Thomas Samuel Kuhn


Kuhn kurz und knapp

Thomas Samuel Kuhn (Thomas S. Kuhn, 1922–1996) war ein US-amerikanischer Physiker, Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftstheoretiker. Professor für Wissenschaftstheorie an verschiedenen Universitäten in den USA. Wird vielfach dem Kritischen Rationalismus zugerechnet. Es gibt aber Unterschiede zu anderen Vertretern des Kritischen Rationalismus. Für die Anhänger Karl Poppers, der den Begriff »Kritischer Rationalismus« prägte, ist Kuhn zu relativistisch, da es bei ihm keine Verbindung zwischen unseren wissenschaftlichen Theorien und einer vom Subjekt unabhängigen Realität gibt.

Die wichtigste philosophische, oder erkenntnistheoretische bzw. wissenschaftstheoretische Leistung Kuhns besteht nach Auffassung vieler Fachleute in seiner Theorie vom Paradigma. Dieses sei ein begrifflich-methodisches System, dass in einer bestimmte Wissenschaft vorhanden sei und einen Rahmen setze, innerhalb dessen die Anerkennung von Problemen und die Problemlösungen erfolgen würden.

Es gebe aber immer »Anomalien«, die sich im Rahmen des Paradigmas nicht lösen ließen. Die Anhäufung solcher Anomalien und die Versuche ihrer Lösung führten irgendwann zu einem Paradigmenwechsel. Es komme zu einer wissenschaftlichen Revolution. Als Paradebeispiel gilt der Wechsel von der newtonschen Physik zur  Relativitätstheorie Einsteins.


Kuhn ausführlicher

Kuhn war ein wichtiger Vertreter der wissenschaftsinternen Historiographie, die versucht, wissenschaftliche Entwicklungsphasen nicht in ihrer Bedeutung für den heutigen Wissensstand sondern in ihrer historischen Eigenart zu begreifen. [Das erklärt, wie er zu der Paradigma-Theorie kam.]

Kuhn kritisierte die herrschende Vorstellung, Wissenschaft sei eine kontinuierliche Wissensanhäufung auf Basis genauer Daten und umfangreicher Theorien. Wissenschaft sei nicht ein stetiges Anwachsen von Erkenntnissen, sondern ein Prozess verschiedener Phasen, zwischen denen Brüche oder »wissenschaftliche Revolutionen« lägen.

Kuhn wendet sich gegen die  »Korrespondenztheorie der Wahrheit« nach der das erkennende Subjekt mit von ihm unabhängig existierenden Tatsachen bekannt werde und sich dabei mehr und mehr der Wahrheit annähere. Er wendet sich gegen den »Mythos« vom »Gegebenen«. Jede Wirklichkeit sei durch Theorie geprägt. [Da stellt sich bei mir die Frage, ob das auch für die unmittelbaren Erlebnisse gelten soll, wie z. B. Schmerz.]

Er wendet sich auch gegen den »Mythos« der Verifikation und der Falsifikation. Jede Theorie sei von vornherein widerlegt, da es Phänomene zu geben scheint, die ihr widersprächen. Andererseits sei aber nicht auszuschließen, dass sich diese Phänomene nicht doch irgendwann im Rahmen der Theorie erklären ließen.

In der »vorparadigmatischen Periode« einer Wissenschaft gebe es unter den Wissenschaftlern keinen Konsens über die allgemeinen Grundlagen des Faches, es gebe kein allgemein anerkanntes Grundwissen. Die Wissenschaft sei nicht zielgerichtet und nicht besonders effizient.

In der »reifen oder paradigmatischen Periode« werde von der großen Mehrheit der Forscher ein Paradigma anerkannt. Dieses werde aus exemplarischen Einzelfällen abgeleitet, selbst aber nicht empiristisch überprüft. Die Wissenschaftler versuchten im Rahmen der Theorien Rätsel zu lösen, die Theorie auf immer mehr Erscheinungen anzuwenden. Die Forschung sei nun zielgerichteter. In dieser Phase sammelten sich dann aber Anomalien an, die im Rahmen des Paradigmas nicht erklärt werden könnten.

