Friedrich Wilhelm Nietzsche

Lebenslauf: Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900) wurde als Sohn eines Pfarrers in Röcken (damals Preußen, heute Sachsen-Anhalt) geboren, wuchs in rein weiblicher Gemeinschaft auf und wurde im Geiste  protestantischer Frömmigkeit erzogen. Studierte klassische Philologie und liebte das griechische Altertum. Bereits mit 24 wurde er 1868 Professor in Basel, mußte aber bereits mit 35, 1877, krankheitshalber in Pension gehen. 1889 fiel er in geistige Umnachtung. Viele Autoren und Philosophie-Professoren gehen aber davon aus, daß die Geisteskrankheit schon viel früher bei ihm auftrat, und daß seine - besonders späte - Philosophie sogar zu großen Teilen das Produkt seines psychopathischen Innenlebens war.

Ursprünglich Schüler Schopenhauers kam er später zu vielfach entgegengesetzten Ansichten. Gemeinsam mit Schopenhauer ist ihm, daß auch seine Philosophie eine Philosophie des Willens ist. Der einzige Philosoph, zu dem er sich später bekannt hatte, war  Heraklit. Alle Philosophie nach diesem betrachtete Nietzsche als Irrweg.

Glück, Wohlfahrt, Mitleid etc. waren für Nietzsche pöbelhafte Instinkte und Naivitäten. Sehr häufig grenzt er sich vom Eudämonismus der englischen  Utilitaristen, von  Sozialismus und Altruismus ab. Besonders greift er das Christentum und dessen Forderung der Nächstenliebe an und propagierte die Mitleidlosigkeit. Nietzsche wollte nicht das Leiden abschaffen, im Gegenteil: Er wollte es "schlimmer haben, als je es war", da nur Leid eine Erhöhung der Menschen herbeiführen würde. (U. a. Jenseits von Gut und Böse, Aph 225.)

Der Nietzsche der frühen und mittleren Schaffensperiode war ein vielfach skeptizistischer und  aufklärerischer Schriftsteller, Philosoph und Psychologe, der auf Widersprüchlich-keiten und Scheinheiligkeiten in vorhandenen Weltbildern und Verhaltensweisen hinwies und in dessen Aphorismen man viele interessante Einsichten findet. Aber auch zu dieser Zeit klingen reaktionär-faschistische Gedanken mit an. Der Nietzsche der späten Schaf-fensperiode entwickelte sich dann zu einem geistigen Wegbereiter des Faschismus und der Menschenvernichtung. [Aus vielen Diskussionen und Emails weiß ich, daß viele seiner faschistoiden Äußerungen vielen seiner Anhänger überhaupt nicht bekannt sind.  Weiter unten sind einige dieser Äußerungen gesammelt.]


Friedrich Wilhelm Nietzsche ausführlicher

 Literatur, Sekundärliteratur, Internetquellen
 Einige Aspekte der Philosophie Nietzsches
 Meine Kritik an Nietzsche
 Reaktionen auf meinen Nietzsche-Aufsatz
 Zitate von Nietzsche, Hinweise auf Textstellen etc.
 Kommentare zu Nietzsche von anderen Philosophen und Autoren


Literatur, Sekundärliteratur, Internetquellen

Literatur:
1. Periode (Abhängigkeit von Autoritäten und Meistern.) 2. Periode (Losreißen, Erkämpfung der "Freiheit von". Bruch mit Wagner und Schopenhauer. Nietzsche nähert sich einem naturalistischem Positivismus.) 3. Periode (Hinwendung zu eigenen Werten und Zielen. Nietzsche vertritt reaktionäre und faschistische Positionen.) Fragmente (1869-1874)
Fragmente (1875-1879)
Fragmente (1875-1879)
Fragmente (1882-1885)
Fragmente (1885 ff)


Nietzsches Schriften findet man in größerer Zahl als bei Gutenberg inzwischen in deutsch und englisch bei THE NIETZSCHE CHANNEL u. a. auch die "Genealogie der Moral", die bei Gutenberg noch nicht vorhanden ist. "Der Wille zur Macht" ist auch dort (noch?) nicht verfügbar. Allerdings eine verkürzte Fassung in englisch - "The Will to Power". Nach dem ersten Überfliegen habe ich den Eindruck gewonnen, daß die besonders schlimmen Aussagen Nietzsches weggelassen wurden.


Sekundärliteratur:

Nietzsche im Internet:

Bei den hunderten von Nietzsche-Seiten im Internet handelt es sich zu einem großen Teil leider um unkritische quasireligiöse Hochglanzseiten von Nietzsche-Enthusiasten, die mehr durch bunte Bilder glänzen als durch Inhalte. Alles faschistische, reaktionäre, kriegsbejahende, aristokratische etc. wird weggelassen. Dargestellt wird eigentlich nicht Nietzsche, sondern ein konstruiertes Götzenbild. [1]
Aus der großen Menge von Seiten hier einige, die nach meiner Auffassung lesenswert sind: (Was nicht bedeutet, daß ich mit den dort vertretenen Wertungen, Interpretationen etc. immer übereinstimme.)



Einige Aspekte der Philosophie Nietzsches

Im Willen zur Macht findet Nietzsche ein letztes Prinzip aller Wertungen. Aber Macht wofür? Nietzsche spricht von der "Unschuld des Werdens", das eigentlich Wertvolle scheint ihm das nackte Dasein, das Werden an sich zu sein.

Nietzsches Weltbild Mit seinen eigenen Worten: "Und wißt ihr auch, was mir "die Welt" ist? Soll ich sie Euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: Ein Ungeheuer an Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom "Nichts" umschlossen als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, nichts Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo "leer" wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich eins und vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniswelt der doppelten Wollüste, dies mein "Jenseits von Gut und Böse", ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat , wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Rätsel? Ein Licht für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? - Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!" (Der Wille zur Macht, Schlußaphorismus.)

Die ewige Wiederkehr: In einem begrenzten Raum mit einer begrenzten Anzahl von Materie bzw. Kraft muß, wenn die Zeit ewig, ohne Anfang und Ende ist, jede mögliche Kombination schon einmal erreicht gewesen sein - viel mehr, jede möglich Kombination war schon unendlich oft erreicht und wird noch unendlich oft erreicht werden.

Dionysisches und Apollinisches: Das Dionysische ist der gestaltlose Urwille, wie er sich unmittelbar in der Musik ausspricht. Am ehesten mit dem Rausch zu vergleichen. Das Apollinische ist die Kraft des Maßes und der Harmonie (ganz entfernt sowas wie ein bißchen Vernunft).

Nietzsche liebte die Musik und war ursprünglich ein leidenschaftlicher Verehrer Wagners. Wie Schopenhauer sah auch er die  Musik als unmittelbares Abbild des Weltwillens. Später warf Nietzsche Wagner vor, er sei mit dem "Parsifal" vor den lebensverneinenden Idealen des Christentums zu Kreuze gekrochen.

Nietzsches Begeisterung für die Tragödie ging so weit, daß er sich das Leben, die Weltgeschichte als große Tragödie dachte und wünschte [ ! ].

Antisemitismus: Nietzsche war kein Antisemit, wie aus vielen seiner Äußerungen hervor-geht, obwohl er viele Vorurteile gegen die Juden, die zu seiner Zeit große Verbreitung hatten, geteilt hat. Insbesondere machte er das Judentum, besonders deren Propheten, für das von ihm heftig bekämpfte Christentum (mit)verantwortlich. Man könnte Nietzsche "anti-jüdisch" und "anti-antisemitisch nennen. Aber das ist nur ein weiterer Aspekt der Widersprüchlichkeit Nietzsches.

Nietzsches Philosophie ist ein achtfaches Anti-:
(Man könnte noch diverse weitere "Antis-" hinzufügen, was im weiteren Verlauf
der Arbeit an diesem Artikel eventuell auch passiert.)

