Wittgenstein-1 will nach eigenen Worten mit dem Tractatus "dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr - nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken." Er meint "Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen." Von dieser Auffassung ausgehend betreibt Wittgenstein-1 Sprachanalyse.
Sinnvolle Sätze: Wenn ich sage: "Herr Schmidt tritt mir auf den Fuß", ist dies nach Wittgenstein-1 ein sinnvoller Satz. Egal, ob mir Herr Schmidt auf den Fuß tritt, oder nicht. Tritt er mir auf den Fuß, ist der Satz wahr, er beschreibt das Bestehen eines Sachverhalts. Tritt mir Herr Schmidt nicht auf den Fuß, ist der Satz zwar falsch, aber nicht sinnlos. Er beschreibt dann das Nichtbestehen eines Sachverhalts.
Auch die Sätze des Tractatus seien letztlich unsinnig. "Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie auf ihnen über sie hinausgestiegen ist." [Ich könnte nun etwas polemisch sagen, "eine wahrhaft unsinnige Philosophie". Das mache ich aber nicht. Denn der Tractatus hat ja einen Sinn. Jedenfalls gemessen daran, was man im Allgemeinen unter "Sinn" versteht. Wittgenstein-1 engt den Begriff "Sinn" zu sehr ein.]
Im Gegensatz zu Russell geht Wittgenstein-1 davon aus, daß
logischen Konstanten (und, oder, nicht, wenn ... dann ...) nicht vertreten. Namen vertreten im Satz Dinge, logische Partikel vertreten nicht. "Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in ihm. Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist sie auf." [Ob logischen Konstanten vertreten oder nicht, hängt davon ab, wie eng oder wie weit man den Begriff Wirklichkeit faßt.]
Ein Satz ist einerseits ein Bild eines Sachverhaltes, andererseits eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. Es gibt einfache Sachverhalte und komplexe Sachverhalte, die aus einfachen Sachverhalten zusammengesetzt sind. Und so gibt es einfache und komplexe Sätze, die aus einfachen Sätzen zusammengesetzt sind. Werden einfache bzw. Elementarsätze verbunden, ergibt sich der Wahrheitswert des umfangreicheren bzw. komplexeren Satzes daraus, ob die ihn bildenden Elementarsätze wahr sind.
Bezogen auf den Universalienstreit ist Wittgenstein-1 Nominalist und lehnt den Realis-mus ab. Allgemeinbegriffe führen zu unsinnigen Scheinsätzen. Da Wittgenstein nicht in der philosophischen Tradition steht, wird das bei ihm allerdings anders formuliert. "So kann man z. B. nicht sagen 'Es gibt Gegenstände', wie man etwa sagt: 'Es gibt Bücher'. Und ebensowenig: 'Es gibt 100 Gegenstände', oder 'Es gibt Gegenstände'. ... Wo immer das Wort 'Gegenstand' ... richtig gebraucht wird, wird es in der Begriffsschrift durch den variablen Namen ausgedrückt. ... Wo immer es anders, also als eigentliches Begriffswort gebraucht wird, entstehen unsinnige Scheinsätze." Die
Ideenlehre Platons wird so zu einer Sammlung von Scheinsätzen.
Bei seinen Auffassungen über das menschliche Bewußtsein und dessen Inhalten ist Wittgenstein-1 ein psychologischer
Aktualist, bloß da er nicht in der philosophischen Tradition steht, drückt er das in anderen Worten aus. Psychologischen Vorgängen wie Glauben, Denken, Vorstellen, Träumen etc. liege keine psychische Substanz zu Grunde, also keine Seele. Alle diese Vorgänge sind aus objektiven inneren Bildern zusammen-gesetzte Sachverhalte. [Das Subjektive wird objektiviert. Jetzt fehlt nur noch der Sprung zur Dialektik, das nämlich alles subjektiv und alles objektiv ist, jenachdem, wie man es gerade sieht.]
Über das Ethische, das Leben, über das Ich, das Subjekt, die Gesamtheit der Welt, ihren Sinn, über Gott könne man nicht reden. Es zeige sich, in dem man das Sagbare sagt. Allerdings redet Wittgenstein über alle diese Dinge, er hat eine Menge zu dem Nichtsagbaren gesagt. (Aber zu der Erkenntnis "Man kann darüber sprechen und doch nicht darüber sprechen", zu der Erkenntnis kommt er scheinbar nicht.)
