Die altchinesische Philosophie


Die Schreibweise von Philosophen, philosophischen Begriffen, philosophischen Strömun-gen etc. sind in der Literatur unterschiedlich.


Grundsätzliches:



[Die beiden letzten Punkte - man liest und hört sie häufig, wenn man sich mit chinesi-scher Philosophie beschäftigt - passen allerdings nicht ganz zur Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert. Ist der brutal geführte Krieg zwischen den Kommunisten und den Nationalisten einzig auf westliche Einflüsse zurückführbar? Haben nicht beide Seiten bei der Unterdrückung der jeweils anderen Millionen umgebracht?]


Der chinesische Gelehrte Chan Wing-Tsit hat die chinesische Philosophie mit einer in drei Sätzen ablaufenden geistigen Symphonie verglichen.

Welche langfristigen Auswirkungen die Ereignisse des 20. Jahrhunderts, besonders die kommunistische Herrschaft seit 1949, für die chinesische Philosophie haben wird, ist noch nicht absehbar. Aber das eine neue Epoche begonnen hat, steht außer Zweifel. [Soweit man den immer möglichen Zweifel an der Existenz der Welt ausklammert.]


Die wichtigste chinesische Philosophie ist der Konfuzianismus.
Siehe Extraseite


Lao Tse

Im Gegensatz zu Konfuzius war Lao Tse (auch Lao Zi) (ca. 6. Jahrhundert v. u. Z.) - dessen tatsächliche Existenz umstritten ist - ein Metaphysiker. Das Buch "Tao-te King" (auch Dao De Jing), daß er geschrieben haben soll, ist jedenfalls vorhanden.

Tao (auch Dao): Der unfaßliche Urgrund der Welt, das Gesetz aller Gesetze, Vernunft, das Absolute. (Wie in Indien  Brahman.)

Erkenntnis: Das Tao ist als letzter Urgrund unfaßbar, das Erkennen des Nichterkennens ist das Höchste. ( Negative Theologie.) Wir können aber das Tao erfühlen, uns seines Wirkens innewerden, wenn wir demütig und hingebungsvoll die Natur betrachten.

Gesellschaft und Politik: Aber auch Lao Tse strebt nicht nach Weltflucht und Askese. Der Mensch soll in der Welt stehen und in ihr wirken, aber so, als wäre er gleichsam nicht von ihr. Ihm wird der Satz zugeschrieben: "Liebt die Dinge der Welt, aber verliert euch nicht an sie." ["Ja, Wohlstand wollen wir gern anstatt, daß uns am Ende der Wohlstand hat." Wolf Biermann]

Ethik: Parallelen zu  Buddha und  Jesus. Vergelte Böses mit Gutem, vergelte Lüge mit Wahrhaftigkeit.

Einfachheit: Das einfache Leben verschmäht Gewinn, Künstelei, Selbstsucht, aber auch Klugheit. "Der vollkommene Mensch wünscht nichts zu wünschen. Schaffen wir höchste Leere, bewahren wir feste Stille." Der Erleuchtete kehrt zurück zur Einfalt des Kindes. Wenn das Volk schwer zu lenken ist, dann liegt es daran, daß es zuviel Wissen hat. Wer das Land durch Wissen lenkt, ist des Landes Räuber. Wer nichts nachläuft, dem fallen gerade dadurch die Dinge zu usw. (Zitate aus Störig, S. 96ff) [Mir geht das zu weit! Es fängt an tatsächlich einfältig und lebensfeindlich zu werden. Genau den gleichen Quatsch kann man in der Bergpredigt lesen. "Sorget Euch nicht darum, was ihr essen werdet und womit ihr Euch kleiden werdet, wenn Ihr nur an meinen Vater glaubt, wird Euch das alles zufallen ..." Mit einer solchen Einstellung wären die Menschen durch keinen Winter gekommen.]


Zhuang Zhou

Zhuang Zhou (oder Zhuang Tse, Zhuangzi - man findet viele weitere Schreibweisen), ca 365 - 290 v. u. Z.) war der zweite wichtige Taoist. Er wies auf die Relativität von Erfahrungen und Wertmaßstäben hin und versuchte den Menschen falsche Gewißheiten bewußt zu machen. Seine philosophischen Auffassungen gab er vielfach in Parabeln wieder. Sein wohl bekanntester Text ist der "Schmetterlingstraum". Zhuang Zhou träumte, er sei ein Schmetterling, der fröhlich umherflatterte und nichts wußte von Zhuang Zhou. Nach dem Erwachen fragte sich Zhuang Zhou: Bin ich nun Zhuang Zhou, der träumte, er sei ein Schmetterling, oder bin ich ein Schmetterling, der träumt, er sei Zhuang Zhou? [1]

Zhuang Zhou.


