
»Die Natur verfahre mit uns wie ein Schurke, der Unschuldige auf eine angenehme, im Grunde jedoch verlorene Mission schicke. Je klüger jemand im Leben werde, desto mehr nähere er sich dem Grabe.« Stanislaw Lem [1] |
Was für ein Idyll: Ein See umgeben von Wald und Flur. Das Zwitschern der Vögel, das Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, hier ein Graureiher, dort kreist ein Adler. Und auf der Wiese spielen kleine Füchse. Sind sie nicht goldig? Oh, du himmlische Natur!
Dies Idyll entpuppt sich bei näherem Hinsehen allerdings als ein großes Schlachtfeld. Dort wird ständig und unter Qualen gestorben! Der Vogel, dessen Zwitschern uns eben noch erfreute, wird Sekunden darauf vom Adler bei lebendigem Leibe zerrissen. (Wir merken nichts davon. Inzwischen zwitschern andere Vögel.) Die zirpende Grille verschwindet im Magen des Frosches und dieser verschwindet im Magen des Graureihers und er hat noch Glück, dass er erstickt, bevor die Magensäure ihn zersetzt. Einer der jungen Füchse beansprucht die gesamte Beute der Mutter für sich (ein gerissenes Kaninchen, dessen Junge nun im Bau verhungern oder erfrieren), die Geschwister bekommen nichts zu fressen, das interessiert ihn nicht, genauer: davon weiß er gar nichts.
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Wer die Natur für ein »Paradies« hält, |
Die Idealisierung des Naturzustandes beruht auf einer Verkennung der Realität. Die Natur ist ein großes Restaurant, in dem jedes Lebewesen sowohl Gast als auch die angebotene Speise ist. Jeder Gast versucht nicht nur, die anderen Gäste zu fressen, sondern den Erfolgreichen die Beute abzujagen und sie dafür notfalls zu erschlagen.
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Die Natur ist nur idyllisch für den Beobachter von außen, der wir modernen Menschen ja schon in einem beträchtlichen Maße sind. |
Natur, das sind nicht nur die aus unserer Sicht niedlichen Tiere und schönen Pflanzen, das sind auch nicht nur die Stechmücken und Wanzen, das sind die Krankheitserreger, das ist die Pest und die Pocken, Typhus und Diphtherie. Für viele Menschen sind diese Krankheiten heute keine Gefahr mehr, weil wir modernen Menschen Kulturwesen geworden sind, die mit Hilfe von Wissenschaft und Technik diese Krankheiten besiegt haben.
Die Natur stattet uns mit Trieben aus, viele von uns haben aber keine oder nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, die aus diesen Trieben sich ergebenen Bedürfnisse zu befriedigen, was Unglück zur Folge hat, zum Teil so großes Unglück, dass Menschen sich umbringen.
Natur bedeutet altern, bedeutet Verschleiß, bedeutet, dass wir mit Siebzig vergreisen, dass unsere Gelenke nicht mehr richtig funktionieren, dass einige von uns nur noch unter Schmerzen gehen können, bei anderen funktionieren Augen und Ohren nicht mehr richtig etc. Die Idealisierung der Natur bedeutet letztendlich die Idealisierung von Verfall, Krankheit, Schmerzen und Tod.
»So funktioniert die Welt nun mal?« Nein! Die Welt funktioniert zur Zeit so. Ob sie für alle Ewigkeit so funktionieren muss, dass ist eine ganz andere Frage.
Auch die Idealisierung des »Urzustandes der Menschheit« beruht auf einer Verkennung der Realität. Es wird darauf hingewiesen, dass die Menschen in Übereinstimmung mit der Natur gelebt hätten, dass das ökologische Gleichgewicht gewahrt gewesen sei. Aber auch die Steinzeitmenschen haben Kriege geführt, ganze Tierherden über Klippen stürzen lassen, obwohl sie nur wenige Prozente des Fleisches, der Felle etc. verwerten konnte. Außerdem bedeutete die Urgesellschaft niedriger Lebensstandart aber harte Knochenarbeit, ständige Lebensgefahr, sehr geringe Möglichkeiten Krankheiten zu bekämpfen, Schmerzen zu lindern etc.
