Eine weitere Äußerung von Verdrängung sei die Projektion, ein Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unliebsame, verbotene Gefühle und Wünsche einem anderen Menschen angelastet würden. Wenn sich z. B. ein Mensch von einem anderen Menschen sexuell bedrängt fühle, seine Mitmenschen dafür aber keine Anhaltspunkte sähen, dann habe der Mensch, der sich bedrängt fühlt, unbewußt das Verlangen nach Sex mit dem angeb-lichen Bedränger.
Keine Willensfreiheit: Eng mit dieser Auffassung hängt zusammen, daß nach Freud alle bewußten und unbewußten Vergänge absolut determiniert sind. Es gibt im psychischen Bereich keinen Zufall. [Da Freud Zeit seines Lebens an dem Gedanken festhielt, daß sich alle psychischen Vorgänge letztlich auf physiologische zurückführen lassen - er war also ein philosophischer
Materialist -, bedeutet dies, daß auch in der physikalischen Welt der Determinismus absolut regiert. Diese Annahme steht im Widerspruch zu Heisen-bergs Behauptung, daß es im subatomaren Bereich keine Determination gibt. Und sie steht im Widerspruch zu den Philosophien, die die Determiniertheit aller Vorgänge bezweifeln, z. B. die
Kants und
Poppers.]
Orale, anale und ödipale Phase: Jeder Mensch durchläuft im Laufe seiner kindlichen Entwicklung diese drei Phasen, die von spezifischen innerindividuellen Konflikten begleitet sind. In der oralen Phase ist das Kind sehr auf seinen Mund fixiert, in der analen Phase auf die Ausscheidungsorgane. In der ödipalen oder auch phalischen Phase auf die Genitalien. Wie gut die Verarbeitung dieser Konflikte gelingt, entscheidet über die spätere seelische Gesundheit, bzw. Krankheit eines Menschen. Der "anale Charakter" (geizig, pedantisch, übertrieben ordentlich) ist Resultat von unbewältigten Konflikten in der analen Phase. [Der Geizige muß nur zu einem guten Psychoanalytiker, dann wird er freigie-big. ;-) Dummerweise sind Psychoanalytiker so teuer, daß der Geizige dort nicht hin-geht.]
ES, ICH und ÜBER-ICH = (vereinfacht) Triebe, Bewußte Persönlichkeit, Gewissen.
Dieses Strukturmodell der psychisches Persönlichkeit ist ein zentrales Element der freudschen Theorie.
Das ES ist das angeborene und früheste psychische System. Es steht vereinfachend für die unbewußten Triebe und die daraus resultierenden Wünsche, es ist dem Bewußtsein unzugänglich. Das ES wird von Lebens- und Todestrieben beherrscht.
Das ÜBER-ICH ist der im Laufe der kindlichen Entwicklung entstandene Gegenpart zum ES. Es kann vereinfacht als das Gewissen eines Menschen bezeichnet werden, als die anerzogenen bzw. verinnerlichten Wertvorstellungen.
Das ICH bezeichnet im Großen und Ganzen die bewußte Persönlichkeit, aber auch Teile des ICHs sind unbewußt. Das ICH muß zwischen ES, ÜBER-ICH und Umwelt vermitteln.
Funktioniert das ES nach dem Lustprinzip, so funktioniert das ICH nach dem Realitäts-prinzip. Aus dem ES entsteht das ICH, das die Triebbefriedigung sichern soll. Das ICH schafft sich dann das ÜBER-ICH als Schutz gegen das ES. Seelische Krankheit ist ein Ungleichgewicht dieser drei ewig sich im Streit befindenden Instanzen. Eine Neurose ist eine erworbene Strukturverformung, ein Mißverhältnis zwischen den Instanzen und der Umwelt.
[Man darf sich die drei Instanzen nicht als materielle Dinge oder verschiedene Hirnregionen vorstellen. Es sind bei allen Menschen regelmäßig auftauchende Komplexe von Verhaltensweisen, Bestrebungen, Motivationen u. w. Und letztendlich ist das Strukturmodell ein Modell, nicht die Wirklichkeit selbst. Wissenschaftliche Theorien sind "geistige Netze" (Popper), mit denen wir versuchen, die Wirklichkeit einzufangen. Die Wirklichkeit ist immer komplexer als jedes Erklärungsmodell. (
Popper zählte die Psychoanalyse allerdings nicht zu den legitimen "geistigen Netzen".) Wenn man alle ethischen Regungen im Menschen als ÜBER-ICH abtut, bleibt dann am Ende nicht nur noch ethischer Relativismus, Nihilismus? Mir ist es plausibler, daß schon in der Natur des Menschen, nicht erst in seiner Sozialisation, Gründe für nichtegoistische Ethik liegen. Siehe hierzu Cooper.]
Lebens- und Todestrieb: Im Anschluß an den Tod der Tochter Sophie (1919) entwickelt Freud die Todestriebtheorie. Der Todestrieb (Thanatos - nach dem griechischen Toten-gott -, die ihm zugeordnete Energie wird "Destrudo" genannt) wurden dem Lebenstrieb (die ihm zugeordnete Energie ist die
"Libido") entgegengestellt. Vielfach wird behaup-tet, Freud hätte diesen Gedanken von seinem ehemaligen Schüler und späteren Gegner Alfred Adler übernommen, der schon 1908 ähnliches geäußert hatte. Bei Freud wird dieser Todestrieb aber - im Unterschied zu Adler - fatalistischer und pessimistischer angesehen. Der Mensch habe einen unausrottbaren Hang zur Zerstörung, er habe nur die Alternative zwischen Selbstzerstörung und Zerstörung der Natur. Sinn und Ziel jedes Lebens sei der Tod. Jedes Leben eile dem Tod entgegen etc. Die Todestriebtheorie wurde nicht von allen Schülern akzeptiert. [Es ist immer wieder erstaunlich wie Allerweltsweis-heiten bei sehr intelligenten und kreativen Menschen erst nach persönlichen Schicksals-schlägen ins Bewußtsein rücken, wie aus persönlichen Schicksalsschlägen Theoriege-bäude abgeleitet werden. Von einem Wissenschaftler sollte man eigentlich eine gewisse Distanz zum subjektiven Schicksal erwarten, ein gewisses Maß an Objektivität und Wertfreiheit bei der Wahrnehmung der Tatsachen, nicht etwa bei ihrer Beurteilung. (Siehe dazu
Poppers Wertfreiheitspostulat für den Begründungszusammenhang.]