Taoismus (auch Daoismus): Anknüpfend an die Lehre vom  Tao entstand eine mystische Religion, die allerdings mit allerlei völkischem Aberglauben, Magie, Alchimie u. ä. m.. vermischt wurde. Also auch hier eine gewisse Ähnlichkeit zu einem Teil des Buddhismus und zum Christentum, deren Bedeutung der Taoismus allerdings nie erreichte.


Mo Tse

Mo Tse lebte ca. 500 - 396 v. u. Z.

Der Mohismus ist eine reine Nützlichkeitsphilosophie. (Ähnlichkeit zum Pragmatismus und  Utilitarismus.) Die allgemeine Wohlfahrt fördern, das Übel bekämpfen und die Bevölkerung vermehren. Diesem Ziel wird alles andere untergeordnet.

Pazifismus: Kriege vermindern den Reichtum und dezimieren die Bevölkerung und werden deshalb abgelehnt. Die Mohisten führte wahre Abrüstungsfeldzüge durch.

Undogmatisch: Jede Theorie muß sich anhand der (empiristischen) Erfahrung überprüfen lassen und sich hier als nützlich erweisen. Anderenfalls wird sie verworfen.

Ethik: Gefordert wird eine allgemeine Menschenliebe. "Behandle andere Länder wie dein eigenes, behandle andere Menschen wie dich selbst." Denn: Wer andere liebt, der wird wieder geliebt werden.

Kunst:  Musik und andere Künste (von Konfuzius hoch geschätzt) werden abgelehnt, da sie die Bevölkerung von produktiver Arbeit abhalten.

Religion: Noch stärker als Konfuzius tritt Mo Tse für die überlieferte Religion ein. Denn: Wenn jedermann an die Macht der Geister glaubt, das Gute zu belohnen und das Böse zu bestrafen, so wird es keine Unordnung geben.

[Es ist zwar ein etwas ungeschlachter Pragmatismus, besonders mit einer etwas einseitige Auffassung von Wohlfahrt, aber für die damalige Zeit war es doch erstaunlich undogmatisch und ethisch hochstehend.]

Der Mohismus hatte im 4. und 3. Jahrhundert v. u. Z. seine Hochzeit. Nach dem 2. Jahrhundert v. u. Z. verschwand er völlig. Der herrschende Konfuzianismus betrachtete den Mohismus als Irrlehre.


Reaktionen auf die Hauptströmungen und Weiterentwicklungen


Die Sophisten

Wie im antiken Griechenland (und ähnlich in Indien mit den  Charvakas), traten auch in China Sophisten auf, die durch logische Haarspaltereien absurdeste Behauptungen aufstellten und die philosophischen Hauptströmungen in Frage stellten. Sie wirkten zwar einerseits zersetzend, aber andererseits nötigten sie ihre Gegner dazu, ihre Positionen besser zu durchdenken. Sie wirkten insgesamt also durchaus befruchtend.

Außerdem beschäftigten sie sich mit Begriffen wie Raum und Zeit, Bewegung und Ruhe, Substanz und Qualität und nahmen spekulativ Ergebnisse der modernen Naturwissen-schaft vorweg.

Auf Grund ihres ethischen Relativismus, bzw. Nihilismus und häufig auch der Gewissen-losigkeit ihres Handelns wurden viele von ihnen hingerichtet.


Der Neu-Mohismus

Als Reaktion auf die Sophisten entstand der Neu-Mohismus, indem sich nämlich nun die Mohisten selbst auf die Gebiete der Logik und Erkenntnistheorie begaben, aber nicht, um dort stehen zu bleiben, sondern um am Ende beweisen zu können, daß Logik und Erkennen dem praktischen Handeln untergeordnet werden müssen.


Die Legalisten

Die Legalisten waren eine Gruppe von Denkern, denen der konfuzianische Grundsatz, daß die Regierenden durch ihr bloßes Beispiel ihr Volk lenken sollen, nicht ausreichte. Sie forderten, daß es eine umfassende bis ins einzelne gehende Gesetzgebung geben müsse, die durch ein System von Belohnung und Strafe durchgesetzt werden müsse. Ihre Grundsätze entsprachen dabei weitgehend den Grundsätzen des Konfuzius.

