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5. TEIL   UNTERSUCHUNG DER GLAUBWÜRDIGKEIT DER
                 VERSCHIEDENEN BÜCHER ZU DIESEM THEMA

Da ich die Ereignisse in Ungarn im Jahre 1956 selbst nicht miterlebt habe, stütze ich meine Urteile ausschließlich auf gelesene Literatur, also auf die Berichte anderer. Zum Schluß möchte ich deshalb noch die Frage untersuchen, ob es eine wissenschaftlich haltbare Methode gibt, die Glaubwürdigkeit der verschiedenen Bücher zu diesem Thema zu bestimmen.
Ich habe festgestellt, daß sich diese Bücher in zwei Gruppen einteilen lassen. Erstens in die Gruppe der Bücher, die im Osten zu diesem Thema erscheinen dürfen, eine sehr homogene Gruppe, und zweitens in die Gruppe der Bücher, die im Westen erscheint, eine sehr heterogene Gruppe. Zunächst zur zweiten Gruppe:
1. Auf Beschluß der UN-Vollversammlung wurde ein Sonderausschuß zu den Ereignissen in Ungarn eingerichtet. Ihm gehörten als Mitglieder an: Australien, Ceylon, Dänemark, Tunesien und Uruguay. Die UN wünschte Beobachter nach Ungarn zu entsenden. Die Kadar-Regierung ließ aber keine UN-Beobachter ins Land. So vernahm der Ausschuß insgesamt 111 Zeugen, die nach der Niederschlagung des Aufstandes aus Ungarn geflohen waren. Darunter befanden sich Anna Kethly, jahrzehntelange Führerin der Sozialdemokratischen Partei Ungarns und Staatsministerin unter Nagy; Béla Kiraly, General der ungarischen Armee und Oberkommandierender der Nationalgarde in den Tagen des Aufstandes; Joszef Kavago, jahrelanger Bürgermeister Budapests. Des weiteren Arbeiter, Soldaten, Offiziere, kommunistische und nichtkommunistische Intellek-tuelle u. ä. m. Die Zeugenaussagen umfaßten 2.000 Seiten. Der Sonderausschuß veröffentlichte seinen Bericht unter dem Titel (deutsch) 'Der Volksaufstand in Ungarn'. Das Fazit der Untersuchungen war: "Was sich in Ungarn ereignete, war ein spontaner nationaler Aufstand, der durch langertragene Mißstände verursacht wurde ... Der Aufstand wurde von Studenten, Arbeitern, Soldaten und Intellektuellen geführt. Viele von ihnen waren Kommunisten oder ehemalige Kommunisten. Diejenigen, die daran teilnahmen, bestanden darauf, daß ein demokratischer Sozialismus die Grundlage der ungarischen politischen Struktur sein sollte ... Es ist nicht wahr, daß der Aufstand durch reaktionäre Kreise in Ungarn geschürt wurde, oder daß er seine Stärke aus 'Imperialistischen'-Kreisen im Westen bezog." (UN-Bericht, 1/27)
2. Viele weitere Schilderungen von Teilnehmern und Beobachtern des Volksaufstandes erhält man in dem Buch 'Der Ungarische Volksaufstand in Augenzeugenberichten', herausgegeben von Peter Gosztony. Gosztony war zur Zeit des Aufstandes als Leutnant der ungarischen Armee in Budapest stationiert und hat aus dieser Sicht den Aufstand miterlebt und gegen Ende aktiv an ihm teilgenommen. In seinem Buch kommen über hundert Augenzeugen zu Wort: Ungarische und ausländische Journalisten, Schriftsteller, Studenten, Arbeiter, Offiziere, Soldaten usw. Was sich in diesen vielen Berichten ausdrückt, ist am besten in einem Zitat des polnischen Journalisten Marian Bielicki, Korrespondent der Warschauer Zeitschrift 'Po Prostu' wiedergegeben: "Die ganze Nation steht auf der Seite der Aufständischen. Die Trennlinie ist scharf: auf der einen Seite die Nation, auf der anderen der stalinistische Teil der Regierung und die AVH. Unter den Aufständischen sind Tausende von Kommunisten. Die ungarische Armee ist entweder neutral oder hält zu den Revolutionären. Die Arbeiter haben ihre eigenen Werkanlagen besetzt. Die gesamte Arbeiterschaft, die Jugend und die Studenten sind auf den Barrikaden." (Gosztony, 240)
