Fromm will der Philosophie nicht ihren Eigenwert streitig machen, aber er relativiert sie. Der Mensch philosophiere nie, ohne vom Unbewußtsein so oder so bestimmt zu sein. ["Bestimmt" oder "beeinflußt" kann verschiedenes bedeuten. Beeinflußt durch das Unbewußte, dem stimme ich zu. Bestimmt im Sinne von determiniert, eine Marionette des Unbewußtseins geht mir zu weit. Der Mensch kann sein Unbewußtsein erkennen und sich dann auch bewußt über es erheben, zumindestens zum Teil, zumindestens kann er sich darum bemühen. (Das geht ein bißchen in die Richtung Adorno. Aber Adorno wertet zwar die Bedeutung des Unbewußten ab, überbewertet dafür aber Interesse und Schichtzugehörigkeit.) Kann man Fromm "Psychologismus" vorwerfen? Wird der Mensch zu einer Marionette seines Unbewußtseins?]
Fromm suchte nach den psychischen Kräften, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Er entwickelte eine eigene analytische Methode der Sozialpsychologie, mit der er das Unbe-wußte gesellschaftlicher Größen erforschen wollte. Es gebe ein vom gesellschaftlichen Sein geprägtes gesellschaftliches Unbewußtes, einen Gesellschaftscharakter [So wie auch jedes Volk einen bestimmten Volkscharakter hat.], der die tierische Instinktsicher-heit ersetze. Dieser Gesellschaftscharakter sei das Zwischenglied zwischen der ökono-mischen Basis einer Gesellschaft und der psychischen Struktur des Einzelnen. Mit diesen Auffassungen glaubte Fromm erklären zu können, warum Menschen, die sich in der gleichen Lebenslage befinden, auch gemeinsame unbewußte Bestrebungen (Charak-terzüge) und Ideale hätten.
[Sollte man dann nicht von einem "Schichtencharakter" statt von einem "Gesellschafts-charakter" sprechen? Bzw. von beidem?
Die Einheitlichkeit sozialer Schichten existiert nur tendenziell, nicht durchgehend. Z. B. Sozialdemokraten und Kommunisten in der Arbeiterbewegung, Liberale, Konservative und Reaktionäre unter den Selbständigen und Unternehmern etc. Trotz aller Gemeinsamkei-ten der Menschen generell und der Menschen in bestimmten Lebenslagen, hat doch jeder Mensch seine ganz spezifische biotische, psychische und gesellschaftliche Konstitution bzw. Situation, ist ein erkenntnisbegabtes, mit Willensfreiheit ausgestattetes Wesen. Deshalb reagieren Menschen auf gleiche Lebensbedingungen oder Ereignisse unterschiedlich. [2]
Außerdem kommt hier zum Ausdruck, das zwar die Psyche (Bewußtsein und Unbewußt-sein) und die Gesellschaft (Soziologie und Ökonomie) untersucht wird und daraus Sozialpsychologie entsteht, aber die Natur des Menschen vernachlässigt wird. Man kann den Menschen allein mit der Biologie nicht hinreichend erklären, aber man wird auch nie menschliches Fühlen und Verhalten hinreichend erklären können, wenn man die Biologie ausklammert. Wobei dieser Vorwurf Fromm weniger gemacht werden kann, als vielen anderen "linken" Gesellschafts- und Human-Wissenschaftlern.]
Autorität, die Folgebereitschaft der Individuen erklärte Fromm als sado-masochistisches Verhalten. [Das mag ein Aspekt von Autorität und Folgebereitschaft sein. Aber auch hier wieder die Vernachlässigung der Biologie. Der Mensch hat eine Naturgeschichte. Schon Millionen Jahre vor dem Entstehen der Menschen sind unsere Vorfahren Herdentiere gewesen, die ihrem Leittier gefolgt sind. Die biologische Erklärung ist hier mindestens so wichtig, wie die psychologische.
Nun haben auch Tiere bereits eine Psyche. Aber das Verhalten eines Herdentieres seinem Leittier gegenüber als "sadomasochistisch" zu bezeichnen, ginge ja wohl in die Lächerlichkeit.
Ich will aber keineswegs hier einen Biologismus oder Sozialdarwinismus vertreten. Man sollte hier an
Nicolai Hartmanns Kategorial-Analyse und Schichtungsgesetze denken. "Die wiederkehrenden Kategorien wandeln sich, werden vom Charakter der höheren Schicht überformt." So wird auch der Folgetrieb der Herdentiere bei den Menschen überformt, aber bei den verschiedenen Menschen in unterschiedlich starkem Maße.]