Die Legalisten hatten zeitweilig einen großen Einfluß und bekämpften, trotz vieler Übereinstimmungen, die anderen Strömungen in der chinesischen Philosophie und Gesellschaftstheorie. So kam es im Jahre 213 v. u. Z. zu einer großen Bücherver-brennung. Während der Konfuzianismus sich später wieder durchsetzen konnte, hat sich der Mohismus davon nie wieder erholt.


Mencius

Mencius (auch Menzius; 371 - 289, chin. Meng Tse) war ein Schüler des Konfuzius. Er versuchte, dem Konfuzianismus eine psychologische Grundlage zu geben und entwickelte dabei zum Teil Vorstellungen, die ihn in einen gewissen Gegensatz zum Konfuzianismus brachten.

"Der Mensch ist gut!" Dies ist kurz und bündig die Auffassung des Mencius über den Menschen. Der Mensch braucht, um das Wesentliche zu erkennen, nicht die Natur beobachten (um das in ihr wirkende Tao zu erfassen, wie  Lao Tse forderte). Er braucht auch nicht das Vorbild der Weisen (wie Konfuzius meinte). Er muß in sich selbst schauen, denn in jedem Menschen liegt der Schlüssel zum harmonischen Leben. (Eine gewisse Nähe zu Rousseau und Marx.)

Wenn der Mensch sich im tatsächlichen Leben nicht gut verhält, dann liegt dies nicht an seiner Natur, sondern an der Unvollkommenheit der Gesellschaftsordnung und in Fehlern der Regierenden. [Hört sich ungemein bekannt an!] Deshalb hat das Volk auch ein natürliches Recht, einen unfähigen Herrscher abzusetzen und durch einen anderen zu ersetzen.

Dieses "Recht auf Revolution" hat Mencius natürlich in Gegensatz zum konservativen Konfuzianismus gebracht. Sein Bild und seine Schriften wurden dann auch des Öfteren aus den konfuzianischen Tempeln verbannt.


Hsün Tse

"Der Mensch ist schlecht!" Dies ist kurz und bündig die Auffassung des Hsün Tse (auch Xun Zi) (355 - 288) [und, wie ich stark annehme, die Reaktion auf die Lehre des Mencius.] Das Gute am Menschen ist künstlich.

Der Mensch hat von Natur aus das Begehren nach Nutzen, die verschiedensten Bedürfnisse. Läßt man diesen freien Lauf, dann entstehen Zank und Streit, Unordnung und Unzucht. Nur die Erziehung bringt Sitte, Recht und Freundlichkeit hervor.

[Das naive Menschenbild des Mencius brachte die schroffe Ablehnung durch Hsün Tse geradezu zwangsläufig hervor. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft irgendwo in der Mitte!]

Naturbeherrschung: Hsün Tse forderte die tätige Beherrschung der Natur.

Hsün Tses Theorien erinnern stark an Thomas Hobbes. [Und entsprechen weitgehend auch meinen Auffassungen.]


Die Philosophie des chinesischen Mittelalters


Wan Tschung

Wan Tschung kämpfte im 1. Jahrhundert u. Z. (vergeblich) gegen die mittelalterliche Erstarrung des Konfuzianismus. Unter Berufung auf Erfahrung und Vernunft (Empirie und Ratio) wandte er sich gegen alle Formen des Irrglaubens, bzw. Aberglaubens. Ausgehend von ihm kam es in der Folgezeit zu einer eingehenden Textkritik und zu freierem Denken. Dies blieb allerdings nur eine Episode.


Die Yin-Yang Lehre

Schon dem  "Buch der Wandlungen" lag der Gedanke zugrunde, daß in allem Bestehenden zwei entgegengesetzte Prinzipien wirksam seien, das männliche, aktive Yang und das weibliche passive Yin. Im chinesischen Mittelalter wird dies zur zentralen Idee der Philosophie. Nicht nur das eine eigene philosophische Richtung entstand, auch die konfuzianischen und  taoistischen Denker machten es zum Mittelpunkt ihrer Weltanschauung. [Gewissermaßen ein Hauch von Dialektik.]


Der Buddhismus in China

Der Buddhismus ist die einzige nicht in China entstandene Religion bzw. Philosophie, die in China vor Beginn der Neuzeit eindrang und auf Dauer dort Fuß faßte. Es konnten sich allerdings nur die buddhistischen Schulen halten, die zumindestens teilweise dem chine-sischen  Volkscharakter entgegen kamen. Der  Zen-Buddhismus ist im wesentlichen eine chinesische Schöpfung.