3. Ein weiterer Augenzeuge war Peter Fryer. Er war als Korrespondent der englischen KP-Zeitung 'Dally Worker' in Ungarn. Er war Kommunist und von daher darf man annehmen, daß er nicht daran interessiert war 'antikommunistische Lügen' über die Ereignisse zu verbreiten. Doch die Berichte, die er an seine Londoner Redaktion schickte, wurden nicht veröffentlicht. Sie befanden sich nämlich in direktem Gegensatz zu der, auch von den westeuropäischen KPs verbreiteten Behauptung, es handele sich bei dem ungarischen Aufstand um einen faschistischen Putschversuch. Peter Fryer, der in den Tagen des Aufstandes seinen Glauben an den Kommunismus verlor, veröffentlichte seine Berichte in dem Buch 'Hungarien Tragedy' (deutsch 'Ungarische Tragödie'). Fryer schrieb u. a. "Ich habe selbst gesehen, daß der Aufstand von Faschisten weder organisiert noch geleitet war ... Ich habe selbst gesehen, wie die sowjetischen Truppen ... gegen das einfache ungarische Volk kämpften: Arbeiter, Bauern, Studenten und Soldaten." (Fryer, 7)
4. Interessante Hintergrundinformationen erhält man in dem Buch 'Die ungarische Tragödie' von Sandor Kopacsi. Er war zur Zeit des Aufstandes Polizeichef von Budapest mit Verbindungen zu höchsten Regierungskreisen. Außerdem war er der zweithöchste Kommandant der Nationalgarde und gehörte zum engeren Führungskreis der während des Aufstandes neu gegründeten KP. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, später begnadigt und lebt heute in Kanada. Er berichtet, daß er während des Aufstandes im Regierungsgebäude einen alten Kommunisten traf, der zu ihm sagte: "Kopacsi, ich habe ein gutes Dutzend Bücher über die Geschichte der Partei gelesen, eines verlogener als das andere. Aber jetzt verspüre ich zum ersten mal die Atmosphäre, der 'Zehn Tage, die die Welt erschütterten'". (Kopacsi, 153) ('Zehn Tage, die die Welt erschütterten' ist ein unter Kommunisten sehr populäres Buch, ein Dokumentarbericht des amerikanischen Journalisten und Kommunisten John Read über die ersten 10 Tage der Oktoberrevolution, die er selbst miterlebte.)
5. Ein eher konservativer Beobachter der Ereignisse war George Mikes. Er war als Korrespondent des BBC in Ungarn und interviewte später hunderte von Revolutionsteil-nehmern in den Flüchtlingslagern Wiens. Er veröffentlichte seine Berichte später in dem Buch 'Hungarien Revolution' (deutsch 'Revolution in Ungarn'). Er beschäftigt sich auch mit der Geschichte Ungarns nach 1919, besonders mit der Sowjetisierung nach dem 2. Weltkrieg. Er schreibt unter anderem: "Achtundvierzig Stunden nachdem der erste Schuß gefallen war, riß sich die gesamte ungarische Armee mit allen ihren Offizieren den Sowjetstern von den Mützen und ging ohne Ausnahme zu den Rebellen über." (Mikes, 109)
6. Ein linker Analytiker der Ereignisse ist Andi Anderson. Er veröffentlichte das Buch 'Die ungarische Revolution 1956'. Anderson beschreibt besonders den Kampf der Arbeiter und der Arbeiterräte. Er gibt außerdem eine komprimierte Darstellung der Sowjetisierung Ungarns nach dem 2. Weltkrieg und beschreibt die Entwicklung bis zum Ende des Jahres 1957, also bis zum endgültigen Verbot der Arbeiterräte. In diesem Buch befinden sich im Anhang viele Dokumente, zum Beispiel Reden von Nagy und Kadar, Forderungs-kataloge und Resolutionen verschiedener Arbeiterräte, Einschätzung der Revolution durch westeuropäische Linke u. ä. m.
7. Als letztes Buch in dieser Gruppe sei noch genannt '1956 - Die ungarische Revolution der Arbeiterräte'. Herausgegeben von der Internationalen Arbeiterkorrespondens (IAK), einer trotzkistischen Organisation. Diese Analyse untersucht die Ereignisse speziell aus der Perspektive des Klassenkampfes der Arbeiter gegen die Bürokraten. Hier sind auch viele Informationen über die Arbeiterräte nach der Niederschlagung des Aufstandes.
