Kuhn war der Auffassung, daß die Wissenschaft Fortschritte macht. Aber dieser Fortschritt hat für ihn eine parktische Bedeutung, keine ontologische. Wissenschaftlicher Fortschritt vergrößere nicht das Wissen der Menschen über das von ihnen unabhängige Sein, er vergrößere das Problemlösungsvermögen. Kuhn vertritt eine pragmatische Posi-tion. [Letztendlich vertritt er nach meinem Dafürhalten auch eine skeptizistische Position. Dieser Interpretation werden allerdings viele nicht teilen. Denn auch die Skeptiker waren Anhänger der
"Korrespondenztheorie der Wahrheit", was Kuhn nicht ist. Sollte Kuhn allerdings so weit gehen, überhaupt keine Realität anzuerkennen, außer der von uns durch unsere Theorien geschaffenen, dann wäre er dem Radikalen Konstruktivismus zuzurechnen. Soweit geht er meines Wissens aber nicht.]
"Thomas Kuhn habe ich gern. Seine Idee des Paradigmas brachte die Blindheit der Wissenschaftstheorien, die solche Prozesse nicht verstehen konnten oder wollten, zum Vorschein. Diesen Teil seiner Ausführungen finde ich ausgezeichnet. Von einer seiner Ideen möchte ich allerdings Abstand nehmen: Kuhn meint, wenn ein Paradigma in verschiedenen Fällen zu funktionieren aufhört, kündigt sich ein Paradigmenwechsel an. Ich behaupte genau das Gegenteil: Immer wieder kann man zeigen, dass ein Paradigma, wenn es zur Perfektion gereift ist, plötzlich "kippt" und von der Bühne verschwindet."
Heinz von Foerster