Gefühl

 Kurzbeschreibung des Begriffs
 Verschiedene Philosophen zur Bedeutung des Gefühls
 Meine Vorstellungen über die Bedeutung der Gefühle
 Gefühl im Internet


Kurzbeschreibung des Begriffs

Gefühl ist ein unklarer Begriff, der für verschiedene körperliche und seelische Erscheinun-gen benutzt wird: Sinnesempfindungen, Gemütsbewegungen und -verfassungen, Selbst-gefühl und weiteres.

Folgende Beschreibungen überlappen sich.

  • Die Gefühle sind wie die Wahrnehmungen, die Gedanken, die Vorstellun-gen, der Wille und die Bedürfnisse eine wichtige Gruppe von Bewußtseins-inhalten.
  • Gefühle sind die verschieden als negativ oder positiv empfunden subjektiven Zustände, die man grob unter die Oberbegriffe "Lust und Unlust" ordnen kann. Positive Gefühlen sind z. B. Freude, Triebbefriedigung, bzw. das Ausleben von Trieben, wozu auch der Aufbau von Triebspannungen gehören kann (zum Beispiel beim Sexualtrieb), das Gefühl Erfolg zu haben, von anderen anerkannt zu werden, das Erringen neuer Erkenntnisse. Negative Gefühle sind z. B. Schmerz, Trauer, Angst Peinlichkeit, Schuldgefühle, Triebunterdrückung, Langeweile.
  • Gefühle als Grundlage von Ethik, Moral und Sittlichkeit. Menschen glauben auf Grund von Gefühlen mit Sicherheit oder abgemildert mit Wahrscheinlich-keit ein Urteil darüber abgeben zu können, ob bestimmte Dinge oder Handlungen richtig, andere falsch sind. ( Gefühlsethik)
  • Gefühl als Gegensatz zum Denken oder zumindestens als eine andere Art von Bewußtseinsinhalt. (Die nicht kognitiv und nicht volitional sind, beson-ders ethische und ästhetische Gefühle.)
  • Gefühl als wage, unklare Erkenntnis.
  • Gefühl als unmittelbares klares Wissen. Ein Gefühl, welches so stark, so intensiv ist, daß man überzeugt ist, durch dieses Gefühl objektives Wissen zu haben. (Ähnlichkeit zur Intuition.)
  • Gefühl als Ahnung. (Das Gefühl haben, daß etwas bestimmtes passiert.)
  • Gefühl als Kompetenz (Ein Gefühl, ein Geschick haben, für eine bestimmte Sache oder Tätigkeit.)
  • Gefühl als Tastsinn. (Mit den Fingern oder anderen Körperstellen etwas fühlen.)

Das Gefühl spielte in der Philosophie meist eine untergeordnete Rolle, da die meisten Philosophen dem Denken den Vorzug vor dem Gefühl gaben. Aber eine Minderheit unter den Philosophen zieht das gefühlsmäßige Erfassen dem denkerischen Erfassen vor. (Eine wichtige Rolle spielt dort häufig die Intuition.) Besonders gilt das für an die Philoso-phie angrenzende menschliche Aktivitäten wie z. B. Kunst und Religion.

In der philosophischen Tradition unterschied man zwischen Denken, Fühlen und Wollen. Während denkerische und willentliche Akte immer einen Bezug auf etwas außerhalb des Bewußtseins hatten, galten Gefühle als rein subjektive Zustände.


Verschiedene Philosophen zur Bedeutung der Gefühle

Für Spinoza ist Gefühl unklare Erkenntnis.

Für die  Gefühlsethiker ist das Gefühl, nicht Verstand oder Vernunft, Grundlage der Ethik.

Für Kant ist fühlen nur ein subjektives Vermögen, mit dem keine objektive Erkenntnis möglich sei.

Eine große Bedeutung hat das Gefühl bei den Glaubensphilosophen oder auch Gefühls-philosophen Hamann, Jacobi und Herder. Auch für Schleiermacher ist Religion in erster Linie Gefühl. Im Glaubensgefühl finde man Wirklichkeit

Ein Gegner einer solchen hohen Bewertung des Gefühls war Hegel, der eine Vernunft-philosophie vertrat.

Die Romantik war eine zum Gefühlvollen, Wunderbaren, Märchenhaften und Phantasti-schen neigende Weltauffassung, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte und gegen die Aufklärung stand.

Eine große Bedeutung hat das Gefühl in der Phänomenologie. Seit Brentano sprechen einige Philosophen auch dem Gefühl Intentionalität zu. Bei Scheler erfolgt mit dem Gefühl die Erschließung des Bedeutungsvollen, der Werte.

Alle Philosophen, die die Dominanz der Vernunft im Sein verneinen, sind mehr oder weniger Gefühlsphilosophen. Dazu gehören die Lebensphilosophen, unter ihnen Schopen-hauer und Nietzsche. (Bei denen aber der Wille eine großere Rolle spielte als das Gefühl.)

Die Religion hat für die meisten religiösen Menschen etwas mit Gefühl zu tun, nicht mit Vernunft. Die Philosophen und Theologen, die eine Vernunftreligion betrieben, waren immer und in allen Religionen in der Minderheit. (Siehe z. B. Deismus.)

Künstler erheben des Öfteren den Anspruch, mit ihren Produkten etwas über das Sein auszusagen, mit ihren Produkten einen tieferen Einblick in das Sein oder Teilen davon zu ermöglichen. Sollte soetwas möglich sein, dann wäre ein solcher Einblick einer des Gefühls, nicht der Vernunft.

