Die Minderwertigkeitsgefühle sind in der Individualpsychologie der Dreh- und Angelpunkt, das zentrale Element, um das alles andere kreist. Minderwertigkeitsgefühle sind nach Adler etwas allgemein menschliches, nicht etwas, von denen nur einige oder viele Men-schen betroffen sind. Die Auseinandersetzung mit dem Minderwertigkeitsgefühl werde - wenn nicht richtig gelöst - Ursache für Neurosen, könne aber auch Ursache für Kultur werden. Das Minderwertigkeitsgefühl dränge zu Wachstum und Entwicklung. Deshalb sei ein Kind erziehbar, ahme die Eltern nach etc. Wir seien von Natur aus Mängelwesen. Deshalb entwickelten wir Wissenschaft und Technik. [Nach meiner Terminologie sind wir "Bedürftige Wesen". Das kommt dem adlerischen Mängelwesen aber sehr nahe.]
Minderwertig- und Mehrwertigkeitsgefühle haben ihre Ursachen oft darin, daß ein Mensch aus dem Blick seiner Mitmenschen im Vergleich mit anderen Menschen tatsächlich einen größeren oder kleineren Wert hat. Die Menschen haben Bedürfnissen und sind unterschiedlich dazu in der Lage, sich diese Bedürfnisse zu befriedigen. Die Menschen haben Ansprüche an andere Menschen und die Menschen sind unterschiedlich dazu in der Lage, diesen Ansprüchen zu genügen. Minder- oder Mehrwertigkeit eines Menschen ist zwar kein objektiver, aber ein inter-subjektiver Tatbestand. Von einem Minderwertig- bzw. Mehrwertigkeitskomplex würde ich in dem Moment sprechen, wo die subjektive Eigenwertvorstellung eines Menschen von der inter-subjektiven abweicht. Aufgabe von Psychotherapie sollte es sein, den Einzelnen zu helfen, seinen "inter-subjektiven Wert" zu erkennen (und damit auch die "allgemeinen Vor- und Nachteile seines Geschicks" wie Adler es selbst nennt), zu akzeptieren und dann das Beste daraus zu machen. (Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß dies besser ist, als sich bezüglich seines "inter-subjektiven Werts" etwas vorzumachen.)
Adler hatte in seiner Kindheit mit gesundheitlichen Problemen, mit Organminderwertigkeit zu kämpfen. Hat Adler dann später als psychologischer Theoretiker nicht zu sehr von sich auf alle geschlossen? Adler sagte einmal zu Freud: "Glauben Sie denn, daß es ein so großes Vergnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in ihrem Schatten zu stehen?" (Rattner, 30) Adler hat diesen Satz nicht bestritten. Wie auch immer er ihn später interpretierte, dieser Satz zeigt für mich, daß Adler eben selbst ein starkes Geltungsbedürfnis hatte. Ich bekomme den Eindruck, daß hier mal wieder jemand aus seinen persönlichen Problemen eine Weltanschauung gemacht hat. Diese Kritik schließt aber nicht aus, daß Adler viel Interessantes über die Psyche des Menschen geschrieben hat.
Adler und Popper: Die Begegnung mit Adler war für
Karl Popper einer der Anstöße, sich vom Dogmatismus zu trennen. Bei Adler, wie bei Freud, sah Popper das Verhalten, in der Realität Beweise für die Richtigkeit von Theorien zu suchen. Jeder neue Fall würde so interpretiert, daß er in die Theorie passe. Popper sagte aber auch, daß die Theorien Adlers und Freuds wahrscheinlich viel Wahres enthalten.
Anmerkungen
Anm. 1: "Die Anschauungen der Individualpsychologie verlangen den bedingungslosen Abbau des Machtstrebens und die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls. Ihre Losung ist der Mitmensch, die mitmenschliche Stellungnahme zu den immanenten Forderungen der menschlichen Gesellschaft." Man vergleiche diese Aussage mit dem
2. Kapitel von Nietsches "Antichrist". Zurück zum Text
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