Marxismus-Leninismus (ML)

Um den ML richtig zu verstehen, seine wichtigsten Aussagen zu begreifen, muss man sich mit den Theorien von Marx, Engels und Lenin vertraut machen. Der ML weicht zwar in vielen Punkten sowohl vom ursprünglichen Marxismus, wie vom ursprünglichen Leninismus ab, ist aber ohne diese Theorien nicht denkbar und nicht verstehbar. Es wird hier nicht alles wiederholt, was in den philolex-Beiträgen zu Marx, Engels und Lenin vorgetragen wurde.

Der ML war die Philosophie und Gesellschaftswissenschaft, die Weltanschauung die in den ehemaligen »sozialistischen« [1] Ländern, und damit auch in einem Teil des heute wieder vereinigten Deutschlands über Jahrzehnte hinweg die einzig erlaubte Philosophie und Gesellschaftswissenschaft, die Staatsideologie oder Staatsdoktrin war. Auch für die meisten kommunistischen Parteien in anderen Teilen der Welt war der ML die ideologische Grundlage.

Zentrale Auffassungen des ML:

Menschen, die den ML vertraten, regierten einst im 20. Jahrhundert fast ein Drittel aller Länder der Welt bzw. ein Drittel aller Menschen auf der Erde. Heute gibt es lediglich nur noch wenige Reste davon (Kuba, Nordkorea, Vietnam). Auch dort ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann diese Ideologie aufgegeben wird. Die Grundaussagen des ML haben sich im Verlaufe der Geschichte als falsch bzw. als unbrauchbar bei der Verbesserung der Welt herausgestellt. Der ML ist ein »Auslaufmodell« und eigentlich nur noch von geschichtlichem bzw. ideologiegeschichtlichem Interesse. Deshalb habe ich bei seiner Darstellung die Vergangenheitsform gewählt.

Ein besonders wichtiger Aspekt des ML gegenüber den Theorien von Marx, Engels und Lenin bestand darin, das bestimmte Aussagen dieser Personen dogmatisiert, andere Aussagen dieser Personen dagegen totgeschwiegen oder abgeleugnet wurden, wenn sie allzusehr den Realitäten entgegenstanden. Ein paar weitere Beispiele:

Der gesetzmäßige Untergang des Kapitalismus wurde dogmatisiert, wenn auch das Eintreten dieses Ereignisses mehr und mehr auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wurde.

Die  Entfremdungstheorie wurde totgeschwiegen, da zu offensichtlich war, dass die Menschen in den sozialistischen Ländern (jedenfalls nach den Theorien von Marx) weiterhin entfremdete Wesen waren.

Die marxsche Behauptung von der Entstehung einer Totalität von Fähigkeiten in den einzelnen Individuen, von  der Entwicklung des universellen Arbeitsvermögens und damit von der absoluten Disponibilität des Einzelnen im Arbeitsprozess (jeder Arbeiter ist an jeder Stelle des Produktionsprozesses einsetzbar) wurde abgeleugnet.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des ML war der zum Teil gravierende Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Der Theorie nach hatte das Volk, speziell die Arbeiterklasse, die Macht. Tatsächlich lag die Macht bei den Funktionären der Partei-, Staats- und Wirtschaftsbürokratie, während von dem Volk, von den Arbeitern systemkonforme Aktivität erwartet wurde. Eine effektive Möglichkeit der Bevölkerung oder der Arbeiter die Regierung oder die Führung der Kommunistischen Partei zu kontrollieren oder abzuwählen bestand nicht.

Der ML wurde als »wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse« bezeichnet. Ob die Mehrheit der Arbeiter oder auch nur eine einigermaßen relevante Minderheit unter den Arbeitern diese Theorie überhaupt vertrat oder auch nur kannte, spielte dabei überhaupt keine Rolle.

Sehen Sie zu diesem Thema bitte auch meine Aufsatzsammlung Marxistische Theorie und realsozialistische Praxis.


Marxismus-Leninismus im Internet:

Anmerkungen

Anm. 1: »Sozialistisch« habe ich deshalb in Anführungszeichen gesetzt, weil man unter diesem Begriff ursprünglich mal etwas anderes verstanden hat, als später unter diesem Begriff in Osteuropa und anderswo praktiziert wurde. Es ist mir klar, dass man mit der gleichen Argumentation viele andere Begriffe in Anführungszeichen setzen können, z. B. »christlich«. Zurück zum Text


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