Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war der philosophische Materiebegriff identisch mit dem physikalischen Materiebegriff. Damals sah auch die Naturwissenschaft die Atome als die ewige und unzerstörbare Grundsubstanz der Welt an. Heute gehen die Natur-wissenschaften davon aus, dass sich Materie in Energie, also Bewegung, auflösen kann und damit verschwindet. [1] Wenn die Materie sich in Bewegung auflösen kann, dann kann sie nicht Grundsubstanz der Welt sein, denn es scheint doch etwas anderes zu bleiben, das sich bewegt. Bewegung ohne etwas, das sich bewegt, ist mir nicht vorstell-bar.
Nach dem gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltbild ist die Materie überhaupt nicht ewig existent gewesen, sondern erst mit dem Urknall entstanden. Und dann hat sich diese Materie im Verlaufe der subatomaren, molekularen und biotischen Evolution aus einfachen zu immer komplexeren Formen entwickelt. Aus den verschiedenen Elementarteilchen entstanden unterschiedliche Atome, aus diesen dann Moleküle in millionenfacher Vielfalt, daraus die ersten sich selbst duplizierenden DNS-Moleküle, dann entstanden die Zellen, schon sehr komplexe Organismen, dann Zellenverbände. Innerhalb dieser Verbände spezialisierten sich die einzelnen Zellen für bestimmte Aufgaben, es entstanden Nervenzellen, dann Zusammenballungen von Nervenzellen und dann, über viele Zwischenstufen, entstand die komplexeste Struktur von Materie, die wir kennen, das menschliche Gehirn und damit zum ersten mal Geist, Bewusstsein (wobei es bei den Tieren Vorformen gibt).
Intellektuelle Leistungen kann ich mir noch auf der Basis eines materialistisch-mechani-schen Weltbildes vorstellen (Elektronenhirne können ja auch intellektuelle Operationen ausführen), aber der Mensch kann ja nicht nur Rechnen, Lesen, Schreiben, Komponie-ren, Maschinen bauen etc., sondern er weiß das auch. Er ist ein sich wissendes, Leid und Freude bewusst erlebendes Wesen.
Wenn es stimmen würde, dass mein Gehirn, also Materie, mein Bewusstsein produziert, müsste dann die Materie nicht schon in ihren einfachsten Formen viel mehr sein als kleine Körperchen oder Energiebündel mit bestimmten physikalischen Eigenschaften? Müsste nicht schon in den einfachsten Formen, in den elementarsten Teilchen, die Fä-higkeit angelegt, vorhanden sein, in komplexeren Formen Bewusstsein hervorbringen zu können? Müsste die Materie dann nicht viel mehr sein, als die Naturwissenschaftler an ihr erkannt haben oder mehr sein, als die Naturwissenschaft mit ihren Methoden über-haupt erkennen kann? Ich glaube, dass das Bewusstsein mit naturwissenschaftlichen Methoden gar nicht erfasst und gar nicht erklärt werden kann.
Vor Jahren sah ich mal einen Science-fiction Film (Die phantastische Reise), in dem ein U-Boot mit Besatzung so extrem verkleinert wurde, dass es in die Ader eines Menschen injiziert werden konnte. Es fuhr dann über die Blutbahnen ins Gehirn und die Besatzung zerstörte dort ein Blutgerinnsel. Nehmen wir mal an, wir könnten auf diese Weise durch ein lebendes menschliches Gehirn fahren [5], was würden wir dort sehen? Ein unheimlich komplexes System vernetzter Nervenzellen, Nervenfasern, auf denen mit großer Schnel-ligkeit Elektronen an uns vorüberrauschen, und chemische Überträgerstoffe zwischen den einzelnen Nervenzellen, einen Biocomputer von innen. Aber würden wir dort irgendwo einen Geist, ein Bewusstsein sehen? Würden wir dort irgendwo sehen, dass dieses Gehirn einem Menschen gehört, der sich seiner Existenz bewusst ist?
