Die Propagierung einer solchen Welt heißt überhaupt nicht, daß ich allen heute lebenden Menschen, die nicht friedlich, gesund, klug und schön sind, das Lebensrecht und die Menschenwürde abspreche. Ich müßte mir diese Dinge dann selber absprechen! Wenn ein Mensch behindert zur Welt kommt oder im Verlaufe seines Lebens behindert wird, dann hat er trotzdem ein Lebensrecht und ein Anrecht auf Menschenwürde. (Ich bin selbst wegen schlechter Augen 50% schwerbeschädigt.) In solchen Fällen muß alles mögliche unternommen werden um das Beste aus der Situation zu machen. Aber bei Menschen, die noch gar nicht gezeugt oder gerade im Entstehen sind, muß alles mögli-che unternommen werden, damit sie gesund zur Welt kommen.
Nun wird auch hin und wieder behautet, Behinderte seien nicht überflüssig, sie lehrten uns vieles über sich und über uns etc. Ich vermute stark, daß so nur Menschen argumen-tieren, die selbst nicht behindert sind, die nicht täglich mit einer Schleimlunge zu kämpfen haben, nicht spastisch gelähmt im Rollstuhl sitzen, nicht wegen ihres Äußeren von anderen Menschen verschmäht werden. "Es ist immer leicht mit dem Arsch anderer Leute durch's Feuer zu reiten."
Der Epigenetik nach spielt nicht nur das Vorhandensein bestimmter Gene eine Rolle, sondern auch ob diese an- oder abgeschaltet sind. Das wiederum hängt von diversen Umständen ab, unter denen auch Verhaltensweisen und Erlerntes der Vorfahren sein könnten. Das ist ein Gesichtspunkt, der berücksichtigt werden muß. Er zeigt, daß auch die gesellschaftlichen und individuellen Lebensbedingungen eine Rolle spielen. Mit der Epigenetik kann man aber nicht die Behauptung retten, der Mensch sei primär durch seine Sozialisation und die Gesellschaft geprägt, in der er und seine Vorfahren soziali-siert wurden und leben, bzw. lebten. Der Genetik wie der Epigenetik nach ist der Mensch in einem beträchtlichen Maße in seinen körperlichen Merkmalen und seinem Verhalten durch seine Gene determiniert oder präferiert. Daß Menschen Lesen und Schreiben lernen können und Affen nicht, hat ja wohl etwas mit unterschiedlicher Hirngröße zu tun und diese wird verursacht durch unterschiedliche Gene.
Und dann kommt gelegentlich der Vorwurf, das ganze Vorhaben sei faschistisch. Das ist falsch. Nach meinen Vorstellungen sollen Friedfertigkeit und Klugheit gefördert werden, und damit auch Toleranz, Demokratie und Pluralismus in Politik, Kultur, Wissenschaft, Philosophie etc. Das alles ist das exakte Gegenteil von Faschismus! Faschismus bedeutet nämlich Gewalttätigkeit, Dummheit, Intoleranz, Führerprinzip und Diktatur. [4]
Daß Ramapithecus, Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus etc. Durchgangspha-sen der Evolution waren, daß diese Arten nicht einfach ausgestorben, sondern unsere evolutiven Vorgänger sind, daß wir ihnen gegenüber eine höhere Art darstellen, das nimmt jeder mit Selbstverständlichkeit hin, der die
Evolutionstheorie für wahr oder zumindestens für eine plausible
Hypothese hält. Aber uns als evolutive Vorgänger einer noch höheren Art anzusehen, das kriegen viele Menschen nicht hin. "Was soll denn da nach uns noch kommen?" Wir sind doch das Höchste, wir sind doch die Krone, wenn schon nicht der Schöpfung, dann doch wenigstens der Evolution.