Verwirklichung und Transzendierung der Individualität:"Ich glaube, daß der Mensch sich das Erlebnis des ganzen universalen Menschen nur vergegenwärtigen kann, wenn er seine Individualität verwirklicht, und daß er es niemals erreichen wird, wenn er sich auf einen abstrakten gemeinsamen Nenner zu reduzieren sucht. Die paradoxe Lebensaufga-be des Menschen besteht darin, seine Individualität zu verwirklichen und sie gleichzeitig zu transzendieren, um zum Erlebnis der Universalität zu gelangen. Nur das ganz entwickelte individuelle Selbst kann das Ego aufgeben. " (Aus Fromms "humanistischen Credo", 14. Absatz.) [Dem kann ich als Ideal durchaus zustimmen. Aber die Frage bleibt, können das die Menschen überhaupt bzw. wieviele von ihnen können das.]
Mit dem 1956 veröffentlichten, aber erst später weltweit populär gewordenen Buch "Die Kunst des Liebens" wurde Fromm auch in Europa bekannt als ein humanistischer Denker, der an die Fähigkeit des Menschen zu Vernunft und Liebe glaubt. [Das Buch besteht in einem beträchtlichen Maße nicht aus Beschreibungen der Realität, sondern aus Vorschlägen und Forderungen, letztlich aus Wünschen Fromms. Und ich habe nicht den Eindruck, daß das, was Fromm in diesem Buch schreibt, bei der Masse seiner Leser nennenswerte Auswirkungen auf ihr praktisches Leben hat.] Hinweis auf eine Zusammenfassung dieses Buches unten in der
Linksliste.
Der Nekrophilie stellte Fromm die Biophilie entgegen, die Liebe zum Leben, zum Leben-digen. Im Gegensatz zu
Freud, bei dem Lebens- und Todestrieb gleichrangig sind, ist für Fromm die Biophilie die primäre Potenz, [kann als Wunschdenken ausgelegt werden] während die Nekrophilie eine bösartige Entartung darstelle, die eintrete, wenn die erste Möglichkeit vereitelt werde. [In diesem Punkt stimme ich Fromm zu. Aber ich sehe diese Aussage nicht als eine Wahrheit an, sondern als eine plausible
Hypothese. Näher ausgeführt habe ich dies im 9. Kapitel "Meiner Philosophie". (Primäre und sekundäre
Bedürfnisse.)]
"Der Mensch muß die Kräfte der Natur und Gesellschaft unter seine bewußte und vernünftige Kontrolle bringen, jedoch nicht unter die Kontrolle einer Bürokratie, die Dinge und Menschen verwaltet, sondern unter die Kontrolle freier, assoziierter Produzenten, ...". (Aus Fromms "humanistischen Credo, 22. Absatz.) [Dem liegt das illusiorische marxisti-sche Menschenbild zugrunde. Ich würde mich sehr freuen, wenn das funktionieren würde. Aber in der Praxis hat die große Mehrheit der Menschen die Fähigkeit zu einem solchen Verhalten vermissen lassen. Ein positiver Unterschied zu Adorno und Horkheimer ist hier, daß der Mensch die Kräfte der Natur unter seine vernünftige Kontrolle bringen soll. Die
"Frankfurter" sehen darin einen fundamentalen Fehler in der Menschheitsentwicklung.]
In seiner 1976 erschienene Schrift "Haben oder Sein" arbeitete Fromm die These zweier verschiedener Denk- und Verhaltensweisen näher aus. Ein Haben-orientierter Mensch schöpfe seine Identität aus dem, was er habe, z. B. materielle Güter, religiöse Überzeu-gungen, Titel etc., oder auch aus dem, was er nicht habe. Ein Seins-orientierter Mensch schöpfe seine Identität aus dem, was er sei, wie er denke, handle. Ein Seins-orientierter Mensch wüchse, produziere, sei schöpferisch, lebe. Ein Haben-orientierter Mensch besitze etwas faktisch totes. (Siehe auch Marcel.)
