Politisches Engagement: Während der deutschen Besetzung Frankreichs (1941 - 1945) arbeitete er mehr oder weniger aktiv in der Widerstandsbewegung (wie aktiv, ist umstritten), versuchte dann einen neutralistischen Sozialismus zu erreichen (1946 - 47), sympathisierte zeitweilig mit der Sowjetunion und den französischen Kommunisten (erste Hälfte der 50er Jahre), was zum Bruch mit seinen ehemaligen Weggefährten Maurice Merleau-Ponty und Albert Camus führte. (Diese wollten vor den Massenmorden und den Arbeitslagern in der Sowjetunion nicht die Augen verschließen.) Wandte sich dann aber gegen die sowjetische Intervention in Ungarn 1956. Engagierte sich gegen den Algerien-krieg (1958 - 62), lehnte den ihm verliehenen Literaturnobelpreis als Vereinnahmungsver-such ab (1964), und beteiligte sich ab 1968 in der Protestbewegung. Übernahm die Herausgabe verbotener linksradikaler Zeitungen, die er selbst auf der Straße verteilte. ("Einen Voltaire verhaftet man nicht!", soll de Gaulle gesagt haben, als es darum ging, ihn deshalb zu belangen.) [Zum Teil begrüßenswerte Aktivitäten, zum Teil hat er sich aber leider zum "nützlichen Idioten" linker Diktatoren machen lassen, und solcher, die es glücklicherweise nicht wurden. (Besuch von Andreas Baader im Zuchthaus Stuttgart-Stammheim.)]
Zum Verständnis Sartres, besonders wenn man seine philosophischen Werke im Original liest (bzw. die deutschen Übersetzungen), ist es hilfreich, wenn nicht sogar unumgäng-lich, die Philosophie Hegels, Husserls und Heideggers in ihren allgemeinen Grundzügen zu kennen. Sartre baut auf deren Gedanken auf, bzw. verarbeitet diese, grenzt sich von ihnen ab, entwickelt eigenen Gedanken mit deren Vokabular, bzw. mit einem in der Beschäftigung mit diesen Philosophen entwickelten eigenen Vokabular. Das führt dazu, daß z. T. simple Auffassungen in einer unnötig verklausulierten Sprache wiedergegeben werden. Deshalb ist der Zugang zu Sartre nach meiner Erfahrung über Sekundärliteratur erheblich einfacher. Die Originale sollte man - besonders als Philosophie-Anfänger - erst an zweiter Stelle lesen. [Nicht alle philosophischen Thesen Sartres sind simpel, aber einige sind es. Und diese könnten einfacher formuliert werden. Aber wenn ein Mensch ersteinmal eine komplizierte Ausdrucksweise verinnerlicht hat, dann drückt er nicht nur das Komplizierte damit aus, sondern auch das Einfache.]
Jean-Paul Sartre ausführlicher
Literatur, Sekundärliteratur, Internetquellen
Einige Aspekte der Philosophie Sartres
Meine Kritik an Sartre
Kommentare zu Sartre von anderen Philosophen und Autoren
Identität und Nicht-Identität: Die bewußtlosen Dinge sind einfach, was sie sind, sie sind mit sich identisch. Der Mensch aber, da er Bewußtsein hat bzw. ist, ist nach Sartres Auffassung nicht mit sich identisch, er kann und soll sich, d. h. seinen gegenwärtigen Zustand in Frage stellen, er ist immer schon das, was er sein könnte. Der Mensch ist wesentlich durch seine Möglichkeiten bestimmt. [Diese Behauptung ist nicht vereinbar mit Sartres These, daß der Mensch sich sein Wesen erst schaffen muß. Siehe weiter unten
Existenz geht Wesen voraus.] Der Prozeß des "sich in die Zukunft Entwerfens", einfacher ausgedrückt, "des Planens für die Zukunft" ist nicht abschließbar, da die Bewußtheit des Mensch erst mit seinem Tod, mit seinem Ende, endet. Der Mensch steht vor einem lebenslangen Entscheidungsprozeß, wobei er frei ist in der Wahl seiner Zukunft. Das verbirgt sich hinter dem berühmten Satz: "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt." [Woher weiß Sartre, daß mit dem Tod die bewußte Existenz des Individuums zu ende ist? Das ist eine naturwissenschaftliche
Hypothese und die Naturwissen-schaften werden von den Existentialisten gerade als nicht tauglich angesehen, solche philosophischen, existentiellen Fragen zu entscheiden.]