Ein für die Philosophie bedeutsames Gefühl ist die Liebe, u. a. weil Philosophie vom Wortursprung her Liebe zur Weisheit ist.


Meine Vorstellungen über die Bedeutung der Gefühle

So wichtig und unverzichtbar für mich die Vernunft ist, so halte ich es doch für verkehrt, den Menschen nur oder primär als Vernunftwesen zu sehen. Der Mensch ist auch ein Gefühlswesen. Jede Philosophie, die dies ignoriert, ignoriert einen wichtigen Teil des Menschen und wird, soweit sie Anleitung sein will für praktisches Verhalten, zumindes-tens partiell scheitern. (Aufklärung, Kant.) Es geht darum, den Menschen in seiner Ambivalenz als Gefühlswesen und als Vernunftwesen zu sehen.

Wie Popper bin ich der Auffassung, das alles, was das Leben lebenswert macht, etwas mit Gefühlen zu tun hat, die Vernunft aber in keinem Lebensbereich völlig fehlen darf.

Ich bin  Gefühlsethiker. Nach meiner Überzeugung geht Ethik aus den Gefühlen der Menschen hervor. Vernunft und Verstand können keine unmittelbaren Aussagen darüber machen, ob etwas gut oder böse ist. Bedeutungslos ist die Entwicklungshöhe der  Vernunft für die Ethik aber nicht.

Auszug aus dem 9. Kapitel "Meiner Philosophie": Die Menschen haben primär die Bedürfnisse nach Liebe, Geselligkeit, Produktivität u. ä., und nur wenn sie auf grund von physischen Defekten, ihrer Sozialisation, ihrer Lebensumstände und/oder mangelnder Geschicklichkeit und Einsichtsfähigkeit daran gehindert sind, diese Bedürfnisse zu befriedigen, dann entstehen im Menschen als sekundäre Bedürfnisse Haß, Ungesellig-keit, Destruktivität, Sadismus u. ä. als eine krankhafte Entartung des Menschen.

Gefühle sind weder wahr noch falsch. Sie sind einfach da. Da der Mensch aber nicht nur ein Gefühlswesen, sondern auch ein denkendes und wollendes Wesen ist, ist er seinen Gefühlen häufig nicht ohnmächtig ausgeliefert. Er kann Gefühle bewußt wachsen lassen, andere bewußt unterdrücken, er kann sich Lebensumstände schaffen, die bestimmte Gefühle hervorrufen und andere schwinden lassen.

Es gibt Menschen, die überzeugt sind, mit dem Gefühl zu verstehen. Sie fühlen so inten-siv die Richtigkeit einer bestimmten Auffassung, daß es für sie unvorstellbar ist, daß diese falsch sein könnte. Auf diese Weise sind Milliarden von Menschen von den verschiedensten Religionen überzeugt. Da sie nicht alle gleichzeitig Recht haben können, scheint das Gefühl sie zu täuschen.

Auch im individuellen Leben gibt es solche Täuschungen. Im Zustand der "Großen Liebe" wird häufig der Partner vergöttert. Man fühlt ganz intensiv, daß es dieses mal die oder der Richtige ist und daß es dieses mal wirklich die ganz, ganz große Liebe für das ganze Leben ist. Mit der Zeit merkt man dann, daß der andere Fehler hat oder daß vielleicht sogar seine ganze Liebe nur Heuchelei war. Fast immer folgt auf diesem Gebiet der Euphorie die Ernüchterung.

Denken setzt Sprache voraus. Gefühl nicht. Hier ist einer meiner wichtigsten Einwände gegen die Überbewertung der Sprache. Schmerz, Glück und andere Gefühle haben auch Tiere, Babys und hochgradig geisteskranke Menschen, ohne daß sie Worte für diese Zustände haben. Ob nun ein Europäer, ein Chinese oder ein Amazonasindianer (oder ein Säugetier) sich das Bein gebrochen hat, sie werden die gleichen Schmerzen haben trotz unterschiedlicher Sprachen. (Und ihre Ärzte werden sie ähnlich versorgen.)

Für Gefühle kann man nicht argumentieren. Wer bestimmte Gefühle nicht hat, den kann man nicht von der Güte dieser Gefühle überzeugen. [1] (Z. B. kann man einen Anhänger Nietzsches nicht von der Güte des Mitleids überzeugen, wenn er ein solches Gefühl nicht kennt. Womit ich nicht behaupten will, alle Menschen, die Nietzsche schätzen, hätten kein Mitleid. Aber  Nietzsche verdammte es.) Man kann bestenfalls versuchen für einen Menschen Lebensumstände zu schaffen, von denen man erwartet oder erhofft, daß dieser Menschen unter diesen Lebensumständen bestimmte Gefühle entwickeln wird. Das hat seine Grenzen allerdings darin, das Menschen im Verlaufe ihrer Sozialisation oft so zerstört wurden, daß bestimmte Gefühle in ihnen nicht mehr entwickelbar sind.


Gefühl im Internet:
  • Gefühl bei wikipedia (Sehr kurz. Stand 8.2.06)
  • Emotion bei wikipedia
  • Gefühl von Friedrich Kirchner
  • Gefühl von Rudolf Eisler (Mit seinen Folgebeiträgen ein sehr umfangreicher Beitrag. Weniger für Laien als für Fachleute.)

Zur philolex-Startseite


Anmerkungen

Anm. 1: "An Rheumatismus und an wahre Liebe glaubt man erst, wenn man davon befallen ist." Marie Ebner-Eschenbach - Zurück zum Text


Copyright © by Peter Möller, Berlin.