Die wenigsten Menschen, die den »Urzustandes der Menschheit« idealisieren, ziehen die Konsequenz daraus, sich in eine Landkommune zu begeben oder sich in Gegenden der Erde anzusiedeln, in denen noch weitgehend der Naturzustand herrscht. Das bedeutet nämlich das Ende der Bequemlichkeit, des Luxus. Man sitzt in seiner zentralgeheizten Wohnung, sieht fern, ließt mit Hilfe der Brille Bücher und wettert gleichzeitig über die Technik, ohne die es dies alles nicht geben würde. [2]
Weitere philolex-Beiträge, in denen die Idealisierung der Natur kritisiert wird:
Ludwig Anzengruber: »Nicht die Natur, nur der Mensch kennt Erbarmen, aber nicht oft lässt er es walten.«
Francis Bacon: »Wir können die Natur nur dadurch beherrschen, dass wir uns ihren Gesetzen unterwerfen.«
Ludwig Börne: »Hätte die Natur so viele Gesetze, als der Staat, Gott selbst könnte sie nicht regieren.«
Bertolt Brecht: »Die Schwärmerei für die Natur kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte.«
Charles Darwin: »Alle Natur befindet sich im Krieg miteinander oder mit der äußeren Natur.«
Epikur: »Tiere und kleine Kinder sind der Spiegel der Natur.«
Galileo Galilei: »Das Buch der Natur ist mit mathematischen Symbolen geschrieben.«
Goethe: »Wo fass ich dich, unendliche Natur? // Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens.« [Grabscher ;-)]
Friedrich Hebbel: »Der Mensch kann die Natur nicht erreichen, nur übertreffen; er ist entweder über ihr oder unter ihr.«
Lessing: »In der Natur ist alles mit allem verbunden, alles durchkreuzt sich, alles wechselt mit allem, alles verändert sich eines in das andere.«
Kant: »Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgendeiner Absicht gut. Die ganze Natur überhaupt ist eigentlich nichts anderes, als ein Zusammenhang von Erscheinungen nach Regeln; und es gibt überall keine Regellosigkeit.«
Marcus Aurelius: »Alles was du siehst, wird die Natur bald verwandeln und aus diesem Stoff andere Dinge schaffen und aus deren Stoff wiederum andere, damit die Welt immer verjüngt werde.«
Nietzsche: »In der Natur fühlen wir uns so wohl, weil sie kein Urteil über uns hat.«
Albert Schweitzer: »Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.«
Oscar Wilde: »Nichts ist offensichtlicher, als dass die Natur die Vernunft hasst.«
Zhuang Zhou: »Das Wirken der Natur zu erkennen, und zu erkennen, in welcher Beziehung das menschliche Wirken dazu stehen muss: das ist das Ziel.«
Anmerkungen
Stanislaw Lem, Sternentagebücher, S. 223, Suhrkamp 1978. Ein paar Absätze weiter heißt es dann allerdings auch: »Statt ›memento mori‹ sollte man immer wieder sagen ›estote ultores‹, strebt die Unsterblichkeit an, selbst um den Preis des Verlustes eures traditionellen Äußeren ...« So sehr ich auch die Anstrengungen zur Lebenszeitverlängerung begrüße und den Tod als nicht wünschenswert erachte, so halte ich doch die Unsterblichkeit auf Basis einer
materialistischen Weltanschauung für unmöglich. (Näheres hierzu in meinen Aufsatz Ist der Tod überwindbar?) Im Übrigen möchte ich noch anmerken, dass die Mission, auf die uns die Natur schickt, nur für Wenige eine angenehme ist, für viele Menschen ist sie eine extrem unangenehme. Zurück zum Text
Anm. 2: Ich halte mich hin und wieder gerne in der Natur auf! Ich fahre mit dem Rad aus Spaß durch Wald und Flur, an Flüssen und Seen entlang. Aber ich mache mir keine Illusionen darüber, wie es um die Lebewesen bestellt ist, die nur in der Natur leben. So schön ein Ausflug in die Natur auch ist, ich bin froh eine Wohnung zu haben, Ärzte, Supermärkte etc. Alles dies und vieles angenehme mehr haben die Lebewesen in der Natur nicht. Zurück zum Text