  1. Antimoralisch: Nietzsche bezeichnet sich immer wieder als Immoralist. Tatsächlich will er aber die vorhandene Moral durch eine andere ersetzen. Nach ihm gibt es Herrenmoral und Sklavenmoral. Die Worte "gut" und "schlecht" haben zwei verschiedene Bedeutungen: Für den Herren ist gut: vornehm, schön, mächtig, glücklich, stolz u. ä. Schlecht ist für ihn: landläu-fig, gewöhnlich, gemein, wertlos u. ä. Für den Herdenmenschen ist gut: friedlich, harmlos, gütig, mitleidig u. ä. Schlecht ist für ihn: ungewöhnlich, unberechenbar, gefährlich, kühn. Kurz, alles, was den Menschen über die Herde erhebt. (U. a. Jenseits von Gut und Böse, Aph 260).
    Mit den Juden beginne der Sklavenaufstand der Moral. Ihre Propheten hätten eine Umkehrung der natürlichen Wert- und Rangverhältnisse herbei-geführt. Die Elenden, Armen, Ohnmächtigen, Leidenden, Kranken, Häßli-chen erschienen als die Guten. Die Starken, die Krieger, die Aristokraten erschienen als die Schlechten. (Genealogie der Moral, 1. Abhandlung, Abschnitt 7.)
    Unter der Herrschaft der Sklavenmoral würden die Starken zu Tieren, die im Käfig der Sitten eingesperrt sind. Ihre gesunden und starken Instinkten könnten sich nicht nach außen entladen. Es entstünde ein schlechtes Gewissen und ein Leiden des Menschen an sich selbst und an der Funktionsweise der Welt.
  2. Antidemokratisch: Die demokratischen Bewegungen in Europa seien Zei-chen dafür, daß alle herrschende Moral heute (zu seiner Zeit) Sklavenmoral sei. Nietzsches bevorzugte Gesellschaftsordnung war die Sklaverei oder die Stände-Gesellschaft - wobei die Grenze fließend ist. Nach ihm sind die einzelnen Menschen von Natur und Vererbung aus dazu bestimmt, Herren, Mittelstand oder Sklaven zu sein. Und für den Sklaven ist es auch aus seiner Sicht das Beste, Sklave zu sein. (U. a. Antichrist, 57. Kapitel.) Verächtlich spricht Nietzsche von den "... murrenden gedrückten aufrühreri-schen Sklaven-Schichten, welche nach Herrschaft - sie nennen's "Freiheit" - trachten ..." ( Jenseits von Gut und Böse, Aph 225.)
  3. Antisozialistisch: Das sozialistische Ideal sei das der Gesamtentartung des Menschen zum vollkommenen Herdentier. Das Leben sei aber seinem innersten Wesen nach Aneignung, Verletzung, Härte, Überwältigung des Schwachen, Einverleibung, Unterdrückung, Aufzwängung eigener Formen, mindestens Ausbeutung. (U. a. Jenseits von Gut und Böse, Aph. 259).
    "... was fällt, das soll man auch noch stossen!" (Zarathustra, 3. Teil, Von alten und neuen Tafeln, Aph. 20.)
  4. Antifeministisch: Das Streben der Frau nach Emanzipation sei ein Zeichen der Entartung. Je unmännlicher die Männer werden, um so mehr entartet das Weib. Die Frauen gehören insgesamt zu den Menschen, die als Sklaven am Besten gedeihen. (U. a. Antichrist, 54. Kapitel.) "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" (Zarathustra, 1. Teil, Von alten und jungen Weiblein.) [2]
  5. Antiintellektualistisch: Bewußtsein, Vernunft, Intellekt seien nur etwas ober-flächliches, Diener des Willens. Der Instinkt ist unter allen Arten der Intelligenz der intelligenteste. (U. a. Jenseits von Gut und Böse, Aph. 218.)
  6. Antipessimistisch: Wenn die Weisen der Welt von Sokrates bis Schopen-hauer gesagt haben: Das Leben taugt nichts, dann sei dies ein Zeichen, daß bei ihnen selbst etwas nicht gestimmt hätte. Diese Weisen seien Untergangstypen des Lebens. Wer sagt: Das Leben ist nichts wert, der sagt eigentlich: Ich bin nichts wert.
  7. Antichristlich: Das Christentum sei Erbe und Fortführer der jüdischen Sklavenmoral. Sein Wesen sei die Verkehrung aller natürlichen Werte. Es sei ein Todfeind der Sinnlichkeit.
  8. Antimetaphysisch: Gott,  ewige Ideen,  Ding an sich,  Jenseits usw. seien alles Hirngespinste. Aber nicht etwa wohltätigen Illusionen, kein  Opium, sondern die Erfindungen von Kranken, von Absterbenden, von Dekadenten.

Was ist gut? - Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.  /  Was ist schlecht? - Alles, was aus der Schwäche stammt.  /  Was ist Glück? - Das Gefühl davon, dass die Macht wächst, dass ein Widerstand überwunden wird.  /  Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt, sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend)  /  Die Schwachen und Missrathnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.  /  Was ist schädlicher als irgend ein Laster? - Das Mitleiden der That mit allen Missrathnen und Schwachen - das Christenthum ...   Antichrist, 2. Kapitel



Nietzsches Lehre vom Übermenschen: Die eigentlichen Philosophen sind Befehlshaber, sie bestimmen das Wohin und Wozu. Der freie Mensch ist ein Krieger. Tod sind alle Götter. Nun soll der Übermensch leben. "Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch ist der Sinn der Erde. ... Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmi-scher sind es, ob sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren! ... Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, - ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist. Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden. Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer. Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, daß die Erde einst der Übermenschen werde." (Zarathustra"s Vorrede 3 + 4) [ Meine Auffassung zum Über-menschen.]


Meine Kritik an Nietzsche

Die Kritik an Nietzsche soll nicht bedeuten, daß man in seinen Schriften nicht auch manch interessanten Gedanken finden kann. Ich finde bei der Beschäftigung mit Nietzsche häufig einzelne Sätze oder sogar mal ganze Kapitel bzw. Aphorismen, mit denen ich weitgehend übereinstimme. Als Beispiel nenne ich nur mal den Beginn des 54. Kapitel des "Antichrist" über den Wert des Skeptizismus. Aber in der gleichen Schrift ist das 2. Kapitel dermaßen faschistoid, daß ich das Kotzen kriegen könnte.

Nietzsche war kein nüchterner kritischer Philosoph, jedenfalls nicht der späte Nietzsche des Zarathustra etc. Er verkündet, er offenbart einen neuen Glauben. Wie bei vielen anderen "großen Philosophen" fehlt auch bei Nietzsche jegliche kritische Distanz zu den eigenen Überzeugungen. Daß zig andere berühmte Philosophen andere Wahrheiten gefunden zu haben glaubten, löste bei ihm keinerlei Skepsis aus.

Trotz gelegentlicher positiver Äußerungen zum Skeptizismus war Nietzsche kein Skeptizist, auch wenn er sich selbst so verstanden haben sollte. (In "Morgenröte, Aph. 539 heißt es: "Hat euch nie die Angst geplagt, ihr möchtet gar nicht dazu taugen, das, was wahr ist, zu erkennen?") Daß  Marx auf die Frage nach dem Motto seines Lebens geantwortet hat: "De omnibus dubitandum" macht den auch nicht zum Skeptizisten. Der frühe und mittlere Nietzsche hat durchaus noch nüchtern und kritisch analysiert, aber der späte Nietzsche war nur noch Apostel. Aber gerade als Apostel des Übermenschen hätte er eine gewisse Distanz zu den eigenen Überzeugungen haben müssen. Wenn wir uns dem Übermenschen gegenüber in einer Position befinden, wie uns der Affe gegenüber, dann wird das Erkenntnisvermögen der Übermenschen - wenn es sie denn einst geben sollte - möglicherweise so weit über unserem Erkenntnisvermögen stehen, wie unseres über dem der Affen. Und das könnte dazu führen, daß sich die menschliche Philosophie, einschließlich die Nietzsches, aus der Perspektive der Übermenschen einst als "Affen-theater" entpuppen wird.

