Daß die Welt eine Erfindung ist, ist eine Erfindung.



Radikaler Konstruktivismus

 Kurzbeschreibung des Radikalen Konstruktivismus
 Vertreter des Radikalen Konstruktivismus
 Meine Kritik am Radikalen Konstruktivismus
 Links zum Radikalen Konstruktivismus


Kurzbeschreibung des Radikalen Konstruktivismus

Vom Radikalen Konstruktivismus zu unterscheiden ist der Methodische Konstruktivis-mus.

Nach Auffassung des Radikalen Konstruktivismus ist die Wirklichkeit ein subjektives Konstrukt. Eine Verbindung des Subjekts zur objektiven Realität - soweit eine solche überhaupt in Erwägung gezogen wird - sei so unmöglich wie eine Ontologie. Der Radikale Konstruktivismus ist Skeptizismus, Pragmatismus und  Subjektiver Idealismus. Einige Autoren sagen auch Psychologismus oder  Mystizismus. (Trotz aller Unterschiede gibt es auch eine gewisse Nähe zum Kritischen Rationalismus, auch wenn einige Vertreter dieser beiden philosophischen Strömungen das vehement bestreiten werden.)

Als Vorläufer dieser Philosophie werden genannt: Vico, Berkeley, Hume, Kant, Dilthey, Wittgenstein und Piaget. Letzterer soll den Begriff Konstruktivismus erstmals eingeführt haben.

Die Radikalen Konstruktivisten betrachten sich vielfach selbst nicht als solche, werden von anderen als solche bezeichnet, bzw. betrachten den Begriff Konstruktivismus als unglücklich gewählt.


Vertreter des Radikalen Konstruktivismus

Die verschiedenen Vertreter des Radikalen Konstruktivismus unterscheiden sich in vielen Details.

Förster, Heinz von (1911 - 2002). Österreichisch-Amerikanischer Physiker, Philosoph und Kybernetiker. Vertreter des  Radikalen Konstruktivismus. Kernaussage: "Was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, ist unsere Erfindung." [Erfinde ich auch meine Schmerzen? Und wenn ja, warum erfinde ich etwas so unschönes?]

  • (Etwas) Längerer Lebenslauf
  • Kurzer Lebenslauf und umfangreiche Linkliste Deutsch und Englisch
  • Sehr umfangreiches Interview in Englisch
  • Umfangreiche Linkliste zu Förster von Beats Biblionetz.

    Glasersfeld, Ernst von (*1917). Österreichisch-Amerikanischer Philosoph, Kommunika-tions-Wissenschaftler, Psychotherapeut und Schriftsteller. Vertreter des  Radikalen Konstruktivismus. Aussage: "In der konstruktivistischen Perspektive ist das Subjekt grundsätzlich für seine gesamte Wirklichkeit zuständig und verantwortlich." [Auch das "Subjekt", das sich am 11. September 2001 im World Trade Center aufhielt?]

  • Kurzer Lebenslauf und Linkliste in Englisch
  • Interview mit Glasersfeld in Englisch
  • Kurzer Lebenslauf
  • Umfangreiche Linkliste zu Glasersfeld von Beats Biblionetz.

    Maturana, Humberto R. (*1928). Chilenischer Mediziner, Biologe und Philosoph. Vertreter des  Radikalen Konstruktivismus. Seit 1961 Professor an der Universität Santiago de Chile.

  • Biographie und Definition einiger Grundbegriffe
  • Maturana, Veröffentlichungen und Definitionen
  • Umfangreiche Linkliste zu Maturana von Beats Biblionetz.

    Roth, Gerhard (*1942). Deutscher Philosoph und Biologe. Professor für Verhaltensphysio-logie an der Universität Bremen. Direktor des Institutes für Hirnforschung. Vertreter des  Radikalen Konstruktivismus. Roth: "Die Wirklichkeit wird in der Realität durch das reale Hirn hervorgebracht." (Zitiert nach Beats Biblionetz). [Mit dieser Aussage ist der Konstruktivismus zumindestens partiell durchbrochen. Es wird eine sichere Aussage über die objektive Realität gemacht.]

  • Interview mit Gerhard Roth
  • Umfangreiche Linkliste, Zitate etc von und zu Gerhard Roth von Beats Biblionetz.

    Varela, Francisco (1946 - 2001). Chilenischer Biologe und Philosoph. Vertreter des  Radikalen Konstruktivismus Professor für Neurobiologie und Philosophie in Chile, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Mitarbeiter  Maturanas, mit dem er gemeinsam Bücher verfaßte. Buddhist. Verbindung zum Dalai Lama.

  • Biographie.

    Watzlawick, Paul (*1921). Österreichisch-Amerikanischer Philosoph, Kommunikations-Wissenschaftler, Psychotherapeut und Schriftsteller. Vertreter des  Radikalen Konstruktivismus. Konstruktivismus ist für ihn die "Untersuchung der Art und Weise, wie wir Menschen uns unsere eigenen Wirklichkeiten erschaffen." Er findet den Begriff Konstruktivismus allerdings unglücklich und würde lieber von "Wirklichkeitsforschung" sprechen. Er unterscheidet zwischen Wirklichkeit erster und zweiter Ordnung. Die Wirklichkeit erster Ordnung sei das, was allgemein Tatsache genannt wird. Die Wirklichkeit zweiter Ordnung sei unsere Bewertung der Tatsachen.

