So wichtig und unverzichtbar für mich die Vernunft ist, so halte ich es doch für verkehrt, den Menschen nur oder primär als Vernunftwesen zu sehen. Der Mensch ist auch ein Gefühlswesen. Jede Philosophie, die dies ignoriert, ignoriert einen wichtigen Teil des Menschen und wird, soweit sie Anleitung sein will für praktisches Verhalten, zumindes-tens partiell scheitern. (Aufklärung, Kant.) Es geht darum, den Menschen in seiner Ambivalenz als Gefühlswesen und als Vernunftwesen zu sehen.
Auszug aus dem 9. Kapitel "Meiner Philosophie": Die Menschen haben primär die Bedürfnisse nach Liebe, Geselligkeit, Produktivität u. ä., und nur wenn sie auf grund von physischen Defekten, ihrer Sozialisation, ihrer Lebensumstände und/oder mangelnder Geschicklichkeit und Einsichtsfähigkeit daran gehindert sind, diese Bedürfnisse zu befriedigen, dann entstehen im Menschen als sekundäre Bedürfnisse Haß, Ungesellig-keit, Destruktivität, Sadismus u. ä. als eine krankhafte Entartung des Menschen.
Für Gefühle kann man nicht argumentieren. Wer bestimmte Gefühle nicht hat, den kann man nicht von der Güte dieser Gefühle überzeugen. [1] (Z. B. kann man einen Anhänger Nietzsches nicht von der Güte des Mitleids überzeugen, wenn er ein solches Gefühl nicht kennt. Womit ich nicht behaupten will, alle Menschen, die Nietzsche schätzen, hätten kein Mitleid. Aber
Nietzsche verdammte es.) Man kann bestenfalls versuchen für einen Menschen Lebensumstände zu schaffen, von denen man erwartet oder erhofft, daß dieser Menschen unter diesen Lebensumständen bestimmte Gefühle entwickeln wird. Das hat seine Grenzen allerdings darin, das Menschen im Verlaufe ihrer Sozialisation oft so zerstört wurden, daß bestimmte Gefühle in ihnen nicht mehr entwickelbar sind.
"An Rheumatismus und an wahre Liebe glaubt man erst, wenn man davon befallen ist."
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