Trotz Unterschieden im Detail, die in dieser Gruppe aufgeführten Berichte und Analysen von Menschen unterschiedlichster politischer Meinung stimmen im Grundtenor überein: Der Aufstand in Ungarn wurde von weit über 90% der Ungarn getragen und hatte mit einem faschistischen Putschversuch überhaupt nichts zu tun.
Zur anderen Gruppe:
1. Das aktuellste und umfangreichste in Ungarn erstellte Geschichtsbuch über Ungarn, daß mir in deutscher Sprache zugänglich war (600 Seiten), berichtet über die Ereignisse im Jahre 1956 in einigen oberflächlichen Sätzen auf gerade mal einer Seite. Die mehr oder weniger umfangreiche Zeittafel am Ende des Buches fällt besonders durch das auf, was in ihr fehlt. So werden z. B. die beiden ersten Wahlen nach dem 2. Weltkrieg unterschlagen, in denen noch wirklich gewählt wurde und bei denen die KP 17 bzw. 22% der Stimmen bekam. Unterschlagen wird auch die zweijährige Ministerpräsidentenschaft Nagys von 1953 - 55.
2. Ende der 50er Jahre, als in aller Welt über die ungarischen Ereignisse diskutiert wurde, sah sich auch die Kadar-Regierung gezwungen etwas ausführlicher zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Sie veröffentlichte das von ihr so genannte 'Weißbuch', 'Die Konterrevolutionären Kräfte bei den Oktoberereignissen in Ungarn'. In ihm wird behauptet, der Volksaufstand sei ein aus dem Westen unterstützter faschistischer Putschversuch gewesen, in den sich einige 'gutgläubige Ungarn' haben hereinziehen lassen. Auch dieses Buch fällt besonders durch das auf, was in ihm nicht vorhanden ist. So sieht man zum Beispiel viele Bilder von gelynchten AVH-Leuten, aber kein einziges Bild von den Opfern der AVH-Massaker.
Auf die innere Widersprüchlichkeit und Absurdität der Angaben der Kadar-Regierung und auf die Lügentaktik der Sowjets bin ich im IV. Teil bereits eingegangen. Wie Kadar noch am 1. November 1956 dachte, geht hervor aus dem Zitat aus einer Rundfunkrede am Beginn des Kapitels 3.2.
Noch zwei Argumente speziell was Bücher betrifft:
1. Wer sich schon einmal mit sowjetischer Geschichtsschreibung beschäftigt hat, aber gleichzeitig auch westliche Darstellungen kennt, wird wissen, daß die sowjetische Geschichtsschreibung bis zum heutigen Tag eine Art Slalomlauf ist, nämlich um alle die Ereignisse und Personen herum, die man heute nicht mehr gern erwähnen möchte. So bekommt man es fertig, eine Geschichte der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges zu schreiben, ohne den Namen Trotzki zu erwähnen oder die Namen anderer führender Bolschewiki, die während der Stalinzeit ermordet wurden.  Während der Chruschtschow-Ära brachte man es fertig, den Namen Stalin aus einigen Geschichtsbüchern völlig herauszuhalten. Nicht nur direkte Lügen, auch Unterschlagungen einer solchen Dimension sind Geschichtsfälschungen.
2. Es wird heute keinem vernünftigen Menschen mehr einfallen, die 'Geständnisse' der führenden Bolschewiki Ende der 30er Jahre oder die führender osteuropäischer Kommunisten Anfang der 50er Jahre ernst zu nehmen. Aber Stalin hat seine Verbrechen ebensowenig alleine begangen wie Hitler seine. Die Leute, die für das Zustandekommen der 'Geständnisse' sorgten, sind nicht mit Stalin zusammen gestorben. Sie blieben in ihren Ämtern. Und diese Leute waren es auch, die das Schreiben des 'Weißbuches' veranlaßten und überwachten, auf die sich die heutige Ostblock-Geschichtsschreibung stützt.
Fazit: Wenn man feststellt, daß die Angaben von Leuten, die ihre Glaubwürdigkeit nachweisbar schon reichlich strapaziert haben, ersten in sich völlig absurd und widersprüchlich sind und zweitens im Gegensatz stehen zu den Aussagen aller anderer Beobachter, einschließlich vieler Kommunisten oder ehemaliger Kommunisten, dann ist es wissenschaftlich gerechtfertigt, diese Angaben als Propagandalügen und Geschichts-fälschungen zu bezeichnen. Wer das nicht begreifen kann oder will, ist ein hoffnungsloser Sowjet-Illusionist!