Das Bewusstsein ist (im Gegensatz zur Materie) unsichtbar, unfassbar, unwiegbar, unmessbar, in kein Reagenzglas füllbar, keiner positivistischen Wissenschaft zugänglich, aber nichts desto Trotz ist es da! Es ist dem Einzelnen (jedenfalls mir!) unmittelbar, unbezweifelbar. Und es ist etwas ganz anderes als die Materie. (Das war 1987, als ich den Text erstmals schrieb, für mich sehr wichtig zu betonen, da ich mich zu der Zeit stark mit meiner materialistischen Vergangenheit auseinander gesetzt hatte. Inzwischen sehe ich es so, dass Materie im unmittelbaren Erleben eine spezifische Form von Bewusstsein ist, mithin in der philosophischen Betrachtung nichts grundverschiedenes. Sollte Materie unabhängig vom Erleben eine Existenz haben, dann ist es allerdings sehr wichtig, den fundamentalen, den qualitativen Unterschied zwischen Bewusstsein und Ma-terie zu sehen.)
Ich kann ein Gehirn in ein Reagenzglas tun, aber kein menschliches Bewusstsein. Der Schmerz, den ich erleide, ist mehr, als dass Elektronen über die Nervenfasern zum Schmerzzentrum ins Gehirn fließen. Die Freude, die ich erlebe, ist mehr als Hormone, die irgendeine Drüse in die Blutbahn kippt.
Die Frage, die hier angeschnitten ist, ist die nach der Kreativität. Kann etwas (z. B. ein Stück Materie, ein Mensch, ein angenommener Gott usw.) etwas anderes schaffen, das komplizierter oder auch nur qualitativ anders ist als es selbst? Wenn dies möglich sein sollte, dann könnte die Materie das völlig andere, das Bewusstsein, schaffen. Wenn dies nicht möglich ist, dann kann überhaupt nichts qualitativ Neues geschaffen werden. Inner-halb einer qualitativen Sphäre könnte es Wandel geben, aber es würden keine neuen
Qualitäten entstehen. Dann sind wir z. B. bei Platon und seinen Ideen. Die materia-listische Dialektik dagegen behauptet, dass durch quantitative Veränderungen (Häufung von Nervenzellen) eine qualitative Änderung bzw. ein qualitativer Sprung stattfindet. Und so Bewusstsein entsteht.
Wenn es stimmen würde, dass Materie ab einer bestimmten Komplexität ihrer Struktur, wenn sie sich zu einem informationsspeichernden und informationsverarbeitenden Sys-tem organisiert hat, Geist, Bewusstsein, Subjektivität hervorbringt, müsste dann nicht auch ein Elektronenhirn, dem man soviele Speicherkapazitäten und Vernetzungsmöglich-keiten zur Verfügung stellt, wie ein menschliches Gehirn hat, Selbstbewusstsein entwi-ckeln? Wenn das nicht gehen sollte (für mich ist diese Frage offen), dann muss doch beim Menschen zu seinem Biocomputer Gehirn noch etwas hinzukommen. [7]
Ich habe mir einmal mit einem Hammer auf den Finger gehauen und als der Schmerz soweit abgeklungen war, dass ich wieder denken konnte, da fiel mir auf, dass mir nicht nur der Finger weh tat, sondern dass auch das Wissen um den Schmerz in meinem Finger war und nicht in meinem Kopf. Mir fiel in dieser Situation schlagartig auf, dass in meinem unmittelbaren Erleben das Bewusstsein überhaupt nicht nur in meinem Kopf ist! Sondern überall! Überall wo ich etwas fühle oder wahrnehme. Wenn ich meinen Computermonitor ansehe, dann habe ich das unmittelbare Erleben, dass das Wissen um die Existenz dieses Monitors dort ist, wo der Monitor ist und nicht in meinem Kopf. Wenn mein Bewusstsein in meinem Kopf entstünde, könnte ich dann überhaupt außerhalb meines Kopfes Bewusstsein erleben? Und wenn die Welt, so wie ich sie bewusst wahrnehme, erst in meinem Kopf entstünde (wie es z. B. Kant und die moderne Naturwissenschaft behauptet), wie kommt dann diese Welt wieder aus meinem Kopf heraus? Denn in meinem unmittelbaren Erleben ist die Welt nicht in meinem Kopf, sondern um mich herum. [8]
