Begriffsgeschichtlich hat man unter "Solipsismus" ursprünglich einen extremen Egoismus verstanden. In diesem Sinne wird dieser Begriff auch häufig noch verwendet. So wird Stirner auch im Brockhaus als Solipsist bezeichnet. Stirner ist aber kein Solipsist in dem Sinne, daß er behaupten würde, das einzige Ich, das einzige Subjekt zu sein, das überhaupt existiert. Er sagt lediglich, daß der Einzelne bezüglich seines Bewußtseins von den anderen Menschen völlig getrennt sei, daß zum Beispiel der Schmerz des anderen mich nicht betrifft und mich deshalb auch nicht zu interessieren hat.
Damit hatte Stirner nach meiner Auffassung richtig erkannt, daß das Fremdpsychische für mich unerreichbar ist. Von den Gefühlen, den Gedanken, den Wahrnehmungen des Anderen bin ich völlig getrennt, ich habe keinen Zugang, keine Teilnahme daran. Stirner schloß daraus aber nur, daß mich das Fremdpsychische nicht zu interessieren braucht, nicht aber, daß es das Fremdpsychische eventuell überhaupt nicht gibt. Das war inkonsequent, bzw. ein Zeichen dafür, daß Stirner hier eine
Erkenntnisschranke hatte. Trotz seines extremen Egoismus konnte oder wollte er soweit nicht gehen. Bei den anderen menschlichen Körpern kann ich nur vermuten, daß sie wie ich sich wissende Ichs sind. (Nach der Vergleichshypothese - bei gleichen Gegenständen vermuten wir gleiche Eigenschaften, siehe
Evolutionäre Erkenntnistheorie.) In letzter Instanz bleibt es aber eine
Hypothese. Näher auseinandergesetzt habe ich mich mit diesem Thema in "Meiner Philosophie".]