  • Umfangreiche Linkliste zu Watzlawick von Beats Biblionetz.
  • Biografie bei wikipedia


    Meine Kritik am Radikalen Konstruktivismus

    Da die verschiedenen Vertreter des Radikalen Konstruktivismus - und seine vielen Anhänger - sich in vielen Details unterscheiden, trifft folgende Kritik nicht auf alle seine Vertreter zu, bzw. nicht in dem selben Maße.

    Der Grundgedanke, daß wir von der von unserem Denken unabhängigen Realität kein sicheres Wissen haben können, ist weitgehend auch meine Position. Der Naive Realis-mus ist aus philosophischer und naturwissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Daß die Radikalen Konstruktivisten in ihrem jeweiligen konkreten Forschungs- und Arbeitsgebie-ten brauchbare, interessante Gedanken entwickeln, wird ebenfalls von mir nicht in Frage gestellt. Aber aus der konkreten Art und Weise, wie die Radikalen Konstruktivisten ihre Positionen begründen, ergeben sich Widersprüche. Zum Teil schießt man über das Ziel hinaus, zum Teil denkt man nicht konsequent zu ende. (Oder zumindestens scheut man sich öffentlich zu ende zu denken.)

    Es werden neurophysiologische Vorgänge angeführt und diese als Beweis benutzt, daß die Welt unser Konstrukt sei. Damit werden die neurophysiologischen Vorgänge aber selbst zum Konstrukt. Man benutzt ein Konstrukt als Beweis, daß die Welt ein Konstrukt sei. Wittgenstein stieg auf einer Leiter zu einer Erkenntnis hinauf und als er ankam erkannte er die Nutzlosigkeit der Leiter und warf sie fort. [1] Die Radikalen Konstrukti-visten scheinen ihre nutzlos gewordene Leiter nicht fortwerfen zu wollen. Der Skeptizis-mus kann oder muß konsequenterweise schon viel früher einsetzen. Statt dessen macht man am laufenden Band Aussagen über die objektive Realität - nämlich die über die Funktionsweise des Gehirns und des Nervensystems -, und behauptet anschließend, Aussagen über die objektive Realität seien nicht möglich.

    Wieso ist die Welt unsere Erfindung? Wenn sie eine Erfindung ist, dann ist sie meine Erfindung. Wieso sollte die ganze Welt Erfindung sein, ausgenommen die anderen Menschen? Die Art, wie einige Radikale Konstruktivisten glauben, dem  Solipsismus ausweichen zu können, ist nicht überzeugend.

    Wenn die Welt meine Erfindung ist, dann bin ich der "Erfinder", besser gesagt der Schöpfer der Zauberflöte, in dem Moment, wo ich sie höre, dann bin ich der Schöpfer der Mona Lisa, in dem Moment, wo ich sie sehe. Ich bin Beethoven, Einstein, Goethe etc. Ich habe den Ottomotor erfunden, den Eifelturm erbaut usw. (Nicht Bill Gates, ich würde diese schlechte Software verbreiten. Aber sein Geld ist nicht auf meinem Konto.)

    Wenn die Welt meine Erfindung ist, dann bin ich der "Erfinder" meiner Zahnschmerzen. Wenn Krieg oder Hungersnot herrscht, wenn ich unterdrückt und gefoltert werde, dann ist das alles meine Erfindung. Wenn ich in einem Slum lebe und nicht in einer Villa, dann habe ich mir dies selbst ausgesucht. Im Anbetracht des Zustandes der Welt, also meiner von mir konstruierten Wirklichkeit, wäre ich ein Masochist.

    Oder aber, es gibt unabhängig von mir etwas, daß von außen auf mich wirkt - z. B. objektive Lebensumstände und die Schöpfungen der großen Künstler und Wissenschaft-ler - und ich mache aus den von Außen kommenden Impulsen meine Welt. Erstens auf Grundlage angeborener Regeln und zweitens auf Grundlage individueller Erfahrungen und erworbener Arbeitsweisen meines Gehirns. Dann frage ich mich: Wo ist das substantiell Neue gegenüber Kant? Wo ist das substantiell Neue gegenüber früheren Formen des  Subjektiven Idealismus?

    Daß die Welt unsere Erfindung ist, ist sowenig beweisbar, wie daß sie ein objektiver Tatbestand ist. Beide Behauptungen sind philosophische  Hypothesen, und wie ich glaube einseitige. Die Welt ist wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

    Das Verhältnis zwischen Subjektiven und Objektiven kann auch dialektisch gesehen werden. Ob etwas subjektiv oder objektiv ist, ist immer eine Frage der jeweiligen Betrachtung. Aber mit Dialektik können die Radikalen Konstruktivisten wohl nichts anfangen. (Ich sage das mit Vorbehalt, da ich nicht alle ihre Schriften gelesen habe.)


    Ein Radikaler Konstruktivist hat sich in den Alpen (oder auch in den Anden ;-) verirrt. Kurz vor dem Erfrieren wird er von einem nach ihm ausgesandten Suchtrupp gerettet. Er bedankt sich mit den Worten: "Danke, daß ihr mich noch rechtzeitig erfunden habt."




    Links zum Radikalen Konstruktivismus


    Anmerkungen

    Anm. 1: "Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)" (Witt-genstein Tractatus, 6.54). Zurück zum Text


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