Es geht auch nicht darum, heute ein bestimmtes Modell des "Posthumanen Lebewe-sens" zu entwerfen und dann zu versuchen, dieses (wie Frankenstein, nur mit moderne-ren Methoden) zusammenzubasteln. Da würde man nur die Fehler früherer Weltverbesse-rungsversuche wiederholen. Komplexe Systeme - und der Mensch ist ein hochkomplexes System - kann man nicht konstruieren. (Jedenfalls ist das sehr unwahrscheinlich.) Soet-was kann sich nur evolutiv entwickeln. Eventuell in einem Prozeß von Versuch und Irrtum. Aber auch plötzliche qualitative Sprünge sind möglich. [9] Außerdem wird diese Entwick-lung wahrscheinlich (jedenfalls nach gegenwärtigem Ermessen) über viele Jahrhunderte und zig Generationen ablaufen. Wir können gar nicht wissen, was spätere Generationen einst an Wert- und Zielvorstellungen haben werden, ob die an unserem Modell überhaupt noch interessiert wären. Noch weniger können wir wissen, was die posthumanen Lebe-wesen, wenn sie sich denn einst entwickeln sollten, für Entwicklungen betreiben wollen. Das wäre so, als wollte ein Schimpanse das menschliche Leben begreifen.
Es geht also um zweierlei: Erstens um die Veränderung von Details, die Erbkrankheit, das Schielauge etc. Zweitens geht es darum Evolution anzustoßen, die sowieso stattfin-dende natürliche Evolution zu beschleunigen, sie an humanistischen Wertvorstellungen zu orientieren und der Evolution damit weitgehend ihre Grausamkeit nehmen, die sie in ihrer natürlichen "darwinschen" Form hat.
Ich weiß, daß viele Menschen vor einer solchen Entwicklung einen Horror haben. Ich habe einen Horror bei dem Gedanken, daß der Mensch das höchste Lebewesen sein soll, das die Evolution hervorbringen kann, daß die Geschichte der nächsten 5.000 Jahre so ähnlich abläuft, wie die Geschichte der letzten 5.000 Jahre, mit Kriegen, Massenmor-den, milliardenfachem Leid und Elend.
Daß dieser ganze Prozeß mit Risiken verbunden ist, daß es auch Opfer geben wird, das ist mir völlig klar. Aber das ganze Leben ist Risiko. Als unsere Ahnen einst die Bäume verließen, war das ein Risiko. Mancher hat das mit seinem Leben bezahlt. Das größte Risiko für die Menschheit besteht darin, daß wir in den zukünftigen Jahrtausenden die höchstentwickelste Lebensform auf diesem Planeten bleiben - was Erkenntnisvermögen und Technik anbetrifft. Dann werden wir uns entweder ausrotten oder wir werden - aller Wahrscheinlichkeit nach - weiterhin Kriege führen, Massenmorde begehen, andere Menschen und Lebewesen zu unserem Vorteil ausbeuten und unterdrücken etc. In beiden Fällen wird es Milliarden von Opfern geben. Die natürliche Evolution beschleunigen heißt auch, das intelligente Leben auf diesem Planeten zu erhalten und die Opferzahlen extrem zu reduzieren.
Gegen die genetische Optimierung der nachwachsenden Menschen wird es gewaltige Widerstände geben, besonders aus dem religiösen Lager, das seit Jahrhunderten zähe Rückzugsgefechte gegen Wissenschaft und Technik führt. Der Widerstand wird aber wahrscheinlich weit geringer sein, als heute vielfach angenommen. Wenn die Möglich-keiten konkreter Verbesserungen ersteinmal bestehen, wird die Zahl der Befürworter gewaltig zunehmen und der Druck auf den Gesetzgeber gewaltig steigen. Was war vor 100 Jahren alles verboten und ist heute erlaubt? Oder umgekehrt. Nur ein Beispiel: Vor 100 Jahren glaubten viele Politiker und Wissenschaftler, daß die Freudsche Psychologie - soweit sie ihnen überhaupt bekannt war - eine Angelegenheit für die Kriminalpolizei sei, nicht aber für ernsthafte Wissenschaftler. Gleichzeitig gab es in Europa Kinderbordelle, die stillschweigend geduldet wurden.
Auch im "grün-linken Lager" trifft man Menschen an, die Gentechnik vehement als un-ethisch ablehnen, aber gleichzeitig für das Recht der Schwangerschaftsunterbrechung in den ersten drei Monaten eintreten. An einer befruchteten Eizelle Veränderungen vorneh-men mit dem Ziel, den sich aus dieser Eizelle entwickelnden Menschen ein angenehme-res Leben zu ermöglichen: schlecht. Einen drei Monate alten Embryo vernichten, weil das Kind, das sich aus ihm entwickeln würde, nicht zur Lebensplanung bereits exis-tierender Menschen paßt: gut bzw. hinnehmbar. Das hat nichts mit Ethik, aber viel mit Egoismus zu tun.