Wittgenstein-1 kommt zu dem Ergebnis, daß Philosophie keine Lehre ist, sondern eine Tätigkeit, die den Sinn der Sprache erklärt. Dies habe er mit den Tractatus gemacht. Alle philosophischen Probleme seien nun gelöst bzw. als unsinnig entlarvt. Wittgenstein-1 glaubte die Philosophie erledigt zu habe, ihre Unmöglichkeit bewiesen zu haben. In der Konsequenz hörte Wittgenstein auf, sich mit Philosophie zu beschäftigen und wandte sich anderen Tätigkeit zu. [Wenn jemand glaubt, ein Gebiet der Geistesgeschichte der Menschheit, mit dem sich die Menschen seit 3000 Jahren beschäftigen, mal eben in ein paar Jahren abschließend gelöst zu haben, dann ist dies schlicht weg Größenwahn. Da mag der, der das glaubt noch so genial sein. Das haben allerdings viele andere Philosophen vor Wittgenstein auch so oder ähnlich geglaubt.]
[Ich sehe es folgendermaßen: Als Kind hat man gelernt, bestimmte sinnliche, optische Empfindungen mit einem bestimmten akustischen Laut, sprich Wort, zu verbinden. Deshalb braucht man später auch keine Farbtafeln, an denen man die Farbe von Gegenstände überprüft. Bestenfalls haben wir solche Farbtafeln in unserem Kopf. Wenn man die Bedeutung eines Wortes nur an seinem Gebrauch in der Sprache festmacht, dann wird die Sprache allerdings autonom. Man bekommt dann eine Art "Sprachidealis-mus" oder einen "transzendentalen Lingualismus". [1] An die Stelle des Geistes im klassischen Idealismus tritt die Sprache. Der
Poststrukturalismus hat dies später noch radikaler praktiziert.]
Unter "Privatsprache" versteht Wittgenstein-2 eine Sprache, wo nur der Sprecher die Bedeutung der Worte kennt. Die Benutzung solcher Worte hält er für sinnlos. Worte würden wir in intersubjektiver Kommunikation erlernen, ihre Bedeutung erfahren. Er geht so soweit zu behaupten, Aussagen der 1. Person Singular hätten nie einen Wahrheits-wert. ("Ich bin müde, hungrig, habe Schmerzen, freue mich etc." haben alle keinen Wahrheitswert.)
Vergleiche hinken. Aber man könnte in etwa sagen: Wittgenstein hatte eine Art Tunnelblick. Dort, wo er hinsieht, zeigt er zum Teil eine geniale analytische Begabung. Wer sich die Mühe macht, sich durch den Tractatus und die Philosophischen Untersuchungen durchzuarbeiten, der wird anschließend mit Wirklichkeit und Sprache bewußter umgehen. Deshalb haben diese Werke auch einen Sinn oder eine Bedeutung. Sie können Menschen sensibilisieren. Aber man sollte da nicht stehenbleiben, sie nicht für des Weisheit letzten Schluß halten.
Der Grundfehler von Wittgenstein ist, daß er nicht dialektisch denkt. Es gibt etwas oder es gibt es nicht. Man kann über etwas sprechen oder man kann nicht darüber sprechen. Etwas hat einen Sinn oder hat keinen Sinn. Würde man die oder durch und ersetzen, wäre es besser. So kann man auch sagen Logische Partikel vertreten und vertreten nicht. Das denkende Subjekt gibt es und gibt es nicht etc. Es kommt immer darauf an, wie man es gerade sieht, in welchem Zusammenhang, oder Sprachspiel, man ein Urteil fällt.
Wittgenstein engt Begriffe zu stark ein. Die Begriffe Sprache, Welt, Wirklichkeit, Sinn etc. werden so stark eingeengt, das philosophische Probleme darin keinen Platz mehr haben. Dadurch verschwinden sie aber nicht. Wenn Wittgenstein sagt, logische Sätze hätten eigentlich keinen Sinn, dann hat er dabei eine sehr eingeschränkte Vorstellung von Sinn. Die Funktionsweise der Welt oder der Sprache zu beschreiben hat einen Sinn.
"Daß das Leben problematisch ist, heißt, daß Dein Leben nicht in die Form des Lebens paßt. Du mußt dann Dein Leben verändern, und paßt es in die Form, dann verschwindet das Problematische." Also wenn du nichts zu essen hast, krank bist oder in einem Schützengraben liegst und neben dir die Leute verrecken siehst, dann ist das alles nur solange problematisch, wie es für dich problematisch ist. Ändere einfach deine Einstellung zum Leben. Dann hören diese Lebensumstände auf problematisch zu sein. Mich erinnert das an
Nietzsche. Wir akzeptieren, ja wir bejahen Leid und Elend. Dann haben wir keine Probleme damit. Nietzsche: "Wer sagt: Das Leben ist nichts wert, der sagt eigentlich: Ich bin nichts wert." Auch
Sartre fällt mir hier ein. Nach ihm gibt es Einschränkungen nur innerhalb konkreter Lebensentwürfe.