Wie groß war zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Vergangenheit die Wahrscheinlichkeit, dass aus der unfassbaren Menge von Elementarteilchen und ihren unerschöpflichen Kom-binationsmöglichkeiten (»unerschöpflich« erscheint mir geradezu als eine Bagatellisie-rung, aber ich weiß kein besseres Wort) gerade der Körper, das Gehirn hervorging, das ich mein eigen nenne? Die Wahrscheinlichkeit war gleich Null! Und zwar in einem sol-chen Maße, dass ich fast von einer Unmöglichkeit sprechen könnte. Die Wahrscheinlich-keit, dass ich ab sofort bis zum Ende meines Lebens jeden Sonnabend sechs Richtige im Lotto habe (mit Superzahl!), ist um ein Vielfaches größer, als die Wahrscheinlichkeit war, dass mein Gehirn entsteht. Die Evolutionstheorie mag, wenn man ersteinmal einige Voraussetzungen akzeptiert, (siehe
Naturwissenschaften, Punkt 5) plausible Erklärun-gen dafür haben, warum sich immer höhere Lebensformen entwickelt haben, also auch dafür, warum der Mensch entstand. Die
Evolutionstheorie mag erklären können, warum sich eine Materiestruktur wie der menschliche Körper entwickelt hat. Aber das gerade die ganz spezifische Materiezusammenballung entstanden ist, die meinen Körper, mein Gehirn darstellt, bleibt auch dann Zufall. Mein Vater hat in seinem Leben wahrscheinlich einige Trillionen Spermien erzeugt. Daraus sind vier Kinder hervorgegangen, eines davon zufälligerweise (?) ich. Bei meinen Großvätern, Urgroßvätern usw., war es ähnlich. Was wäre passiert, wenn sie eine andere Frau bekommen hätten? Was wäre passiert, wenn das Spermium, aus dem ich einst hervorgegangen bin, und das in diesem einen Samenerguss noch ca. 300.000.000 bis 500.000.000 Konkurrenten hatte, auf eine andere Eizelle gestoßen wäre? Gäbe es mich heute dann nur zur Hälfte?
Die erste Möglichkeit: Die Materie hat gar keine eigenständige Existenz, sondern ist das Produkt, oder besser eine Vorstellung, eine Phantasie des Geistes. Ein Produkt existiert, wenn es einmal produziert ist, auch unabhängig vom Produzenten. Genau so verstehe ich es nicht. Ich glaube nicht, dass irgendein Gott aus dem Nichts die materielle Welt geschaffen hat, sondern dass die Materie nur in Form der Vorstellung des Geistes existiert. [10]
In meinen Träumen nehme ich auch Menschen um mich herum wahr. Da ich aber von einer skeptizistischen Grundhaltung aus nicht mit Sicherheit beurteilen kann, ob der Traum nur Traum, die Realität dagegen wirklich Realität ist, kann ich nicht nur annehmen, die Menschen meines Wachbewusstseins seien Produkte meines Geistes, sondern ich kann auch annehmen, die Menschen in meinen Träumen seien unabhängig von mir existierende Subjekte.
Vielleicht ist es nun so, dass zwar alle Menschen in der Welt meines Wachbewusst-seins selbständige, sich wissende Subjekte sind, also ein Bewusstsein von sich und der Welt haben, aber diese individuellen Bewusstseins Aufspaltungen eines alles umfassen-den Weltbewusstseins sind. Die Trennung der einzelnen individuellen Bewusstseins wäre nur eine partielle, vorübergehende, oder eine Täuschung, oder aber auch eine Wirklich-keit, der eine andere widersprechende Wirklichkeit gegenübersteht. Ob es nur ein Be-wusstsein gibt oder mehrere, wäre nur eine Frage der Betrachtungsweise. Der Weltgeist wäre eine Art »Multipler Persönlichkeit«, jeder Mensch wäre eine Person in ihm, die Welt eine göttliche, gleichzeitig aber auch »interpersonale« Vorstellung. Im Unterschied zu einer menschlichen multiplen Persönlichkeit wären sich aber viele dieser Personen gleichzeitig ihrer bewusst. Wir hätten es vereinfacht ausgedrückt mit einem verrückten Weltgeist zu tun. So ließe sich auch die Dummheit und Grausamkeit der Welt trefflich erklären. [11] Außerdem wäre es eine gute Erklärung dafür, dass in meinem unmittel-baren Erleben das Bewusstsein überall ist.