ZEITTAFEL

Ereignisse vor, während und nach dem Aufstand, die im Zusammenhang mit ihm wichtig sind:

19. Jahrhundert: Ungarn ist Teil des Habsburger Reiches. Der österreichische Kaiser ist König von Ungarn.

1848: Aufstand der Ungarn unter Führung von Lajos Kossuth um sich von der österreichi-schen Fremdherrschaft zu befreien. Der Aufstand wird mit Hilfe russischer Truppen niedergeschlagen.

1918/19: Nach dem 1. Weltkrieg zerbricht das Habsburger Reich. Ungarn wird ein selbständiger Staat. Die Ungarische Räterepublik wird niedergeschlagen. Der ehemalige Admiral der österreichisch-ungarischen Flotte, Miklos Horthy, errichtet eine halbfaschisti-sche Diktatur.

1941: Ungarn nimmt an der Seite Hitler-Deutschlands am Krieg gegen die Sowjetunion teil.

1944: Nach Geheimverhandlungen der ungarischen Regierung mit den Westmächten besetzen deutsche Truppen Ungarn.

1944 - 45: Die sowjetische Armee vertreibt die faschistischen deutschen Truppen und besetzt Ungarn.

1945 - 49: Schrittweise Sowjetisierung Ungarns. Verbot bzw. Gleichschaltung aller nichtstalinistischer Organisationen. Errichtung der Diktatur Rákosis als Statthalter Stalins.

1948: Bruch zwischen der Sowjetunion und dem von Tito geführten kommunistischen Jugoslawien. Tito ist nicht bereit, sich Stalin unterzuordnen und das sowjetische System haargenau zu übernehmen.

1949 - 53: Andauernder Terror der Staatssicherheitspolizei AVH gegen Titoisten, Sozialdemokraten, 'Reaktionäre' und andere potentielle Gegner Rákosis. - Wirtschaftliche Mißstände. - Nationale Unterdrückung der Ungarn durch die Russen.

5. März 1953: Tod Stalins

4. Juli 1953: Rákosi muß auf sowjetischen Druck hin sein Amt als Ministerpräsident an Imre Nagy abgeben, bleibt aber Vorsitzender der Partei. Nagy verkündet ein Reformprogramm.

Feb. - Apr. 1955: Nagy wird rechter Abweichung beschuldigt, als Ministerpräsident abgesetzt und aus der Partei ausgeschlossen.

1955: Gründung des 'Warschauer Pakts'.

Feb. 1956: XX. Parteitag der KPdSU. Chruschtschow zerstört den Stalin-Mythos.

Ab März: Diskussionen im Petöfi-Kreis (Teil des Kommunistischen Jugendverbandes). Schriftsteller und Studenten fordern die Demokratisierung der Gesellschaft.

17. Juni: Rákosi wird auf sowjetischen Druck hin gestürzt. Nachfolger wird sein Vertrauter Ernö Gerö.

Juni bis Okt.: Streiks und Demonstrationen in Polen. Der 'Titoist' Gomulka wird gegen den Widerstand der Sowjetunion Vorsitzender der polnischen KP.

23. Okt.: Demonstration der Budapester Studenten aus Solidarität mit Polen. Dieser Demonstration schließen sich hunderttausende Ungarn an. Forderung nach Demokra-tisierung und Wiedereinsetzung Nagys als Ministerpräsidenten. - Gerö hält eine provokative Rundfunkrede. - Die AVH schießt vom Dach des Rundfunkgebäudes auf die unbewaffnete Menge. Die Demonstration wird zur Revolution. - Teile der Bevölkerung bewaffnen sich. - Demontage der Stalinstatue in Budapest.

24. Okt.: 1. Sowjetische Intervention. Schwere Kämpfe in ganz Budapest. - Beginn der Revolution in der Provinz. - Immer mehr Arbeiter und Soldaten schließen sich der Revolution an. - Nagy wird wieder Ministerpräsident.

25. Okt.: Schwere Kämpfe im ganzen Land. - AVH-Massaker vor dem Parlamentsgebäu-de (blutiger Donnerstag) und in der Provinzstadt Nagyarova. Die sowjetischen Führer Mikojan und Suslow kommen nach Budapest und setzen Gerö ab. Nachfolger wird Jonos Kadar.