An welchen Wertvorstellungen die Selbstevolution orientiert sein wird, das ist noch völlig offen. Wenn (fast) alle Menschen, die humanistische, sozialistische, (im weitesten Sinne "linke") Ideen vertreten, eine solche Entwicklung nur ablehnen, ohne sie aufhalten zu können, dann werden sie die Gestaltung dieser Entwicklung Menschen überlassen, die von anderen Wertvorstellungen geleitet werden. Einen auch von mir nicht gewünschten Genfaschismus wird man nicht dadurch vermeiden, daß man in den demokratischen, freiheitlichen Ländern die genetische Optimierung zukünftiger Menschen verbietet. Das wird faschistische Regime wenig interessieren. Faschistisch eingestellte Menschen orientieren ihr Verhalten ja gerade nicht daran, was humanistisch eingestellte Menschen für richtig halten, was sie erlauben oder verbieten. Wie die Zukunft des Lebens auf diesem Planeten aussehen wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wieviele Menschen sich für welche Entwicklungen einsetzen werden. [10]
Anm. 1: Immer mehr junge Frauen, zum Teil schon Schulmädchen, gehen zum Schönheitschirurgen und wollen sich die Brüste vergrößern lassen. In Zukunft wird man dieses Problem wahrscheinlich durch Eingriff in die befruchtete Eizelle lösen können. Frauenfeindlich? Wenn das frauenfeindlich ist, dann sind alle Frauen, die sich darum bemühen, schön zu sein, und bereit sind, auch eine Operation dafür in Kauf zu nehmen, frauenfeindlich. Ziemlich absurd, wenn eine Gruppe von Frauen einer anderen Gruppe von Frauen Frauenfeindlichkeit vorwirft. Zurück zum Haupttext
Anm. 4: Wenn ein Mensch mit einem Messer auf einen anderen Menschen losgeht, um ihm den Bauch aufzuschneiden, dann kann dies ganz verschiedene Gründe haben und ganz verschiedene Folgen für den Betroffenen. Das kann ein Raubmörder sein, der einen Menschen bestialisch umbringt; das kann aber auch ein Chirurg sein, der einem vorher betäubten Patienten den entzündeten Blindarm entfernt, da der Patient ansonsten qual-voll sterben würde. Bauchaufschneiden ist also nicht gleich Bauchaufschneiden. Es sind nicht alle Bauchaufschneider gleich. Und so sind auch nicht alle Menschen gleich, die eine gentechnische Veränderung des genetischen Bauplans der nachwachsenden Gene-rationen für richtig halten. Es gibt auch unter ihnen Unterschiede wie zwischen Chirurgen und Raubmördern. Ich erlebe es leider immer wieder in Diskussionen und Emails, daß Menschen entweder unfähig oder unwillig sind, zwischen Chirurgen und Raubmördern zu unterscheiden, für die (im übertragenen Sinne) die Erfindung des Messers ausschließlich ein negativer Tatbestand ist. Zurück zum Haupttext
Anm. 5: Nietzsche hatte keine humanistischen Ideale und Ziele. Glück, Wohlfahrt, Mitleid etc. waren für ihn pöbelhafte Instinkte und Naivitäten. Er wollte, daß eine Klasse "olympischer Menschen" "mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeu-gen herabgedrückt und vermindert werden müssen." "Die Schwachen und Mißratenen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen." "Die Größe eines 'Fortschritts' bemißt sich sogar nach der Masse dessen, was ihm Alles geopfert werden mußte; die Menschheit als Masse dem Gedeihen einer einzelnen stärkeren Spezies Mensch geopfert - das wäre ein Fortschritt ..." Mit solchen "Idealen" kann man Behinderte und Unangepaßte vergasen, "minderwertige" Völker vernichten, andere Völker versklaven etc. Genauso haben es die Nazis später gemacht. Ich will eine Welt ohne Sklaverei, ohne