Eine Weltsicht wie im Schlußaphorismus von "Der Wille zur Macht" bietet sich auf der Basis eines materialistisch-mechanischen Weltbildes, wie es die Naturwissenschaft zu Zeiten Nietzsches vertrat, geradezu an. Ich kann darin deshalb keine großartige philosophische Leistung erblicken. Was allerdings an diesem Aphorismus auffällt, ist die kraftvolle, mitreißende Sprache, die ja wohl auch einer der Gründe dafür ist, daß Nietzsche selbst unter Linken und humanistisch denkenden Menschen viele Verehrer hat.

"Bei keinem Philosophen ist die Gefahr so groß, daß der Leser sich von der Sprach-musik berauschen läßt und sich mit großen Worten zufrieden gibt. Was man da für Tiefe hält, ist oft genug nur Stimmung und Affekt, die zu suggerieren Nietzsche ein Meister ist." (Hirschberger II, S. 507.) Das sehe ich exakt genauso! Beim Lesen Nietzsches ist es mir genauso ergangen. Deshalb habe ich auch einige ausführliche Zitate hier wieder-gegeben.

Daß Nietzsche die Willensfreiheit des Menschen verneint, ist im Rahmen seines materialistisch-mechanischen Weltbildes konsequent, zeigt aber, daß er kein Skeptizist ist, denn vom Boden eines konsequenten Skeptizismus aus ist die Frage unbeantwort-bar, ob der Mensch Willensfreiheit hat oder in seinem Verhalten total determiniert ist.

Die Musik als unmittelbares Abbild des Weltwillens anzusehen, ist ein nicht zu vertrete-ner Anthroposzentrismus. Gerade jemandem, der mit seiner Theorie vom "Übermen-schen" über die menschliche Gattung hinausdachte, hätte das nicht passieren dürfen.

Die Punkte "Antidemokratisch", "Antisozialistisch" (was in unsere heutige Zeit übertragen bedeutet "Anti-Sozialstaat") und "Antifeministisch" kann man unter dem Oberbegriff "Anti-Moderne" zusammenfassen. Nietzsche steckte mit Verstand und Gefühl im griechischen Altertum, in Sklaverei und Ständestaat. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse sah er durch die Natur gerechtfertigt. Über solche Zustände - und einen gelegentlichen Rückfall in die Barbarei - konnte er weder hinaus denken, noch hinaus fühlen. Er war ein Reaktio-när par excellence!

Nietzsche entdeckt, daß es "Herren-Moral" und "Sklaven-Moral", sogar im selben Menschen, innerhalb einer Seele, gibt. Diese Erkenntnis als solche kritisiere ich nicht. Was ich kritisiere ist: 1. Der Begriff "Sklaven-Moral" ist bereits eine Diffamierung der unter diesem Begriff zusammengefaßten Moralvorstellungen. 2. Nietzsche entscheidet sich für die "Herren-Moral" und bezeichnet die dem entgegenstehenden Moralvorstellungen als minderwertig.

Mit seiner Feindschaft gegen Selbstlosigkeit, gegen Mitgefühl und "warmes Herz" negiert Nietzsche einen tief in unserer Natur liegenden Teil des menschlichen Wesens. Mit seiner Ablehnung von Demokratie, sozialen Bestrebungen und ethischem Fortschritt, mit seiner Aufforderung zur Vernichtung von Schwachen und Mißratenen bereitet er geistig die Gaskammern der Nazis vor. Wer in Kampf, Krieg, Vernichtung der Schwachen, Aus-beutung etc. den Kern des Lebens sieht und das Streben nach Harmonie, Hilfsbereit-schaft etc. zur Dekadenz erklärt, ist ein zutiefst kranker Mensch.

Die von Nietzsche als Sklaven-Moral abqualifizierten ethischen Maßstäbe, die er der jüdisch-christlichen Tradition anlastet, haben sich in Kulturen, die sich völlig unabhängig von Judentum und Christentum entwickelt haben, ebenso gebildet. Hier scheinen sich anthropologische Konstante zu zeigen. (Sehen Sie hierzu auch die Fremddatei "Goldene Regel". Das ich einer solchen Regel trotz meiner Sympatie für sie mit Vorbehalten gegenüberstehe, habe ich in meiner Kritik an Kants  Kategorischen Imperativ deutlich gemacht.)

Ich bin  Gefühlsethiker. Nach meiner Überzeugung gibt es keinen rationalen Grund zum Mitleid. Die Vernunft steht allen ethischen Werten neutral gegenüber. (Hat aber eine  mittelbare Wirkung auf die Ethik.) Wer in sich kein Mitleid vorfindet, den kann man nicht vom Wert des Mitleids überzeugen. Für Gefühle kann man nicht argumentieren. Aber ein solcher Mensch demonstriert damit, daß ihm ein wichtiger Teil dessen, was den Menschen ausmacht, fehlt. Nietzsche ist ein Gefühlskrüppel!

Wenn es den Minderwertigen gelungen sein sollte, den Starken ihre minderwertige Moral einzureden, dann wären ja die Minderwertigen die Starken geworden. Oder was versteht Nietzsche überhaupt unter "Stärke"? Auch hier kommt der Biologismus wieder zum Vorschein. Die Muskeln sind das Entscheidende, nicht der Kopf.

Das Leben beruhe auf Voraussetzungen, die gegen die Moral seien. Das mag schon sein. Aber im Verlaufe der Entwicklung entstehen neue Seinssphären, neue Qualitäten. (Siehe hierzu z. B. Hegel und Nicolai Hartmann um nur zwei der in diesem Zusammen-hang wichtigsten Philosophen zu nennen.) Aber genau dies sieht Nietzsche nicht. Deshalb überträgt er die Gesetze der einen Seinssphäre (Natur) auf andere Seinssphä-ren, wie menschliches Fühlen und Verhalten und die menschliche Gesellschaft.

Hirschberger kommt auf grund der dem Naturalismus und Biologismus entgegengesetz-ten Behauptungen Nietzsches zu der Auffassung, Nietzsche habe die Haltlosigkeit von Naturalismus und Biologismus erkannt aber letztlich nichts darüber hinausgehendes entwickelt. Nietzsche werte nur das Bestehende ab ohne etwas Neues oder gar Besse-res zu schaffen. (Hirschberger II, S. 512ff.)

Bei der Kritik des Christentums trennen mich von Nietzsche Welten. Was ich am Chris-tentum noch am ehesten begrüßen kann, seine Ethik, wenn sie tatsächlich praktiziert und nicht nur postuliert wird, das ist das, was Nietzsche am Meisten am Christentum stört. Und was mich am Christentum am Meisten stört (abgesehen mal von der Irrationali-tät der christlichen Grunddogmen), die Kritiklosigkeit, mit der an einen Mythos geglaubt werden muß, die Allmacht der Kirche, die sie lange Zeit in großen Teilen der Erde hatte - ein letzter Rest Imperium Romanum, die Hierarchie - diese sei Rangordnung, Wille zur Macht, dies alles ist etwas, das Nietzsche am Christentum schätzt. Er wollte den Katho-lizismus mit allen seine äußerlichen Formen, aber mit seinen faschistoiden Glaubens-inhalten ausgefüllt.

Das, was ich an dem von mir in keiner Weise geschätzten Luther noch am ehesten anerkennen könnte, daß er durch die von ihm eingeleitete Reformation die Allmacht der Katholischen Kirche gebrochen hat, daß er durch seine stärkere Bewertung der Einzel-persönlichkeit die Wende zur Neuzeit, zu einem neuzeitlichem Menschenbild eingeleitet hat, daß alles gerade kritisiert Nietzsche an Luther.