[Haben ist oft die Voraussetzung für Sein. Um Fromms Theorien verstehen zu können, braucht man eine gewisse Menge an Bildung, anders ausgedrückt, man muß Bildung haben. Man muß Zeit und Konzentrationsvermögen haben. Wer ein (finanzielles) Vermö-gen hat, wer sich um die materiellen Grundlagen seines Lebens nicht zu kümmern braucht, hat mehr Zeit für seinsorientiertes Verhalten.]
Fromm und viele andere "linke" Wissenschaftler hantieren bewußt oder unbewußt mit einem sehr eingeschränkten Erkenntnisbegriff. Es geht bei ihnen faktisch um philosophi-sche, soziologische, psychologische, kulturwissenschaftliche usw. Theoriebildungen. Was sie Erkenntnis nennen, ist eigentlich das Produzieren von Weltanschauungen! Was Wunder, das dort Interessen und Charakter eine Rolle spielen. Zusätzlich und manchmal sogar ausschließlich - und das wird von diesen Wissenschaftlern nicht bemerkt oder ignoriert - spielen aber auch bewußte und unbewußte Wert- und Wunschvorstellungen eine Rolle. Ansonsten ließe sich nicht erklären, warum Mitglieder privilegierter Schichten linke Sozial- und Humanwissenschaftler werden. Und ohne diese Wert- und Wunschvor-stellungen ließe sich auch nicht erklären, warum die Theorien dieser sehr gebildeten und intellektuell sehr leistungsfähigen Menschen oft an den Realitäten völlig vorbeigehen.
Ob über das Produzieren von Weltanschauungen hinaus Interessen und Charakter eine Rolle spielen, mag bei den verschiedenen Wissenschaften und bei verschiedenen Forschungsgegenstände unterschiedlich sein. Es wird doch wohl keiner bestreiten wollen, das 2 x 2 = 4 sind unabhängig von den Interessen und dem Charakter eines Menschen. (Ob die Regeln der Mathematik das Sein schlechthin betreffen oder nur Teile des Sein, die Frage klammere ich hier aus.) Auch physikalische und chemische Prozesse können erkannt werden, ohne daß dort Charakter und Interesse eine Rolle spielen. Genau das Gleiche ist es mit technischen Erfindungen.
Bei der Beschreibung komplexerer Vorgänge fließen Interpretationen ein, die von Charak-ter und Interesse beeinflußt sind, was dann besonders in Human- und Gesellschaftswis-senschaften eine Rolle spielen kann. (Beispiel: Ob man mehr Freud, Jung oder Adler zuneigt, mag durch Charakter und Interesse beeinflußt sein.) Sinnvollerweise sollte man gerade bei solchen Erklärungen von
Hypothesen sprechen. Aber auch hier kann man sich zumindestens bemühen, die eigenen Interessen und den eigenen Charakter nicht zu
Erkenntnisschranken werden zu lassen. Ansonsten ließe sich ja - das kann man nicht oft genug erwähnen - gar nicht erklären, warum viele Mitglieder der privilegierten Schichten humanistisch oder sozialistisch denkende Menschen geworden sind.
Anm. 2: Ich sehe das folgendermaßen: Es gibt einen Schichtencharakter, einen Gesell-schaftscharakter und einen Volkscharakter. Aber kein Individuum geht zwangsläufig in diesen Charakteren auf. Wenn man eine statistische Erhebung macht, dann wird man feststellen, daß in bestimmten Gesellschaften, bestimmten Schichten und bestimmten Völkern gewisse Charakterzüge und Verhaltensweisen vorherrschend sind. Aber man wird immer auch Individuen finden, die völlig aus der Reihe tanzen, und man wird sehen, daß die Individuen in unterschiedlich starkem Maße die Charakterzüge der "übergeordne-ten" Charaktere aufweisen.
Charaktere können sich ändern. Wenn über längere Zeit hinweg sich die Lebenslage der Mitglieder einer bestimmten Schicht ändert, ändert sich auch der Schichtcharakter. Z. B. wurden aus einstigen Proletariern durch Verbesserung ihrer materiellen Lebensumstände Kleinbürger. Aus liberalen Bürgern können bei Bedrohung ihrer gesellschaftlichen Stellung Reaktionäre und Faschisten werden.
Die Menschen sind in unterschiedlich starkem Maße dazu fähig, die biotischen, psychischen, gesellschaftlichen und weiteren Determinanten ihres Verhaltens zu entdecken und sich bewußt über sie zu erheben. Dies ist in der Praxis aber immer nur einer kleinen Minderheit von Menschen gelungen. Zurück zum Text
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