Dieser Weltgeist, nehmen wir an, es gibt ihn, wäre aber dann auch ein viel komplexeres Wesen, als wir mit unseren jetzigen intellektuellen Fähigkeiten erfassen könnten, ein Wesen, das wir uns mit dem Namen »Geist« nur annäherungsweise vergegenwärtigen könnten. [12] Und es wäre ein Wesen, dass natürlich nichts mit dem »Lieben Gott« der Christen zu tun hat.
Die zweite Möglichkeit: Die Materie und damit mein Körper, mein Gehirn, hat zwar eine von meinem Bewusstsein unabhängige Existenz, aber sie produziert nicht das Bewusst-sein. Dieses Bewusstsein, das ich auch Seele nennen könnte, käme zum Körper hinzu, ginge eine zeitweilige Verbindung mit ihm ein. In diesem Falle könnte ich mir vorstellen, dass die konkreten intellektuellen Leistungen nur auf Basis des Gehirns und der Sinnes-organe möglich sind und mit dem Tode des Körpers wieder verschwinden. Aber das Bewusstsein selbst würde erhalten bleiben. Da das Bewusstsein aber einen Inhalt braucht, wäre die Seele unabhängig vom Körper Bewusstsein plus x.
Anm. 1: Jede Energieart ist in jede andere Energieart umwandelbar, damit ist jede Materie in Bewegung auflösbar. Auch Innerhalb der Naturwissenschaft ist die Existenz der Materie, und sogar der Energie, inzwischen zunehmend umstritten. Sehen Sie dazu Hans-Peter Dürr. Für ihn ist unterhalb von Materie und Energie reines schwingen. Absichtlich kleingeschrieben! Im Quantenbereich gäbe es nichts, was ein Substantiv rechtfertigen würde. In der Physik ist Bewegung die Änderung des Ortes eines punktförmigen oder räumlich ausgedehnten Gebildes mit der Zeit. In der Philosophie bedeutet Bewegung mehr, nämlich jede Art von Veränderung. Die unterschiedliche Bedeutung des Begriffs »Bewegung« in der Physik und der Philosophie führt des Öfteren zu Missverständnissen. Bei Hoimar von Ditfurth habe ich gelesen, dass implodierte Sonnen, sogenannte »Neutronensterne« oder »Schwarze Löcher« sich durch den Druck ihrer eigenen Schwerkraft immer mehr zusammenziehen. »Der Neutronenstern zieht sich bis zu einem mathematischen Punkt, einem völligen Abstraktum, zusammen.« (Kinder des Weltall, Kapitel: Der Stoff, aus dem wir bestehen.) Und seine Materie verschwindet somit aus dem Universum. Diese Auffassung ist, wie ich inzwischen mehrfach zu hören bekommen habe, nicht unumstritten. Wenn man im Internet oder in populärwissenschaft-lichen Zeitschriften liest oder in populärwissenschaftliche Fernsehsendungen etwas über Neutronensterne, Schwarze Löcher und die Zukunft des Universums sieht, bekommt man keine einheitliche Darstellung! Es gibt verschiedene astrophysikalische Theorien. Leider erwecken Professoren und Autoren häufig den Eindruck, die von ihnen vertretene Theorie sei die einzige, zumindest die einzig ernst zu nehmende. Welche Bedeutung den ein-zelnen Theorien zukommt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ihrer Richtigkeit ist, kann und will ich nicht beurteilen. (Das gilt auch für die weiteren hier aufgeführten Theorien von Ditfurth und anderen Autoren.) Dass das Universum aus dem Nichts gekommen ist, ist die Mehrheitsmeinung, aber keineswegs unumstritten. Ob das Universum auch wieder verschwindet und wenn, auf welche Weise, ist ebenfalls umstritten. Aber schon die Vorstellung, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, ist eine schlechte Grundlage für den Materialismus, unabhängig davon, ob es sich einst wieder im Nichts verflüchtigen wird. Zurück zum Text
Anm. 2: Als Marx und Engels im vorigen Jahrhundert ihren
dialektischen Materialis-mus begründeten, da war auch ihr Materiebegriff noch identisch mit dem Materiebegriff der Naturwissenschaft. Abgesehen von der Dialektik gründeten sie ihren Materialismus auf die alten Griechen