Niezsches Kritik an den Deutschen läuft weitgehend darauf hinaus, daß die Deutschen seiner Zeit nicht so faschistoid waren, wie Nietzsche sich das gewünscht hatte. (Aber sie erschöpft sich nicht darin.) Zuviel Christentum, zuwenig vorchristliches Germanentum, zuwenig vor- bzw. nichtplatonisches Griechen- und Römertum.

Die Nazis haben Nietzsche nicht mißbraucht. Sie haben Nietzsche benutzt. Sie haben diejenigen Aussagen Nietzsches genommen, die sie für ihre Ideologie gebrauchen konnten und die häufig genug in ihrer Eindeutigkeit gar nicht falsch verstanden werden konnten. Das soll natürlich nicht heißen, ohne Nietzsche hätte es keinen Faschismus gegeben, aber in dem Ursachengeflecht des Faschismus befindet sich auch Nietzsche. Hätte Nietzsche nicht in so mitreißender Sprache faschistoide Auffassungen verbreitet, wäre vielleicht mancher Faschist kein Faschist geworden.

Man muß einen Baum auch an seinen Früchten messen. Nietzsche ist nicht trennbar von dem, was im 20. Jahrhundert in seinem Namen angerichtet wurde. Genausowenig wie Marx von dem trennbar ist, was in seinem Namen angerichtet wurde.

Nietzsche einen geistigen Wegbereiter des Faschismus zu nennen, bedeutet nicht zu behaupten, Nietzsche wäre ein 100%iger Befürworter der nationalsozialistischen Ideolo-gie und Bewegung gewesen, hätte er zu der Zeit noch gelebt. Mir ist bekannt, daß es auch Äußerungen Nietzsches gibt, mit denen man hervorragend gegen Hitler und die Nazis polemisieren kann. Diese sagen aber lediglich aus, daß Nietzsche mit der konkreten Art, wie der Faschismus von den Nazis praktiziert wurde, wohl in einigen Punkten nicht übereingestimmt hätte. Aus seiner Begeisterung für Cesare Borgia, Ivan den Schrecklichen, Machiavelli, Napoleon u. ä. m. kann man aber zu Recht schließen, daß Nietzsche auch ein begeisterter Anhänger Hitlers hätte gewesen sein können. (Eine Ählichkeit gibt es zu dem deutschen reaktionären Schriftsteller Oswalt Spengler, der allgemein als ein geistiger Wegbereiter des Faschismus angesehen wird, selbst aber kein Nazi war.)

Nietzsche war Rassist aber kein Antisemit. Aber Mussolini und Franko waren auch keine Antisemiten. Der Antisemitismus war nicht in allen Ländern Bestandteil der faschisti-schen Ideologie und Bewegung, sondern in erster Linie dort, wo die Juden nicht nur einen prozentual beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachten, sondern wo sie überpropor-tional in den wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Eliten vertreten waren, was bei großen Teilen der Gastbevölkerung eine Überfremdungsphobie verursach-te. (Und natürlich Neid. Aber nicht jede Forderung nach mehr Gleichheit, nach besserer Sozialpolitik etc. ist als Neid-Politik abzutun, wie Nietzsche, Margaret Thatcher und die Unternehmerverbände behaupten.) Und diese überproportionale Vertretung in den Eliten läßt sich so erklären, daß man den Juden jahrhundertelang nur bestimmte Berufe erlaubt hatte, was dazu geführt hat, daß bestimmte Fähigkeiten und Verhaltensweisen in den jüdischen  Volkscharakter eingingen. Diese Fähigkeiten und Verhaltensweisen müssen also nicht wie Nietzsche (und übrigens auch viele Zionisten) annehmen, "Rassemerk-male" der Juden sein.

Wenn nun jemand mit Hinweis auf das umfassende schriftstellerische Schaffen Nietzsches, auf seine psychologischen, soziologischen, philosophischen etc. Einsichten, argumentiert, Nietzsche sei doch mehr gewesen als Kriegs- und Sklaverei-Befürworter, Gegner von Demokratie, Mitleid etc., dann verkennt er vielleicht, daß auch der Faschismus mehr war als Diktatur, KZ, Krieg und Untergang, wie es uns Heutigen auf Grund des geschichtlichen Verlaufs - und unserer nur oberflächlichen Kenntnisse der damaligen Zeit - erscheint. Auch im Faschismus gab es - im Rahmen des erlaubten - ein intellektuelles und künstlerisches Leben. Es gab nicht nur primitive SA-Schläger und SS-Massenmörder, es gab auch faschistische Intellektuelle und Künstler. Wenn Hitler sich nicht in totaler Selbstüberschätzung mit der halben Welt angelegt hätte, gäbe es vielleicht noch heute in Deutschland eine faschistische Gesellschaft, mit einem breiten intellektuellen und künstlerischen Leben, das zwar nicht alle, aber doch viele deutsche kulturelle Traditionen fortgeführt hätte. Der Franko-Faschismus hat vier Jahrzehnte gehalten und in dieser Zeit war Spanien auch keine totale kulturelle und intellektuelle Wüste.

Der Mensch ist Brücke und Zweck. Er ist beides! Den Menschen nur als Brücke oder Instrument zur Erreichung von Höherem anzusehen, öffnet der Inhumanität Tür und Tor. Das ist sowohl der Geschichtsphilosophie Hegels und Marx' gegenüber anzumerken, wie gegenüber Nietzsches Idee vom "Übermenschen". Jeder Mensch hat seinen Eigenwert und darf nicht im Interesse höherer Ziele verheizt werden. Auf diese Weise bekommt man keine bessere Welt, sondern eine schlechtere. Das hat die Geschichte x-fach bewiesen. In diesem Punkt stimme ich mit  Kant überein. Das schließt aber nicht aus, daß man Höheres anstrebt. Der Mensch ist auch Brücke. [3]


Reaktionen auf meinen Nietzsche Aufsatz

Dieser Aufsatz und ein weniger umfangreicher Vorläufer haben mir in den letzten ca. sechs Jahren viele Mails eingebracht, die man grob in drei Gruppen teilen kann.

Da ich nicht die Zeit habe, jede Mail detailliert zu beantworten, möchte ich hier auf die zwei Hauptvorwürfe eingehen, die mir gemacht werden:

1. Wenn man mir vorwirft, ich würde Nietzsche einseitig darstellen, dann kann ich mit einem solchen Vorwurf leben. Ein solcher beinhaltet ja das Zugeständnis, daß ich jedenfalls eine Seite Nietzsches wiedergebe. Daß Nietzsche mehr ist, als hier steht, bestreite ich gar nicht. Ich bin jederzeit bereit Links zu Artikeln zu setzen, in denen tatsächlich oder angeblich weitere Seiten Nietzsches aufgezeigt werden, auch wenn ich mit der dort in der Regel betriebenen Schönfärberei nicht übereinstimme. Neben den hunderten "Hochglanzseiten" der Nietzsche-Enthusiasten wird man doch auch mal eine kritische ertragen können, die den "negativen Nietzsche" darstellt.

2. Wenn man mir aber vorwirft, das, was ich hier präsentiere, sei gar nicht Nietzsche, sondern eine Karikatur, eine Ansammlung von Verleumdungen, Verdrehungen, Vorurtei-len etc., dann widerspreche ich dem. Alles, was ich über Nietzsche geschrieben habe, läßt sich anhand seiner Texte nachweisen. Millionen Menschen haben Nietzsche genau so verstanden, wie ich ihn dargestellt habe. Und Nietzsche hat Anlaß genug dazu gegeben, ihn so zu verstehen. Und einige, die ihn so interpretierten, haben Gaskammern eingerichtet, um den Schwachen und Mißratenen (und alles, was sie dafür hielten) dabei zu helfen, zugrundezugehen, um nur ein Beispiel zu nennen. Wenn jemand Bücher schreibt und sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, dann muß er auch die Wirkung einkalkulieren, die diese Bücher auf die Masse seiner Leser haben. Er ist mitverantwortlich für die Taten, zu denen sich seine Leser durch die Lektüre seiner Texte veranlaßt fühlen.