26. Okt.: Die Kämpfe dauern an. - Arbeiterräte werden in den Fabriken und Bergwerken gewählt. Der Generalstreik wird ausgerufen. - Unter der Führung von Oberst Pal Maleter wird die Kilian-Kaserne gegen die sowjetischen Truppen verteidigt.

27. Okt.: Eine neue Regierung wird gebildet, der auch Nichtkommunisten angehören. - Die Kämpfe dauern an.

28. Okt.: Die neue Regierung ordnet eine allgemeine Feuereinstellung an. Nagy verkündet den Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest und die Auflösung der AVH. - Die im ganzen Land entstandenen revolutionären Arbeiterräte und Nationalkomitees übernehmen die Staatsgewalt. Auch in der Armee und der Polizei werden Revolutionskomitees gewählt. - Verstärkt auftretende Racheakte der Bevölkerung an AVH-Leuten.

29. Okt.: Unter Führung des Generalmajors Béla Kiraly wird aus Teilen der Armee, der Polizei und der bewaffneten Aufständischen eine Nationalgarde gebildet. - Ein neuer Gewerkschaftsbund wird gegründet.

30. Okt.: Nagy verkündet die Abschaffung des Einparteiensystems. Die sozialdemokrati-sche und die bürgerlichen Parteien werden neu gegründet. - Das sowjetische Politbüro beschließt die ungarische Revolution niederzuschlagen. - Massaker vor dem Budapester Parteibüro.

31. Okt.: Nachrichten über den Einmarsch sowjetischer Truppen mehren sich. - Das nationale Revolutionskomitee für Verteidigung wird gegründet.

1. Nov.: Der Einmarsch sowjetischer Truppen dauert an. Nagy erklärt daraufhin den Austritt aus dem Warschauer Pakt und proklamiert die Neutralität Ungarns. Er bittet die UNO um Hilfe. - Kadar wird zum Verräter an der Revolution und verschwindet aus Budapest.

2. Nov.: Nagy protestiert gegen den weiteren Einmarsch sowjetischer Truppen.

3. Nov.: Nagy bildet die Regierung um. - Verteidigungsminister Maleter und andere Führer der Nationalgarde führen Verhandlungen mit den Sowjets über den Abzug ihrer Truppen. Sie werden gegen Mitternacht von den Sowjets festgenommen.

4. Nov.: 2. Sowjetische Intervention. Konzentrierter Angriff der Sowjettruppen auf Budapest und die Zentren der Revolution in der Provinz. Nagys Appell an das ungarische Volk und die ganze Welt über Rundfunk ausgestrahlt. Nagy sucht Asyl in der jugoslawischen Botschaft. - Unter sowjetischer Aufsicht wird eine 'revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung' gebildet, an deren Spitze Kadar steht.

5. bis 15. Nov.: Schwere Kämpfe im ganzen Land. Die Aufständischen müssen sich allmählich der sowjetischen Übermacht geschlagen geben. Die Arbeiterviertel leisten den stärksten Widerstand. 'Das rote Csepel' wird von der sowjetischen Luftwaffe bombardiert. (Csepel ist ein Budapester Arbeiterbezirk und war früher eine Hochburg der Kommunisten.) - Als letzte Bastion der Revolution kapituliert am 15. Nov. die 'erste sozialistische Stadt Ungarns' Sztalinvaros (Stalinstadt).

Ab Nov.: Konterrevolutionärer Terror der AVH und Teilen der sowjetischen Truppen. Massenhinrichtungen von Aufständischen. Zigtausende junge Ungarn werden nach Sibirien deportiert. 200.000 Ungarn fliehen in den Westen. Trotzdem halten Streiks und Demonstrationen noch das ganze Jahr 1957 an. - Nach vergeblichen Versuchen die Arbeiterräte für sich zu gewinnen, läßt Kadar sie verbieten und ihrer Führer verhaften. Die letzten noch bestehenden Arbeiterräte wurden am 17. Nov. 1957 verboten.

23. Nov.: Nagy wird aus der jugoslawischen Botschaft gelockt und nach Rumänien deportiert. Später (Datum nicht bekannt) wird er nach Ungarn zurückgebracht und dort inhaftiert.

