Zweifel: Die Frage ist nun, wie kommt man zu solchen einfachsten Grundbegriffe, zu den ersten Prinzipien? Dazu sei es notwendig, zuerst einmal nichts als sicher annehmen, alles zu bezweifeln. Nicht nur, was man von anderen Menschen gelernt hat, auch was wir durch Wahrnehmung und Denken erfahren. Denn es gebe ja viele Sinnestäuschungen und auch bei meinem Verstand könne ich mir nicht sicher sein, ob er mich nicht dauernd täuscht. [Daß Descartes auch bereits die Erkenntniskraft des Verstandes bezweifelt hat, bezweifle ich.]
Wenn man an allem zweifelt, dann könne man schon eine sichere Aussage machen: Ich zweifle! Und da zweifeln soetwas wie denken bedeute, schloß Descartes "Ich denke, also bin ich." Denn wenn ich denke, dann müsse ich (auf welche Weise auch immer) existieren. [Diesen cartesischen Grundgedanken finde ich außerordentlich plausibel! Daß auch ich hier den Ausgangspunkt meines Philosophierens habe, verdanke ich Descartes. Die Gemeinsamkeiten sind aber ziemlich schnell vorbei. Im Übrigen ist anzumerken, daß diesen Grundsatz bereits Augustinus hatte und Descartes das wußte.]
Der Ursprung des Irrtums: Wenn Gott uns in seiner Wahrhaftigkeit nicht täuscht, woran liegt es dann, daß wir uns so oft täuschen? Hierauf gibt Descartes eine ähnliche Antwort wie viele Christen auf das Problem der Theodizee. Der freie Wille, den Gott uns gegeben hat, ermöglicht es dem Menschen, die eine Vorstellung als wahr, die andere als falsch zu bezeichnen. Nur aus diesem Willen, nicht aus den Vorstellungen selbst entspringt der Irrtum. [?] Wir haben es selbst in der Hand, richtig oder falsch zu denken. Wenn wir uns nur auf das verlassen, was wir unmittelbar, klar und deutlich erkennen können und uns allem anderen gegenüber skeptisch verhalten, dann werden wir denkend ein richtiges Bild von der Welt erhalten.
Vorweg möchte ich anerkennend sagen, daß Descartes das Verdienst zukommt, die Erkenntnistheorie zur Grundlage des Philosophierens gemacht hat. Er steht am Beginn der neuzeitlichen Subjektphilosophie, in dem er zu Beginn fragt, was er als denkendes Subjekt überhaupt wissen kann. Die Sicherheit Gottes, in der Regel für die antiken und mittelalterlichen Philosophen von Anfang an unumstößlich, kommt bei ihm erst als Resultat. Man kann den Ausgangspunkt Descartes anerkennen, ohne seine Resultate zu teilen.
Descartes findet nach seinem "radikalen" Zweifel zur Sicherheit, daß die Welt auch unabhängig von seinem Denken existiert, nur dadurch zurück, daß er die Existenz Gottes "beweist" und gleichzeitig, daß dieser Gott kein Täuschergott sein kann. Wenn man Descartes in seinen "Meditationen" überzeugend findet bis zu dem Punkt, wo er nur noch weiß, daß er ein denkendes Etwas ist (und bis dort finde ich ihn sehr überzeugend), dann aber seine Gottesbeweise nicht teilt (und meines Wissens tut das heute fast keiner mehr), dann gibt es keinen Weg zurück zur Sicherheit über das unmittelbar Erlebte hinaus. (Außer Ausschließungsbehauptungen! Sehen Sie dazu bitte meinen Aufsatz "Eine kurze Zusammenfassung meiner Philosophie".)
Die Frage, die sie glauben beantworten zu können, ist: Wie kommt es, daß Denkakt und physischer Vorgang zusammentreffen, wie jede Erfahrung lehrt, wenn doch Geist und Materie überhaupt nichts miteinander zu tun haben? Wie kann das Vorbeifliegen eines Vogels (also ein körperlicher Vorgang) in meinem Geist eine Vorstellung hervorrufen, wenn doch Geist und Materie überhaupt keine Wirkung aufeinander haben? Wieso bewegt sich meine Hand, wenn ich meine Hand bewegen will?
Die Occasionalisten sagen, daß erscheint nicht nur als ein Wunder, daß ist auch ein Wunder! Ein göttliches Wunder. Wenn ein Vogel vorbeifliegt, dann erzeugt Gott bei dieser Gelegenheit (occasio) in mir die entsprechende Vorstellung. Jedesmal, wenn ich den Willen habe, meine Hand zu bewegen, dann bewegt Gott meine Hand. Gott ist laufend an allen Ecken und Enden der Welt dabei, die den Gelegenheiten entsprechenden Bewegungen zu erzeugen. [Dann ist Gott also an alle Verbrechen, die Menschen begehen, unmittelbar beteiligt. Das ist ja ein toller Gott, der ständig mordet, schändet, brandschatzt etc.]