Bisher bin ich noch von keinem Anhänger Poppers oder Platons oder Kants (ich könnte auch fünfzig andere Namen nennen) unter Geschimpfe dazu aufgefordert worden, meine Aufsätze aus dem Internet zu entfernen. [5] Solche Mails bekomme ich fast ausschließ-lich von Nietzsche-Fans. Warum? Ist mein Nietzsche-Aufsatz um soviel schlechter als meine anderen Aufsätze? Ich will keineswegs alle über einen Kamm scheren, die große Stücke auf Nietzsche halten. Ich habe auch Mails mit sehr ruhiger und sachlicher Kritik an meinen Nietzsche-Aufsatz bekommen. Es scheint aber leider - oder bezeichnender Weise? - unter Nietzsche-Fans einen überproportionalen Anteil von faschistoiden und paranoiden Charakteren zu geben, die es absolut nicht ertragen können, daß jemand eine andere Meinung hat als sie - insbesondere wenn dies eine negative Meinung über Nietzsche ist - und diese auch noch öffentlich äußert. Sie haben Probleme mit einer freien Gesellschaft, mit freier Meinungsäußerung. Sie empfinden es als Anmaßung, daß sich außer ihrem Götzen noch jemand erdreist, selbst zu denken. Die Leute, die 1933 in Deutschland Bücherverbrennungen durchführten und ein totalitäres System errichteten, beriefen sich auch auf Nietzsche, ein historischer Tatbestand, der vielen heutigen Nietzsche-Anhängern nicht in den Kram paßt.

Es gibt unter den Nietzsche-Verehrern auch viele, die sagen, Nietzsche habe auch viel Mist geschrieben. (Neben dem ihrer Meinung nach großartigen.) Besonders unter akade-misch gebildeten und etwas älteren trifft man solche häufig. Es gibt aber auch die - meist jüngeren, meinst un- oder halbgebildeten -, die jeden Satz von Nietzsche verteidigen, reinzuwaschen versuchen. Da kommt dann viel lächerliches und leider auch faschistoides bei heraus. Wenn Menschen aus einem Philosophen ersteinmal - bewußt oder unbewußt - ihren Götzen gemacht haben, dann sind Diskussionen mit diesen Menschen über diesen Philosophen in der Regel so fruchtlos wie Diskussionen mit Strenggläubigen über ihre Religion. (Sehen Sie hierzu auch Dummheit und Dogmatismus.)


Zitate von Nietzsche, Hinweise auf Textstellen etc.

"Es gibt zu fast jeden Satz Nietzsches bei ihm auch die entgegengesetzte Behauptung. Dies liegt daran, daß Nietzsche seinen Geist nicht in Gewalt hatte. Die Krankheit trat viel früher ein, als viele wahrhaben wollen." (Hirschberger II, S. 521.) Daß es zu seinen biologistischen und faschistoiden Äußerungen auch entgegengesetzte Äußerungen gibt, macht aber erstere nicht ungeschehen. Außerdem findet man bei vielen Philosophen, Schriftstellern etc., die viel geschrieben haben, immer mal wieder Aussagen, die eigent-lich nicht zu ihm passen, nicht typisch für ihn sind. Es geht darum, das herauszuarbei-ten, was für eine Person kennzeichnend ist.

Sollte sich irgend jemand die Mühe machen wollen, Zitate Nietzsches bzw. Hinweise auf Textstellen zusammenzutragen - mit Quellenangaben bitte! -, die einen anderen Nietzsche zeigen, als die hier wiedergegeben Äußerungen, dann setzte ich sofort an dieser Stelle einen Link dorthin. (Auf Gegenseitigkeit selbstverständlich.)

Die Links zu den Original-Texten ermöglichen es jedem Leser sofort zu überprüfen, aus welchen Kontext das betreffende Zitat stammt. Damit will ich es erschweren, mir vorzuwerfen, ich würde Sätze aus ihrem Zusammenhang reißen. Die Schrift "Der Wille zur Macht" gibt es meines Wissens bisher nicht als Online-Text. Deshalb sind die entsprechenden Links z. Z. noch tot. Die Schrift "Genealogie der Moral" gibt es nicht bei Gutenberg. deshalb in diesem Falle ein Link zum "NIETZSCHE CHANNEL".

Nietzsches Schwester habe seine Schriften verfälscht, so ein häufig zu hörender Einwand der Nietzsche-Enthusiasten. Aber alles faschistische, reaktionäre, kriegsbejahende, aristokratische etc. findet man bereits in den Schriften, die Nietzsche noch vor seinem endgültigen geistigen Zusammenbruch selbst veröffentlicht hat. Was später aus Nachläs-sen zusammengestellt wurde oder die "Fragmente" vervollständigen nur das Bild, das man sich aus den von ihm selbst veröffentlichten Schriften machen kann. [6]

Diese Auflistung wird im Laufe der Zeit (hoffentlich) noch wachsen.


Über den Wert falscher Urteile:

"Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil; [...] Die Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Arterhaltend, vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, dass die falschesten Urtheile [...] uns die unentbehrlichsten sind" (Jenseits von Gut und Böse, Aph. 4).

[Ein gewisse Nähe zum pragmatischen Wahrheitsbegriff. Wahrheit = Nützlichkeit. Nützlich gemessen an Nietzsches Wertvorstellungen.]


Für Gewissenlosigkeit:

"Der Gewissensbiß ist, wie der Biß des Hundes gegen einen Stein, eine Dumm-heit." (Der Wanderer ..., Aph. 38)


Für Verantwortungslosigkeit:

"Niemand ist für seine Thaten verantwortlich, Niemand für sein Wesen ..." (Menschliches, Allzumenschliches, Aph. 39)

[Mit dem Verleugnen der Willensfreiheit demonstriert Nietzsche ein weiteres mal, daß er kein Skeptizist ist. Mit dieser Argumentation kann sich jeder Verbrecher, auch die großen - Hitler - aus seiner Verantwortung stehlen.]

"Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt". "Zarathustra", Vierter Teil, Abschnitt: Der freiwillige Bettler


Gegen Sozialismus, für Ausbeutung:

"Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am besten? Das Socialisten-Gesindel, die Tschandala-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben, - die ihn neidisch machen, die ihn Rache lehren ... Das Unrecht liegt niemals in ungleichen Rechten, es liegt im Anspruch auf "gleiche" Rechte ... " (Antichrist, 57. Kapitel.)

"Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung" (Jenseits von Gut und Böse, Aph. 259).


Gegen Altruismus:

"Unsre Socialisten sind décadents, aber auch Herr Herbert Spencer ist ein décadent, - er sieht im Sieg des Altruismus etwas Wünschenswerthes!" (Götzen-Dämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemässen, 37. Kapitel).


Über die Notwendigkeit der Sklaverei:

"Damit der Boden für eine größere Kunstentwicklung vorhanden ist, muß die ungeheure Mehrzahl im Dienste einer Minderzahl über das Maaß ihrer individuellen Nothwendigkeit hinaus der Lebensnoth sklavisch unterworfen sein. Auf ihre Unkosten, durch ihre Mehrarbeit soll jene bevorzugte Klasse dem Existenzkampfe entrückt werden, um nun eine neue Welt des Bedürfnisses zu erzeugen. Demgemäß müssen wir uns dazu verstehen als grausame Grundbedingung jeder Bildung hinzustellen, daß zum Wesen einer Kultur das Sklaventhum gehöre: eine Erkenntniß, die vor dem Dasein bereits einen gehörigen Schauder erzeugen kann. Dies sind die Geier, die dem prometheischen Förderer der Kultur an der Leber nagen. Das Elend der mühsam lebenden Masse muß noch gesteigert werden, um einer Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwelt zu ermöglichen. Hier liegt der Quell jenes schlecht verhehlten Ingrimms, den die Kommunisten und Socialisten, und auch ihre blässeren Abkömmlinge, die weiße Raçe der Liberalen jeder Zeit gegen die Künste, aber auch gegen das klassische Alterthum genährt haben." (Fragmente 1869-1874)

"Das Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des Königthums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und höchste Rechtfertigung fühlt, - dass sie deshalb mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen. Ihr Grund-glaube muss eben sein, dass die Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen dasein dürfe, sondern nur als Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben vermag ..." (Jenseits von Gut und Böse, Aph. 258).

