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Der StalinismusGeschichte - Ursachen - HintergründeDies ist eine überarbeitete und für's Internet erstellte Fassung meiner Diplom-Arbeit von 1979. Sie kann nach meiner Auffassung auch heute noch interessante Informationen bieten. Es steht hier aber auch manches, was heute nicht mehr meinen Vorstellungen entspricht. (Siehe Anmerkung zum Vorwort von 1991.)
1. EINLEITUNG1.1. DEFINITION DES 'STALINISMUS'Unter Stalinismus verstehe ich nicht nur die Verbrechen, die in den 20er, 30er und 40er Jahren in der Sowjetunion begangen wurden, sondern ich verstehe darunter die in dieser Zeit entstandenen und bis heute existierenden allgemeinen gesellschaftlichen Strukturen. Stalinismus ist für mich die Bezeichnung eines Gesellschaftssystems.Die ökonomische Basis dieser Gesellschaft ist gekennzeichnet durch faktisches Staats-eigentum an den Produktionsmitteln. Die Masse des Volkes steht dem Staatsapparat eigentumslos gegenüber und hat auf die Wirtschaftsplanung im großen Rahmen keinen Einfluß. Es existieren weiterhin Ware, Lohnarbeit und Geld. Die Arbeitsteilung wird weiter forciert und damit auch die Entfremdung der Arbeit fortgeschrieben. In dieser Gesellschaft existieren aber eine ganze Reihe ökonomischer Gesetze des Kapitalismus nicht. Es ist deshalb falsch, von 'Staatskapitalismus' zu reden. (Zum Beispiel steht im Mittelpunkt des Wirtschaftslebens nicht die Produktion von Mehrwert.) Da aber nicht einmal ansatzweise die Subalternität, die Entfremdung, die Unterdrückung und Ausbeutung der unmittelbaren Produzenten beseitigt ist, kann man auch nicht von einem mehr oder weniger verzerrten Sozialismus reden. Es ist eine ökonomische Formation eigener Art, die weder auf Kapitalismus, noch auf Sozialismus reduzierbar ist. Der politisch-ideologische Überbau dieser Gesellschaft ist gekennzeichnet durch die Existenz eines zentralisierten und hierarchisch aufgebauten Staatsapparates mit haupt-amtlichen Funktionären, stehendem Heer und zentralisierter Polizei. Die Machtzentrale ist das Politbüro, eine Art kollektiver Despot, welches weder von der Bevölkerung, noch von der Masse der Parteimitglieder gewählt, kontrolliert und abgesetzt werden kann. Bürgerliche Rechte und Freiheiten existieren nicht. Es gibt einen Absolutheitsanspruch des 'Marxismus-Leninismus' (bzw. was man dort daraus gemacht hat) mit der ständigen Tendenz zur Inquisition. Die Klassenspaltung der Gesellschaft, letztlich durch die Arbeitsteilung verursacht, wurde nicht überwunden. Während die unmittelbaren Produzenten von wirtschaftlicher, politi-scher und ideologischer Macht ferngehalten werden und unter Bedingungen produzieren, die denen im Kapitalismus sehr ähnlich sind, bilden die Funktionäre der Partei-, Staats- und Wirtschaftsbürokratie eine pyramidenförmig aufgebaute, herrschende und privilegierte Kaste, die der Masse des Volkes tendenziell antagonistisch gegenüber steht und wie jede andere herrschende Klasse oder Schicht in Vergangenheit und Gegenwart zuallererst das Interesse hat, sich selbst ständig zu reproduzieren und keine Entwicklung zuzulassen, in der ihre Macht und ihre Privilegien eingeschränkt oder gar ihre ganze Existenz in Frage gestellt wird. Die ursprüngliche Motivation, mit der die Bolschewiki einst angetreten sind, ist aber nicht vollständig verschwunden. Mit dem Kommunismus passierte etwas ähnliches wie mit dem Christentum. Er wurde zu einer säkularen, atheistischen Religion erhoben, während man im täglichen Leben häufig das direkte Gegenteil der kommunistischen Ideale praktiziert. 