16. Juni 58: Hinrichtung von Nagy und Maleter.


NACHTRAG 1991

Kurzer chronologischer Überblick von 1958 bis 1991

60er, 70er und 80er Jahre: 'Gulaschkommunismus' - Nach einigen Jahren starker Repression liberalisiert sich das System etwas. Für sowjetische Verhältnisse entwickelt sich ein bescheidener Wohlstand. Die Diktatur ist im Vergleich zu anderen Ländern des sowjetischen Blocks etwas milder.

Die Sowjetunion erwartet von ihren Satellitenstaaten lediglich den Bestand gewisser gesellschaftlicher Grundstrukturen (z. B. Herrschaft des Parteiapparates und Staatlich-keit des größten Teils der Wirtschaft) und selbstredend den Verbleib im sowjetischen Block. In kleinem Rahmen werden unterschiedliche Varianten gestattet. (Z. B. werden in Ungarn viele private Kleinbetriebe zugelassen, während man in der DDR auch noch die letzten privaten Kleinbetriebe verstaatlicht.)

1985: In der Sowjetunion kommt ein neuer Generalsekretär an die Spitze der KP, Michael Gorbatschow. Unter den Schlagworten Glasnost (Öffentlichkeit) und Perestroika (Umgestaltung) wird, anfänglich sehr vorsichtig, ein Reformprogramm eingeleitet. Die Intellektuellen bekommen größere Freiräume. Die nationalen Minderheiten können ungestraft mehr Autonomie fordern. Es entsteht eine breite Diskussion über die wirtschaftlichen Mißstände.

1988 - 89: Die Entwicklung in der Sowjetunion schwappt langsam auf andere Ostblock-staaten über. Zuerst auf Polen und Ungarn.

Juni 88:  Am 30. Todestag Nagys läßt die ungarische Regierung zum letzten Mal eine Demonstration auseinanderjagen, auf der die Rehabilitierung der Opfer des Volksaufstan-des gefordert wird.

2. Mai 1989: Ungarn beginnt mit dem Abbau der Grenzbefestigungen zu Österreich.

Juni 1989: Zum 31. Todestag Nagys werden er, Maleter und andere ermordete Führer des Volksaufstandes exhumiert und unter Beteiligung von 300.000 Ungarn in einem feierlichen Staatsakt beerdigt. Der ungarische Staat und die ungarische KP revidieren ihre bisheri-gen Behauptungen und sprechen nun auch von einem Volksaufstand.

11. September 1989: Ungarn öffnet seine Grenzen für DDR-Bürger. In den folgenden Wochen flüchten über die ungarisch-österreichische Grenze ca. 40.000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik. (Neuere Quellen sprechen von 110.000. Dez. 2001) Mit diesen Ereignissen beginnt der Untergang des stalinistischen Systems in Osteuropa.

Oktober 1991: Das ungarische Parlament beschließt die Aufhebung der Verjährungs-fristen, um die Verbrecher von 1956, soweit sie noch leben, bestrafen zu können.

Dezember 1991: Die Präsidenten von elf Sowjetrepubliken gründen in Alma-Ata die 'Gemeinschaft Unabhängiger Staaten' und lösen damit die Sowjetunion auf. Am 25. Dezember wird die rote Fahne mit Hammer und Sichel über dem Kremel eingezogen und die russische Tricolore gehißt.


LITERATURLISTE

Anderson, Andi - 'Die Ungarische Revolution 1956', Verlag Association Hamburg 1977
Autorenkollektiv, 'Die Geschichte Ungarns', Korvina Verlag 1971
Fryer, Peter - 'Ungarische Tragödie', Marcus Verlag Köln 1957
Gosztony, Peter - 'Der ungarische Volksaufstand in Augenzeugenberichten', dtv München 1981
IAK - Internationale Arbeiterkorrespondens - 'Die ungarische Revolution der Arbeiterräte', Selbstverlag Dortmund 1977
Informationsbüro des Ministerrats der Ungarischen Volksrepublik - 'Die Konterrevolutionä-ren Kräfte bei den Oktoberereignissen in Ungarn', 3 Bände (Weißbuch 1 - 3) Budapest 1957ff
Kopacsi, Sandor - 'Die ungarische Tragödie', Ullstein Verlag Frankfurt/M 1981
Mikes, George - 'Revolution in Ungarn', Scherz & Goverts Verlag Stuttgart 1957
UN-Sonderausschuß - 'Bericht des Sonderausschusses der Vereinten Nationen zu den Ereignissen in Ungarn', deutsch 'Der Volksaufstand in Ungarn', herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Bonn 1957



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