[Dieses Zitat wird in der Regel verkürzt und falsch wiedergegeben. Statt "Opium des Volks" wird "Opium für das Volk" gesagt. Diese beiden Formulierungen können aber für zwei verschiedene Religionstheorien stehen. Für die französischen Materialisten (z. B. Julien Offray de Lamettrie) war Religion bewußter Priesterbetrug. Religion wird von Verbrechern ausgedacht um die Menschen zu beherrschen und zu verdummen. Der erste Schurke, der dem ersten Narren begegnete, war der erste Priester. Das Rezept dagegen ist
Aufklärung und, wenn man die Macht dazu hat, administrative Niederhaltung der Kirchen, Religionen etc. Nach Marx ist Religion dagegen eine notwendige Erscheinung in bestimmten Entwicklungsphasen der Menschheit. Genauso zwangsläufig, wie die Massen in den Klassengesellschaften religiös sind, genauso zwangsläufig werden die Menschen im Kommunismus die Religion als eine überlebte Naivität von selbst ablegen, so wie ein normal entwickelter Erwachsener nicht mehr an die Märchen der Gebrüder Grimm glaubt. Die Versuche der regierenden "Marxisten" im 20. Jahrhundert die Religion administrativ zu beseitigen war unmarxistisch. Dieser Versuch war nur ein weiterer Aspekt der Tatsache, daß die Marxisten des 20. Jahrhunderts, im Gefolge Lenins, viel voluntaristischer waren, als es dem traditionellen Marxismus eigentlich entsprach.
Marxens Aussage trifft für die große Mehrheit der religiösen Menschen zu, aber nicht für alle. Es hat unter den religiösen Menschen auch immer Intellektuelle gegeben. Z. B. das Gottesbild Thomas von Aquins ist nicht nur ein religiöses, sondern auch ein philosophi-sches Gottesbild. In unserer heutigen Zeit und in den freieren Ländern gibt es unter den religiösen Menschen viele, die man mit obigen Marx-Zitat nicht mehr richtig beschreiben kann, jedenfalls nicht zur Gänze.]
Kommentare anderer Philosophen zu Marx
Hans Albert: "Auch für mich ist Karl Marx einer der bedeutendsten deutschen Soziologen und Ökonomen. Wir haben ihm Einsichten zu verdanken, und er hat sich in manchen Punkten geirrt. Und seine Irrtümer haben teilweise Wirkungen gehabt, die er sicher nicht gewünscht hätte. Vor allem die Idee, dass man durch die Beseitigung des Privateigen-tums an den Produktionsmitteln, des Marktes und des Geldes eine freie Gesellschaft erreichen kann, war ein schwerwiegender Irrtum, der katastrophale Wirkungen hatte. Die Dogmatisierung des Marxismus ist aber vor allem Lenin zu verdanken. Man kann sich übrigens leicht vorstellen, dass ein Mann wie Marx in der Sowjetunion liquidiert worden wäre." Zitat aus "Aufklärung und Kritik" 2/2002 (http://www.gkpn.de/fossati.pdf)
Zur philolex-Startseite
Anmerkungen
Anm. 1: Mir hat ein Leser geschrieben, Marx sei letztendlich gar kein Materialist gewesen. Marx betone Feuerbach gegenüber, daß Sinnlichkeit bereits Produkt von menschlicher Tätigkeit sei. Der Mensch verhalte sich nicht nur rezeptiv zur Welt. Wirklichkeit sei ein geschichtliches Produkt gemeinsamer menschlicher Tätigkeit. Die menschliche Betrachtungsweise der Welt sei nicht voraussetzungslos. Die Vorausset-zungen seien die Verhältnisse, in denen die Menschen leben. Das Bild, das die Menschen von der Welt haben, sei also ihr Produkt. Es sei von menschlichen Setzungen abhängig. Das ist durchaus richtig. Aber Marx hat ja nicht etwa behauptet, die Welt erschöpfe sich in dem Bild, das die Menschen haben. Dann wäre er allerdings kein
Materialist mehr, sondern ein
"(inter)subjektiver Idealist". Marx wird mit dieser Auffassung nicht zum Idealisten, aber er grenzt sich damit vom "Naturwissenschaftlichen Materialismus" ab, den die Marxisten als Vulgärmaterialismus bezeichnen. Bei
Lenin gibt es ein ähnliches oder noch weitergehendes Problem mit dem Materialismus. Zurück zum Text
Anm. 2: Es gibt eine entsprechende Äußerung Engels in einem Brief. (In einem der blauen Bände 27 - 39.) Genaue Quelle ist mir im Moment nicht gegenwärtig. Zurück zum Text