In der »außerordentlichen oder revolutionäre Periode« der Wissenschaft komme es durch die Anhäufung von Anomalien und den Versuchen ihrer Lösung zu einem Paradigmenwechsel. Es komme zu einer wissenschaftlichen Revolution. (Eine solche war der Wechsel von der newtonschen Physik zur  Relativitätstheorie Einsteins. Kuhn selbst wurde zu seinen Überlegungen angestoßen, als er während seines Studium den Übergang von der aristotelischen zur neuzeitlichen Physik kennenlernte.)

Der Wissenschaftler wie Popper ihn sah, mit den kühnen Vermutungen, der diese dann der Falsifikation unterwerfe, ist nach Kuhn die Ausnahme, nicht die Regel. So wie Popper sich die Wissenschaft vorstellt bzw. wünscht, ist sie nach Kuhn nur in ihrer revolutionären Phase. [Mit dieser Aussage liegt er bei der Beurteilung der großen Mehrheit der Wissenschaftler durchaus richtig.]

[Einen solchen »Paradigmenwechsel« gab es im großen Stil nicht nur in der Wissenschaft, sondern in dem gesamten Weltbild und dem Verhalten der Menschen beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. (Sehe Sie auch  Koyre.) Wobei verschiedene Menschen und Menschengruppen diesen Paradigmenwechsel unterschiedlich schnell vollzogen. Dieser Wandel ging über Jahrhunderte hinweg und selbst heute noch gibt es Menschen, die im mittelalterlichen Paradigma feststecken, z. B. religiöse Fanatiker und Dogmatiker.]

Merkmale von Paradigmen nach Kuhn:

  1. Paradigmen seien Identitätsmerkmale für eine bestimmte Wissenschaft in der normalwissenschaftlichen Phase.
  2. Paradigmen würden ein Netz von Begriffen schaffen und vielen Begriffen erst ihre Bedeutung geben.
  3. Die Begriffe hätten innerhalb der Paradigmen eine starke Invarianz bei Überzeugungsänderungen. Denn auch innerhalb eines Paradigmas gebe es unterschiedliche Überzeugungen und Überzeugungsänderungen.
  4. Paradigmen seien Spielregeln. Kuhn betont ausdrücklich den Spielcharakter der Wissenschaften.
  5. Paradigmen bewirkten eine spezifische Wahrnehmung der Wissenschaftler. Anhänger verschiedener Paradigmen würden deshalb verschiedene Tatbestände wahrnehmen.
  6. Darüberhinaus würden Paradigmen Tatsachen überhaupt erst schaffen und verschiedene Paradigmen auch unterschiedliche Tatsachen. Deshalb lebten die Anhänger verschiedener Paradigmen in verschiedenen Welten. Was an Neuem gesehen werde, sei nicht etwas, das in der Wirklichkeit vorgefunden werde, sondern das von den Paradigmen geschaffen werden.
  7. [Paradigmen beinhalten auch gewusst oder nichtgewusst metaphysische und erkenntnistheoretische Überzeugungen.]

Kuhn ist es besonders wichtig zu betonen, dass nicht »die Wirklichkeit« oder »die Wahrheit« wissenschaftliche Revolutionen herbeiführen, sondern Prozesse, die in der Wissenschaft selbst lägen. Er vertritt hier eine internalistische Position.

Zwischen dem alten und dem neuen Paradigma gebe es eine Inkommensurabilität. Diese sei aber immer nur lokal. Die meisten Begriffe behielten ihre Bedeutung, nur bei besonders wichtigen komme es zu einem Bedeutungswandel. (z. B. der Begriff der Energie bei Newton und bei Einstein.) Es entstünden neue Begriffe und neue Problemfelder. Ob und inwieweit die verschiedenen Theorien nach Kuhn miteinander vergleichbar seien oder nicht, da wird Kuhn unterschiedlich interpretiert. Wissenschaftlicher Fortschritt sei gerade durch Inkommensurabilität gekennzeichnet. Es komme zu einer tiefgreifenden korrigierenden Umorganisation des alten Wissens. [Ganz entfernt klingen hier die  qualitativen Sprünge der Dialektik an.]