Unterdrückung. Ich will nicht, daß das Mitleid verschwindet, ich will, daß die Mitleidlosigkeit verschwindet. Ich will eine Welt ohne Krieg, ohne Hungersnöte, ohne Seuchen etc., in der die Menschen in Harmonie und gegenseitiger Hilfe leben. Wettstreit soll es auf philosophischem, wissenschaftlichem und kulturellem Gebiet geben. Bildung und Kultur für alle, die es wünschen und dazu befähigt sind etc. An paradiesische Zustände irgendwann in der Zukunft glaube ich aber nicht! Doch substantiell bessere Verhältnisse als heute halte ich für möglich. Zurück zum Haupttext
Anm. 6: Ich erlebe in Diskussionen immer wieder, daß viele Menschen mit dem Adjektiv "höher" Probleme haben. "Wieso ist der Mensch ein höheres Wesen gegenüber den Tieren? Tiere können auch nett sein. Tiere können auch Schmerz und Trauer empfinden. Wenn die Welt vernichtet wird, dann wird dies der Mensch machen, nicht die Tiere etc." Das bestreite ich ja alles gar nicht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß der Mensch intellektuell auf jeden Fall und ethisch in der Regel über den Tieren steht. Selbst ein geistig minderbemittelter Mensch - soweit er nicht schwer geisteskrank ist oder gro-ße Hirnschäden hat - steht mit seinem Erkenntnisvermögen über einem Schimpansen. Menschen, die zwischen ihren intellektuellen Fähigkeiten und denen von Kamelen keine qualitativen Unterschiede sehen, demonstrieren damit durchaus eine gewisse geistige Beschränktheit. Nichtsdestotrotz sind sie klüger als Kamele, auch wenn sie das nicht bemerken sollten. Und ein höheres intellektuelles und zivilisatorisches Niveau zieht ten-denziell ein höheres ethisches Niveau nachsich. Das läßt sich im Rahmen von Naturbe-obachtung, empirischer Sozialforschung und kritischer Geschichtsanalyse nachweisen. Die Herdentiere, die Affen, die Naturvölker sind nicht besser als der moderne zivilisierte Mensch, sie sind nur weniger mächtig und können deshalb nicht soviel Schaden anrichten wie wir. Aber sie sind in der Regel rücksichtsloser, mitleidloser, unsensibler und bestialischer als es der zivilisierte Mensch tendenziell ist. (Näher ausgeführt habe ich dies u. a. in meinem Aufsatz "Über die negative Seite des Menschen". Lediglich tendenziell, weil rein zahlenmäßig leider viele Gegenbeispiele genannt werden können. Prozentual fallen diese aber nicht ins Gewicht.) Und so wie wir Menschen den Tieren gegenüber intellektuell und in der Regel auch ethisch eine qualitativ höhere Art darstellen, so ist es möglich, daß es einst Lebewesen geben wird, die uns gegenüber intellektuell und ethisch eine qualitativ höhere Art darstellen. Und ich halte eine Entwicklung dorthin für sehr wünschenswert, weil ich den heutigen Zustand der Welt schlicht "zum Kotzen" finde. - Im Übrigen: Wer glaubt, die Wale seien die höchste Lebensform (soetwas höre ich auch des Öfteren), dem rate ich, sich eine Badewanne anzuschaffen, dort Wasser einzulassen, sich so oft wie möglich dort hineinzulegen und sich dazu Walgesänge anzu-hören. Der sollte seine Finger lassen von Büchern über Wissenschaft und Philosophie. Der sollte sich auch keinen Beethoven und keinen Mozart, keinen Van Gogh und keinen Picasso antun. Da dies alles sich außerhalb des geistigen Horizonts der höchsten Wesen befindet, ist es überflüssig, minderwertig. Zurück zum Haupttext