[Bei Marx und Engels liest man übrigens über die Klassengesellschaften fast das Gleiche. Bloß die hielten das für eine notwendige Durchgangsphase in der Menschheits-entwicklung, nicht für einen Endzustand. Nietzsche sieht darin einen Ideal- und Dauerzu-stand.]


Sklaverei statt Kapitalismus:

"in dem Arbeitgeber sieht der Arbeiter gewöhnlich nur einen listigen, aussaugenden, auf alle Noth speculirenden Hund von Menschen, dessen Name, Gestalt, Sitte und Ruf ihm ganz gleichgültig sind. Den Fabricanten und Gross-Unternehmern des Handels fehlten bisher wahrscheinlich allzusehr alle jene Formen und Abzeichen der höheren Rasse, welche erst die Personen interessant werden lassen; hätten sie die Vornehmheit des Geburts-Adels im Blick und in der Gebärde, so gäbe es vielleicht keinen Socialismus der Massen. Denn diese sind im Grunde bereit zur Sclaverei jeder Art, vorausgesetzt, dass der Höhere über ihnen sich beständig als höher, als zum Befehlen geboren legitimirt - durch die vornehme Form!" (Fröhliche Wissenschaft, Aph. 40.)


Gegen die Emanzipation der Frau:

[Der Nietzsche der mittleren Schaffensperiode hat noch viel positives über Frauen ge-schrieben. Der Nietzsche der späteren Schaffensperiode hat überwiegend undifferenzierte Bausch und Bogen Urteile über Frauen abgegeben, ihre Emanzipation abgelehnt und gefordert, daß sie für immer und ewig die Sklaven der Männer bleiben sollen. (Nietzsche hat einerseits Vorurteile gegen Frauen geteilt, die zu seiner Zeit weit verbreitet waren und andererseits von Einzelfällen bzw. von häufig vorkommenden weiblichen Eigenschaften auf die ganze Gruppe geschlossen, wobei dann auch alles durch die weibliche Natur bestimmt war und nicht auch durch die gesellschaftlichen Verhältnissen.)]

Im "Zarathustra" findet man u. a. folgende Äußerungen zu Frauen: "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" "Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe." "... Katzen sind immer noch die Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe." "Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht." "Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfläche. Oberfläche ist des Weibes Gemüth, eine bewegliche stürmische Haut auf einem seichten Gewässer. Des Mannes Gemüth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht." [Den "Zarathustra" hat Nietzsche geschrieben, nicht eine alte Frau oder sonstwer. Und wenn in dieser Schrift eine alte Frau oder jemand anderes etwas sagt, dann sagt das Nietzsche. Wer etwas anderes behauptet, müßte nachweisen, daß aus dem Kontext heraus erkennbar ist, daß diese Aussagen gar nicht die Meinung Nietzsches wiedergeben. So wie in den platonischen Dialogen vieles steht, was nicht Platons Auffassungen wiedergibt. Nun ist dieser Satz aber nur einer unter Hunderten, in denen Nietzsche seine abfällige Meinung über Frauen kundtut. Und vor dem Hintergrund aller dieser Sätze kann man davon ausgehen, daß dieser Satz Nietzsches Auffassung wiedergibt. Und daß es der Mann ist, der die Peitsche dabei hat. Nicht die Frau. Die populäre Variante dieses Satzes ist "Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht!" Für die Nietzsche-Enthusiasten ist es ein gefundenes Fressen, wenn sie diesen Satz irgendwo lesen oder hören. "Das hat Nietzsche ja nie gesagt. Hier wird ja gar nicht richtig zitiert." Daß das Originalzitat inhaltlich überhaupt nichts anderes aussagt wie die populäre Fassung, das spielt keine Rolle. Denn den Nietzsche-Enthusiasten geht es - in der Regel nicht bewußt, sondern unbewußt - ja überhaupt nicht darum zu verstehen, was Nietzsche hier sagen wollte. Ihnen geht es darum, sich ihr Idol nicht kaputtmachen zu lassen.]

Folgende Aphorismen bzw. Auszüge aus "Jenseits von Gut und Böse ": 144. Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt zu einer gewissen Männlichkeit des Geschmacks ... 145. Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man sagen: das Weib hätte nicht das Genie des Putzes, wenn es nicht den Instinkt der zweiten Rolle hätte." 232 - 239 [Alle für Nietzsches Frauenbild interessant.] Auszüge: "Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger, feindlicher als Wahrheit, - seine grosse Kunst ist die Lüge, seine höchste Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit. Gestehen wir es, wir Männer: wir ehren und lieben gerade diese Kunst und diesen Instinkt am Weibe: wir, die wir es schwer haben und uns gerne zu unsrer Erleichterung zu Wesen gesellen, unter deren Händen, Blicken und zarten Thorheiten uns unser Ernst, unsre Schwere und Tiefe beinahe wie eine Thorheit erscheint ... Ein Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste, wie in seinen Begierden ... kann über das Weib immer nur orientalisch denken: er muss das Weib als Besitz, als verschliessbares Eigenthum, als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen ... das Weib, das "das Fürchten verlernt", giebt seine weiblichsten Instinkte preis. Dass das Weib sich hervor wagt, wenn das Furcht-Einflössende am Manne, sagen wir bestimmter, wenn der Mann im Manne nicht mehr gewollt und grossgezüchtet wird, ist billig genug, auch begreiflich genug; was sich schwerer begreift, ist, dass ebendamit - das Weib entartet ... die "Emancipation des Weibes", ... ein merkwürdiges Symptom von der zunehmenden Schwächung und Abstumpfung der allerweiblichsten Instinkte. ... dass das Weib gleich einem zarteren, wunderlich wilden und oft angenehmen Hausthiere erhalten, versorgt, geschützt, geschont werden müsse; das täppische und entrüstete Zusammensuchen all des Sklavenhaften und Leibeigenen, das die Stellung des Weibes in der bisherigen Ordnung der Gesellschaft an sich gehabt hat und noch hat (als ob Sklaverei ein Gegenargument und nicht vielmehr eine Bedingung jeder höheren Cultur, jeder Erhöhung der Cultur sei): - was bedeutet dies Alles, wenn nicht eine Anbröckelung der weiblichen Instinkte, eine Entweiblichung? ... Man will hier und da selbst Freigeister und Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne Frömmigkeit für einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen Widriges oder Lächerliches wäre ... macht sie täglich hysterischer und zu ihrem ersten und letzten Berufe, kräftige Kinder zu gebären, unbefähigter."

Aus "Götzen-Dämmerung ", Abschnitt "Sprüche und Pfeile" folgende Aphorismen: "20. Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine Sünde begeht: zum Versuch, im Vorübergehn, sich umblickend, ob es Jemand bemerkt und dass es Jemand bemerkt ... 27. Man hält das Weib für tief - warum? weil man nie bei ihm auf den Grund kommt. Das Weib ist noch nicht einmal flach. 28. Wenn das Weib männliche Tugenden hat, so ist es zum Davonlaufen; und wenn es keine männlichen Tugenden hat, so läuft es selbst davon."

In seiner Selbstbiographie "Ecce Homo ", nach den Kapiteln "Warum ich so weise bin" und "Warum ich so klug bin" schreibt Nietzsche im Kapitel "Warum ich so gute Bücher schreibe" im 5. Abschnitt u. a.: "... Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte am Weibe ist schon eine Form der Entartung ... Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder Arzt weiss das. - Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit Händen und Füssen gegen Rechte ... Liebe - in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter. - Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt - "erlöst"? Man macht ihm ein Kind ... "Emancipation des Weibes" - das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene ..." [Im gleiche Abschnitt betont Nietzsche allerdings auch, daß die Keuschheit widernatürlich sei. Neben dem Reaktionären findet man bei Nietzsches auch anderes.]