Leukipp und Demokrit, den Begründern der Atomtheorie. Mit den neuen naturwissenschaftlichen Theorien konfrontiert hat Lenin zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht, den
Materialismus dadurch zu retten, dass er den Materie-begriff neu definierte. Für Lenin ist
alles Materie, was nicht menschliches Bewusstsein ist, also auch elektromagnetische Felder, Strahlungen, aber auch Gesetzmäßigkeiten und alles was in Zukunft noch entdeckt werden sollte. So wollte Lenin erreichen, dass der Materiebegriff nie veralten kann. Damit hat er aber den Materiebegriff soweit gefasst, dass er jeden Erklärungswert verliert! Dieser Materiebegriff war faktisch die Bankrotterklärung des Materialismus! Wenn alles Materie ist, was nicht menschliches Bewusstsein ist, dann wäre ein Gott oder eine wie auch immer geartete geistige Ursache der Welt per De-finition eben Materie. Es gibt Religionen, z. B. der Brahmanismus und philosophische Theorien, z. B. die von Meister Eckhart, Jacob Böhme und Spinoza, da wird das Ganze mit Gott gleichgesetzt. Aber ob man nun das Ganze »Gott« nennt oder »Materie«, dass macht inhaltlich keinen Unterschied mehr. Man rettet am Ende nur noch Wörter, aber nicht die damit ursprünglich mal verbundenen Weltanschauungen. Siehe hierzu auch
Anselms Gottesbeweis. Schlimm war aber nicht nur, dass die Leninisten eine nicht haltbare philosophische These verabsolutierte. (Wo offene Diskussion möglich ist, sind philosophische Leninisten bestenfalls im Promillebereich vertreten.) Noch schlimmer war, dass man dort, wo sie die Macht hatten, keine andere philosophische Theorie vertreten durfte. Wer die leninistische Philosophie kritisierte, hatte mit Repressalien zu rechnen, z. B. Verweis von der Universität d. h. Unmöglichkeit einer akademischen Laufbahn , Gefängnis, während der Stalinzeit sogar Genickschuss. Zurück zum Text
Anm. 3: In diesem Punkte bin ich einer Meinung mit
Henri Bergson. Die Entwicklung immer komplexerer Strukturen als Prozess blinden Zufalls, zufälliger Mutationen mit an-schließenden Selektionen, wobei die Naturgesetze und die anderen Umweltbedingungen nur Auslesefaktoren, nicht aber auch gestaltende Faktoren sind, erscheint mir wie ein Wunderglaube. Hoimar von Ditfurth hat zu Beginn des Buchs
Im Anfang war der Wasserstoff eine plausiblere Erklärung angeboten. Ditfurth ist in seiner Argumentation nach meinem Empfinden allerdings widersprüchlich. Interessant in diesem Zusammen-hang ist die in den letzten Jahren sich entwickelnde Epigenetik. Die Gesetze, nach denen sich die Materie bewegt und sich mit anderer Materie verbindet, also die Naturge-setze, was für eine Existenz haben die? Sie existieren in der Form, in der sich die Materie bewegt, sind selbst aber keine Materie. Damit haben wir schon etwas immateri-elles, lange bevor menschliches Bewusstsein auftauchte. Zurück zum Text
Anm. 4: Hoimar von Ditfurth hat in seinem Buch Wir sind nicht nur von dieser Welt fest-gestellt, dass das Bewusstsein sich nicht aus einem evolutiven Druck heraus erklären lässt, denn es ist für das Funktionieren des menschlichen Körpers nicht notwendig. Alles, was Menschen machen, könnten sie ohne ein Wissen davon ebenso erledigen. Vieles in unserem Körper läuft sowieso unbewusst ab. (Ditfurth, Hoimar von, Wir sind nicht nur von dieser Welt, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1981, S. 267f.) Des Weiteren ist zu fragen, ob sich die Entwicklung eines Gehirns, dass zu höherer Mathe-matik in der Lage ist, aus einem evolutiven Druck erklären lässt. Das leuchtet mir nicht ein. (Siehe hierzu
Vaihingers »Allgemeines Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck«.) Zurück zum Text