Der Mensch kann nie ein An-sich-sein werden, bzw., wenn er es wird, befindet er sich im Zustand der "Unaufrichtigkeit". (
Heidegger spricht von "Uneigentlichkeit". Das meint aber etwas anderes!). Nur wenn es ihm klar ist, daß er sich sein Wesen immer wieder selbst wählen muß und für seine Entscheidungen Verantwortung übernehmen muß, im Wissen, daß er nie die Seinsweise des An-sich erlangen kann, befindet er sich im Zustand der "Authentizität".
Nichts: Dadurch, daß der Mensch nicht ist, was er ist, entsteht eine "Lücke" im sonst lückenlosen Sein, das Nichts oder Nicht-Sein. Das Nichts ist aber "ein Ruf nach Sein". Im Unterschied zu
Heidegger ist für Sartre der Mensch Ursprung des Nichts. "Das Sein, durch das das Nichts in die Welt kommt, ist ein Sein, dem es in seinem Sein um das Nichts des Seins geht: das Sein, durch das das Nichts in die Welt gelangt, muß sein eigenes Nichts sein." (Versuch einer Vereinfachung dieses Satzes im nächsten Absatz.)
Das Für-sich hat die Fähigkeit zur Nichtung: Einfacher ausgedrückt, der Mensch hat die Fähigkeit - und darüber hinaus den ständigen Drang oder Zwang -, den gegenwärtigen Zustand durch einen anderen Zustand zu ersetzen. Z. B.: Ich bin hungrig, esse mich satt und habe dadurch den Hunger "genichtet". Gleichzeitig habe ich im Zustand des "hungrig-seins", durch den Vorsatz zu essen, den Zustand der Sattheit als meine Möglichkeit erkannt [bis hierher kann ich zustimmen] und damit ein Nichts, [eigentlich ein "noch-nicht"] ins Sein hineingenommen. Und da ich wesentlich durch meine Möglich-keiten bestimmt bin, bin ich als Hungriger bereits satt. [Das ist eine absurde "Überstra-pazierung der Dialektik". Nicht das Sein ist absurd, sondern Sartres Interpretation des Seins. Wenn man weiß, was dialektisches Denken ist, kann man aber nachvollziehen, was Sartre meint, ohne ihm deshalb zustimmen zu müssen.] So gesehen ist der Mensch "ein Sein, das ist, was es nicht ist, und nicht ist, was es ist." [Nun könnte man auch sagen, der Mensch ist nicht nur das, was er im Moment ist, er ist immer auch schon das, was er in Zukunft ist. Aber das wäre eben nicht mehr so schön widersprüchlich. Sartre arbeitet auch an anderen Stellen mit einer solchen "überstrapazierten Dialektik", wie ich es nenne. Es hört sich schön, geheimnisvoll und tiefsinnig an. Häufig steckt aber keine Substanz dahinter. [1]
Dazu trifft der Mensch eine freie Urwahl bzw. Grundwahl. Daraus schließt Sartre, daß der Mensch das Leben hat, das er sich gewählt hat. [Wir leben unter objektiven Umständen, auf die wir häufig keinen oder nur einen geringen Einfluß haben. Nur im Rahmen dieser können wir wählen. Das Kind eines Reichen oder Intellektuellen in einem reichen und freien Land hat andere Wahlmöglichkeiten als ein Kind, daß in einem Slum in der Dritten Welt geboren wird.] Diese faktischen Lebensumstände leugnet Sartre nicht. Aber diese würden die Freiheit nicht aufheben, im Gegenteil würde erst die Freiheit diese Grenzen deutlich machen. Diese Grenzen existierten nämlich nur innerhalb eines konkreten frei gewählten Lebensentwurfs.
[Anders ausgedrückt, als hungernder Mensch wähle ich in völliger Freiheit den Entwurf "ich will essen". Und erst dadurch fällt mir auf, daß es nichts zu essen gibt. Und nicht nur, daß ich es erst jetzt erkenne, nein, erst durch meinen Entwurf "ich will essen" entsteht überhaupt erst die Begrenzung "nichts zu essen da". Wähle ich doch einfach ganz frei einen anderen Entwurf, z. B. "ich will atmen". Und siehe da, Luft ist vorhanden. Keine Begrenzung meiner Freiheit. Und sollte man mich mit dem Kopf unter Wasser drücken, dann wäre dies nur deshalb ein Problem für mich, weil ich den Entwurf "atmen" gewählt habe. Würde ich diesen speziellen Entwurf fallen lassen, gebe es auch keine Begrenzung. (Und kurz darauf hätte ich auch kein Problem mehr damit, ein "Für-mich" zu sein.) Polemik? Wenn man Sartres philosophische Grundpositionen aus "Das Sein und das Nichts" konsequent zu Ende denkt, kommt man hier an.] Später hat Sartre diese Positionen selbst revidiert. Wie konsequent er dabei war, sei mal dahingestellt.