Das Eindringen des Buddhismus in China um die Zeitenwende forderte den Konfuzianis-mus zu einem gewaltigen Gegenschlag heraus. Die konfuzianische Kritik am Buddhis-mus:


Das Zeitalter des Neu-Konfuzianismus


Die Sung-Zeit - 960 - 1279 - Der Philosoph Tschu Hsi

Die Fortbildung des Konfuzianismus durch Tschu Hsi (auch Zhu Xi) (1130 - 1200) ist die Grundlage des Neu-Konfuzianismus.

Li und Ki: Die beiden Grundbegriffe seiner Philosophie sind Li (eine umfassende Weltvernunft) und Ki (Materie). Der Gegensatz von Li und Ki (auch Qi) ist der von  Yin und Yang. [Es gibt allerdings bestimmte Probleme bzw. interessante Überlegungen, wenn man Li mit Yin und Ki mit Yang gleichsetzen will. Oder auch Li mit Yang und Ki mit Yin.] Beide werden in untrennbarer Bezogenheit aufeinander gedacht. Die Vernunft ist das Obere, die Materie ist das Untere. Zeitlich ist weder Vernunft noch Materie früher oder später, nichts desto trotz die Vernunft das Primäre ist. Doch bildet die Vernunft wiederum kein gesondert für sich bestehendes Wesen. Vernunft ist nie von der Materie getrennt gewesen. Ohne Materie hätte die Vernunft keinen Anhaltspunkt.

[Es handelt sich hier um den Versuch einem Weg zwischen einem  idealistischen Monismus und einem  Dualismus zu gehen, den in ähnlicher Weise auch  Aristoteles mit seiner Theorie von "Form und Stoff" zu gehen versuchte.]

Die Philosophie der Sung-Zeit, in der auch noch andere bedeutende Philosophen auftraten, wird als die rationalistische oder Vernunft-Schule bezeichnet.


Die Ming-Zeit - 1368 - 1644

Der größte Widersacher von Tschu Hsi ist der Philosoph Wang Yang Ming (1473 - 1529) Er gibt dem Neu-Konfuzianismus eine Wende zu einem  idealistischen Monismus.

Die Philosophie dieser Zeit wird die  idealistische Schule genannt.


Die Tsching-Zeit - 1644 - 1911

Die beherrschende Strömung in dieser Zeit ist mit dem Namen des Philosophen Tai Yung Yüan (1723 - 1777) verbunden. Er versuchte den gesamten Gehalt des klassischen, mittelalterlichen und jüngeren Konfuzianismus in einer Synthese zu vereinigen.

Da in seiner Philosophie der Erfahrung ein besonders großer Wert beigemessen wird, nennt man sie die empiristische Schule.


Anmerkungen

Anm. 1: Eine Parabel, die solche "Spinnereien" wie dem Schmetterlingstraum humoris-tisch zu widerlegen glaubt, stammt von dem deutschen Dramatiker Bertolt Brecht (1898 - 1956) und spielt ebenfalls im alten China: "Im Kloster Mi Sang am Ufer des Gelben Flusses trafen sich Philosophen, um über die Frage zu diskutieren, ob der Gelbe Fluß wirklich existiert oder nur in den Köpfen der Menschen. Während der Diskussionen kam es zu einer Schneeschmelze im Gebirge, der Gelbe Fluß trat über seine Ufer und schwemmte das Kloster Mi Sang mit allen Philosophen davon. Deshalb konnte die Frage, ob der Gelbe Fluß wirklich existiert oder nur in den Köpfen der Menschen, bisher nicht geklärt werden." (Dies ist nicht der Originaltext von Brecht, sondern meine sinnge-mäße Nacherzählung.) Die  Materialisten schlagen sich beim Lesen dieser Parabel lachend auf die Schenkel. "Was für Spinner diese  Idealisten bloß sind." Aber ein Beweis für die Richtigkeit des Materialismus ist diese Parabel nicht. Sie zeigt bestenfalls auf, daß es im praktischen Leben nicht sinnvoll ist, die objektive Existenz der Welt zu bezweifeln. Das machen die Skeptiker in der Regel auch gar nicht. Die Frage ist, ob man aus Einstellungen, die man im praktischen Leben als sinnvoll erachtet, ontologische Wahrheiten ableiten kann. Zurück zum Text


Zur philolex-Startseite


Copyright © by Peter Möller, Berlin.