Mit den neuen naturwissenschaftlichen Theorien konfrontiert hat Lenin zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht, den
Materialismus dadurch zu retten, daß er den Materie-begriff neu definierte. Für Lenin ist alles Materie, was nicht menschliches Bewußtsein ist, also auch elektromagnetische Felder, Strahlungen, aber auch Gesetzmäßigkeiten oder soziale Prozesse und alles was in Zukunft noch entdeckt werden sollte. So wollte Lenin erreichen, daß der Materiebegriff nie veralten kann. Damit hat er aber den Materiebegriff soweit gefaßt, daß er jeden Erklärungswert verliert! Lenins Materiebegriff war faktisch die Bankrotterklärung des Materialismus! Wenn alles Materie ist, was nicht menschliches Bewußtsein ist, dann wäre ein Gott oder eine wie auch immer geartete geistige Ursache der Welt per Definition eben Materie. Siehe hierzu auch meinen Aufsatz "Kritik des philosophischen Materialismus". [1]
Mit der Annahme qualitativer Sprünge und Entstehung neuer Qualitäten stimme ich überein, allerdings mit der Einschränkung, daß ich es für möglich halte, daß hinter der Welt unserer Erscheinungen, in der diese Entwicklung von einfachen zu komplexeren Strukturen und damit die Entstehung neuer Qualitäten abläuft, eine weitere "wirklichere" Wirklichkeit besteht, in der alles bereits vorhanden ist, was in der Welt unserer Erscheinungen entsteht. (Essenzialismus) Wenn es in dieser "wirklicheren" Wirklichkeit keine Zeit, d. h. keine Veränderung gibt, scheint dies unausweichlich zu sein. Das könnte z. B. die Sphäre der
platonischen Ideen sein.
Zur Praxis als Kriterium für Wahrheit: Ein Tier kommt in seinem praktischen Leben auch zurecht, ohne daß deshalb das Sein sich in dem erschöpft, was dem Tier erkenntnismä-ßig zugänglich ist. Siehe hierzu bitte meinen Aufsatz "Gedanken zur Erkenntnistheorie". Ich halte die "Evolutionäre Erkenntnistheorie" für überzeugender. Nach ihr hat sich unser Erkenntnisapparat im Verlaufe der Evolution entwickelt, um uns das Überleben zu ermöglichen, nicht um damit die Wirklichkeit 100%ig korrekt zu erfassen. Für erfolgreiches Handeln ist eine Ähnlichkeit zwischen bestimmten Aspekten der Welt und dem Bild, das wir uns von ihr machen, ausreichend. Von vielen Aspekten der Welt brauchen wir überhaupt nichts zu wissen. (Weshalb wir allerdings von vielem wissen, was wir nicht brauchen, kann wiederum die Evolutionäre Erkenntnistheorie nicht erklären.)