dann die ersten AVH-Offiziere gelyncht. Man hängte sie mit dem Kopf nach unten an Bäume und Laternenpfähle und schlug sie tot. (Fryer, 21ff)
Am 27. Oktober bekam Nagy endlich soviel Bewegungsfreiheit, daß er erklären konnte, nicht er, sondern Gerö hätte die sowjetischen Truppen gerufen. Er bildete die Regierung um, der nun auch Nichtkommunisten angehörten.
Am 28. Oktober erklärte die neue Regierung eine allgemeine Feuereinstellung, die aber noch nicht überall befolgt wurde.
Am 29. Oktober erklärte Nagy die Auflösung der AVH.
Am 30. Oktober wurde das Einparteiensystem abgeschafft. An diesem Tag hörten auch die Kämpfe in Budapest auf. Die sowjetischen Truppen verließen die Stadt. Die Revolution hatte scheinbar gesiegt.



"Die russische Einmischung erregte die Entrüstung der ganzen Welt ... Ich glaube mit Recht sagen zu können: es ist in der Weltgeschichte noch kaum vorgekommen, daß der Freiheitskampf einer Nation größere Teilnahme erweckt hat als der unsere. Wir haben alleine gekämpft - abgeschnitten von der Welt. [23]   Lajos Kossuth 1849




3.3. DIE NIEDERSCHLAGUNG DES AUFSTANDES

Am 30. Oktober 1956 beschloß das sowjetische Politbüro (was natürlich erst viel später herauskam) den ungarischen Volksaufstand niederzuschlagen. (Mikes, 154)
Am gleichen Tag, an dem sich die sowjetischen Truppen aus Budapest zurückzogen, marschierten bereits die ersten neuen sowjetischen Truppen nach Ungarn ein. Bei der zweiten Intervention wollten die Sowjets besser vorbereitet sein und nicht ein solches Desaster erleben, wie bei der ersten Intervention, bei der sie hunderte von Panzern verloren gegen einen Feind, der häufig nur mit Molotow-Cocktails bewaffnet war. Wichtig war auch für die Sowjets, die Ungarn über ihre wahren Absichten so lange wie möglich zu täuschen. Deshalb akzeptierten sie formal die Ergebnisse des Aufstandes.
Die Sowjets suchten in den Tagen der Vorbereitung der zweiten Intervention auch schon die Leute, die mit ihnen kollaborieren würden. Dabei legten sie großen Wert darauf, sich nicht nur auf die AVH und die alten Stalinisten zu stützen, sondern Leute für sich zu gewinnen, die unter Rákosi verfolgt worden waren.
Jonos Kadar war bis zum 1. November ein begeisterter Anhänger des Aufstandes. Am Abend dieses Tages wurde er in die sowjetische Botschaft eingeladen. Was dort geschah, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Jedenfalls verschwand Kader spurlos und Nagy, der mit Kadar eng zusammengearbeitet hatte, wußte am 2. und 3. November nichts über dessen Verbleib. Er rechnete überhaupt nicht mit einem Verrat Kadars. Eher glaubte er, Kadar habe aus Angst die Flucht ergriffen. Kadar war immerhin unter Rákosi einer der am schwersten Gefolterten. Erst am Morgen des 4. November 1956 meldete sich Kadar im Rundfunk mit der Erklärung, er habe eine 'revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung' gegründet, um die Konterrevolution niederzuwerfen.
Die meisten Analytiker der Ereignisse vermuten, daß sich am Abend des 1. November 1956 in der sowjetischen Botschaft Budapests ungefähr folgendes abgespielt hat: Kadar wurde eröffnet, daß die Sowjets den Aufstand auf jeden Fall niederschlagen werden. Kadar habe die Möglichkeit, mit den Sowjets zusammenzuarbeiten. Dann werde man ihn zum Ministerpräsidenten machen und er könne nach einer gewisse Phase der Befriedung Ungarns, seine Reformvorstellungen verwirklichen, natürlich im Rahmen des sowjetischen Systems. Sollte Kadar auf diesen Vorschlag nicht eingehen, würde er wieder eingeker-kert und er wisse ja wohl, was das bedeutet. (Mikes, 160f)
Der Einmarsch der sowjetischen Truppen blieb der Regierung Nagy natürlich nicht verborgen und nachdem sie vergeblich dagegen protestiert hatte, erklärte Nagy den Austritt aus dem Warschauer Pakt.
Am 4. November 1956 begann die zweite sowjetische Intervention mit einem konzentrier-ten Angriff der Sowjettruppen auf Budapest und die Zentren des Aufstandes in der Provinz.
Die meisten sowjetischen Soldaten, die man einsetzte, waren keine Russen, sondern Asiaten. Viele wußten nicht, wo sie waren und gegen wen sie kämpften. Einige glaubten, sie seien in Berlin und würden gegen deutsche Faschisten kämpfen. Andere glaubten, sie seien am Suezkanal und würden den Ägyptern im Kampf gegen die englischen und französischen Interventen helfen. [24]
Viele der sowjetischen Soldaten, die wußten, wo sie waren, taten nur sehr ungern, was von ihnen verlangt wurde. Das galt besonders für die, die schon längere Zeit in Ungarn waren und ungarische Freunde hatten. Es kam vor, daß sowjetische Soldaten desertierten und auf Seite der Ungarn kämpften.
Der sowjetischen Übermacht waren die Ungarn natürlich nicht gewachsen und nach zehn Tagen harter Kämpfe, in denen ca. 25.000 Ungarn und 7.000 sowjetische Soldaten umkamen, kapitulierte als letzte Bastion der Revolution die 'erste sozialistische Stadt Ungarns' Sztalinvaros/ Stalinstadt.
Die AVH nahm blutige Rache an den Aufständischen. An den Donaubrücken wurden sie traubenweise aufgehängt. Viele Aufständische wurden, nachdem sie die Waffen gestreckt hatten, standrechtlich erschossen, insbesondere alle Offiziere der ungarischen Armee, die auf Seite der Aufständischen gekämpft hatten. (Und das waren weit über 90%.) Viele tausend junge Ungarn wurden nach Sibirien deportiert. Ca. 190.000 Ungarn flohen in den Westen. [25]
Nagy und einige seiner Getreuen flüchteten sich in die jugoslawische Botschaft. Mit dem Versprechen des freien Abzuges wurden sie am 23. November aus dieser Botschaft gelockt und nach Rumänien deportiert. (Anderson, 165f)
Nach der militärischen Niederschlagung des Aufstandes hielt der Generalstreik weiter an. Die Arbeiterräte existierten weiter und gewannen sogar noch an Einfluß. Die Kadarregierung benötigte noch das ganze Jahr 1957, um die Streiks nach und nach zu beenden. Nach vergeblichen Versuchen, die Arbeiterräte für sich zu gewinnen, ließ Kadar sie verbieten und ihre Führer verhaften. Die letzten Arbeiterräte wurde am 17. November 1957 verboten.
Unter den geschilderten Umständen konnte der Widerstand natürlich nicht endlos fortgesetzt werden. Das ganze Jahr 1957 über wurde zwar noch gestreikt und demonstriert aber dann wurde die Bewegung durch Verhaftungen, Hinrichtungen und andere Repressionen langsam aber sicher abgewürgt. Die meisten Ungarn begannen sich ins Unvermeidlich zu fügen.
Nagy wurde später (Datum nicht bekannt) nach Ungarn zurückgebracht. Am 16. Juni 1958 wurde er zusammen mit Pal Maleter hingerichtet. Kadar wurde von den Sowjets gezwungen, dieser Hinrichtung beizuwohnen.