Nietzsche wird auch als Dichter geschätzt. Hier ein Auszug aus seinem diesbezüglichen Schaffen: (Aus: "Vom Aberglauben. Vom Loben und Tadeln. Von der zulässigen Lüge. )
"Selten, daß ein Weib zu denken
Wagt, denn alte Weisheit spricht:
Folgen soll das Weib, nicht lenken;
Denkt sie, nun, dann folgt sie nicht.
Was sie noch sagt, glaubt' ich nimmer;
Wie ein Floh, so springt's, so sticht's!
Selten denkt das Frauenzimmer,
Denkt es aber, taugt es nichts!"
Fragmente (1875-1879)

Drei Aphorismen aus: "Ein Sentenzen-Buch": (Fragmente (1882-1885)) "107 Die Frauen gehen mit ihrer Liebe auf den los, der ihnen Furcht einflößt: das ist ihre Art von Tapferkeit. [Dann ist es doch sehr sinnvoll, als Mann eine Peitsche zu haben.] 133 "Alle Frauen sind entweder Vögel oder Katzen oder Kühe; - man sehe ihren Blick darauf an. 367. Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht! In der Art, wie und was man ehrt, zieht man immer eine Distanz um sich."

Aus: "Auf hohem Meere": "In Sachen der Ehre sind die Frauen grob und schwerfällig."
(Fragmente (1882-1885))

Aus: "Öffentliche Meinungen - private Faulheiten" "20. Einige Männer haben über die Entführung ihrer Frauen geseufzt, viele darüber, daß Niemand sie ihnen entführen wollte." [Wenn dies eine philosophische Weisheit ist, dann möchte ich auch eine ähnliche beisteuern: Sie zu ihm: "Früher hast du immer gesagt, du hast mich zum Fressen gern. Und heute?" Er zu ihr: "Heute bedaure ich, daß ich dich damals nicht gefressen hab."] 32 [5] Und ... diese Frauen von heute - sind sie nicht auch rechte schlechte Pöbel-Frauen? willfährig, genüßlich, vergeßlich, mitleidig, - sie ... haben's alle nicht weit zur Hure. (Fragmente (1882-1885))


Rassismus und Anti-Antisemitismus, Züchtungsgedanke:

In "Jenseits von Gut und Böse, Aph. 251", schreibt Nietzsche "Die Juden sind aber ohne allen Zweifel die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt". Und er regt an "die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen" Und: "Es liegt auf der Hand, dass am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlassen könnten, zum Beispiel der adelige Offizier aus der Mark: es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und Gehorchens - in Beidem ist das bezeichnete Land heute klassisch - das Genie des Geldes und der Geduld (und vor allem etwas Geist und Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt -) hinzuthun, hinzuzüchten liesse. Doch hier ziemt es sich, meine heitere Deutschthümelei und Festrede abzubrechen: denn ich rühre bereits an meinen Ernst, an das "europäische Problem", wie ich es verstehe, an die Züchtung einer neuen über Europa, regierenden Kaste."

[Auch wenn Nietzsche hier von einem Scherz spricht, es paßt ja in seine ganze Ideologie: Aus den Deutschen und den Juden eine neue Herrscherkaste züchten.]


Über die Notwendigkeit von Kriegen:

"Krieg. - Zu Ungunsten des Krieges kann man sagen: er macht den Sieger dumm, den Besiegten boshaft. Zu Gunsten des Krieges: er barbarisirt in beiden eben genannten Wirkungen und macht dadurch natürlicher; er ist für die Cultur Schlaf oder Winterszeit, der Mensch kommt kräftiger zum Guten und Bösen aus ihm heraus." (Menschliches, Allzumenschliches, Aph. 444)

"Der Krieg unentbehrlich. - Es ist eitel Schwärmerei und Schönseelenthum, von der Menschheit noch viel (oder gar: erst recht viel) zu erwarten, wenn sie verlernt hat, Kriege zu führen. Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, wodurch mattwerdenden Völkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersönliche Hass, jene Mörder-Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen, jene gemeinsame organisirende Gluth in der Vernichtung des Feindes, jene stolze Gleichgültigkeit gegen grosse Verluste, gegen das eigene Dasein und das der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschüttern der Seele ebenso stark und sicher mitgetheilt werden könnte, wie diess jeder grosse Krieg thut: von den hier hervorbrechenden Bächen und Strömen, welche freilich Steine und Unrath aller Art mit sich wälzen und die Wiesen zarter Culturen zu Grunde richten, werden nachher unter günstigen Umständen die Räderwerke in den Werkstätten des Geistes mit neuer Kraft umgedreht. [...] Man wird noch vielerlei [..] Surrogate des Krieges ausfindig machen, aber vielleicht durch sie immer mehr einsehen, dass eine solche hoch cultivirte und daher nothwendig matte Menschheit, wie die der jetzigen Europäer, nicht nur der Kriege, sondern der grössten und furchtbarsten Kriege - also zeitweiliger Rückfälle in die Barbarei - bedarf, um nicht an den Mitteln der Cultur ihre Cultur und ihr Dasein selber einzubüssen." (Menschliches, Allzumenschliches, Aph. 477).

[Gibt es eine "bessere" Rechtfertigung der beiden Weltkriege als dieser Text?]

"Krieg als Heilmittel. - Matt und erbärmlich werdenden Völkern mag der Krieg als Heilmittel anzuraten sein, falls sie nämlich durchaus noch fortleben wollen: denn es gibt für die Völker-Schwindsucht auch eine Brutalitäts-Kur." (Der Wanderer ..., Aph. 187)


Gewalt, Babarei etc.:

"wir vermeinen, dass Härte, Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse und im Herzen, Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei jeder Art, dass alles Böse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und Schlangenhafte am Menschen so gut zur Erhöhung der Species "Mensch" dient, als sein Gegensatz" (Jenseits von Gut und Böse, Aph. 44)

"Ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen, sowenig als die Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die Selbstzufriedenheit ist nicht darin; man muß abenteuerlich auch zu sich selbst stehen, versucherisch, verderberisch, Nichts vom Schön-Seelen-Salbaderei! Ich will einem robusterem Ideal Luft machen" (Der Wille zur Macht, Aph. 951)

"Der Barbar ist in jedem von uns bejaht. Auch das wilde Tier" (Der Wille zur Macht, Aph. 127)


Der Tapfere kennt keinen Schmerz:

" ... ein verächtliches Wesen will man nicht leiden sehen, es gewährt diess keinen Genuss. Dagegen einen Feind leiden zu sehen, den man als ebenbürtig-stolz anerkennt und der unter Martern seinen Stolz nicht preisgiebt, und überhaupt jedes Wesen, welches sich nicht zum Mitleid-Anrufen, das heisst zur schmählichsten und tiefsten Demüthigung verstehen will, - das ist ein Genuss der Genüsse, dabei erhebt sich die Seele des Wilden zur Bewunderung: er tödtet zuletzt einen solchen Tapferen, wenn er es in der Hand hat, und giebt ihm, dem Ungebrochenen, seine letzte Ehre: hätte er gejammert, den Ausdruck des kalten Hohnes aus dem Gesichte verloren, hätte er sich verächtlich gezeigt, - nun, so hätte er leben bleiben dürfen, wie ein Hund ..." (Morgenröte, Aph. 135.)

[Hat Nietzsche hier bei Karl May abgeschrieben oder Karl May bei Nietzsche? Mich erinnert das sehr an "Winnetou 1". Sich totfoltern lassen: gut. Um Gnade flehen und am Leben bleiben: schlecht. Ich glaube, da hatte jemand überhaupt keine Tassen mehr im Schrank gehabt.]