Anm. 7: Diese Aussagen Stephen Hawkings sind einem WELT-Artikel vom 20.3.1999 entnommen. Hawking vertritt in diesem Artikel auch die Auffassung, daß sich auf diesem Gebiet in den nächsten hundert Jahren nichts besonderes ereignen wird. Wann aber die Entwicklungen, die den fundamentalen Unterschied bewirken werden, stattfinden, darüber sagt er nichts. Darüber sage ich auch nichts. Ob das 5, 10, 20 oder gar 40 Generationen dauern wird, darüber heute sichere Aussagen machen zu wollen, wäre verrückt. Aber auch 40 Generationen bzw. 1000 Jahre wären gemessen am bisherigen Tempo der Evolution eine unerhörte Geschwindigkeit. (Das "Tier-Mensch Übergangsfeld" wird von den Paläontologen auf viele Millionen Jahre und Hunderttausende von Generationen veran-schlagt. Sehen Sie hierzu auch meine "Kleine Zeittafel der Evolution und der Entwicklung von Wissenschaft und Technik".) Zurück zum Haupttext
Es wird in Diskussionen und Emails häufig behauptet, der Mensch, da er schlecht und dumm sei (ich verkürze es auf diese beiden Begriffe, häufig werden diese Auffassungen anders formuliert), könne überhaupt keine klügeren und ethisch höherstehenden Wesen hervorbringen. Alles, was er produziere, müsse zwangsläufig wie auch er schlecht und unvollkommen sein. Nach dieser Argumentation könnte es im Universum überhaupt keine Entwicklung zu hören Formen und Strukturen geben. Nach dem gegenwärtigen naturwis-senschaftlichen Erkenntnisstand gab es am Beginn, nach dem Urknall, nur Wasserstoff- und (vergleichsweise wenige) Heliumatome. (Genaugenommen gab es nach dem gegen-wärtigem Erkenntnistand nach dem Urknall nur die Elementarteilchen, aus denen diese Atome bestehen.) Und die Naturgesetze. Daraus hat sich alles entwickelt. Die höheren Atome, die Moleküle, wo es möglich war die lebenden Zellen, Zellenverbände, Gehirne, dann Wissenschaft, Philosophie, Kunst etc. Am Anfang der Menschheitsgeschichte steht der Wilde oder das Herdentier, das von Ethik überhaupt keinen Begriff hat. Warum haben wir heute keine Sklaven mehr wie in der Antike? Warum foltern wir heute nicht mehr die Gefangenen, wie es im Mittelalter üblich war? Warum haben wir heute in vielen Ländern der Welt Meinungsfreiheit, Pluralität etc. Sachen, die es noch vor fünf Generatio-nen bestenfalls in Ansätzen gab? Warum haben dumme Eltern kluge Kinder? Warum sind die Kinder von Mördern nicht auch Mörder? (Ich könnte Hunderte weiterer Fragen stellen.) Der Mensch ist von seinen Vorsätzen, seinen Idealen und seinen Fähigkeiten her häufig viel besser, als er selbst es realisieren kann. Das Gute kann nur aus dem Schlechten hervorgehen, das Komplizierte nur aus dem Einfachen. Von wo sollte es denn sonst kommen? - Die einzige Alternative, die ich dazu sehe, ist, daß es im Jenseits ein hochkomplexes und gütiges Wesen gibt, das diese Entwicklung bzw. den heutigen hochkomplexen Zustand hervorgebracht hat und in dessen Hände wir gläubig unser Schicksal legen. Das haben die meisten Menschen ja über Tausende von Jahren gemacht. Viel gutes ist dabei nicht herausgekommen. Besser wurde es in der Regel nur dann, wenn die Menschen ihre Lebensumstände selbst verbesserten, wenn sie selbst aktiv wurden. Wissenschaft und Technik haben erheblich mehr zum Fortschritt und zum Wohlergehen der Menschen beigetragen, als die Religionen. Das Problem ist, solange der Mensch von seiner Natur her bleibt, was er seit ca. 30.000 Jahren ist, kann alles kulturell erworbene wieder verloren gehen, kann der Mensch jederzeit wieder in die Barbarei zurückfallen. Näher ausgeführt habe ich dies im
Abschnitt 2.2. meines Essays über die Notwendigkeit höherer Arten.
