1995, nachdem ich meine heutige Wohnung in Berlin-Friedrichshain bezogen hatte, nahm ich noch mal Kontakt mit der Berliner SPD auf mit der Überlegung, mich zu reaktivieren. Aber ich erlebte Klüngelkreise schon auf unterster Ebene.
Nachdem Gerhard Schröder Kanzler wurde, besonders aber nach seiner knappen Wiederwahl, begann ich mich zunehmend über die SPD zu ärgern, obwohl oder vielleicht gerade weil ich mich von meiner Grundüberzeugung her immer noch als Sozialdemokrat fühle. Nachdem es Schröder in seiner ersten Legislaturperiode nicht gelungen war, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen (davon hatte er - jedenfalls verbal - sein politisches Überleben abhängig gemacht), bekämpfte er in seiner zweiten Legislaturperiode nun die Arbeitslosen. Mit Maßnahmen, wie sie an den Stammtischen schon seit Jahrzehnten gefordert worden waren.
Gegen Reformen, gegen ein ständiges Überdenken auch sozialstaatlicher Maß-nahmen habe ich nichts einzuwenden. Es gibt keine richtigen Antworten für alle Zeiten. Das haben kluge Leute von Goethe bis Willy Brandt gewußt. Aber den Reichen die Steuern erlassen, die Steuer-Betrüger mit Amnestieangeboten ins Land zurücklocken wollen und gleichzeitig den Armen ihre bescheidenen Einkünfte kürzen und auf die angeblich faulen Arbeitslosen schimpfen, das mache ich nicht mit. Wenn der SPD-Führung nichts besseres einfällt als eine breitangelegte Kapitulation vor Geldgier und Egoismus, dann ist meine Kompro-mißbereitschaft zu Ende. Die Schröder-Regierung betrieb weitgehend eine dilettantische CDU-Politik. Was Wunder, wenn da viele SPD-Wähler zuhause blieben und andere sagten: "Da wählen wir doch lieber gleich das Original, statt der Fälschung." Inzwischen sind ca. eine Million ehemaliger SPD-Wähler zum Bündnis Linkspartei / WASG abgewandert. Ich auch. (Allerdings nur mit meiner Wähler-Stimme.) Hätte sich die CDU im Bundestagswahlkampf 2005 klüger verhalten, wäre die SPD nicht mehr an der Regierung.
Ich war einst Sozialdemokrat geworden, weil ich mich sowohl gegen dogmati-sche Heilslehren, wie gegen Interessenspolitik für die Privilegierten wenden wollte. Die Politik Schröders war aber leider zu großen Teilen faktisch eine Interessenspolitik für die Privilegierten. Aus welcher Motivation und mit welchen Zielen sie auch immer betrieben wurden. Hartz IV ist nur Sozialraub ohne Auswirkungen auf die Menge der Arbeitsplätze und die Staatsverschuldung. (Das Geld, was man bei der Arbeitslosenhilfe spart, wird durch die gleichzeitige Kürzung des Spitzensteuersatzes an die Reichen weitergereicht. - Inzwischen muß man hinzufügen, daß sich Hartz IV mehr und mehr als finanzieller Flop erweist. Sozialraub, der zusätzlich auch noch teurer ist, als das. was man vorher hatte. - Und jeder, der die Nachrichten verfolgt, weiß ja, wie Hartz, unter dessem Namen diese asoziale Schweinerei abläuft, sich selbst verhält. Und wie Schröder nach seiner Abwahl versucht, ganz dick Kasse zu machen. Verachtenswertes Pack!)
Zusätzlich zu diesen inhaltlichen Differenzen kam, daß ich Schröders Auftreten und Verhalten als stur und arrogant empfand. Und die Selbstverständlichkeit, mit der er es für gerechtfertigt hielt, im Interesse des Machterwerbs bzw. des Machterhalts seine Wähler zu belügen und zu betrügen, finde ich zum Kotzen. (Hätte Schröder vor der Wahl 2002 gesagt, was er nach der Wahl an Sozialstaatsabbau vorhat, hätte er ein Drittel seiner Stimmen nicht bekommen. Und das wußte er auch.) Ich war in den vergangenen zwanzig Jahren häufig mit Lafontaine nicht einer Meinung. 1989/90 hat er mit seiner "Anti-Einheitshaltung" neben dem Befinden der Menschen in Ost- und Westdeutschland gelegen und hat damit die Volkskammerwahl und die Bundestagswahl 1990 verloren. Die Art wie er Parteivorsitzender wurde war merkwürdig und die Art, wie er den Parteivor-sitz aufgab, noch merkwürdiger. Aber wenn ich seine heutigen Positionen mit dem vergleiche, was Schröder und seine Leute an Politik machen, dann bin ich tausendmal lieber mit Lafontaine in der Opposition als mit Schröder an der Regierung.
