Das Induktionsprinzip ist eine legitime wissenschaftliche Methode, solange sie nicht unkritisch benutzt wird, solange man keine Dogmen daraus ableitet. Der praktische Nutzen von Wissen, das auf dem Wege des Induktionsverfahren gewonnen wird, ist für mich offensichtlich. Aus der Tatsache, daß bisher alle Menschen nach einer gewissen Lebenszeit gestorben sind, kann geschlossen werden, daß alle Menschen sterblich sind, jedenfalls in dem Sinne, was wir im allgemeine "sterben" nennen. (metaphysische Spekulationen über ein wie auch immer geartetes Fortexistieren klammere ich hier aus.) Als Popper auf eine entsprechende Frage dem Interviewer antwortete: "Wir beide sind ja zumindestens noch nicht gestorben", dann war dies kein ernstzunehmendes Argument. Sollte sich Popper tatsächlich auf eine solche Position versteift haben, dann macht er letztlich den gleichen Fehler wie Hegel, als der, auf Widersprüche zwischen seiner Philosophie und der Wirklichkeit hingewiesen, antwortete: "Um so schlimmer für die Wirklichkeit." Nun hat Popper an anderer Stelle aber auch gesagt, es sei egal, wie wir zu einer Theorie kommen, wichtig sei, wie wir mit ihr umgehen.
Was ich nicht ganz verstehe, ist, daß Popper auch die Entstehung neuer Qualitäten sieht, aber gegen die Dialektik wettert. Aber wahrscheinlich tut er dies nur deshalb, weil er ein eingeschränktes Bild von der Dialektik hat. Die Dialektik mit Absolutheitsanspruch verbunden wie bei Hegel, lehne auch ich ab. Aber die Dialektik als eine kühne Vermutung zur Erklärung von Phänomenen, die sich mit der
zweiwertigen Logik oder mit der Theorie rein quantitativer Entwicklungen nicht erklären lassen, ist höchst interessant.
Lorenz: "Der Karli Popper hat bei uns immer die Rolle des Weißen gespielt, der an den Marterpfahl gebunden wurde. Er war ungeschickt, er konnte schlecht laufen und schlecht schießen und war von rührender Gutartigkeit." Zitiert nach Die Rückseite einer Spiegelfreundschaft: Konrad Lorenz und Karl Popper.)
| Was an Popper zu begrüßen ist, das ist seine konsequent antidogmatische und antikonservative Grundhaltung, daß er die Kritik zum zentralen Element der Erkenntnis-, Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie gemacht hat. Daß er dabei dann Andersdenkende und deren Gedanken zum Teil in übertriebener Weise abgelehnt hat, schmälert seine Leistung nicht. |
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Anmerkungen
Anm. 1: Gemeinsam mit den Positivisten hat Popper jedenfalls den "Wahrheitsverzicht". Deshalb wurde er von vielen als Positivist bezeichnet. Gerade der "Wahrheitsverzicht" war es, den Adorno ihm zum Vorwurf gemacht hat. Wenn man die Grundaussage des Positivismus - der sich nicht im logischen Positivismus des Wiener Kreises erschöpft, da kommen ja auch noch Comte, Spencer und Mill hinzu - im Wahrheitsverzicht sieht und nicht im Induktions- und Verifikationsprinzip und in der Bezeichnung der Metaphysik als unsinnig, dann kann man Popper im weitesten Sinne dem Positivismus zurechnen. Zumindestens gibt es Ähnlichkeiten. Allerdings sollte man bei einer solchen Zuordnung die Unterschiede zwischen Popper und den originären Positivisten zur Kenntnis nehmen. Zurück zum Text
Anm. 2: Was Popper auch nicht getan hat, aber er hat ihren Theorien jegliche Wissenschaftlichkeit abgesprochen, was mir zu weit geht. Wenn er z. B. behautet, dem freudschen Strukturmodell "ES, ICH, Über-Ich" käme die gleiche Wissenschaftlichkeit zu wie einer Sammlung griechischer Sagen, dann schießt er mit seiner Kritik über jedes vernünftige Maß hinaus. Allerdings ist diese Aussage im Rahmen seines eingeschränk-ten Wissenschaftsbegriffs konsequent. Sie wird dadurch aber nicht richtig. Zurück zum Text
Anm. 3: Die gesellschaftlichen Institutionen im Sowjetsystem sind bzw. waren so beschaffen, daß, wenn ein Verbrecher an die Macht kommt, er ein Maximum an Schaden anrichten kann bzw. konnte. Was Stalin und Mao gräßlich bewiesen haben. Andere hatten das "Glück" einen Tito oder Castro zu bekommen. Für die verlief es etwas weniger arg. (Die kamen zwar auch ökonomisch nicht voran, wurden aber zumindestens nicht noch zusätzlich von staatlicher Seite terrorisiert und zu Millionen umgebracht.) Zurück zum Text
Anm. 4: Außerdem halte ich es für sehr wahrscheinlich, daß - wenn sich die Menschheit nicht in nächster Zeit ausrottet - in Zukunft erheblich leistungsfähigere Gehirne als unser menschliches entstehen werden, die immer größere Teile der Erkenntnis in ihre "Welt 2" überführen können. (Leistungsfähigere Gehirne können entstehen 1. durch eine durch Gentechnik erreichte Vergrößerung des menschlichen Gehirns, 2. durch Schaffung von künstlichen Gehirnen - sprich der Weiterentwicklung der heutigen Computer zu neurona-len Netzen -, die ab einem bestimmten Entwicklungspunkt Bewußtsein entwickeln, oder 3. durch eine Kombination von 1. und 2.) Das könnte bis zu einem Punkte gehen - zugegebenermaßen eine sehr kühne (und gegenwärtig nicht zu falsifizierende) Vermutung - wo es nur noch ein einziges Gehirn gibt, das alle Erkenntnis in seine "Welt 2" überführt hat. Welt 1, 2 + 3 würden dann wieder eine Welt sein. (Sehen Sie hierzu meine an Hegel anknüpfende philosophische
Hypothese von der Welt(all)geschichte als Rückkehrpro-zeß des Weltgeistes.) - Zurück zum Text
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