Mit den neuen naturwissenschaftlich Theorien konfrontiert, hat Lenin zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht, den
Materialismus dadurch zu retten, daß er den Materiebegriff neu definierte. Materie ist nach ihm "eine philosophische Kategorie zur Bezeichnung der objektiven Realität." Materie sei alles, was unabhängig vom menschli-chen Bewußtsein existiere, also auch elektromagnetische Felder, Strahlungen, aber auch Gesetzmäßigkeiten oder soziale Prozesse und alles was in Zukunft noch entdeckt werden sollte. So wollte Lenin erreichen, daß der Materiebegriff nie veralten kann. [Damit hat er aber den Materiebegriff soweit gefaßt, daß er jeden Erklärungswert verliert. Lenins Materiebegriff war faktisch die Bankrotterklärung des Materialismus. Wenn alles Materie ist, was nicht menschliches Bewußtsein ist, dann wäre ein Gott oder eine wie auch immer geartete geistige Ursache der Welt per Definition eben Materie.]
Lenin hat allerdings auch mal zwischen physikalischem und philosophischem Materiebegriff unter-schieden, ohne das dies für seine Philosophie eine dauerhafte Bedeutung hatte. Russell kam in Verlaufe seines Philosophierens zu der Auffassung, daß es keinen Grund gebe, zwischen unseren Bewußtseinsinhalten und der Materie einen Unterschied zu machen.
Für Wittgenstein ist - wie für viele andere moderne Sprachphilosophen - die Materie ein Sprachprodukt und Probleme um die Materie Sprachprobleme.
Meine Auffassung von der Materie
Die Existenz der Materie vorauszusetzen ist im praktischen Leben und in der Wissen-schaft unverzichtbar. Wenn man aber anfängt zu philosophieren, wenn man nach sicherem Wissen sucht, dann wird die Materie zweifelhaft. Sie wird zu Bewußtsein, zu außerhalb von mir erlebtem Bewußtsein. (Näher ausgeführt habe ich dies im 10. Kapitel Meiner Philosophie.)
Es wurde mehrfach meine Behauptung kritisiert, Materie könne sich in Energie "und damit in Bewegung" auflösen. Das Mißverständnis entsteht wahrscheinlich dadurch, das es den Begriff "Bewegungsenergie" gibt und daneben noch weitere Energiebegriffe. Aber nicht nur Bewegungsenergie, jede Energieart ist in letzter Instanz Bewegung und jede Energieart ist in jede andere Energieart umwandelbar. Außerdem bedeutet Bewegung nicht nur Änderung des Platzes im Raum. Näheres in den philolex-Beiträgen Energie und Bewegung.
Materie im Internet:
- Materie bei wikipedia. (Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Materie als physikalische Erscheinung. Die philosophische Bedeutung dieses Begriffes wird dort nicht erläutert. (Stand 10.12.2008)
- Materie von Uwe Wiedemann
- Materie von Friedrich Kirchner, 1907.
- Materie von Rudolf Eisler, 1904. (Mit seinen Unterabschnitten ein sehr umfangreicher Artikel. Weniger für Anfänger und Laien, mehr für Fachleute mit guten Lateinkenntnissen.)
Anmerkungen
Anm. 1:
Wenn das Universum kurz nach dem Urknall die Größe eines Atomkerns hatte, wo war da die riesige Menge an Materie, die es heute im Universum gibt? Die mußte sich doch erst bilden. Aber aus was? Der Physik nach aus Energie, aus unvorstellbar viel Energie, die damals zu der Größe eines Atomkerns zusammengeballt war. Diese Überlegungen führen mich dazu, den
Materialismus nicht nur aus philosophischer, sondern auch gerade aus physikalischer Sicht nicht für besonders plausible zu halten. Dann schon eher der
Energismus. Aber was ist eigentlich Energie? Das Vermögen, Arbeit zu leisten. So ließt man es in jedem Lexikon. Danach besteht das Universum aus dem Vermögen Arbeit zu leisten. So gesehen ist die Materie ein Arbeitsprodukt. Sie liegt nicht dem Universum zugrunde, sondern ist sozusagen die zweite Ebene. Der Geist bzw. das Bewußtsein könnte eine weitere noch höhere Ebene sein. Eventuell ist der Geist aber auch das Primäre, das Grundsätzliche. Eventuell existieren Energie, Materie und alles weitere nur im Geist, im Weltbewußtsein. Die Welt, in der wir und erleben, ist ein Bild, das wir uns in unserem Bewußtsein von der Welt machen. Über das, was hinter unserem Bild liegt, darüber können wir letztlich nur Mutmaßungen anstellen. Zurück zum Text