Was man in der Literatur über seine Lebensweise lesen kann, zeigt, daß Wittgenstein die Ästhetik nicht nur aus der Philosophie verbannte, sondern auch in der Praxis keinen Bezug zur ihr hatte. Er hatte keinen Geschmack. Er war scheinbar ein reiner Gedanken-mensch. Man fühlt sich an Lichtenberg erinnert: "Der Mann hatte so viel Verstand, daß er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war." Er lebte in kärglichen Räumen und nahm kärgliche Mahlzeiten zu sich. "Es ist mit ziemlich gleich, was ich esse, wenn es nur immer das Gleiche ist." Zu einem vollentwickelten Menschen gehört eine gewisse Freude bei der Bedürfnisbefriedigung.
Die Argumente gegen die Unmöglichkeit einer Privatsprache leuchtet mir in keiner Weise ein. Wenn es etwas gibt, was über jeden Zweifel erhaben ist, dann ist es das, was ich in diesem Moment unmittelbar erlebe. Meine Zahnschmerzen kann ich nicht bezweifeln, genauso wie viele andere negative und positiven Empfindungen. Und wenn ich bestimm-ten Empfindungen Laute, sprich Worte zuordne, dann habe ich eine Sprache ohne das ich dazu irgendeine intersubjektive Kommunikation brauche. Wenn es schmerzt, sagt ein Mensch instinktiv "Aua". Dafür braucht er keine intersubjektive Bestätigung. Aber da der Mensch aus eigener Erfahrung weiß, unter welchen Umständen er "Aua" sagt, kann er mit anderen Menschen über die innere Empfindung Schmerz sprechen.
Und selbst wenn ich mich darauf einließe zu sagen, Sprache kann nur in der Kommuni-kation mit anderen erlernt oder gar gebildet werden, dann sagt das noch lange nichts darüber aus, ob meine Gesprächspartner wie ich sich wissende bewußte Subjekte sind, wie ich eines bin. Sie könnten theoretisch Computer-Simulationen oder biochemische Maschinen ohne Bewußtsein sein. Das Bewußtsein ist nämlich nicht unabdingbare Voraussetzung, daß eine Person, daß ein Körper funktioniert.
Rein theoretisch könnte eine Menschengruppe ohne Sprache existieren, wie unsere Vorfahren vor langer Zeit, die Herdentiere. Diese können auch ohne Sprache ihr Futter finden, genießbares von ungenießbaren unterscheiden, richtiges von falschem Handeln unterscheiden etc. Selbst ein Einzelgänger könnte, nachdem er die ersten Jahre von der Mutter ohne jede Sprache umsorgt wurde, überleben. Im Tierreich gibt es ja viele Einzelgänger. Deshalb kann ich Wittgensteins hohe Bewertung der Sprache nicht nach-vollziehen.
Die Widerlegung des Solipsismus via angeblicher Unmöglichkeit der Privatsprache ist nicht schlüssig. Wittgensteins Argumentation setzt die Richtigkeit vieler Sachen voraus, die bezweifelbar sind. Wittgenstein-1 schreibt (wie ich meine völlig zu recht) "Daß die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese; und das heißt: wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird." Genauso, wie Aussagen über zukünftige Ereignisse unsicher sind, so sind es auch Aussagen über vergangene Ereignisse. Die Argumentation über die Unmöglichkeit der Privatsprache ist aber nur dann schlüssig, wenn man sich der Richtigkeit seiner Erinnerungen ohne jeden Zweifel sicher sein kann. Es wäre rein theoretisch möglich, daß die von mir wahrgenommene Welt eine Art Holo-Deck ist, das erst vor wenigen Sekunden angeschaltet wurde und in dem ich das einzige Subjekt bin. (Ähnlich sieht es auch
Russell.) Wobei ich ja nicht behaupte, daß sei so. Ich behaup-te lediglich, daß man das nicht mit letzter Sicherheit ausschließen kann. Und deshalb ist die Ausschließung des Solipsismus via angeblicher Unmöglichkeit der Privatsprache nicht sicher.
Auch Wittgensteins Behauptung "daß der Solipsismus, streng durchgeführt, mit dem rei-nen
Realismus zusammenfällt, ist nicht schlüssig. Im unmittelbaren Erleben fällt, wie auch Russell feststellte, Bewußtseinsinhalt und materieller Gegenstand zusammen. So gesehen kann der Solipsismus, streng durchgeführt, auch mit dem reinen
Idealismus zusammenfallen.