Anm. 7: Es wird seit einiger Zeit viel darüber diskutiert, ob ein Computer jemals denken wird wie ein Mensch. Wenn der Mensch primär ein physiochemischer Mechanismus ist, dann sehe ich überhaupt keine prinzipiellen Schranken dafür, soetwas ganz oder teilweise künstlich nachzuahmen. Die wirklich interessante Frage ist, ob ein Computer jemals ein sich wissendes Subjekt wird. Da ich aber nicht einmal mit Sicherheit feststel-len kann, ob mein Mitmensch ein bewusst erlebendes Ich ist (siehe Solipsismus), werde ich dies auch nie von einem Computer wissen können. (Es ist ja schließlich kein Pro-blem, meinen Computer so zu programmieren, dass er jedesmal nach dem Anschalten erklärt, er sei sich gerade seiner Existenz bewusst geworden.) Zurück zum Text
Anm. 8: Als ich 1987 zum ersten mal zu der Erkenntnis gelangte, dass das Bewusstsein überall ist, war dies für mich eine atemberaubende, äußerst merkwürdige, zu Beginn sehr dubiose Erfahrung, bei der ich selbst Probleme hatte, sie Ernst zu nehmen. Besonders wohl deshalb, weil ich, bevor ich
Agnostiker wurde,
Materialist war. Inzwischen ist es für mich eine geradezu banale Tatsache. Bei vielen Menschen, besonders bei natur-wissenschaftlich denkenden unreflektierten Materialisten und Positivisten, stößt man mit einer solchen Behauptung auf starken Widerspruch oder wird ausgelächelt. (Die klopfen einem auf die Schulter und sagen: »Jaaa, Indianerphilosophie, nä?«) Dabei ist eine solche Auffassung gerade aus naturwissenschaftlicher Sicht völlig folgerichtig. Nach dem gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisstand ist die Welt, die wir erleben, nicht die von uns unabhängig existierende Welt, sondern unser Bild, dass wir uns auf Grund von Sinnesdaten sowie von angeborenen und erworbenen Arbeitsweisen unseres Gehirns in unserem Bewusstsein von dieser Welt machen. Und das im Bewusstsein erstellte Bild von der Welt ist wie sollte es anders sein? zur Gänze Bewusstsein. Wenn ich die Augen schließe und mir in Gedanken etwas vorstelle, dann tritt diese Vorstellung, je plastischer ich sie hinkriege, aus meinem Kopf aus, ist nicht in meinem Kopf, sondern vor mir, ganz im Wortsinne: »vor-stellen«. Das kann jeder selbst auspro-bieren: Die Augen schließen und sich ein bestimmtes Bild vorstellen, z. B. eine Land-schaft, einen Menschen oder ähnliches. Und dann darauf achten, was man unmittelbar erlebt. Man erlebt das Bild nicht in seinem Kopf. Man erlebt es vor sich. (Siehe hierzu auch Ditfurth Innenansichten eines Artgenossen, S. 241 - 250, Kapitel
Kopf und Kosmos.) Welche Schlußfolgerungen man aus einem solchen Erlebnis zieht, ist eine weitere Frage. Das Erlebnis als solches finde ich aber schon sehr interessant. Bei Träumen und Halluzinationen passiert ja wohl nichts anderes. Die Philosophen Husserl und Reininger haben, wenn auch auf verschiedene Weise, hieraus den Schluss gezogen, dass damit die Existenz der Dinge unabhängig von uns bewiesen sei. Wäre dies aber ein unumstößlicher Beweis, dann wären auch die Dinge meiner Träume und anderer Halluzinationen als unabhängig von mir existierend bewiesen. Zurück zum Text
Anm. 9: Auf die »Zufälligkeiten«, die ich oben erwähnt habe, bin ich im Verlaufe meines Philosophierens selber gestoßen. Es gibt weitere »Zufälligkeiten«, deren Kenntnis aller-dings physikalisches Grundwissen voraussetzt und die ich später bei Hoimar von Ditfurth kennengelernt habe, »Zufälligkeiten«, ohne die nicht nur ich nicht entstanden wäre, sondern das Leben generell nicht. Die Expansion des Universums durfte keine beliebige Geschwindigkeit haben. Eine zu langsame Ausdehnung hätte dazu geführt, dass schon früh die Gravitation die Oberhand gewonnen hätte und das Universum in sich zusammen-gestürzt wäre, bevor sich nennenswertes in ihm hätte entwickeln können. Eine zu starke Expansionsgeschwindigkeit hätte aber die Gravitation so überspielt, dass sich keine Sonnen hätten bilden können. Der Urknall hat dem Universum exakt den Schwung mitge-geben, der