Ich hatte zweitweilig mit dem Gedanken gespielt, mich in der WASG zu organisieren und auch aktiv zu betätigen. Es besteht aber das Problem, daß ich im Bereich von Wissenschaft und Technik, Gentechnologie, Stammzellenfor-schung, Präimplatationsdiagnostik etc. bis hin zur Befürwortung der Selbstevolu-tion des Menschen Auffassungen vertrete, mit denen ich in jeder Partei und besonders in einer linken Partei große Schwierigkeiten hätte. Falls ich mit diesen Auffassungen in einer solchen Partei überhaupt geduldet werden würde, wäre ich jedenfalls eine Belastung, ein ständiger Konfliktherd. Deshalb ist es besser, wenn ich mich heraushalte. Die Linken sind z. Z. leider hoffnungslos "vergrünt". Aber vielleicht ändert sich das mal wieder. Die Arbeiterbewegung und die aus ihr hervorgegangenen Organisationen haben ursprünglich mal den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und die Industrialisierung für eine gute Sache gehalten.
In einer vereinigten Linkspartei, in der auch über 50.000 ehemalige SED-Mitglieder wären, würde ich mich nicht organisieren! Es gibt dort zwar viele, die wirklich dazugelernt haben und Demokraten geworden sind. (Gysi hat nach der Bundestagswahl auf einer Pressekonferenz im Fernsehen nocheinmal deutlich gesagt, daß die DDR, so wie sie war, zu Recht untergegangen ist.) Aber es gibt auch jede Menge "Ostalgiker", die mit verk(l)ærtem Blick auf das untergegan-gene real-sozialistische System blicken. Und mit diesen in einer Partei zu sein, auch noch mit ehemaligen Stasi-Offizieren, Stasi-Spitzeln und anderen "Kund-schaftern des Friedens" etc., ist für mich völlig ausgeschlossen. Damit will ich nicht ausschließen, daß auch solche Menschen dazulernen können. Aber dies müßte sich dadurch zeigen, daß sie sich klar und deutlich von ihrer Vergangen-heit distanzieren.
Ich war in den 90er Jahren auch häufig arbeitslos. Ich habe mich in solchen Situationen, besonders zu Beginn, nicht besonders intensiv um einen neuen Arbeitsplatz gekümmert. Wäre ich der Sohn eines Millionärs oder ein Lotto-Gewinner, würde auch keiner danach schreien, daß ich nicht erwerbstätig bin. Außerdem gab es nicht genügend Arbeitsplätze für alle Arbeitswilligen. Ich litt nicht darunter keinen Job zu haben, weder psychisch noch materiell. Ich konnte mit meiner vielen Freizeit etwas anfangen. Hätte ich einen Arbeitsplatz gehabt, wäre dafür ein Anderer arbeitslos gewesen, der vielleicht darunter gelitten hätte. Ich habe das meinen jeweiligen Sachbearbeiter beim Arbeitsamt auch offen gesagt, auch auf die Gefahr hin, daß man mir das negativ auslegt und eine Sperre beim Bezug des Arbeitslosengeld verhängt. Solange es nicht genug Arbeit für alle gibt, solle man doch zuersteinmal die mit Arbeit versorgen, die darunter leiden, keine zu haben. (Ich muß nicht unbedingt arbeiten. Mir reicht das Geld ;-)
Von Geld lebt keiner. Wir leben immer von Arbeit. Soweit hat Marx ja nun mal recht. Und wer nicht arbeitet, lebt von der Arbeit anderer. Egal ob er ein privates Vermögen besitzt oder staatliche Unterstützung in Anspruch nimmt. Wenn wir eine Gesellschaft hätten, wo jeder erwachsene gesunde Mensch das Recht auf und die Pflicht zur Arbeit hätte, dann könnte man den nicht arbeitenden Menschen tadeln und ihn fragen: "Wieso ißt du, trinkst du, wohnst du, kleidest du dich etc. und trägst doch nichts dazu bei, daß die Güter von den wir leben, erarbeitet werden?" Aber in einer Gesellschaft, wo für Millionen Menschen, die arbeiten wollen, die psychisch und materiell unter ihrer Arbeitslosigkeit leiden, keine Arbeit da ist, und reiche Müßiggänger im Luxus leben und sie niemand dafür belangt, in einer solchen Gesellschaft braucht sich niemand Vorwürfe zu machen oder machen zu lassen, wenn er nicht arbeitet.
Es gibt unter Armen und Reichen fleißige und faule Menschen. Es gibt unter den Millionären Workoholics, die arbeiten 80 Stunden die Woche, und es gibt Leute, die mißbrauchen ihr Vermögen, um ohne Arbeit zu leben. Unter den Armen gibt es Menschen, die für sehr geringe Einkommen sehr fleißig sind - mein Vater gehörte zu denen -, es gibt unter den Armen Menschen, die darunter leiden, keine Arbeit zu haben. Und es gibt Faulenzer, die sich in der sozialen Hängematte ausruhen. Der Unterschied zwischen armen und reichen Faulen-zern ist nur der, daß die reichen Faulenzer erheblich besser leben, als die armen Faulenzer. Ethisch-moralisch gibt es keinen Unterschied.