Inhaltsverzeichnis                     Nächstes Kapitel



Anmerkungen

Anm. 18: Karl Marx 'Das Elend der Philosophie', MEW 4/182 Zurück zum Text
Anm. 19: Den Erlebnisbericht eines begleitenden Sicherheitsoffiziers kann man nachlesen in Kopacsi, 66ff. Zurück zum Text
Anm. 20: Chruschtschow soll in einem Gespräch zu Tito gesagt haben: "Ich muß Rákosi in Ungarn halten, sonst bricht dort das ganze System zusammen." Mikes, 68. Zurück zum Text
Anm. 21: Damals machte in Budapest folgender Witz die Runde: "Was ist der Unterschied zwischen einem Christen und einem Kommunisten? Ein Christ glaubt an ein Leben nach dem Tod. Ein Kommunist glaubt an die Rehabilitierung nach dem Tod." Zurück zum Text
Anm. 22: Jonos Kadar in einer Rundfunkrede am 1. November 1956, der Tag, an dem er verschwand. Zitiert nach Gosztony, 332. Zurück zum Text
Anm. 23: Zitiert nach Mikes, 7 Zurück zum Text
Anm. 24: Gosztony, 386, 414, 416, 419; Fryer, 101; Anderson, 150; UN-Bericht,  61. Zurück zum Text
Anm. 25: Die Zahl der Toten schwankt zwischen 20.000 und 50.000. Indische Beobachter sprachen von 25.000 gefallenen Ungarn und 7.000 gefallenen Sowjetsoldaten. (Mikes, 167 + Gosztony, 386) Die Zahl der Geflohenen ist etwas leichter zu bestimmen. Der UN-Bericht spricht von 190.000. (UN-Bericht, 28) Die Zahl der nach Sibirien deportierten ist nicht genau feststellbar, sie geht aber bestimmt in die tausende.Zurück zum Text


Copyright © by Peter Möller, Berlin.