Anm. 3: In der "Deutschen Ideologie" (MEW 3/9ff) schreiben Marx und Engels: "Die Aneignung einer Totalität von Produktionsinstrumenten ist schon deshalb die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst. ... Nur die von aller Selbstbetätigung vollständig ausgeschlossenen Proletarier der Gegenwart sind imstande, ihre vollständige nicht mehr bornierte Selbstbetätigung, die in der Aneignung einer Totalität von Produktivkräften und der damit gesetzten Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten besteht, durchzusetzen." (MEW 3/68)
Im "Kapital" schreibt Marx: "Sie macht es zu einer Frage von Leben und Tod, die Ungeheuerlichkeit einer elenden, für das wechselnde Exploitationsbedürfnis des Kapitals in Reserve gehaltene, disponiblen Arbeiterbevölkerung zu ersetzen durch die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse; das Theilindividuum, den bloßen Träger einer gesellschaftlichen Detailfunktion, durch das total entwickelte Individuum, für welches verschiedene gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Bethätigungsweisen sind. (Kapital Band 1, 13. Kapitel, Maschinerie und große Industrie, 4. Abschnitt, Die Produktion des relativen Mehrwerts, MEGA II/6, S. 466, Z. 19 - 27.)
Hierauf weist auch André Gorz in seinem Buch "Abschied vom Proletariat" hin. Zurück zum Text
Anm. 4: In "Die heilige Familie" schreiben Marx und Engels: "Wenn die sozialistischen Schriftsteller dem Proletariat diese weltgeschichtliche Rolle zuschreiben, so geschieht dies keineswegs ... weil sie die Proletarier für Götter halten. Vielmehr umgekehrt. Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihnen sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar, durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not - den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit - zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muß das Proletariat sich selbst befreien. ... Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet." (MEW 2/38)
Ähnliches steht auch in "Zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie - Einleitung" (MEW 1/390)
Im "Manifest der kommunistischen Partei" schreiben Marx und Engels: "Alle bisherige Gesellschaft beruhte, wie wir gesehen haben, auf dem Gegensatz unterdrückender und unterdrückter Klassen. Um aber eine Klasse unterdrücken zu können, müssen ihr Bedingungen gesichert sein, innerhalb derer sie wenigstens ihre knechtische Existenz fristen kann. Der Leibeigene hat sich zum Mitglied der Kommune in der Leibeigenschaft herangearbeitet, wie der Kleinbürger zum Bourgeois unter dem Joch des feudalistischen Absolutismus. Der moderne Arbeiter dagegen, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der Arbeiter wird zum Pauper und der Pauperismus entwickelt sich noch rascher als Bevölkerung und Reichtum. Es tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben und die Lebensbedin-gungen ihrer Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzuzwingen. Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage hinabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden." (MEW 4/473) Zurück zum Text
Anm. 5: "Wie passen Leute wie wir, die offizielle Stellungen fliehen wie die Pest, in eine Partei? Was soll uns, die wir auf Popularität spucken, die wir an uns selbst irre werden wenn wir populär zu werden anfangen, eine "Partei", d. h eine Bande von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen hält?" Engels brieflich an Marx am 13. Februar 1851. MEGA III/4, S. 42. Der nächste Absatz beginnt: "Eine Revolution ist ein Naturereignis ..." Naturereignisse müssen nicht von einer Partei herbeigeführt werden. Siehe auch Anm. 2. Gefunden hatte ich dieses Zitat ursprünglich bei Wolfgang Leonhard, Sowjetideologie heute 2, S. 35. Dort findet man auch noch eine Menge weiterer Äußerungen von Marx und Engels, aus denen hervorgeht, daß die mit
Lenins Parteitheorie wohl kaum übereingestimmt hätten. Zurück zum Text