Existentialismus, Existenzphilosophie

Als "Ahnherr" der Existenzphilosophie wird in der Regel Kierkegaard genannt. Als Vertreter der deutschen Existenzphilosophie werden besonders Heidegger und Jaspers genannt (die selbst diese Bezeichnung für ihre Philosophie ablehnten), als Vertreter des französischen Existentialismus Sartre, Camus und gelegentlich auch Merleau-Ponty. Weitere Vertreter: G. Marcel, P. Wust. Unter den älteren Philosophen werden zuweilen auch Pascal und Nietzsche zu den Existenzphilosophen gerechnet. Zwischen den hier genannten Personen gibt es z. T. beträchtliche Differenzen und sie werden auch nicht von allen Autoren der Existenzphilosophie, bzw dem Existentialismus zugerechnet.

Als Existenzphilosophen bzw. Existentialisten gelten diejenigen Philosophen, die die Fragen der menschlichen Existenz in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen, nicht die Fragen nach dem Sein, der Welt, nach dem Allgemeinen, nicht einmal vorrangig nach dem allgemein menschlichen, sondern nach der Existenz und den Handlungsoptionen, eventuell Handlungsmaximen, Lebenseinstellung und Lebensführung des jeweiligen einzelnen Individuums. Es handelt sich auch darum um eine Subjektphilosophie. [Nichts desto Trotz haben sich einige der hier aufgeführten Philosophen, z. B. Heidegger und Sartre, sehr intensiv mit dem Sein beschäftig.]

Trotz der Unterschiede, die in den Beiträgen zu den einzelnen Existenzphilosophen zur Sprachen kommen, gibt es bestimmte Gemeinsamkeiten: Existenz bedeutet hier das persönliche, individuelle, einmalige, subjektive Sein eines Menschen. Existenz bedeutet hier also etwas anderes als in der Umgangssprache oder in der Naturwissenschaft. Existenz ist hier ein letztes nicht hintergehbares Sein, welches durch Faktizität, Endlichkeit, Geschichtlichkeit/Zeitlichkeit, Freiheit und Möglichkeit bestimmt ist, sich verlieren oder finden, sich entwerfen und wählen kann, bzw. muß. Diese Existenz ist rational weder erfaßbar noch erklärbar. Durch Gefühle wie Angst, Ekel, Langeweile oder Grenzsituationen erfährt man, was sie ist. Der Mensch ist kein unveränderliches statisches Wesen, Existenz ist etwas dynamisches, ist Aufgabe und Vollzug.


Meine Kritik am Existentialismus

Keine bzw. eine zu optimistische Erkenntnistheorie: Aufbauend auf die Phänomenologie Husserls glauben die Existentialisten objektive Aussagen über das Sein, über den Menschen machen zu können. Husserls angebliche Überwindung des Subjektivismus, Relativismus und Psychologismus überzeugt mich aber nicht. Die Existentialisten haben keine skeptische Distanz zu ihren eigenen Überzeugungen. Deshalb sprechen sie sich auch untereinander gegenseitig die Wahrheit ab, sind faktisch Dogmatiker.

Fehlender oder mangelhafter Bezug zur Naturwissenschaft: Wenn ich mich einmal auf die Welt einlasse, dann ist die Natur und die inzwischen entstandene Naturwissenschaft ein sehr wichtiger Teil dieser Welt. Philosophieren im 20. Jahrhundert ohne Einbeziehung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse halte ich für falsch.

Wie falsch ein solch mangelhafter Bezug zur Naturwissenschaft ist, zeigt sich im Anthropozentrismus. Der Mensch ist das gegenwärtig höchste Produkt der Evolution auf diesem Planeten - unter dem Gesichtspunkt der Erkenntnisfähigkeit jedenfalls. Es gibt keinen einsichtigen Grund den Menschen als Endglied der Evolution oder als einziges intelligentes Wesen im Universum anzusehen. (Die Tiere sind in vielen Dingen Vorstufen des Menschen. Auch dies wird in der Regel nicht gewürdigt.) Aus dieser Perspektive ist Heideggers Auffassung, der Mensch sei der Hirte des Seins, absurd. (Einen kurzen Überblick über die Evolution gebe ich in meiner Kleinen Zeittafel der Evolution und der Entwicklung von Wissenschaft und Technik.)

Es sind allgemeine Aussagen über den Menschen möglich, ansonsten könnten wir alle Humanwissenschaften vergessen. Wie könnten wir eine Psychologie oder eine Pädagogik haben, deren praktischer Wert für mich offensichtlich ist, wenn keine allgemeinen Aussagen über den Menschen möglich wären? Allerdings sind alle diese Aussagen letztlich  Hypothesen. Die Existentialisten machen dagegen - wider ihren Grundüberzeugungen! - Aussagen über die menschliche Existenz, die sie als unumstöß-lich richtig ansehen, z. B. die Endlichkeit und Geschichtlichkeit der Existenz, die Freiheit des Menschen.

Die Freiheit zur Wahl ist durch die konkreten Lebensumstände und durch die jeweilige subjektive Befindlichkeit eingeschränkt bzw. bestimmt. Einem Menschen in einem Slum der 3. Welt zu erklären, er können sein Leben frei wählen, wäre zynisch. (Sartre zumindestens hat das zugestanden.)


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