1.2. TOTALITARISMUSTHEORIE UND PERSONENKULTTHEORIEZu Beginn will ich kurz auf zwei Stalinismuserklärungen hinweisen, mit denen ich mich in diesem Referat nicht näher beschäftigen werde.1. Die 'Totalitarismustheorie' beschreibt losgelöst von der sozial-ökonomischen Basis, losgelöst von der Frage, welchen Platz eine Gesellschaft in der Gesamtentwicklung eines Landes einnimmt, bestimmte Erscheinungen, wie Arbeitslager, Machtanspruch einer Ideologie, staatlicher Terror u. ä., und kommt dann zu dem Ergebnis: Stalinismus gleich Faschismus. Eine solche Erklärung ist meiner Meinung nach unwissenschaftlich, zumindestens aber unmarxistisch. Trotz aller Ähnlichkeiten was Verbrechen und Unterdrückung angeht, Stalinismus und Faschismus sind für mich zwei unterschiedliche Gesellschaftssysteme. 2. Ebensowenig überzeugt mich die 'Theorie vom Personenkult', die besagt, daß es sowas wie Stalinismus gar nicht gäbe und auch gar nicht gegeben habe. Es sei zwar in der Zeit Stalins in der Sowjetunion zu einigen "groben Verstößen gegen die demokratische Gesetzlichkeit" gekommen und es habe sich ein "Personenkult um Stalin" entwickelt [2], aber dies sei längs überwunden und alles was dazu gesagt werden müsse, sei im "Beschluß des Zentralkomitees der KPdSU über die Überwindung des Personenkults und seiner Folgen (30. Juni 1956)" gesagt, und jede weitere Diskussion darüber nütze ausschließlich der Bourgeoisie. [3] Hinter einem Satz wie "grobe Verstöße gegen die demokratische Gesetzlichkeit" verbirgt sich immerhin die Ermordung einiger Millionen Menschen, darunter hunderttausender Kommunisten und fast der ganzen alten Garde der Bolschewiki, der Mitkämpfer Lenins. [4] Und man versucht zu vertuschen, daß sich in der Sowjetunion gesellschaftliche Strukturen entwickelt haben, die den Sozialismusauffassungen von Marx, Engels und Lenin, auf die man sich im realen Sozialismus nach wie vor beruft, total widersprechen. Auch diese Erklärung hat meiner Überzeugung nach apologetischen Charakter. Sie dient zur Rechtfertigung und Vertuschung der im realen Sozialismus neu entstandenen Herrschaftsverhältnisse. Mir geht es im folgenden darum, Erklärungsansätze von Personen zu vergleichen, die sich sowohl dem kapitalistischen wie dem realsozialistischen System gegenüber kritisch verhalten und von der Basis einer materialistischen Geschichtsauffassung aus die Entwicklung in der Sowjetunion zu erklären versuchen. Das sind Leo Trotzki, Wilhelm Reich, Rudi Dutschke, Jean Elleinstein und Rudolf Bahro. 1.3. MEINE STELLUNG ZUM MARXISMUSDaß ich mich in der Arbeit, insbesondere was die Vorgeschichte der Sowjetunion betrifft, stark an Marx und Engels orientiere, hat keine dogmatischen Gründe. Bei der Beschäftigung mit dem Marxismus, wie auch bei der Beschäftigung mit jeder anderen Theorie, bemühe ich mich darum, immer das vor Augen zu behalten, was Engels in seiner Auseinandersetzung mit 'Herrn Eugen Dührings endgültigen Wahrheiten letzter Instanz' über die Erkenntnisse der Menschen schrieb: "Das wertvollste Resultat dürfte dies sein, uns gegen unsere heutige Erkenntnis äußerst mißtrauisch zu machen, da wir ja aller Wahrscheinlichkeit nach so ziemlich am Anfang der Menschheitsgeschichte stehen, und die Generationen, die uns berichtigen werden, wohl viel zahlreicher sein dürften, als diejenigen, deren Erkenntnis wir - oft genug mit beträchtlicher Geringschät-zung - zu berichtigen im Falle sind." [5]Der Marxismus ist für mich kein nichthinterfragbares Dogma, sondern ein sehr wertvoller Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaften und eine Anleitung zum selbständigen Weiterdenken. Anmerkungen: [1] Carrillo, S. IV |