unsere Entstehung ermöglichte. Die Schwerkraft ist um den Faktor 10 hoch 40 schwächer als die Kernbindungskräfte. Wäre die Schwerkraft weniger schwächer, dann hätten sich erheblich kurzlebigere Sonnen entwickelt, auf deren Planeten in der Kürze der Zeit keine molekulare und dann biotische Evolution hätte ablaufen können. Würden die Kernbindungskräfte nur geringfügig oberhalb oder unterhalb dessen liegen, was die Physiker inzwischen als Naturkonstante registriert haben, wären nie die Fusionsprozesse in Gang gekommen, durch die in den Zentren der Sonnen die uns bekannten chemischen Elemente zusammengebacken wurden. Ditfurth zitiert den Phy-siker Freeman Dyson mit den Worten: »Es ist fast so, als ob das Universum gewusst hätte, dass es uns eines Tages geben würde.« (Hoimar von Ditfurth, Innenansichten, Claassen Verlag GmbH, Düsseldorf 1989, S. 239241 Auch hier muss ich anmerken, dass ich später erfahren haben, dass diese Thesen Ditfurths in der Astrophysik und der theoretischen Physik nicht unumstritten sind. Z. T. scheinen sie auch veraltet zu sein.) Die Erde hatte bei ihrer Entstehung einige Eigenschaften, die für die spätere Entwicklung von entscheidender Bedeutung waren: »Ein Sonnenabstand von 150 Millionen Kilometer. Eine Größe, welche infolge der aus ihr resultierenden Erwärmung die Entstehung eines metallischen Erdkerns ermöglichte. Ein Gehalt an radioaktiven Elementen, der zu dieser Erwärmung gerade soviel beitrug, dass die Bestandteile der Erdrinde zu einer zusam-menhängenden Oberfläche verschmelzen konnten. Der andererseits aber doch so gering war, dass die hier entstehenden Verbindungen sich nicht durch zu starke Erhitzung wieder restlos in ihre Bestanteile auflösen.« (Hoimar von Ditfurth, Im Anfang war der Wasserstoff, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1972, S. 67) Zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Erdgeschichte hat wahrscheinlich eine Kollision mit einem sehr großen Meteoriten stattgefunden, in deren Folge der Mond entstand. Ohne diesen Zufall wäre die ganze zukünftige Entwicklung auf der Erde anders abgelaufen. Der Mond bremst z. B. die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde. Dadurch wiederum schafft er das Magnetfeld der Erde, das uns vor dem Sonnenwind sehr schnelle Materieteilchen schützt. Das ständige Einwirken des Sonnenwindes würde dazu führen, dass die Mutationen so über Hand nähmen, dass keine Art mehr über längere Zeit hinweg existieren könnte. (Über die Entstehung des Magnetfeldes der Erde gibt es weitere Theorien. Auch solche, die den Mond nicht benötigen.) Mit der Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde hängen u. a. die Windgeschwindigkeiten zusammen. Ohne den Mond hätten wir Windgeschwindigkeiten von bis zu 500 km/h. Die Evolution des Lebens, besonders die außerhalb der Meere, wäre dann eine ganz andere gewesen. Wenn man davon ausgeht, nicht zufällig entstanden zu sein, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Auffassung, dass man auch nicht zufällig in der Lebenssituation ist, in der man sich befindet. Die grundsätz-lichen Rahmenbedingungen unseres Lebens waren vielleicht schon vor unserer Geburt festgelegt. Die Vorstellung einer ethischen Kausalität liegt dann nahe, wie in der indischen
Karma-Lehre. Dies ist aber eine Spekulation. Man sollte nicht in den Fehler verfallen, aus einer solchen Spekulation, oder etwas moderater ausgedrückt, aus dieser »Vermutung« eine unumstößliche Wahrheit zu machen, wie es leider bei Esoterikern gang und gäbe ist. Mit z. T. inhumanen Konsequenzen. Zurück zum Text
betrachtet gleichermaßen mit Ja und Nein beantwortet werden.
habe ich meine Argumente gegen eine rein naturwissenschaftliche Sicht der Welt zusammengefasst.
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