Der Grundgedanke, daß wir von der von unserem Denken unabhängigen Realität kein sicheres Wissen haben können, ist weitgehend auch meine Position. Der Naive Realis-mus ist aus philosophischer und naturwissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Daß die Radikalen Konstruktivisten in ihrem jeweiligen konkreten Forschungs- und Arbeitsgebie-ten brauchbare, interessante Gedanken entwickeln, wird ebenfalls von mir nicht in Frage gestellt. Aber aus der konkreten Art und Weise, wie die Radikalen Konstruktivisten ihre Positionen begründen, ergeben sich Widersprüche. Zum Teil schießt man über das Ziel hinaus, zum Teil denkt man nicht konsequent zu ende. (Oder zumindestens scheut man sich öffentlich zu ende zu denken.)
Wenn die Welt meine Erfindung ist, dann bin ich der "Erfinder", besser gesagt der Schöpfer der Zauberflöte, in dem Moment, wo ich sie höre, dann bin ich der Schöpfer der Mona Lisa, in dem Moment, wo ich sie sehe. Ich bin Beethoven, Einstein, Goethe etc. Ich habe den Ottomotor erfunden, den Eifelturm erbaut usw. (Nicht Bill Gates, ich würde diese schlechte Software verbreiten. Aber sein Geld ist nicht auf meinem Konto.)
Wenn die Welt meine Erfindung ist, dann bin ich der "Erfinder" meiner Zahnschmerzen. Wenn Krieg oder Hungersnot herrscht, wenn ich unterdrückt und gefoltert werde, dann ist das alles meine Erfindung. Wenn ich in einem Slum lebe und nicht in einer Villa, dann habe ich mir dies selbst ausgesucht. Im Anbetracht des Zustandes der Welt, also meiner von mir konstruierten Wirklichkeit, wäre ich ein Masochist.