Als Schröder in der Tagesschau sagte (man hörte den erhobenen Zeigefinger mit): "Es gibt kein Recht auf Faulheit", da war das reine Demagogie. (Er spekulierte mit solchen Sprüchen auf Wähler, wie mein Vater einer war.) Solange es keine Pflicht zur Arbeit gibt, gibt es ein Recht auf Faulheit. Es interessiert Schröder und andere nicht die Bohne, ob Leute arbeiten oder nicht. Nur in dem Moment, wo jemand Unterstützung aus öffentlichen Kassen beansprucht, wird er für die Politiker zum Ärgernis. Über faule Reiche schimpft die SPD schon lange nicht mehr. Nur noch über angeblich faule Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger.
Auf der linken Seite sagt man: "Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden." So ganz an der Haaren herbeigezogen ist das ja nicht. Schon Goethe ließ Faust sagen: "Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist." Wenn jemand ein Vermögen hat, egal wie auch immer er zu diesem gekommen ist, und nun ohne zu arbeiten im Luxus lebt, dann ist dies der herrschenden Moral nach nicht verwerflich. Wenn jemand aber nicht das Glück hatte, in eine reiche Familie hineingeboren zu werden und arbeitslos wird und nun Unterstützung aus öffentlichen Kassen in Anspruch nimmt, dann handelt er in den Augen vieler Menschen unmoralisch. Auch in den Augen vieler SPD-Politiker. Da habe ich eine andere Moral. Der reiche Müßig-gänger, der in der Lage wäre, zu arbeiten und damit einen Beitrag zu leisten, zur Erbringung der Güter und Dienstleitungen, von denen wir leben, es aber nicht macht, der handelt unmoralisch.
Ich habe immer Zeit-Arbeitsverträge gehabt oder freiberuflich für Honorar oder Gage gearbeitet. Zeiten, wo ich für Geld arbeitete, wechselten mit Zeiten, wo ich arbeitslos war und in Bibliotheken oder zuhause las. Was früher mal die Studen-tenjobs, daß waren später die Arbeitsstellen auf Zeit und Honorartätigkeiten. Was früher mal das BaföG war, das war später das Arbeitslosengeld. Da ich nur für mich selbst sorgen muß und, wenn es sein muß, sehr bescheiden leben kann, habe ich wirtschaftlich-finanziell immer sorglos gelebt. Ich könnte noch von der Sozialhilfe etwas sparen, wenn es nötig wäre. Ich hatte immer einen materiellen Lebensstandart weit unter dem Durchschnitt, aber das hat mich nicht gestört. Ich habe es mir so ausgesucht. Wenn es mir so wahnsinnig wichtig gewesen wäre, einen festen Arbeitsplatz zu haben, dann hätte ich mir einen verschaffen können. (Sowie ich mir ja auch, wäre es mir so wahnsinnig wichtig gewesen, eine feste Frau hätte verschaffen können.)
Während andere Menschen meiner Altersgruppe heirateten, Kinder bekamen und großzogen, Jahrzehnte lang in dem gleichen Haus wohnten und zur gleichen Arbeitsstelle gingen, Karriere machten, sich ihr Leben versichern ließen etc., wurde ich einfach nicht erwachsen. Obwohl ich seit 1987 kein eingeschriebener Student mehr bin, verewigte ich faktisch mein Studentendasein und damit meine Jugendzeit. Da ich häufig umzog und keinen längeren Kontakt zu einer bestimm-ten Menschengruppe behielt, nahm ich gar nicht wahr, daß andere Menschen meiner Generation inzwischen erwachsene Kinder hatten. Die eine und andere (junge) Oma war inzwischen auch schon darunter.
Wer jung bleibt, bleibt auch offen für neues. Ich gehöre nicht nur zu der Minderheit unter den über 50jährigen, die im Internet surfen, ich habe eine eigene umfangreiche Homepage.
Ich bin kein Anhänger Adornos. Aber mit seinem Lebens-Motto kann ich überein-stimmen: "Nicht erwachsen werden, ohne infantil zu bleiben."
1997 zog in meinem Haus ein fünfzehnjähriger Junge ein. Der wußte nicht, wer die Beatles waren und hörte den ganzen Tag über Techno-Musik. Da wurde mir allmählich klar, daß eine neue Generation herangewachsen war und ich nicht mehr zu den jungen Leuten gehörte. Ich hatte inzwischen auch ein großes Ruhebedürfnis entwickelt, u. a. weil man dann leichter philosophische Literatur lesen und schreiben kann.
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