Es wird in Diskussionen und Emails häufig behauptet, der Mensch habe nicht das Recht, in die Evolution aktiv einzugreifen, es sei ihm nicht erlaubt seine Natur und die Natur schlechthin nach seinem Willen umzugestalten. Ich glaube nicht, daß ein Gott diese Welt und uns Menschen gemacht hat. Aber selbst wenn es so wäre, hätte Gott eine schlechte Welt gemacht, die wir in unserem Interesse ändern sollten, was wir ja bereits seit Jahrtausenden machen. Ansonsten wären wir heute noch Höhlenmenschen. Wenn man davon ausgeht - wie es die allermeisten Menschen der fortschrittlichen, modernen Länder tun -, daß wir und die gesamte Natur in ihrem heutigen konkreten Zustand Produkte zufälliger Mutationen sind, im Rahmen dessen, was an Möglichkeiten und Zwängen in der Welt war, dann ist es überhaupt nicht schlüssig, unseren heutigen natürlichen Zustand oder den heutigen Zustand der Natur schlechthin zum Heiligtum zu erklären, an dem wir nichts ändern dürfen. Hier ist wohl unbewußter Konservatismus und unbewußte Angst vor neuen Situationen der Vater des Gedankens.
Im Übrigen: Der Mensch betreibt schon seit Hunderten von Generationen Selbstevolution, die im Laufe der wissenschaftlich-technischen Entwicklung immer größere Ausmaße angenommen hat. Als die Menschen begannen das Feuer zu nutzen, als sie seßhaft wurden, als sie Städte gründeten, als sich der materielle Lebensstandart und die medizi-nische Versorgung verbesserten, überlebten viele Kinder, die unter weniger entwickelten Umständen nicht überlebt hätten, die aber selbst wieder Kinder zeugten, die ihrerseits Kinder zeugten etc. pp., und deren Gene in den Genpool der Menschheit eingingen. Wir heute lebenden Menschen sind Produkte einer seit vielen Tausend Jahren stattfindenden Selbstevolution. Die meisten von uns könnten in den verbliebenen "Naturparadiesen" gar nicht überleben, nicht nur weil wir es nicht gelernt haben unser Futter selbst zu suchen und selbst zu erjagen, sondern weil die meisten von uns dies von ihrer Natur her gar nicht könnten. Wir würden schnell merken, wie wenig paradiesisch es ist, wenn wir keinen Supermarkt, keinen Arzt etc. zur Verfügung hätten. Wieviele Frauen der zivilisierten, hochentwickelten Länder könnten denn noch ihr Baby allein zur Welt bringen? Wir würden sterben wie die Fliegen! Um das mal sehr drastisch auszudrücken. Nur wenige von uns würden es überleben. Und diese wären nicht im Paradies, sondern in der Steinzeit. Knochenarbeit, niedriger Lebensstandart, geringe Lebenserwartung etc. pp. Wenn wir dazu übergehen, den genetischen Bauplan der nachwachsenden Generationen zu ändern, dann ist dies allerdings ein qualitativer Sprung in der Selbstevolution. Aber die Selbstevolution als solches hat schon lange begonnen und aus ihr kommen wir auch nicht wieder heraus. Wir sind unumkehrbar Kulturwesen geworden.
Es wird in Diskussionen und Emails häufig behauptet, die gentechnische Veränderung des Menschen werde nie möglich sein, diese Vorstellung sei Ausdruck einer naiven Wissenschafts- und Technikgläubigkeit. Aber es gab schon immer Menschen, die unfä-hig waren, sich substantiell andere Lebensverhältnisse als die gegenwärtigen vorzustel-len, die bei jedem etwas komplizierteren technischen Problem oder bei technischen Neuerung schnell dabei waren, etwas für unmöglich zu halten. Mitte des 19. Jahrhunderts hätten viele Menschen auch eine Glühbirne für eine Phantasterei gehalten, wenn sie über entsprechende Forschungen informiert gewesen wären. Ganz abgesehen mal von Explo-sionsmotoren, Flugzeugen, Mondraketen, Computern, Organverpflanzungen u. v. m. Viele glaubten, wenn sich Menschen mit einer Geschwindigkeit von 50 km die Stunde bewe-gen, würden sie sterben. Unsere letzte Kaiserin meinte, "wenn Gott gewollt hätte, daß ich fliegen soll, hätte er mir Flügel gegeben." Die Geschichte ist über solche Menschen hinweggegangen und die zukünftige Geschichte wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch über die heutigen Wissenschafts- und Technikpessimisten hinweggehen. Aber bitte, überlassen wir es doch der Zukunft zu zeigen, wie weit die Menschen mit Wissenschaft und Technik kommen. Wir heute Lebenden können keine Wetten darüber abschließen, weil die meisten dieser Entwicklungen jenseits unserer Lebenszeit liegen werden.