Ich verfüge nicht über die Fähigkeit zur selektiven Geschichts- und Gegenwartswahr-nehmung, wie sie in den Medien und bei vielen Wissenschaftlern, Philosophen und Schriftstellern leider üblich ist. Über das einzelne Verbrechen, über das einzelne konkrete Leid bleibt mir das Ganze der Geschichte und der Gegenwart im Bewußtsein.
Ich kann nicht nachvollziehen, warum eine indianische Familie, die von weißen Siedlern ermordet wurde - ich könnte hier auch hunderte anderer Beispiele nehmen -, weniger zu bedauern ist, als die jüdische Familie, die in Auschwitz vergast wurde. Ich kann nicht nachvollziehen, warum die 35.000 Kinder, die laut UNICEF täglich verhungern, weniger zu bedauern sind, als die Opfer des Terrors religiöser Fanatiker. Selbst am 11. September 2001 sind zehnmal mehr Kinder verhungert als im World Trade Center umgekommen sind. (Aber diese Feststellung rechtfertigt keinen Terror! Er ändert am Hunger in der Welt nichts. Der Versuch mit inhumanen Methoden humanistische Ziele zu erreichen, ist immer gescheitert. Das war schon ein Grundproblem der "Leninisten".)
Aber den "umgekehrten Nationalismus", der in Deutschland zur Staatsdoktrin erhoben wurde, den große Teile der Intellektuellen und der politischen Klasse bis ins konservative Lager hinein verinnerlicht haben, den teile ich ebensowenig. Deutsche schlecht, Auslän-der gut? So simpel ist es nicht. Z. B. gibt es unter den in Deutschland lebenden Türken mehr Nationalisten, als unter den in Deutschland lebenden Deutschen. Das ist kein genereller Angriff auf die Türken. Das ist einfach eine Tatsache, die jeder bemerken kann, der sich mit vielen Deutschen und vielen Türken unterhält. (Wenn man unter türkischen Jugendlichen eine Umfrage macht und nach den Massenmord an den Armeniern fragt, dann trifft man auf eine erheblich größere Unwissenheit, als wenn man unter deutschen Jugendlichen nach dem Massenmord an den Juden fragt.)