Verbrechen:

"Es kommt in der Welt-Geschichte nur auf die großen Verbrecher an, eingerechnet jene Vielen, welche eines großen Verbrechens fähig waren, aber durch Zufall es nicht thaten." (Fragmente 1882 - 85 - Jenseits von gut und böse, Sentenzen-Buch, Aph. 113. )

[Ähnlichkeit zu Machiavelli. Da soll noch jemand behaupten, Nietzsche hätte kein Anhänger Hitlers sein können!]


Menschenvernichtung:

"Die Schwachen und Mißratenen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen." Der Antichrist, 2. Kapitel.

"Die Grösse eines "Fortschritts" bemisst sich sogar nach der Masse dessen, was ihm Alles geopfert werden musste; die Menschheit als Masse dem Gedeihen einer einzelnen stärkeren Spezies Mensch geopfert - das wäre ein Fortschritt ..." Genealogie der Moral, 2. Abhandlung, Abschnitt 12"


Blonde Bestie:

In der "Genealogie der Moral, 1. Abhandlung, Abschnitt 11" schreibt Nietzsche über die vornehmen Rassen: "... sie sind nach Aussen hin, dort wo das Fremde, die Fremde beginnt, nicht viel besser, als losgelassene Raubtiere. Sie geniessen da die Freiheit von allem socialen Zwang, sie halten sich in der Wildniss schadlos für die Spannung, welche eine lange Einschliessung und Einfriedung in den Frieden der Gemeinschaft giebt, sie treten in die Unschuld des Raubthier-Gewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheusslichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schän-dung, Folterung mit einem Übermuthe und seelischem Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, dass die Dichter für lange nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben. Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muß wieder heraus, muss wieder in die Wildnis zurück: - römischer, arabischer, germanischer, japanischer Adel, homerische Helden, skandinavische Wikinger - in diesem Bedürfniss sind sie sich alle gleich. Die vornehmen Rassen sind es, welche den Begriff "Barbar" auf all den Spuren hinterlassen haben, wo sie gegangen sind; noch aus ihrer höchsten Cultur heraus verräth sich ein Bewusstsein davon und ein Stolz selbst darauf ..."

[Leider verhalten sich die Menschen häufig so, wie Nietzsche es hier beschreibt, nicht nur die, die er als vornehme Rassen bezeichnet. Und auch bei der Beschreibung der psychischen und sozialen Ursachen dieses Verhaltens hat Nietzsche wohl im Großen und Ganzen recht: Das Grausame liegt in unserer Natur. (Und ich werde nicht so heuchlerisch sein, zu behaupten, ich sei in meinem Innenleben ein Engel!) Das Schlimme ist, daß Nietzsche solche Verhaltensweisen bejaht, daß er das Streben nach Entbestialisierung zur Dekadenz erklärt. Die Opfer mögen das alles als böse empfinden. Pech für sie. Hauptsache die Herrenmenschen haben mal wieder die Sau rauslassen können.]


Kommentare zu Nietzsche von anderen Philosophen und Autoren

Jaspers äußert über Nietzsche in "Die Großen Philosophen, Nachlaß 1": Bei Nietzsche fände man alsbald das Gegenteil des irgendwo gesagten und fände nicht die Entscheidung. Sätze erstaunlicher Tiefe und Weite stünden neben solchen erstaunlicher Plattheit. Neben großartigen soziologischen Einsichten fände man Urteile, die alle realen Faktoren übersähen und Bausch und Bogen Urteile, die nur noch durch Ausdruckskraft bezaubern würden.

Nietzsche sei ein Kind der romantischen Epoche, ohne deren Vorstellung unbegreifbar und zugleich einer ihrer Vollender und Überwinder. (Ivo Frenzel in Rowohlts Monographie Nietzsche, S. 23.)

Russell: "I dislike Nietzsche, because he likes the contemplation of pain, because he erects conceit into a duty, because the men whom he most admires are conquerors, whose glory is cleverness in causing men to die."


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Anmerkungen

Anm. 1: Mein Nietzsche-Aufsatz ist in seiner Ausrichtung eine Antwort auf diese vielen "quasireligiösen Hochglanzseiten", die ein zu positives Nietzsche-Bild verbreiten. Durch sie habe ich mich dazu genötigt gesehen, einmal die negative Seite Nietzsches heraus-zustreichen. Den Vorwurf der einseitigen Darstellung nehme ich dafür in Kauf. Zurück zum Text

Anm. 2: Weischedel beschreibt in der "Philosophischen Hintertreppe" wie verklemmt und erfolglos Nietzsches Verhältnis zu Frauen war und er schließt daraus: "Die Peitsche in der Hand Nietzsches ist Altweibergewäsch." Das kann ich nun überhaupt nicht nachvoll-ziehen. Jeder, der ein bißchen die Theorien Freuds und Reichs kennt, weiß, daß ein solches Schicksal der beste Nährboden für herrschsüchtige und sadistische Phantasien ist. Was nicht bedeutet, daß es hier einen Automatismus gibt. Im Menschen können ja verschiedene Gefühlslagen mit- oder gegeneinander sein und welche sich durchsetzen, hängt von der Gesamtperson ab. Zurück zum Text

Anm. 3: Auch für mich ist der Mensch Brücke zu höherem. Der  Lehre vom Übermen-schen könnte ich mich sofort anschließen, wenn sie mit humanistischen Idealen verbun-den wäre. Manches, was Nietzsche in diesem Zusammenhang schreibt, reißt auch mich mit, spricht mir aus dem Herzen. Leider ist aber besonders der späte Nietzsche inhuman und faschistoid. Wie ich mir die "Brückenfunktion" des Menschen vorstelle, habe ich in meinem Aufsatz "Über die Notwendigkeit der Entstehung höherer Arten" näher ausge-führt. Zurück zum Text

Anm. 4: Diese Behauptung stimmt nicht! Diese Mails haben eine humoristische Wirkung auf mich. Ich amüsiere mich immer köstlich. Es macht mir ein diebisches Vergnügen daran zu denken, daß sich irgendwo ein Nietzsche-Fan über meinen Nietzsche-Beitrag ärgert. (Siehe auch: Menschliches, Allzumenschliches, Aph. 103, Das Harmlose an der Bosheit. In diesem Aphorismus ist neben psychologischen Einsichten auch das Unverständnis für die Ambivalenz des menschlichen Gefühlslebens, bzw. daß diese nicht mit Herren- und Sklavenmoral abgetan werden kann.) Zurück zum Text

Anm. 5: Diese Aussage aus früheren Jahren stimmt inzwischen nicht mehr ganz, da ich inzwischen auch von Anhängern Platons und Kants bitterböse Mails erhalten habe. Aber die von Nietzsche-Anhängern waren noch ein bißchen bitterer. Und sie waren (zumindes-tens in früheren Jahren) häufiger. Zurück zum Text

Anm. 6: Wittengenstein hat sein 2. Hauptwerk "Philosophische Untersuchungen" nie selbst herausgegeben. Es wurde aus Nachlässen zusammengestellt. Und? Gibt es einen bzw. Zehntausende Aufschreie: "Das hat der Wittgenstein ja gar nicht geschrieben!" Nein. Gibt es nicht. Die Schriften des Aristoteles sind fast alle verloren. Was geblieben sind, sind Stichworte, Konzepte für seine Vorträge. Und? Gibt es einen bzw. Zehntau-sende Aufschreie: "Das hat der Aristoteles ja gar nicht geschrieben!" Man könnte zig weitere Beispiele anführen, wo nach dem Tod von Philosophen aus deren Nachlässen Bücher zusammengestellt wurden. Alles, was ich aus der – aus dem Nachlaß zusam-mengestellten Schrift – "Der Wille zur Macht" zitiert habe, ist zweifellos von Nietzsche geschrieben. Punktum! Alles andere sind Einwände von Nietzsche-Enthusiasten, die überhaupt nicht daran interessiert sind, zu erfahren, was Nietzsche an Auffassungen hatte, sondern deren Interesse ausschließlich darin besteht, sich ihr Idol nicht kaputt machen zu lassen. Zurück zum Text


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