Kuhn war der Auffassung, dass die Wissenschaft Fortschritte mache. Aber dieser Fortschritt hat für ihn eine parktische Bedeutung, keine ontologische. Wissenschaftlicher Fortschritt vergrößere nicht das Wissen der Menschen über das von ihnen unabhängige Sein, er vergrößere das Problemlösungsvermögen. Kuhn vertritt eine pragmatische Position. [Letztendlich vertritt er nach meinem Dafürhalten auch eine skeptizistische Position. Dieser Interpretation werden allerdings viele nicht teilen. Denn auch die Skeptiker waren Anhänger der  »Korrespondenztheorie der Wahrheit«, was Kuhn nicht ist. Sollte Kuhn allerdings so weit gehen, überhaupt keine Realität anzuerkennen, außer der von uns durch unsere Theorien geschaffenen, dann wäre er dem Radikalen Konstruktivismus zuzurechnen. Soweit geht er meines Wissens aber nicht.]

Kuhn betonte, dass sich seine Untersuchungen nur auf die Naturwissenschaft nicht auf die Geisteswissenschaft bezögen.


Kritik an Kuhn

Für originäre Anhänger des Kritischen Rationalismus ist Kuhn zu relativistisch, da wir uns nach Kuhn keiner Wahrheit im Sinne der Korrespondenztheorie annähern.

Vorgeworfen wird Kuhn die Unschärfe des Paradigmabegriffs, der viele Bedeutungen habe.

Die Paradigmentheorie ist aber insgesamt auf ein eher positives Echo gestoßen im Gegensatz zu seiner Behauptung der Inkommensurabilität. Wenn Paradigmen nicht vergleichbar seien, wie könnten sie dann überhaupt in eine Konkurrenzsituation miteinander geraten? Kuhn führe seine wissenschafthistorischen Untersuchungen von einer übergeordneten Position aus, betrachte und vergleiche die verschiedenen Theorien, was nach seiner Inkommensurabilitätsbehauptung unmöglich sei.

[Ich sehe eine solche Inkommensurabilität allerdings zwischen einem Buchstabenglauben an die  Bibel oder den  Koran und dem modernen wissenschaftlichen Weltbild. Zwischen religiösem Fanatismus oder Dogmatismus und moderner Wissenschaft gibt es nicht einfach nur Meinungsverschiedenheiten. Hier gibt es verschiedene Qualitäten geistiger Aktivität.]


Zitate von Kuhn

»Ich denke, vor allem in Zeiten der Krise (einer Wissenschaft) wenden sich Wissenschaftler der Philosophie zu. Wissenschaftler müssen und wollen meistens keine Philosophen sein.« Verkürzte Übersetzung eines Zitats Kuhns von mir. Original: »It is, I think, particularly in periods of acknowledged crisis that scientists have turned to philosophical analysis as a device for unlocking the riddles of their field. Scientists have not generally needed or wanted to be philosophers.«


Kommentare anderer Philosophen zu Kuhn

Heinz von Foerster »Thomas Kuhn habe ich gern. Seine Idee des Paradigmas brachte die Blindheit der Wissenschaftstheorien, die solche Prozesse nicht verstehen konnten oder wollten, zum Vorschein. Diesen Teil seiner Ausführungen finde ich ausgezeichnet. Von einer seiner Ideen möchte ich allerdings Abstand nehmen: Kuhn meint, wenn ein Paradigma in verschiedenen Fällen zu funktionieren aufhört, kündigt sich ein Paradigmenwechsel an. Ich behaupte genau das Gegenteil: Immer wieder kann man zeigen, dass ein Paradigma, wenn es zur Perfektion gereift ist, plötzlich ›kippt‹ und von der Bühne verschwindet.«


Literatur, Sekundärliteratur und Links

Literatur:
Kuhn im Internet:


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